Inter­view – Univ. Doz. Dr. Lud­wig Erla­cher: Wenn sie wir­ken, dann rasch

25.05.2010 | Medi­zin

Bei jenen Pati­en­ten, die auf eine The­ra­pie mit Bio­lo­gi­cals anspre­chen, kommt es rasch zu einer deut­li­chen Ver­bes­se­rung des Krank­heits­bil­des, erklärt Univ. Doz. Lud­wig Erla­cher, Vor­stand der 2. Medi­zi­ni­schen Abtei­lung des SMZ-Süd in Wien, im Gespräch mit Alex­an­dra Bach­mayer.


ÖÄZ: Bei wel­chen Erkran­kun­gen kom­men Bio­lo­gi­cals zum Ein­satz?

Erla­cher: Haupt­in­di­ka­tion ist unbe­strit­ten die Rheu­ma­to­lo­gie, aber Bio­lo­gi­cals kom­men auch bei ent­zünd­li­chen Darm­er­kran­kun­gen, bei der Behand­lung der schwe­ren Pso­ria­sis und bei immu­no­lo­gisch beding­ten Augen­ent­zün­dun­gen zum Ein­satz. Bei Pati­en­ten mit rheu­ma­to­ider Arthri­tis haben wir seit mehr als zehn Jah­ren Erfah­run­gen mit die­sen Sub­stan­zen, vor allem mit TNF-alpha-Blo­­ckern. Das The­ra­pie­ziel ist dabei eine Remis­sion oder bei bereits län­ger bestehen­der Krank­heit eine zumin­dest deut­li­che Ver­min­de­rung der Krank­heits­ak­ti­vi­tät. Aller­dings wis­sen wir heute auch, dass 60 bis 80 Pro­zent jener Pati­en­ten, die pri­mär mit einem TNF-alpha-Blo­­cker behan­delt wer­den, auf die­sen nicht oder nur unzu­rei­chend anspre­chen. Diese wer­den ent­we­der mit einem Bio­lo­gi­cal mit einem ande­ren Wirk­me­cha­nis­mus wie etwa Inter­leu­kin 6‑Rezeptorhemmung, Blo­ckie­rung der T‑Zell-Kos­ti­­mu­la­­tion oder einem ande­ren TNF-alpha-Blo­­cker behan­delt. Neben der rheu­ma­to­iden Arthri­tis sind vor allem die Pso­­ria­­sis-Arthri­­tis und die große Gruppe der Spon­dy­l­ar­thro­pa­thien wei­tere wich­tige Indi­ka­tio­nen für den Ein­satz von TNF-alpha-Blockern.

Kom­men Bio­lo­gi­cals auch bei der Behand­lung der Osteo­po­rose zum Ein­satz?
Mit Deno­sumab wurde nun auch erst­mals ein mono­k­lo­na­ler Anti­kör­per bei der Behand­lung der Osteo­po­rose wis­sen­schaft­lich unter­sucht. Deno­sumab bin­det mit sehr hoher Affi­ni­tät an RANKL und hemmt so des­sen Inter­ak­tion mit RANK , wodurch in der Folge die Bil­dung von Osteo­klas­ten blo­ckiert wird. Es wird zwei­mal jähr­lich sub­ku­tan ver­ab­reicht. Im Unter­schied zur Behand­lung mit den gut eta­blier­ten Biphos­pho­na­ten, die auch nach Abset­zen der The­ra­pie noch lange im Kör­per gespei­chert blei­ben, wird der Kno­chen­stoff­wech­sel nach Been­di­gung einer Deno­­sumab-The­ra­­pie nicht mehr beeinflusst.

