Kom­men­tar – Univ. Prof. Dr. Fried­rich Kum­mer: Vor­bil­der gefragt!

25.05.2010 | Politik

Zuver­läs­sig und kom­pe­tent, takt­voll, ver­trau­ens­wür­dig und fach­lich ver­siert – Medi­zin­stu­den­ten sind sich einig: Der ideale Arzt sollte alle diese posi­ti­ven Eigen­schaf­ten in sich ver­ei­nen. Doch nach Ein­schät­zung der ange­hen­den Medi­zi­ner sind ihre Vor­bil­der von die­sem Ide­al­bild weit ent­fernt, wie eine Stu­die in der Fach­zeit­schrift Psy­cho­the­ra­pie-Psy­cho­so­ma­tik-Medi­zi­ni­sche Psy­cho­lo­gie jüngst zeigte. An der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­täts­kli­nik Tübin­gen wur­den rund 700 Medi­zin­stu­den­ten zwi­schen 1981 und 2006 nach ihrem Selbst­bild und Arzt-Bild befragt. Das Ergeb­nis: Von ihren Aus­bild­nern wün­schen sich die Jung­me­di­zi­ner, mehr Vor­bild zu sein und dass sie posi­tive Eigen­schaf­ten wie Fein­füh­lig­keit und Men­schen­freund­lich­keit deut­li­cher zeigen.

Eigen­ar­ti­ger Weise ord­nen sich die jun­gen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen selbst zwi­schen dem Ideal- und dem Real­bild ein: nicht ganz so gut wie ers­te­res, aber alle­mal bes­ser als das, was ihnen so an „Vor­bil­dern“ gebo­ten werde. Beson­ders die männ­li­chen Kol­le­gen glau­ben, dass sie im Ver­gleich mit gestan­de­nen prak­ti­zie­ren­den Ärz­ten über „eben­bür­tige Fähig­kei­ten“ ver­fü­gen, dabei „ver­trau­ens­wür­di­ger und gründ­li­cher“, wenn auch zugleich „unsi­cher und macht­lo­ser“ seien: ein pro­ble­ma­ti­scher Spa­gat zwi­schen Unsi­cher­heit und Selbstüberschätzung.

In der kli­ni­schen Aus­bil­dung muss viel Theo­rie ver­mit­telt wer­den. Allein: Wie steht es um die Vor­bil­der für die Pra­xis?

Die Zei­ten haben sich geän­dert. Gehen wir ein bis zwei Genera­tio­nen zurück, so stel­len wir eine große Band­breite an Qua­li­tä­ten oder Män­geln bei den „Vor­bil­dern der Vor­bil­der“ fest. Es herrschte damals eine klar funk­tio­nie­rende Hier­ar­chie mit schma­ler Spitze, von der Wohl­wol­len oder Will­kür, Lob oder Tyran­nei, Lehre oder Leere zu erwar­ten war. Die Spitze war weit ent­fernt, wich­tig waren für das unmit­tel­bare Vor­an­kom­men die Role Models auf der Ebene der „betriebs­er­fah­re­nen“ Kol­le­gen. Wer hier Vor­bil­der fand, an die er sich hal­ten, die er befra­gen konnte und auf deren Loya­li­tät Ver­lass war, schätzte sich glück­lich. Auch die kol­le­giale Hilfe und der Zusam­men­halt zwi­schen den Ler­nen­den, die von gemein­sa­men Zie­len und Soli­da­ri­tät getra­gen sind, stell­ten ein wich­ti­ges Rück­grat für die Aus­bil­dung dar.

Heute sind Abtei­lungs­chefs mit ande­ren Struk­tu­ren kon­fron­tiert. Die ehe­mals schmale Spitze der Hier­ar­chie (Chef und Ober­schwes­ter) ist brei­ter und die Struk­tu­ren sind fla­cher gewor­den: Der Chef muss seine Macht­be­fug­nisse mit der „Kol­le­gia­len Füh­rung“ abstim­men, die Ober­ärzte über­neh­men dif­fe­ren­zierte Auf­ga­ben (Tech­ni­ken der Dia­gnos­tik, Spe­zi­al­am­bu­lan­zen, Labors). Jene, die in der Fach­aus­bil­dung ste­cken, rotie­ren durch Spe­zi­al­sta­tio­nen, wo sie früh­zei­tig fach­li­che Kom­pe­tenz erwer­ben sol­len, aber auch Ver­ant­wor­tung auf­ge­bür­det bekommen.

Mit wem kön­nen sie sich aus­spre­chen? Wo und von wem erlernt der Tur­nus­arzt, seine Gren­zen zu ken­nen und zu wis­sen, wann er Kol­le­gen um Rat und Mit­hilfe bit­ten muss? Wie wer­den Feh­ler auf­ge­ar­bei­tet? Wie kön­nen Jün­ge­ren Auf­ga­ben anver­traut wer­den, ohne sie allein zu lassen?

Die ers­ten Vor­bil­der sind die eige­nen, unmit­tel­ba­ren Vor­ge­setz­ten: Sta­ti­ons­ober­ärzte, Kli­nik­chefs bezie­hungs­weise Pri­ma­rii. Auch wenn die Struk­tu­ren fla­cher wer­den: Vor­bil­der müs­sen her­aus­ra­gen. Denn wenn auch diese ver­fla­chen, droht die Gefahr, auf das eigene Durch­set­zungs­ver­mö­gen ange­wie­sen zu sein, das die Loya­li­tät unter­gräbt und dazu führt, die Bedürf­nisse der ihnen anver­trau­ten Pati­en­ten zu ver­nach­läs­si­gen. Das Selbst­bild von Ärz­ten in spe ist noch nicht gefes­tigt, es schwankt zwi­schen Ohn­macht und Selbst­über­schät­zung, sagt die Tübin­ger Stu­die. Wel­che prak­ti­schen Kon­se­quen­zen für Ärzte mit Vor­bild­funk­tion könn­ten dar­aus gezo­gen werden?

Chefs und Ober­ärzte soll­ten die Jun­gen so ernst neh­men, wie sie dies viel­leicht einst für sich selbst gewünscht hat­ten. Fach­li­che, auch mensch­li­che Kom­pe­tenz las­sen sich wei­ter­ge­ben – ein Fünf-Minu­ten-Pri­va­tis­si­mum zur rech­ten Zeit ist für einen Tur­nus­arzt oft mehr als eine mehr­stün­dige Ple­nar­vor­le­sung. Und „dumme“ Fra­gen stel­len zu dür­fen, muss erlaubt sein. Kein Chef muss ver­ber­gen, dass auch er die rich­tige Ant­wort erst nach­le­sen muss … 

*) Univ. Prof. Dr. Fried­rich Kum­mer ist Mit­glied des wis­sen­schaft­li­chen Bei­rats von IMABE – Insti­tut für medi­zi­ni­sche Anthro­po­lo­gie und Bio­ethik, Wien.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 10 /​25.05.2010