Hyper­to­nie bei Kin­dern und Jugend­li­chen: Moti­va­tion ist ein Problem

10.03.2010 | Medi­zin

Ein bis drei Pro­zent aller Kin­der und Jugend­li­chen lei­den an Blut­hoch­druck. Spe­zi­ell jugend­li­chen Hyper­to­ni­kern muss man die Freude an Bewe­gung und gesun­der Ernäh­rung ver­mit­teln – das Argu­ment „Gesund­heit“ lockt sie nicht.

Noch vor nicht allzu lan­ger Zeit hat man ange­nom­men, dass Blut­hoch­druck bei Kin­dern und Jugend­li­chen keine blei­ben­den Schä­den hin­ter­lässt. Dies ist jedoch mitt­ler­weile wider­legt. „Kin­der und Jugend­li­che wei­sen die glei­chen Fol­ge­schä­den der Hyper­to­nie auf wie Erwach­sene“, sagt Univ. Doz. Gerald Tul­zer vom Kin­der­herz­zen­trum Linz. „Bleibt die Hyper­to­nie im Kin­­des- und Jugend­al­ter unbe­han­delt, so erlei­den diese Betrof­fe­nen frü­her als gesunde Kin­der und Jugend­li­che einen Herz­in­farkt oder Schlag­an­fall, Augen- und/​oder Nie­ren­pro­bleme.“

Offi­zi­elle Zah­len spre­chen von ein bis drei Pro­zent Betrof­fe­nen. „Diese Zah­len sind seit vie­len Jah­ren kon­stant. Wir gehen aller­dings schon auf­grund der star­ken Zunahme von über­ge­wich­ti­gen Kin­dern und Jugend­li­chen davon aus, dass rund vier bis fünf Pro­zent betrof­fen sind“, erklärt Tulzer. 

Zwei Grup­pen von Hyper­to­ni­kern im Kin­­des- und Jugend­al­ter sind zu unter­schei­den: Zum einen jene Kin­der, die auf­grund von Nie­­ren- oder ande­ren chro­ni­schen Erkran­kun­gen an einer behand­lungs­be­dürf­ti­gen, sekun­dä­ren Hyper­to­nie lei­den und jene Kin­der und Jugend­li­chen, die auf­grund von Über­ge­wicht erhöhte Blut­druck­werte auf­wei­sen. „Bei Kin­dern mit Nie­­ren- oder Herz­er­kran­kun­gen, Schild­drü­sen­über­funk­tion oder katecho­la­min­pro­du­zie­ren­den Tumo­ren ist neben der Behand­lung der Grund­er­kran­kung die anti­hy­per­ten­sive The­ra­pie ein Muss, um Fol­ge­schä­den zu ver­hin­dern“, weiß Kin­der­kar­dio­loge Tulzer.

Behan­delt wer­den muss die Hyper­to­nie im Kin­­des- und Jugend­al­ter, wenn der Blut­druck die 97. Per­zen­tile bei drei Mes­sun­gen und – im opti­ma­len Fall – einer 24-Stun­­­den-Blu­t­­druck­­mes­­sung über­schrei­tet. Bei Jugend­li­chen gilt ein Wert von 120:80 mmHg als nor­mal; Werte jen­seits die­ser Norm sind als Prä­hy­per­to­nie zu betrach­ten und müs­sen beob­ach­tet wer­den. Ein Blut­druck ab 140/​89 ist bei Jugend­li­chen behandlungsbedürftig. 

Bis vor kur­zer Zeit gal­ten Beta­blo­cker als Mit­tel der Wahl. Nach inten­si­ven For­de­run­gen nach Medi­ka­men­ten­stu­dien an Kin­dern – etwa aus der EU – konnte in meh­re­ren Stu­dien mit Kin­dern und Jugend­li­chen mitt­ler­weile fest­ge­stellt wer­den, dass ACE-Hem­­mer Mit­tel der ers­ten Wahl sind. Wer­den diese nicht ver­tra­gen, weil bei­spiels­weise als Neben­wir­kung ein Reiz­hus­ten auf­tritt, kann auch ein AT1-Reze­p­­tor­­blo­­cker ver­ord­net wer­den. „In der Second Line sind auch Kal­zi­um­ant­ago­nis­ten und Beta­blo­cker sowie in der Kom­bi­na­tion ein Diure­ti­kum zur The­ra­pie mög­lich“, hält Tul­zer wei­ter fest. Dosiert wird nach Kör­per­ge­wicht.

