Spi­tals­ärzte: „Völ­lig erledigt!”

25.09.2010 | Politik

Aktu­elle Stu­dien bele­gen, dass zumin­dest 20 Pro­zent der Ärzte in Öster­reich mani­feste Bur­nout-Sym­ptome zei­gen, 50 Pro­zent gel­ten als gefähr­det. Spe­zi­ell trifft das Ärzte in Kran­ken­häu­sern, aber auch der nie­der­ge­las­sene Bereich bleibt davon nicht aus­ge­klam­mert.
Von Ruth Mayrhofer

Für ÖÄK-Prä­si­dent Wal­ter Dor­ner ist die­ses Ergeb­nis Grund genug, um ein­drück­lich zu mah­nen: Um Über­mü­dung, Erschöp­fung und Frus­tra­tion vor­zu­beu­gen, müss­ten die Arbeits­zei­ten „auf ein zumut­ba­res Maß“ durch genaue Über­prü­fung der Arbeits­si­tua­tion und durch die Ein­hal­tung der maximal zuläs­si­gen Arbeits­zei­ten in den Kran­ken­häu­sern schrump­fen. Außer­dem muss – vor allem für ältere Spi­tals­ärzte – die Mög­lich­keit einer Begren­zung der Nacht­dienste geschaf­fen wer­den. Der ÖÄK-Prä­si­dent beur­teilt die Situa­tion dra­ma­tisch: „Wir wis­sen, dass die Früh­mor­bi­di­tät, die Früh­mor­ta­li­tät sowie die Sui­zid­rate bei Ärz­ten wesent­lich höher sind als in der All­ge­mein­be­völ­ke­rung.“ In einer jüngst von medi­cal coa­ching koor­di­nier­ten Umfrage an acht Inten­siv- bezie­hungs­weise akut­me­di­zi­ni­schen Abtei­lun­gen oder Sta­tio­nen in Wie­ner Spi­tä­lern erklärte immer­hin bis zu einem Drit­tel der befrag­ten Ärzte, wären sie noch ein­mal vor die Berufs­wahl gestellt, nicht mehr den Arzt­be­ruf ergrei­fen zu wol­len. Und: Mehr als die Hälfte gab an, am Ende des Tages „völ­lig erle­digt” zu sein.

Work-Life-Balance fehlt

Trotz des unter­schied­li­chen Arbeits­um­fel­des sind die Anfor­de­run­gen an Spi­tals- und nie­der­ge­las­sene Ärzte sehr ähn­lich, weiß der Wie­ner Neu­ro­loge und sys­te­mi­sche Coach Wolf­gang Lalou­schek. „Bei­den Spar­ten gemein­sam ist die Last des stän­di­gen Umgan­ges mit zuneh­mend for­dern­den Pati­en­ten, der Zwang zur Fließ­band­me­di­zin, die hohe Ver­ant­wor­tun­gund die oft aus­ufern­den Arbeits­zei­ten.“ Im Spi­tals­be­reich kämen dann noch die Nacht­dienste sowie mög­li­che Kon­flikt­si­tua­tio­nen bis hin zum Mob­bing vor. Im nie­der­ge­las­se­nen Bereich wie­derum gebe es die Gefahr der Ver­ein­sa­mung sowie die oft nur sehr schwer lös­bare Balance zwi­schen wirt­schaft­li­chem Über­le­ben und der ebenso drin­gend nöti­gen Erholung.

Wolf­gang Spie­gel, nie­der­ge­las­se­ner All­ge­mein­arzt in Wien und Mit­glied einer For­schungs­gruppe an der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien, unter­sucht das Phä­no­men des Bur­nouts bei nie­der­ge­las­se­nen All­ge­mein­me­di­zi­nern der­zeit wis­sen­schaft­lich. Bei nie­der­ge­las­se­nen Ärz­ten wir­ken sich zum Bei­spiel die hohe Ver­ant­wor­tung und die viel­fäl­ti­gen admi­nis­tra­ti­ven Anfor­de­run­gen nega­tiv auf die beruf­li­che Situa­tion aus. Ärzte, die im urba­nen Umfeld tätig sind, unter­lie­gen in Öster­reich mehr noch als Land­ärzte durch die feh­lende Struk­tu­rie­rung des Gesund­heits­sys­tems – die Defi­ni­tion des Point of Con­tact des Pati­en­ten – einem ‚Doc­tor-Shop­ping’ und füh­len sich sub­jek­tiv daher oft abgewertet.

