Migräne bei Kin­dern: Viel­fäl­tige Symptome

10.02.2012 | Medi­zin

Obwohl die Ten­denz stei­gend ist, wird die Häu­fig­keit von Migräne im Kin­des­al­ter noch immer unter­schätzt. Auch wenn das Kind durch Kopf­schmer­zen in der Nacht auf­wacht oder bei kind­li­chen Bauch­schmer­zen sollte man an Migräne den­ken.
Von Bir­git Oswald

Die Prä­va­lenz der Migräne bei den Drei- bis Elf­jäh­ri­gen liegt unab­hän­gig vom Geschlecht zwi­schen drei und fünf Pro­zent. Bis zum 18. Lebens­jahr steigt die Prä­va­lenz bei Kna­ben auf sie­ben Pro­zent und bei Mäd­chen auf etwa elf Pro­zent. Migräne bei Kin­dern äußert sich anders als bei Erwach­se­nen. An Migräne sollte der Arzt vor allem dann den­ken, wenn das Kind über häu­fige oder län­gere Kopf­schmerz­at­ta­cken klagt und sich die neu­ro­lo­gi­schen Begleit­sym­ptome geän­dert haben. „Auch wenn das Kind durch Kopf­schmer­zen aus dem nächt­li­chen Schlaf geris­sen wird, sollte an Migräne gedacht wer­den“, wie Univ. Prof. Cicek Wöber-Bingöl, Lei­te­rin der Kopf­schmerz­am­bu­lanz an der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Neu­ro­psych­ia­trie des Kin­­des- und Jugend­al­ters Wien erklärt. Aber auch Bauch­schmer­zen kön­nen auf eine kind­li­che Migräne hin­deu­ten, wie sie wei­ter aus­führt: „Bei klei­nen Kin­dern äußert sich Migräne oft dadurch, dass sich das Kind zurück­zieht, zu spie­len auf­hört, hin­legt, blass und wei­ner­lich ist. Die kind­li­che Migräne geht oft­mals auch mit Bauch­schmer­zen ein­her. Das Wich­tigste ist daher, die Kin­der ernst zu neh­men und durch eine struk­tu­rierte Ana­mnese Begleit­sym­ptome wie zykli­sches Erbre­chen, Schwin­del oder Bauch­schmer­zen genau abzu­klä­ren.“ Die erste Migräne-Atta­­cke tritt häu­fig um das sechste Lebens­jahr auf. Tritt bei Mäd­chen aber zu Beginn der Puber­tät die erste Migräne-Atta­­cke auf, wird diese häu­fig von kom­pli­zier­ten neu­ro­lo­gi­schen Begleit­sym­pto­men – der soge­nann­ten Aura – beglei­tet, wie Wöber-Bingöl erklärt.

Ursa­chen und Auslöser

Die Nei­gung zu Migräne ist den Exper­ten zufolge ange­bo­ren. Liegt die Nei­gung zu Migräne vor, gibt es ver­schie­denste Trig­ger wie etwa Stress in der Schule, Mob­bing, ein unre­gel­mä­ßi­ger Schlaf-Wach-Rhyth­­mus, Kon­flikte in der Fami­lie, unre­gel­mä­ßige Mahl­zei­ten oder Ängste, die Atta­cken aus­lö­sen kön­nen. Hin­ter häu­fi­gen Migräne-Atta­­cken kön­nen sowohl see­li­sche Pro­bleme als auch kör­per­lich nicht erfasste Ursa­chen ste­hen. „Das Gehirn reagiert auf viele Reize und Ereig­nisse mit Migräne. Das kann sowohl die Vor­freude auf das Geburts­tags­fest als auch ein Infekt im Kör­per sein. Aber auch wenn das Kind mor­gens zu wenig Zeit hat und ohne Früh­stück aus dem Haus muss, kann sich eine Atta­cke bemerk­bar machen. Ebenso kann ein zu lang andau­ern­der Fern­seh­kon­sum vor dem Zu-Bett-Gehen Migräne aus­lö­sen“, so Wöber-Bingöl. Der Neu­ro­lo­gin zufolge gilt es daher zu beach­ten, ob das Kind „Kör­­per- und Geist-freun­d­­lich“ lebt. Um die Zahl der Atta­cken zu min­dern, sollte außer­dem auf einen regel­mä­ßi­gen Schlaf-Wach-Rhyth­­mus sowie auf regel­mä­ßig ein­ge­nom­mene Mahl­zei­ten und Flüs­sig­keits­zu­fuhr geach­tet wer­den. „Viele Kin­der trin­ken gerne Kof­­fein- und Tein-hal­­tige Getränke. Ein zu hoher Kon­sum kann die Migräne-Atta­­cken ver­län­gern oder bewir­ken, dass sie häu­fi­ger wer­den“, erklärt Wöber-Bingöl. Die Aus­lö­ser aber ledig­lich an bestimm­ten Lebens­mit­teln fest­zu­ma­chen, lehnt sie jedoch ebenso wie Univ. Prof. Chris­tian Lampl, Lei­ter der Abtei­lung für Neu­ro­lo­gie am Kran­ken­haus der Barm­her­zi­gen Brü­der Linz ab. Lampl wei­ter: „Natür­lich kön­nen Nüsse und Käse der Aus­lö­ser sein. Ich halte aber auf­grund der Patho­phy­sio­lo­gie nichts von ein­sei­ti­gen restrik­ti­ven Diä­ten.“

