USA: Bur­nout bei Ärz­ten – Die Schattenpandemie

15.07.2022 | Politik

Vor Beginn der COVID-19-Pan­de­mie waren die USA auf­grund von grund­le­gen­den Sys­tem­än­de­run­gen auf dem Weg, das Bur­nout bei Ärz­ten und Pfle­ge­kräf­ten zu redu­zie­ren. Die Pan­de­mie übt jedoch enor­men psy­chi­schen Druck auf die Mit­ar­bei­ter im Gesund­heits­we­sen aus. Laut Exper­ten ist eine Schat­ten­pan­de­mie im Gange.

Nora Schmitt-Sau­sen

In den USA hat die US-ame­ri­ka­ni­sche Regie­rung des Demo­kra­ten Joe Biden erkannt, dass der hohe psy­chi­sche Druck, dem das Gesund­heits­per­so­nal aus­ge­setzt ist, zum Pro­blem für die gesamte Gesell­schaft wer­den kann. Im Zuge der Schritte, die der US-ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent aktu­ell ein­lei­tet, um der „Krise der men­ta­len Gesund­heit“ der Bevöl­ke­rung ent­ge­gen­zu­tre­ten, gehö­ren Maß­nah­men zur Stär­kung des Wohl­be­fin­dens von Mit­ar­bei­tern im Gesundheitswesen.

Die Regie­rung Biden hat Grund genug, zu han­deln: Mehr als 52 Pro­zent der Beschäf­tig­ten im öffent­li­chen Gesund­heits­we­sen berich­te­ten laut der Gesund­heits­be­hörde Cen­ters for Dise­ase Con­trol and Pre­ven­tion (CDC) im Pan­de­mie­jahr 2021 über min­des­tens ein Sym­ptom, das im Rah­men einer Stö­rung der men­ta­len Gesund­heit auf­tritt wie über Angst­zu­stän­den, Depres­sio­nen und eine erhöhte Zahl von Fäl­len an post­trau­ma­ti­scher Belas­tungs­stö­rung. Beson­ders betrof­fen waren Mit­ar­bei­ter, die sich nicht frei neh­men konn­ten und mehr als 41 Stun­den in der Woche arbei­te­ten. Mehr als 92 Pro­zent der Befrag­ten beschrie­ben COVID-19-bezo­gene Tätig­kei­ten. Die höchs­ten Bur­nout-Raten unter Fach­ärz­ten haben in den USA laut einer Erhe­bung der Ärzte-Web­seite Med­s­cape vom Som­mer 2021 Not­fall­me­di­zi­ner (60 Pro­zent), Inten­siv­me­di­zi­ner (56 Pro­zent) und Gynä­ko­lo­gen (53 Prozent).

Die Kai­ser Family Foun­da­tion ermit­telte im April 2021 mit der Zei­tung Washing­ton Post die Lage unter Ärz­ten und Pfle­ge­kräf­ten, die wäh­rend der Pan­de­mie an der vor­ders­ten Front im Ein­satz waren etwa bei der Betreu­ung von Infi­zier­ten in Kran­ken­häu­sern oder Pfle­ge­hei­men. 62 Pro­zent der Befrag­ten gaben an, dass Angst und Sor­gen im Zusam­men­hang mit der Corona-Pan­de­mie ihre men­tale Gesund­heit gefähr­den. 55 Pro­zent sag­ten, sie fühl­ten sich aus­ge­brannt, wenn sie zur Arbeit gehen.

Die USA sind von der Pan­de­mie stär­ker betrof­fen als nahezu alle ande­ren Indus­trie­na­tio­nen. Das Land hat mehr als eine Mil­lion Corona-Tote zu bekla­gen. Das Virus gras­sierte in meh­re­ren Regio­nen des Lan­des ähn­lich inten­siv wie in der ers­ten Pan­de­mie-Welle in der ita­lie­ni­schen Pro­vinz Ber­gamo. Not­fall- und Inten­siv­me­di­zi­ner sahen in den lan­gen Mona­ten der Pan­de­mie zahl­lose Pati­en­ten ster­ben. Dazu kam die Angst, sich selbst – und die eigene Fami­lie – zu infi­zie­ren. Berichte von aus­ge­laug­ten Ärz­ten – und auch ande­ren Mit­ar­bei­tern im Gesund­heits­be­reich – häu­fen sich in den US-ame­ri­ka­ni­schen Medien. Es gibt Stim­men, die inzwi­schen davon spre­chen, dass nahezu „die gesamte Ärz­te­schaft“ der USA aus­ge­brannt ist.

