Ärz­te­man­gel: Prä­ven­tion ist bes­ser als Therapie

25.05.2010 | Politik

Auch wenn es man­che noch nicht wahr­ha­ben wol­len: Öster­reich steu­ert einem gene­rel­len Ärz­te­man­gel zu. Warum dies so ist und wel­che Gegen­stra­te­gien es dazu gibt, war Thema einer Fach­ver­an­stal­tung in Wien*.
Von Ruth Mayrhofer

Der­zeit ist das Thema nur empi­risch dar­stell­bar, doch klar ist: Es gilt, einen mit­tel- bis lang­fris­ti­gen Ärz­te­man­gel in Öster­reich abzu­wen­den. Schon jetzt ist die Zahl der Absol­ven­ten eines Medi­zin­stu­di­ums – etwa ein Vier­tel von ihnen sind sol­che mit einem nicht-öster­rei­chi­schen Schul­ab­schluss – gerin­ger als jene der Ärzte, die in abseh­ba­rer Zeit, also in fünf bis zehn Jah­ren, in Pen­sion gehen werden.

Berech­nun­gen der Wohl­fahrts­fonds zufolge wird es daher bis etwa 2020 dop­pelt so viele „Ärzte-Pen­sio­nis­ten“ wie bis­her geben. Der­zeit sind – und damit folgt Öster­reich einem inter­na­tio­na­len Trend – bereits kas­sen­ärzt­li­che Ordi­na­tio­nen in länd­li­chen Regio­nen schwer bis nicht nach­zu­be­set­zen. Und auch Fach­ärzte diver­ser Fach­rich­tun­gen – etwa Kin­der- und Jugend­psych­ia­trie – sind bereits Man­gel­ware. Dazu kommt, dass immer mehr Ärzte in andere Berufe abwan­dern. „Es wird höchste Zeit, dass wir uns ernst­haft mit dem Thema Ärzte-Man­gel beschäf­ti­gen!“ erklärte Tho­mas Holz­gru­ber, Kam­mer­amts­di­rek­tor der Ärz­te­kam­mer Wien, in sei­nem Vor­trag. Die Öster­rei­chi­sche Ärz­te­kam­mer wird des­we­gen im Ver­bund mit Gesund­heits- und Wis­sen­schafts­mi­nis­te­rium und mit der Gesund­heit Öster­reich GmbH (GÖG) eine Ärzte-Bedarfs­stu­die durch­füh­ren, die harte Fak­ten zum Thema lie­fern soll.

Woran es krankt

Sta­tis­tisch gese­hen liegt Öster­reich im OECD-Ver­gleich auf den ers­ten Blick gar nicht schlecht, wenn es um die Zahl der Absol­ven­ten eines Medi­zin­stu­di­ums geht. 2007 ran­gierte Öster­reich immer­hin nach Popu­la­ti­ons­auf­schlüs­se­lung auf Platz 2 nach Däne­mark; nach Berech­nung pro 1.000 Ärzte noch immer auf Platz 3 nach Däne­mark und Irland (siehe Gra­fik „Medi­zin­ab­sol­ven­ten 2007“). Aber: Öster­reich hat jah­re­lang von nicht-öster­rei­chi­schen Medi­zin-Absol­ven­ten pro­fi­tiert. Da diese ver­stärkt in ihre Hei­mat­län­der zurück gehen bezie­hungs­weise auch öster­rei­chi­sche Medi­zin-Absol­ven­ten sich einer „Luft­ver­än­de­rung“ immer weni­ger ver­schlie­ßen, sieht sich Öster­reich mit einem „Stand­ort-Kon­kur­renz­druck“ kon­fron­tiert. „Wir müs­sen uns über­le­gen, ob Öster­reich für Ärzte attrak­tiv genug ist“, meint Holz­gru­ber. Immer­hin wer­ben zum Bei­spiel Deutsch­land – vor allem in den neuen Bun­des­län­dern – oder Däne­mark sehr aktiv mit attrak­ti­ven Arbeits- bezie­hungs­weise Aus­bil­dungs­be­din­gun­gen – sei es im nie­der­ge­las­se­nen oder im Spi­tals­be­reich; Kon­di­tio­nen, mit denen Öster­reich oft nicht mit­hal­ten kann.

Gegen­stra­te­gien mit Fragezeichen

Als eine Gegen­stra­te­gie wider einen Ärz­te­man­gel wird in ande­ren Län­dern oft eine Auf­wer­tung – also eine Aka­de­mi­sie­rung – ande­rer Gesund­heits­be­rufe gepflo­gen. Dadurch wer­den jedoch die ent­spre­chen­den Aus­bil­dun­gen län­ger und auch teu­rer. Wer dies in Öster­reich finan­zie­ren sollte, ist nicht geklärt. Auch nicht, wie eine Arbeits­auf­tei­lung die­ser Berufe mit aus­ge­wei­te­tem Berufs­bild mit der Ärz­te­schaft aus­se­hen sollte bezie­hungs­weise könnte. „Dar­aus erge­ben sich zudem ernste Qua­li­täts­fra­ge­stel­lun­gen“, so Holz­gru­ber.

Was den Pro­blem­kreis der geo­gra­fi­schen oder beruf­li­chen Ärzte-Abwan­de­rung betrifft, lie­gen die Gründe meist in einem sub­jek­tiv emp­fun­de­nen nicht adäqua­ten Arbeits­um­feld und eben­sol­chen Arbeits­zei­ten, in der Ent­loh­nung sowie in der durch­aus schwie­ri­gen Ver­ein­bar­keit von Beruf und Fami­lie. „Die wirk­li­che Anspruchs­ge­nera­tion kommt erst“, warnt Holz­gru­ber, „denn das sind jene, die diverse Aus­wahl­pro­zesse ‚über­lebt’ haben und sich als Elite fühlen“!