Wann kom­men Bio­lo­gi­cals im The­ra­pie­ver­lauf der rheu­ma­to­iden Arthri­tis zum Ein­satz?
Stan­dard­ba­sis­the­ra­peu­ti­kum der ers­ten Wahl bei der The­ra­pie der rheu­ma­to­iden Arthri­tis ist und bleibt Metho­trexat. Des­sen Wir­kung setzt zumeist nach vier bis acht Wochen ein. Die Krank­heits­ak­ti­vi­tät wird dabei regel­mä­ßig vor allem mit­tels kli­ni­scher Unter­su­chung der Gelenke und mit Labor­kon­trol­len über­wacht. Kommt es nach drei bis vier Mona­ten zu kei­ner Remis­sion oder deut­li­chen Abnahme der Krank­heits­ak­ti­vi­tät, besteht die prin­zi­pi­elle Mög­lich­keit eines Wech­sels des kon­ven­tio­nel­len Basis­the­ra­peu­ti­kums zum Bei­spiel auf Lefluno­mid oder Sul­fa­sa­la­zin oder der Pati­ent erhält zusätz­lich ein Bio­lo­gi­cal. Der rasche Ein­satz eines Bio­lo­gi­cals ist ins­be­son­dere bei hoher Krank­heits­ak­ti­vi­tät und/​oder dem Vor­lie­gen von nega­ti­ven Pro­gno­se­fak­to­ren wie etwa Rheu­ma­fak­to­ren oder CCP-Ak Posi­ti­vi­tät, Ero­sio­nen in der Bild­ge­bung sinn­voll. Prin­zi­pi­ell wer­den pri­mär zusätz­lich zum Stan­dard­ba­sis­the­ra­peu­ti­kum TNF-alpha-Blo­­cker ver­ab­reicht. Alter­na­tiv kann auch der Inter­leu­kin 6‑Re­­ze­p­­tor-Ant­a­go­­nist zum Ein­satz kom­men. All­ge­mein kommt es bei jenen Pati­en­ten, die auf diese The­ra­pie anspre­chen, unter der Ver­wen­dung von Bio­lo­gi­cals zu einer deut­li­chen Ver­bes­se­rung der Krank­heits­ak­ti­vi­tät mit rasch ein­set­zen­der Wir­kung. Wer­den diese neuen Medi­ka­mente recht­zei­tig im Ver­lauf der Erkran­kung ange­wandt, kann nicht nur die Lebens­qua­li­tät und Funk­ti­ons­ka­pa­zi­tät der Betrof­fe­nen ver­bes­sert wer­den, son­dern die Arbeits­fä­hig­keit bleibt erhal­ten und somit ist trotz hoher Kos­ten der Ein­satz der Bio­lo­gi­cals gerechtfertigt.

Gibt es auch Nach­teile?
Als Nach­teil sind vor allem die deut­lich höhe­ren Kos­ten im Ver­gleich zu den her­kömm­li­chen Basis­the­ra­peu­tika wie zum Bei­spiel Metho­trexat zu nen­nen. Erwäh­nens­wert sind wei­ters das etwas erhöhte Risiko für das Auf­tre­ten bezie­hungs­weise die Reak­ti­vie­rung von Infek­ti­ons­krank­hei­ten. Vor der Anwen­dung von Bio­lo­gi­cals muss daher unbe­dingt eine Infek­tion und vor allem das Vor­lie­gen einer Tbc aus­ge­schlos­sen wer­den. Schutz­imp­fun­gen ins­be­son­ders gegen Influ­enza und Pneu­mo­kok­ken wer­den emp­foh­len. Wei­tere Neben­wir­kun­gen kön­nen u.a. Blut­bild­ver­än­de­run­gen und Leber­funk­ti­ons­stö­run­gen sein. Sel­ten kommt es zu schwe­ren Infu­si­ons­re­ak­tio­nen, sehr sel­ten zu Medi­­­ka­­men­­ten-indu­­zier­­tem Lupus und dem Auf­tre­ten von Lym­pho­men. Auf­grund des erhöh­ten Infek­ti­ons­ri­si­kos gehört die The­ra­pie mit Bio­lo­gi­cals in die Hand eines erfah­re­nen Rheu­ma­to­lo­gen oder eines Rheu­ma­to­lo­gi­schen Zen­trums. Für den Pati­en­ten muss ein mit die­sen Medi­ka­men­ten und ihren Neben­wir­kun­gen erfah­re­ner Arzt gut erreich­bar sein, um im Krank­heits­fall eine opti­male Ver­sor­gung zu gewährleisten.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 10 /​25.05.2010