140.000 Ärzte fehlen

Die Pro­gno­sen für den Berufs­stand sind besorg­nis­er­re­gend: Bis 2033 sol­len in den USA schät­zungs­weise 140.000 Ärzte feh­len. Die US-ame­ri­ka­ni­sche Regie­rung sieht die medi­zi­ni­sche Infra­struk­tur des Lan­des gefähr­det. Des­halb hat sich die Regie­rung Biden kürz­lich mit Emp­feh­lun­gen an Akteure im Gesund­heits­we­sen wie Gesund­heits­or­ga­ni­sa­tio­nen, Ver­si­che­rer und die Gesund­heits­in­dus­trie, aber auch an For­schungs­ein­rich­tun­gen und die Gemein­den vor Ort gewandt. Allei­ni­ges Ziel: das Wohl­be­fin­den der medi­zi­ni­schen Teams zu stär­ken. Zu den Emp­feh­lun­gen zäh­len Stich­worte wie das Ver­än­dern der Arbeits­kul­tur, ein ver­bes­ser­ter Zugang zu The­ra­pien, attrak­tive Sozi­al­leis­tun­gen, Reduk­tion von admi­nis­tra­ti­ver Arbeit, Stär­kung von sozia­ler Inter­ak­tion und mehr Ein­bin­dung im Arbeits­um­feld. Die För­de­rung der psy­chi­schen Gesund­heit und des Wohl­be­fin­dens des Gesund­heits­per­so­nals, das an vor­ders­ter Front in der Corona-Pan­de­mie arbei­tet, sei „eine Prio­ri­tät“ für die Regie­rung Biden und „ein Kern­ziel“ der natio­na­len Stra­te­gie für die psy­chi­sche Gesund­heit der Bevölkerung.

In den USA hat die Pan­de­mie das Bewusst­sein für die Anfäl­lig­keit der Gesund­heits­be­rufe für Bur­nout in der Öffent­lich­keit und der Poli­tik mas­siv gestärkt. Dabei hatte das Thema Bur­nout von Ärz­ten und Pfle­ge­kräf­ten im US-ame­ri­ka­ni­schen Gesund­heits­we­sen bereits vor Corona Kri­sen­sta­tus erreicht – und wurde in Fach­krei­sen längst the­ma­ti­siert. Denn schon seit vie­len Jah­ren sind die Bur­nout-Zah­len in Gesund­heits­be­ru­fen höher als in der Gesamt­be­völ­ke­rung. Im Jahr 2019 ermit­tel­ten die Natio­nal Aca­de­mies of Medi­cine, dass 54 Pro­zent der US-ame­ri­ka­ni­schen Ärzte und Kran­ken­schwes­tern von Bur­nout betrof­fen sind, bei Medi­zin­stu­den­ten und Ärz­tin in der Fach­arzt­aus­bil­dung sind es sogar 60 Pro­zent, wenn die Arbeits­be­las­tung beson­ders hoch ist. Auch die Sui­zid­rate bei Ärz­tin­nen und Ärz­ten ist in den USA hoch. Irgend­wann spitzte sich die Situa­tion der­ma­ßen zu, dass US-ame­ri­ka­ni­sche Gesund­heits­ein­rich­tun­gen und Fach­ge­sell­schaf­ten Maß­nah­men setz­ten, um Ärzte bes­ser davor zu schüt­zen, ein Bur­nout zu erlei­den. Coa­ching-Pro­gramme wur­den instal­liert, die Ver­ant­wor­tung durch die Stär­kung der Team­ar­beit gesplit­tet, den Ärz­ten mehr Zeit am Pati­en­ten­bett gege­ben, Arbeits­ab­läufe kor­ri­giert und die Nut­zer­freund­lich­keit von IT-Sys­te­men ver­bes­sert. Dar­über hin­aus stell­ten einige renom­mierte Ein­rich­tun­gen „Chief Well­ness Offi­cer“ ein. Deren ein­zige Auf­gabe besteht darin, das Wohl­be­fin­den des Gesund­heits­per­so­nals in den Mit­tel­punkt der Unter­neh­mens­kul­tur und Unter­neh­mens­stra­te­gie zu stel­len. Diese Ver­än­de­run­gen zeig­ten erste Erfolge: Als die Pan­de­mie über das Land her­ein­brach, waren erste durch­grei­fende Sys­tem­än­de­run­gen im Gange, die Bur­nout-Zah­len gar rück­läu­fig (siehe Kasten).