Kind­ge­recht behandeln

Wäh­rend einer Atta­cke emp­feh­len die Exper­ten, das Kind vor stö­ren­den Rei­zen, Licht und Lärm abzu­schir­men. „Bei Kin­dern bis zum sechs­ten Lebens­jahr sind meist keine Medi­ka­mente erfor­der­lich. Das Kind sollte sich in einem wohl­tem­pe­rier­ten dunk­len Raum hin­le­gen und viel Was­ser zu sich neh­men“, so Wöber-Bingöl. Auch durch Erbre­chen erfah­ren man­che Kin­der Lin­de­rung, wie Lampl ergänzt. Da kind­li­che Migräne-Atta­­cken kür­zer sind als die Erwach­se­ner und oft eine halbe, ja sogar bis zu einer Stunde andau­ern, ist die Gabe von Schmerz­mit­teln oft­mals nicht ziel­füh­rend, da die Medi­ka­mente erst wir­ken wür­den, wenn die Atta­cke schon vor­bei wäre. „Viele Kin­der legen sich hin, schla­fen in die Atta­cke hin­ein und wachen wie­der auf, wenn die Atta­cke vor­bei ist“, berich­tet Wöber-Bingöl. Es gibt aber auch Kin­der, die sehr stark lei­den und unbe­dingt Medi­ka­mente benö­ti­gen. Bezüg­lich der Wahl des Prä­pa­rats emp­fiehlt Lampl fol­gen­des: „Par­acet­amol, Ibu­profen oder Par­ke­med sind sehr gut geeig­net. Aspi­rin ist bei Kin­dern kon­tra­in­di­ziert. Auch jeg­li­che Art von Misch­prä­pa­ra­ten sol­len ver­mie­den wer­den. Ergo­­ta­­min-Prä­­pa­­rate sind nicht mehr zeit­ge­mäß.“ Das Analge­ti­kum soll laut Wöber-Bingöl min­des­tens sechs Atta­cken lang bei­be­hal­ten wer­den. Bei der Dosie­rung muss dar­auf geach­tet wer­den, dass immer die emp­foh­lene Menge der nächs­ten höhe­ren Alters­stufe gege­ben wird. Bei einer zu gerin­gen Dosis kann es zur Ver­län­ge­rung der Atta­cke oder zu einer erneu­ten Atta­cke bin­nen vier Tagen kom­men. Auf­grund der guten Ver­träg­lich­keit dür­fen neu­er­dings auch Trip­tane bei Kin­dern ab dem zwölf­ten Lebens­jahr ein­ge­setzt wer­den; ein Nasen­spray mit dem Wirk­stoff Zol­mitrip­tan ist seit Kur­zem frei­ge­ge­ben. „Bei einer erst­ma­li­gen Migräne-Atta­­cke sollte jeden­falls zuerst mit Analge­tika behan­delt wer­den“, so die Emp­feh­lung von Wöber-Bingöl.

Zusätz­lich kön­nen auch unter­stüt­zende Metho­den emp­foh­len wer­den. Ober­halb der Augen­brauen oder an den Schlä­fen kann Pfe­f­­fer­­minz- oder Metholöl ein­mas­siert wer­den; im Win­ter eig­net sich auch Ber­ga­mot­teöl. Lampl betont aller­dings, dass sanfte Metho­den ledig­lich als Ergän­zung die­nen: „Wir wis­sen, dass Aku­punk­tur bei Migräne oft­mals hel­fen kann. Bei Kin­dern emp­fiehlt sich die Laser-Aku­­pun­k­­tur, da die Nadel-Aku­­pun­k­­tur nicht so gut ver­tra­gen wird. Auch Ent­­­span­­nungs-Tech­­ni­­ken und Bio­feed­back kön­nen Lin­de­rung ver­schaf­fen. Aller­dings wir­ken diese Metho­den nicht bei allen Kindern.“

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 3 /​10.02.2012