Inter­view – Univ. Prof. Ursula Wie­­der­­mann-Schmidt: Schul­imp­fun­gen sind wichtig

25.02.2012 | Medi­zin



Von der Wich­tig­keit von Imp­fun­gen im Rah­men des Schul­kin­der­impf­pro­gramms ist Univ. Prof. Ursula Wie­­der­­mann-Schmidt, Lei­te­rin des Insti­tuts für Spe­zi­fi­sche Pro­phy­laxe und Tro­pen­me­di­zin der Med­Uni Wien und Vor­sit­zende des Natio­na­len Impf­gre­mi­ums, über­zeugt – sonst beginne das ganze Impf-Prä­­ven­­ti­on­s­­pro­­gramm zu wackeln.

ÖÄZ: Wel­che mar­kan­ten Ände­run­gen bringt der Impf­plan 2012 mit sich?
Wie­der­mann: Eine große Ände­rung und deut­li­che Ver­bes­se­rung des Impf­kon­zepts betrifft die Imple­men­tie­rung der Pneu­­mo­­ko­k­­ken-Imp­­fung für alle Säug­linge und Klein­kin­der im drit­ten, fünf­ten und zwölf­ten Lebens­mo­nat. Bis­her gab es die vom Staat finan­zier­ten Pneu­­mo­­ko­k­­ken-Imp­­fun­­­gen nur für Risi­ko­kin­der. Diese haben aber nur rund 20 Pro­zent aller Fälle von inva­si­ven Pneu­­mo­­ko­k­­ken-Erkran­­kun­­­gen bei Klein­kin­dern aus­ge­macht. Dies und eine Zunahme der Anti­bio­ti­ka­re­sis­ten­zen haben zur Ent­schei­dung geführt, nun die Imp­fung für alle Kin­der gra­tis zur Ver­fü­gung zu stel­len. Des­we­gen konnte man von einem 3+1‑Schema auf ein 2+1‑Schema redu­zie­ren. Bei der Durch­imp­fung aller Klein­kin­der kann ein kol­lek­ti­ver Impf­schutz, die Her­denim­mu­ni­tät, ent­ste­hen, der zu einer gene­rell gerin­gen Ver­brei­tung der Erre­ger führt.

Wel­che Neue­rung gibt es noch?
Eine wei­tere wich­tige Erneue­rung im Impf­plan 2012 ist die Men­in­­­go­­ko­k­­ken-Imp­­fung im Schul­kind­al­ter. Der kon­ju­gierte Vier­­fach-Imp­f­­stoff, der die Sero­grup­pen A, C, Y, W135 abdeckt, wird ab heuer ein­mal im zwölf­ten Lebens­jahr im Rah­men des Gra­­tis-Imp­f­­pro­­gramms ver­ab­reicht. Auf­grund der epi­de­mio­lo­gi­schen Situa­tion in Öster­reich, die beson­ders in den Jah­ren 2010 und 2011 eine Zunahme der Krank­heits­fälle als auch der Todes­fälle durch Menin­go­kok­ken in die­ser Alters­gruppe gezeigt hat, hat man sich zu die­ser Vor­gangs­weise ent­schlos­sen. Die Imp­fung ist beson­ders im Hin­blick auf künf­tige Ein­tritte in Gemein­schafts­ein­rich­tun­gen wie etwa Schul- und Stu­den­ten­heime, Kaser­nen etc. sehr sinn­voll. Für Säug­linge unter einem Jahr, bei denen Menin­go­kok­ken B‑Erkrankungen beson­ders gefähr­lich sind und häu­fig vor­kom­men, erwar­ten wir Ende 2012, Anfang 2013 einen neuen Impf­stoff. Wir hof­fen, dass die­ser dann ebenso in das Impf­pro­gramm imple­men­tiert wer­den kann.

In wel­chen ande­ren Berei­chen gibt es Ände­run­gen?
Eine wei­tere Neue­rung betrifft die Reduk­tion der Impf­do­sen gegen Diph­­the­­rie-Teta­­nus-Polio-Keuch­hus­­ten-Imp­­fung im Schul­kind­al­ter von zwei Dosen auf eine Dosis. Gleich­zei­tig wurde diese Imp­fung auf das sie­bente Lebens­jahr, also mit Schul­ein­tritt, vor­ge­zo­gen, weil sich gezeigt hat, dass der Per­­tus­­sis-Schutz nach der Grund­im­mu­ni­sie­rung im Klein­kind­al­ter nur vier bis sechs Jahre anhält. Die nächste Auf­fri­schungs­imp­fung gegen Diphtherie-Tetanus-Pertussis-(Polio) erfolgt dann erst im jun­gen Erwach­se­nen­al­ter und ab da alle zehn Jahre.

Gibt es auch Modi­fi­ka­tio­nen, die andere Alters­grup­pen betref­fen?
Mit die­sem Jahr wurde der kon­ju­gierte 13-valente Pneu­­mo­­ko­k­­ken-Imp­f­­stoff auch für Erwach­sene ab dem 50. Lebens­jahr zuge­las­sen und emp­foh­len, weil ab dann durch die phy­sio­lo­gi­sche Alte­rung des Immun­sys­tems das Risiko für Pneu­­mo­­ko­k­­ken-Erkran­­kun­­­gen, und zwar vor­wie­gend Pneu­mo­nien, wie­der steigt. Spä­tes­tens mit dem 60. Lebens­jahr sollte man ein­mal gegen Pneu­mo­kok­ken geimpft wer­den.

Wel­che kon­kre­ten Aus­wir­kun­gen haben diese Ände­run­gen im Impf­plan für die Ärzte in den Ordi­na­tio­nen?
Der Pneu­­mo­­ko­k­­ken-Imp­f­­stoff wird nun allen Kin­dern rou­ti­ne­mä­ßig gemein­sam mit dem Sechs­­fach-Imp­f­­stoff im Rah­men des Gra­tis­impf­pro­gramms ange­bo­ten. Bei der Masern-Mumps-Röteln-Imp­­fung wie­derum ist die Durch­imp­fungs­rate beson­ders mit der zwei­ten Dosis in Öster­reich viel zu nied­rig, näm­lich bei unter 80 Pro­zent. Es ist wich­tig, dass im Rah­men des Kin­der­impf­pro­gramms dar­auf geach­tet wird, dass beide MMR-Imp­­fun­­­gen inner­halb des zwei­ten Lebens­jah­res ver­ab­reicht wer­den! Wich­tig ist auch das Schu­l­­kin­­der-Imp­f­­pro­­gramm, da in die­sem Alter ent­we­der Auf­fri­schungs­imp­fun­gen oder ver­säumte Imp­fun­gen nach­ge­holt wer­den müs­sen. Wenn diese Schul­imp­fun­gen nicht funk­tio­nie­ren, beginnt das Impf-Prä­­ven­­ti­on­s­­pro­­gramm zu wackeln und die Gefahr von Krank­heits­durch­brü­chen nimmt zu. Bei Masern sehen wir dies beson­ders im jugend­li­chen Alter, weil die MMR-Imp­­fung nicht ent­spre­chend der Emp­feh­lun­gen durch­ge­führt wird.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 4 /​25.02.2012