Juve­nile Hypertonie 

Eine essen­ti­elle Hyper­to­nie zeigt sich meist erst ab dem zwölf­ten Lebens­jahr. Die häu­figs­ten Ursa­chen: Über­ge­wicht und Bewe­gungs­man­gel. Daher ste­hen bei der Behand­lung Life­style-Maß­­nah­­men an ers­ter Stelle. Kein ein­fa­ches Unter­fan­gen, wie Tul­zer weiß: „Ohne Vor­bild­funk­tion geht es nicht, wenn die Eltern auch über­ge­wich­tig sind, unge­sund essen und sich wenig bewe­gen, wird der Arzt den Jugend­li­chen kaum zu einem geän­der­ten Ess­ver­hal­ten und mehr Bewe­gung über­re­den kön­nen.“ Hinzu kommt die Puber­tät, wel­che die betrof­fe­nen Jugend­li­chen häu­fig mit sich und ihrer Umge­bung in Oppo­si­tion ste­hen lässt. Über­ge­wicht bedeu­tet auch Stress, denn Betrof­fene lei­den sehr dar­un­ter – nicht zuletzt, weil sie von Gleich­alt­ri­gen häu­fig wegen ihres Über­ge­wichts ver­spot­tet wer­den. In den Schu­len wird nach Ansicht des Exper­ten viel zu wenig auf die­ses Pro­blem ein­ge­gan­gen: „Wenn Unter­richts­stun­den gestri­chen wer­den, sind dies meist Turn­stun­den“, ärgert er sich. Aber auch ein vor allem sit­zen­der Lebens­stil – am Com­pu­ter, vor dem Fern­se­her – trägt dazu bei; ebenso auch der Kon­sum von Alko­hol und Tabak, mit dem die Jugend­li­chen immer frü­her beginnen.

Das Rau­chen auf­ge­ben, gesün­dere Ernäh­rung und mehr Bewe­gung – das sind die Säu­len, die einer juve­ni­len Hyper­to­nie den Kampf ansa­gen. Mit dem Hin­weis auf Fol­ge­er­kran­kun­gen im Erwach­se­nen­al­ter wird man Jugend­li­che aller­dings kaum locken kön­nen. „Gesund­heit ist Jugend­li­chen egal“, for­mu­liert Tul­zer. „Man muss die Jugend­li­chen locken, ihnen Freude an gesun­der Ernäh­rung und Bewe­gung ver­mit­teln – und das nicht erst dann, wenn der Jugend­li­che unter Hyper­to­nie lei­det.“
SF

Medi­ka­men­ten­stu­dien an Kin­dern
Diese stel­len die Stu­di­en­in­ves­ti­ga­to­ren vor beson­dere Pro­bleme. Es bedarf eines beson­de­ren Stu­di­en­pro­to­kolls, das nicht nur zu vali­den Ergeb­nis­sen führt, son­dern auch mit einer rela­tiv gerin­gen Zahl an Pro­ban­den aus­kommt. Bewährt hat sich etwa ein Stu­di­en­de­sign mit drei unter­schied­li­chen Dosis­stär­ken, wobei alle drei Grup­pen mit dem Ver­um­prä­pa­rat begin­nen. Nach Ein­tritt der Wir­kung wird die The­ra­pie ent­we­der fort­ge­setzt oder abge­bro­chen und gegen Pla­cebo geprüft. Meist wer­den Anti­hy­per­ten­siva bei Kin­dern heute auf­grund von patho­phy­sio­lo­gi­schen kli­ni­schen Ana­lo­gie­schlüs­sen von Stu­dien an Erwach­se­nen und Erfah­run­gen mit der Hyper­to­nie­be­hand­lung von Kin­dern und Jugend­li­chen mit sekun­dä­rer Hyper­to­nie ver­ord­net.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 5 /​10.03.2010