Medi­zin wird zuneh­mend weiblich

Schon in abseh­ba­rer Zeit wird sich der Frauen- und Män­ner­an­teil bei Ärz­ten kreu­zen und lang­fris­tig umdre­hen (siehe Gra­fik „Gen­der­stra­te­gien“). 2009 waren bereits 61 Pro­zent der Tur­nus­ärzte weib­li­chen Geschlechts. Auch bei Fach­ärz­ten wird der Frau­en­an­teil beson­ders im städ­ti­schen Bereich anstei­gen. Dabei geht es nicht nur um „typi­sche Frau­en­fä­cher“ wie etwa All­ge­mein­me­di­zin, Gynä­ko­lo­gie, Anäs­the­sie oder Phy­si­ka­li­sche Medi­zin: selbst Fächer, die Män­ner­do­mä­nen waren wie die Uro­lo­gie wer­den künf­tig – wenn auch nicht domi­nant – von Frauen immer häu­fi­ger als Fach­ge­biet „ent­deckt“ werden.

Diese „Femi­ni­sie­rung der Medi­zin“ ist ein welt­wei­tes Phä­no­men. In Öster­reich wer­den mit­tel­fris­tig 60 Pro­zent der ärzt­li­chen Stel­len von Frauen wahr­ge­nom­men wer­den, wobei im nie­der­ge­las­se­nen Bereich weib­li­che Ärzte stär­ker in urba­nen als in länd­li­chen Gebie­ten anzu­tref­fen sind. In Wien etwa sind der­zeit 40 Pro­zent der nie­der­ge­las­se­nen Ärzte mit Kas­sen­ver­trag Frauen; in Tirol sind es gerade ein­mal 15 Pro­zent. Holz­gru­ber führt dies dar­auf zurück, dass es im städ­ti­schen Umfeld für Ärz­tin­nen die Mög­lich­keit einer ver­bes­ser­ten Work-Life-Balance gäbe; außer­dem wür­den Frauen ten­den­zi­ell klei­nere Pra­xen füh­ren und sich schon damit die Mög­lich­keit für ein gedeih­li­ches Mit­ein­an­der von Beruf und Pri­vat­le­ben schaffen.

Anders stellt sich das Bild bei lei­ten­den Ärz­tin­nen dar: Nur 118 Frauen (das sind 9,5 Pro­zent aller Ärzte) beklei­den in Öster­reichs Spi­tä­lern lei­tende Posi­tio­nen. Genauso wie bei Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­rin­nen ist das Ost-West-Gefälle dabei beacht­lich: Von ins­ge­samt 179 Frauen in die­ser Posi­tion sind 118 in Wien tätig, in Tirol ledig­lich 25.

Spi­tä­ler: Unat­trak­tive Arbeit­ge­ber Spi­tä­ler gel­ten – nicht nur bei Frauen – als unat­trak­tive Arbeit­ge­ber: Zeit­druck, Büro­kra­tie, „der täg­li­che Klein­krieg“ wie Zwis­tig­kei­ten zwi­schen den diver­sen Berufs­grup­pen und ein streng hier­ar­chisch struk­tu­rier­tes Umfeld, in dem öfter denn je Öko­no­mie Vor­rang vor Ethik hat, las­sen viele Ärz­tin­nen – aber auch Ärzte – die­sen Berufs­weg von vorn­her­ein erst gar nicht ein­schla­gen. Auch lässt ein adäqua­tes Ein­kom­men, wel­ches erst durch Nacht­dienste, Zah­lun­gen für Son­der­klasse-Pati­en­ten und/​oder eine Pri­vator­di­na­tion mög­lich wird und damit extrem zeit­in­ten­siv ist, Frauen vor der Tätig­keit im Spi­tal zurück scheuen.

Gesund­heits­we­sen stützen!

Der dar­aus resul­tie­rende logi­sche und immer wie­der gefor­derte Schluss, die Arbeits­be­din­gun­gen beson­ders in Spi­tä­lern, aber auch ins­ge­samt radi­kal zu ver­bes­sern, ist leicht gesagt, aber nicht ganz so leicht getan. Die dahin gehen­den For­de­run­gen rei­chen immer­hin von struk­tu­rel­len Ver­än­de­run­gen wie etwa einer Ent­las­tung der Spi­tä­ler („Geld folgt Leis­tung“), einem Umden­ken in der Spi­tals­or­ga­ni­sa­tion (Stich­wort: Hier­ar­chie), einem Plus an Zeit für eine Qua­li­täts­ver­bes­se­rung in der Aus­bil­dung und einer Ent­bü­ro­kra­ti­sie­rung der Medi­zin, also mehr Zeit für die Pati­en­ten. „Genauso müsste für eine weit­rei­chende und nach­hal­tige Ver­bes­se­rung die Ethik wie­der vor der Öko­no­mie ste­hen und ganz all­ge­mein auch sei­tens der Poli­tik ein Bekennt­nis zur öffent­li­chen Gesund­heits­vor­sorge abge­ge­ben wer­den“, sagt Tho­mas Holz­gru­ber. Immer­hin wür­den andere Bran­chen mit Geld gestützt, wäh­rend das Gesund­heits­we­sen immer wie­der Sanie­rungs­pro­zesse und Spar­pro­gramme durch­lau­fen müsste.

* Spi­tal 2010, 03.05.2010, Wien