Stand­punkt – Vize-Präs. Harald Mayer: Eine Frage des Wollens

15.08.2010 | Standpunkt

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Zeigt sich in einer kri­sen­haf­ten Situa­tion leichte Ent­span­nung, ist man oft geneigt, der Krise nicht mehr die­je­nige Bedeu­tung bei­zu­mes­sen, die sie eigent­lich hat. Doch nur auf­grund der Tat­sa­che, dass sich an einer an sich kata­stro­pha­len Situa­tion mar­gi­nal etwas gebes­sert hat, heißt das noch lange nicht, dass damit auch schon die Wur­zel des Übels besei­tigt ist.

Die Rah­men­be­din­gun­gen, unter denen die Aus­bil­dung unse­rer jun­gen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen der­zeit erfolgt, sind hin­läng­lich bekannt. Sicher­lich gibt es im Tur­nus vie­les, was Jung­ärz­tin­nen und Jung­ärzte tun müs­sen und auch tun sol­len – was aber ange­sichts der Doku­men­ta­ti­ons­flut ganz sicher­lich auf der Stre­cke bleibt, ist die Aus­bil­dung, also der­je­nige Bereich, dem sich unsere jun­gen Kol­le­gen eigent­lich den größ­ten Teil ihrer Zeit wid­men soll­ten. Das Sys­tem nutzt Tur­nus­ärzte seit Jahr und Tag als Bil­ligst-Arbeits­kräfte, und das noch dazu bei über­lan­gen Dienst­zei­ten. Kein Wun­der also, dass der Groß­teil der Tur­nus­ärzte – wie eine aktu­elle IFES-Stu­die im Auf­trag der Bun­des­ku­rie ange­stellte Ärzte ergibt – der Ansicht ist, dass das Aus­maß der Arbeits­zeit end­lich redu­ziert wer­den muss.

Aber es sind ja nicht nur die über­lan­gen Dienste; es geht auch um die (nicht ver­mit­tel­ten) Inhalte: wenn fast 40 Pro­zent der Tur­nus­ärzte mit der Aus­bil­dung nicht zufrie­den sind und bei den Tur­nus­ärz­ten in Aus­bil­dung zum Fach­arzt die­ser Pro­zent­satz fast annä­hernd gleich hoch ist, stimmt im Sys­tem etwas nicht – und es ist drin­gend Kor­rek­tur­be­darf ange­sagt.

Nicht anders ist es zu erklä­ren, dass viele Tur­nus­ärzte zwar hoch moti­viert und enga­giert sind – jeden­falls zu Beginn ihrer prak­ti­schen Aus­bil­dung. Das ändert sich jedoch sehr rasch und gerade die letzte Phase ihrer Aus­bil­dung, den Tur­nus, sehen viele Jung­me­di­zi­ner sehr kri­tisch: Frust über­la­gert das Enga­ge­ment, Zwei­fel an der rich­ti­gen Berufs­wahl las­sen so man­chen in ein Moti­va­ti­ons­loch fal­len.

An der Hol­schuld der Tur­nus­ärzte, die man oft­mals als allei­nige Schul­dige für die­sen Miss­stand anführt, kann es nicht lie­gen. Viel­mehr zwingt das Sys­tem alle darin Han­deln­den, sich so zu ver­hal­ten, wie sie es der­zeit – lei­der – tun und auch tun müs­sen: Denn die für die Aus­bil­dung eigent­lich Zustän­di­gen, die Fach­ärzte, lei­den am Doku­men­ta­ti­ons-Wahn min­des­tens genauso wie die Tur­nus­ärzte. Erst wenn es hier prak­ti­sche Abhilfe in Form des Doku­men­ta­ti­ons-Assis­ten­ten gibt, ist eine spür­bare Ent­las­tung zu erwar­ten – und dass Ärzte wie­der mehr Zeit für ihre ärzt­li­che Tätig­keit und auch für das ärzt­li­che Gespräch haben.

Der von vie­len Sei­ten so hef­tig gefor­der­ten Appro­ba­tion unmit­tel­bar nach dem Stu­dium kann ich nichts abge­win­nen. Die Gefahr, dass man das Heer der bil­li­gen Sys­tem­er­hal­ter dann ver­mut­lich auf Jahre hin ver­grö­ßert und sich die Aus­bil­dungs­si­tua­tion ins­ge­samt ver­schlech­tert, scheint mir bei die­sem Vor­ha­ben doch zu groß zu sein. Die Linie der ÖÄK ist klar: Die bestehende Aus­bil­dung im Spi­tal bedarf drin­gend einer Ver­bes­se­rung, und dazu gehört auch, dass end­lich eine ordent­li­che finan­zi­elle Basis für die Lehr­pra­xis geschaf­fen wird. In Europa gibt es nur zwei Län­der, in denen die Lehr­pra­xis nicht von der öffent­li­chen Hand finan­ziert wird – eines davon ist Öster­reich. Bei der von uns ange­dach­ten Drit­tel-Lösung soll­ten Bund, Län­der und der aus­bil­dende Arzt jeweils ein Drit­tel zah­len. Pro Jahr ist von einem Betrag von rund zehn Mil­lio­nen Euro aus­zu­ge­hen. Seit Jah­ren schei­tert eine ange­mes­sene Lösung in Öster­reich an der Finan­zie­rung. In ande­ren Län­dern wird das Geld für Lehr­pra­xen ohne mit der Wim­per zu zucken aus­ge­ge­ben.

Das Sys­tem ins­ge­samt wird sich bewe­gen müs­sen, das steht außer Zwei­fel. Die Spi­tals­er­hal­ter sind gezwun­gen, Rah­men­be­din­gun­gen zu schaf­fen, damit eine Aus­bil­dung, die die­sen Namen auch ver­dient, schon jetzt in den Kran­ken­häu­sern mög­lich ist. Das sind wir unse­ren jun­gen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen schul­dig. Man kann die Aus­bil­dung auch in klei­nen Schrit­ten und ohne große finan­zi­elle Mit­tel ver­bes­sern. Man muss es nur wol­len.

Harald Mayer
2. Vize-Prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 15–16 /​15.08.2010