Inter­es­sant ist, dass – so ein Detail der vor­läu­fi­gen Erkennt­nisse von Spie­gel und sei­ner For­schungs­gruppe – bei den heu­ti­gen All­ge­mein­ärz­ten nur ein Drit­tel die­ses „Fach” als Berufs­wunsch hatte. Bei den aktu­ell täti­gen Fach­ärz­ten erreicht wegen der in Öster­reich übli­chen Ver­gabe von Aus­bil­dungs­plät­zen nur jeder zweite das Diplom in sei­nem „Wunsch­fach”. Auch das ist lang­fris­tig einer Arbeits­zu­frie­den­heit abträglich.

Univ. Prof. Ger­not Son­neck vom Insti­tut für Medi­zi­ni­sche Psy­cho­lo­gie der Uni­ver­si­tät Wien betont, dass Ärzte es trotz aller sub­jek­tiv emp­fun­de­nen Män­gel ihrer Arbeits­si­tua­tion bis hin zum Bur­nout zum Groß­teil selbst in der Hand hät­ten, gegen­zu­steu­ern. „Von Bur­nout sind in der Regel nur Per­so­nen betrof­fen, die ein sehr hohes Enga­ge­ment ein­brin­gen, und Ärzte sind eine Berufs­gruppe, die sich eben über­durch­schnitt­lich enga­giert und oft enor­mem Druck aus­ge­setzt ist“, weiß Son­neck. Fühle man sich daher von Bur­nout bedroht, oder zeige bereits Bur­nout-Sym­ptome wie Rück­zug, Lust­lo­sig­keit, Sinn­leere, gelte es, bei sich und sei­nem Umfeld Ände­run­gen anzu­stre­ben. „Betrof­fene soll­ten sich fra­gen, wel­che Situa­tio­nen oder Umstände sie im beruf­li­chen oder aber des­glei­chen im pri­va­ten Umfeld haup­säch­lich belas­ten, und ver­su­chen, die­sen ent­ge­gen zu wir­ken”, meint der Experte. Genauso müss­ten sie sich einer unper­sön­li­chen Werte-Dis­kus­sion stel­len, also prü­fen, ob zum Bei­spiel jene Werte, die beim Arbeits­an­tritt oft vor vie­len Jah­ren Gül­tig­keit hat­ten, auch heute noch für sie gel­ten wür­den. „Die Kol­le­gen soll­ten sich zudem ver­mehrt um ihren eige­nen Kör­per zur Ver­mei­dung von Höchst­be­las­tun­gen küm­mern“, meint Son­neck. Sport­li­che Betä­ti­gung, Pau­sen, Zeit zur Refle­xion und zum Kraft schöp­fen gehör­ten dazu. Son­neck emp­fiehlt wei­ters den Aus­tausch mit Kol­le­gen: „Wenn man die Gele­gen­heit hat, mit einem Ver­trau­ten die eigene Situa­tion ehr­lich zu bespre­chen oder nur ein­mal so rich­tig dar­über zu schimp­fen, was einen ärgert, kann allein das emi­nent ent­las­tend wir­ken!“

Von A bis C: Dele­gie­ren hilft!

Aber genauso sei ein gewis­sen­haf­ter Check des eige­nen Arbeits­ver­hal­tens unab­ding­bar, um Bur­nout zu ver­mei­den: „Man muss nicht alles selbst tun. Dele­gie­ren wird aber oft als zeit­rau­bend emp­fun­den, weil man Drit­ten Dinge erst ein­mal erklä­ren muss. Aber die­ser Zeit­auf­wand lohnt sich alle­mal“. Son­neck emp­fiehlt daher die ABC-Regel für rich­ti­ges und effi­zi­en­tes Dele­gie­ren. „A steht für ‚muss ich selbst erle­di­gen’, bei B steht die Über­le­gung ‚wer kann es tun?’ im Vor­der­grund. Und bei C letzt­end­lich geht es um die Frage, ob man eine Auf­gabe, die man auf den ers­ten Blick A zuord­net, nicht tat­säch­lich dele­gie­ren und wer die Auf­gabe über­neh­men könnte. „Die Durch­füh­rung einer Ana­lyse nach die­sen
Kri­te­rien bringt allein schon Klar­heit“, sagt Son­neck. „Man muss die ein­zel­nen Ände­run­gen dann aber auch kon­se­quent umset­zen“. Die Kom­bi­na­tion der Betrach­tung von per­sön­li­chen und „Umwelt­fak­to­ren“ sollte jeden­falls dazu bei­tra­gen, kri­ti­sche Situa­tio­nen zu ent­schär­fen, den wich­ti­gen Wech­sel von Anspan­nung und Ent­span­nung zu för­dern und somit Ärz­ten mehr Lebens­qua­li­tät zu verschaffen.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 18 /​25.09.2010