Funk­tio­nelle Dys­pe­psie: Auf der Suche nach der Ursache

25.01.2023 | Medizin

Meist kann das bio-psy­cho-soziale Krank­heits­mo­dell einen Hin­weis auf die Ursa­che der funk­tio­nel­len Dys­pe­psie geben. Auch NSAR, Aspi­rin und Psy­cho­phar­maka ver­ur­sa­chen häu­fig Magen­be­schwer­den. Nah­rungs­mit­tel-Into­le­ran­zen und Arz­nei­mit­tel­ne­ben­wir­kun­gen soll­ten rou­ti­ne­mä­ßig aus­ge­schlos­sen werden.

Manuela‑C. War­scher

Jeder 20. Erwach­sene in Mit­tel­eu­ropa lei­det an einer funk­tio­nel­len Dys­pe­psie (Reiz­ma­gen); Frauen sind davon etwas häu­fi­ger betrof­fen. Zu den häu­figs­ten Sym­pto­men zäh­len epi­gas­tri­sche Schmer­zen, Druck- und Völ­le­ge­fühl, Übel­keit und früh­zei­ti­ges Sät­ti­gungs­ge­fühl. Diese Beschwer­den prä­sen­tie­ren sich Stu­dien zufolge nach zwei bis drei Jah­ren Krank­heits­dauer bei 60 bis 90 Pro­zent der Betrof­fe­nen ähn­lich. Aller­dings ist nur bei einem Vier­tel der Pati­en­ten eine orga­ni­sche Ursa­che zu fin­den. „Meist kann das bio-psy­cho-soziale Krank­heits­mo­dell einen Hin­weis auf die zugrun­de­lie­gende Ursa­che brin­gen. Denn die funk­tio­nelle Dys­pe­psie kann sowohl bio­lo­gi­sche als auch psy­cho­lo­gi­sche oder soziale Gründe haben“, betont Univ. Prof. Rai­ner Schöfl von der Abtei­lung für Innere Medi­zin des Ordens­kli­ni­kums Linz. Die Beschwer­den klin­gen daher auch meist nach Besei­ti­gung der her­aus­for­dern­den Lebens­um­stände wie bei­spiels­weise einer Schei­dung oder dem Ver­lust des Arbeits­plat­zes völ­lig ab.

Die funk­tio­nelle Dys­pe­psie tritt in zwei For­men auf, wobei diese häu­fig über­lap­pen. Beim post­p­ran­dia­len Dis­tress-Syn­drom domi­nie­ren Völle- und rasches Sät­ti­gungs­ge­fühl. Epi­gas­tri­sche Schmer­zen und Bren­nen – unab­hän­gig von der Nah­rungs­auf­nahme – kenn­zeich­nen das epi­gas­tri­sche Schmerz­syn­drom. „Auf­grund des Trig­gers beim post­p­ran­dia­len Dis­tress-Syn­drom ver­mei­den viele Betrof­fene das Essen“, kon­kre­ti­siert Univ. Doz. Chris­tine Kapral von der Abtei­lung für Gas­tro­en­te­ro­lo­gie und Hepa­to­lo­gie des Ordens­kli­ni­kums Linz. In der Folge kommt es zum Gewichtsverlust.

Grund­sätz­lich könne die Dia­gnose „funk­tio­nelle Erkran­kung“ nicht nach zwei Wochen, son­dern erst „nach eini­gen Wochen und Mona­ten“ gestellt wer­den, betont Schöfl. In Erman­ge­lung von kla­ren dia­gnos­ti­schen Unter­su­chun­gen beruht die Dia­gnose pri­mär auf der kli­ni­schen Sym­pto­ma­tik bezie­hungs­weise stellt eine Aus­schluss­dia­gnose dar. Im Gegen­satz zur funk­tio­nel­len Dys­pe­psie tre­ten die „Aus­schluss-Sym­ptome“ durch­aus auch in der Nacht auf. „Die Beschwer­de­frei­heit in der Nacht wäh­rend der Nah­rungs­ka­renz ist somit auch ein ein­deu­ti­ger Indi­ka­tor für eine funk­tio­nelle Dys­pe­psie“, erklärt Schöfl. Klagt der Pati­ent über Schmer­zen etwa zwei Stun­den nach der Nah­rungs­auf­nahme, liegt kein Reiz­ma­gen, son­dern eine Erkran­kung des Pan­kreas (Schmer­zen, die gür­tel­för­mig aus­strah­len), der Galle oder des Dünn­darms vor. „20 Minu­ten nach dem Essen bedeu­tet zwar nicht auto­ma­tisch eine funk­tio­nelle Dys­pe­psie, aber zumin­dest eine Erkran­kung des Magens.“

Wei­tere Abklä­rung ist erfor­der­lich bei Sod­bren­nen, Rülp­sen und Tho­rax­schmerz, die die Reflu­xer­kran­kung beglei­ten, oder bei Ver­dacht auf ein Magen­kar­zi­nom, das häu­fi­ger beim älte­ren Men­schen auf­tritt. Daher wird bei über 50-Jäh­ri­gen, die an Ober­bauch­schmer­zen lei­den, eine Endo­sko­pie emp­foh­len. „Erbre­chen kommt bei funk­tio­nel­ler Dys­pe­psie eher sel­ten vor und sollte ent­spre­chend von Regur­gi­ta­tion und Rumi­na­tion abge­grenzt wer­den“, so Kapral. Außer­dem soll­ten rou­ti­ne­mä­ßig Nah­rungs­mit­tel-Into­le­ran­zen und Arz­nei­mit­tel­ne­ben-wir­kun­gen aus­ge­schlos­sen wer­den. Denn „NSAR, Aspi­rin oder Psy­cho­phar­maka gehen häu­fig mit Magen­be­schwer­den ein­her“, gibt Schöfl zu bedenken.

Nicht die Sym­ptom­frei­heit, son­dern der bes­sere Umgang mit den Sym­pto­men steht im Zen­trum der The­ra­pie. „Eine Pro­be­the­ra­pie kann dabei nicht nur aus the­ra­peu­ti­scher Hin­sicht, son­dern auch beim Aus­schluss von ande­ren Dia­gno­sen hel­fen“, betont Schöfl. Die Sym­ptom-ori­en­tierte The­ra­pie umfasst säu­re­sup­pres­sive The­ra­pie in der Stan­dard­do­sis über einen Zeit­raum von zwei Wochen (PPI, H2-Blo­cker), Heli­co­bac­ter pylori-Era­di­ka­ti­ons­the­ra­pie, tri­zy­kli­sche Anti­de­pres­siva, Pro­ki­ne­ti­kum (wenn Völ­le­ge­fühl oder rasche Sät­ti­gung vor­herr­schend), Phy­to­the­ra­peu­tika (Küm­mel, Anis, Wer­mut, Tau­send­gul­den­kraut, Ing­wer oder Kamille) und Bauch­hyp­nose. Schöfl dazu: „Manch­mal hilft auch ein­fach ein Glas Milch anstelle von PPIs.“ Bei eini­gen Betrof­fe­nen hätte außer­dem Aku­punk­tur posi­tive Ergeb­nisse gezeigt.

„Ein Groß­teil der Betrof­fe­nen lei­det unter star­ken Schmer­zen und das macht Angst. Außer­dem wei­sen etwa zwei Drit­tel der Pati­en­ten mit einer funk­tio­nel­len Dys­pe­psie eine Angst­stö­rung auf, was die Sym­pto­ma­tik wie­derum ver­stärkt“, erklärt Kapral. Das unter­strei­che ihrer Ansicht nach die Sinn­haf­tig­keit des Ein­sat­zes von Psy­cho­phar­maka bezie­hungs­weise psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Inter­ven­tio­nen wie magen­zen­trier­ter Hyp­no­the­ra­pie und kogni­ti­ver Ver­hal­tens­the­ra­pie. Bei etwa einem Drit­tel der Betrof­fe­nen zeige sich dar­über hin­aus eine Über­lap­pung des Reiz­ma­gens mit dem Reiz­darm­syn­drom. „Hier kön­nen viele gän­gige Haus­mit­tel hel­fen“, betont Schöfl. Ver­sa­gen alle The­ra­pie­op­tio­nen, sollte an Stoff­wech­sel oder Such­ter­kran­kun­gen gedacht wer­den. „Bei Heroin und Kokain ent­wi­ckeln die Kon­su­men­ten Schmer­zen im Duodenumbereich.“

Auf einen Blick

1) Zwei For­men der funk­tio­nel­len Dys­pe­psie: post­p­ran­dia­les Dis­tress-Syn­drom (Völ­le­ge­fühl, rasche Sät­ti­gung) und epi­gas­tri­sches Schmerz­syn­drom (Schmer­zen unab­hän­gig von der Nahrungsaufnahme).
2) Der Zeit­punkt der Schmer­zen ist ent­schei­dend. Bis 20 Minu­ten nach dem Essen: Erkran­kung des Magens. Zwei Stun­den nach dem Essen: Pan­kreas, Galle oder Dünndarm.
3) Die fünf Linien der The­ra­pie umfas­sen: Säu­reblo­cker, Pro­ki­ne­tika (wenn Völ­le­ge­fühl prä­va­lent), Phy­to­the­ra­peu­tika (Küm­mel, Anis, Kamille), Aku­punk­tur und Psy­cho­the­ra­pie (Magen­zen­trierte Hyp­no­the­ra­pie, kogni­tive Verhaltenstherapie)
4) Schlägt die The­ra­pie nicht an, sollte an eine Stoff­wech­sel- oder Such­ter­kran­kung gedacht wer­den. Heroin- und Koka­in­kon­sum ver­ur­sa­chen Schmer­zen im Duodenum.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 1–2 /​25.01.2023