Die Kran­ken­häu­ser und auch andere Insti­tu­tio­nen ver­such­ten mit zusätz­li­chen Maß­nah­men, das Gesund­heits­per­so­nal vor den beson­de­ren Belas­tun­gen ihres Beru­fes zu schüt­zen – teils auf­bau­end auf den Erfah­run­gen und Struk­tu­ren, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren geschaf­fen wur­den. Einen beson­de­ren Weg hat dabei etwa das Mount Sinai Kran­ken­haus in New York ein­ge­schla­gen. Bereits seit April 2020 gibt es dort das Mount Sinai Cen­ter for Stress, Resi­li­ence and Per­so­nal Growth. Es ist dar­auf aus­ge­rich­tet, den nega­ti­ven Ein­fluss der Corona-Pan­de­mie auf die men­tale Gesund­heit der Mit­ar­bei­ter zu adres­sie­ren. Zu den Unter­stüt­zungs­an­ge­bo­ten zäh­len etwa eine App, die den per­sön­li­chen Angst- und Stress­le­vel ermit­telt, zahl­rei­che Resi­li­enz-Work­shops und Ein­zel­trai­nings. New York war eines der Epi­zen­tren der Corona-Pan­de­mie in den USA. „Wir haben die Her­aus­for­de­run­gen gese­hen, die sich in unse­ren acht Kran­ken­häu­sern und der medi­zi­ni­schen Fakul­tät wäh­rend und nach der COVID-19-Pan­de­mie abspiel­ten. Wir ver­ste­hen das Trauma und die Trauer über den Ver­lust von Pati­en­ten sowie die Ängste und Sor­gen um unsere Gesund­heit und die Gesund­heit unse­rer Fami­li­en­mit­glie­der“, heißt es auf der Inter­net­seite des Zentrums.

Erfah­run­gen aus 9/11-Anschlä­gen

Bei der Arbeit hel­fen die Erfah­run­gen, die im Zuge der Beglei­tung von trau­ma­ti­sier­ten Erst­hel­fern nach den Anschlä­gen auf das World Trade Cen­ter gemacht wur­den. Die Ein­rich­tung setzt auf die „Ent­wick­lung evi­denz­ba­sier­ter Inter­ven­tio­nen zur Unter­stüt­zung unse­rer Mit­ar­bei­ter, indem wir ihnen Werk­zeuge zur Bewäl­ti­gung anhal­ten­der Stress­fak­to­ren in ihrem Leben an die Hand geben“. Bei­spiele für wei­tere Initia­ti­ven an ande­ren Häu­sern sind laut der Ame­ri­can Hos­pi­tal Asso­cia­tion (AMA): Webi­nare zur Stär­kung der men­ta­len Gesund­heit wäh­rend der COVID-19-Pan­de­mie, nie­der­schwel­lige Sofort­hilfe für Ärzte durch geschulte Kräfte im aku­ten Kri­sen­fall, die Schaf­fung von Relax- und Well­ness­zo­nen für die Mit­ar­bei­ter, um Abstand vom Arbeits­stress zu bekom­men. Neben Initia­ti­ven zur Stär­kung der men­ta­len Gesund­heit wur­den auch soziale Initia­ti­ven gestar­tet. So unter­stüt­zen man­che Kran­ken­häu­ser ihre Teams bei Orga­ni­sa­tion und Ein­kauf von Mahl­zei­ten und Nah­rungs­mit­teln, damit die Mit­ar­bei­ter ihre eige­nen Bedürf­nisse nicht aus den Augen ver­lie­ren. Einige Häu­ser stel­len nach Anga­ben der AMA sogar Wohn­mög­lich­kei­ten zur Ver­fü­gung, damit Ärzte und Pfle­ge­kräfte keine lan­gen Stre­cken bewäl­ti­gen und nicht Angst haben müs­sen, ihre Fami­li­en­mit­glie­der in Gefahr zu bringen.

Die Ame­ri­can Medi­cal Asso­cia­tion, die sich seit vie­len Jah­ren im Kampf gegen ärzt­li­chen Bur­nout enga­giert, warnt vor den weit­rei­chen­den Fol­gen der Corona-Pan­de­mie auf die psy­chi­sche Gesund­heit nicht nur der US-Bevöl­ke­rung, son­dern auch der Ärzte. Es sei inzwi­schen eine „Schat­ten­pan­de­mie“ im Gange. „Unsere Mit­ar­bei­ter im Gesund­heits­we­sen ertra­gen wirk­lich viel. Sie sind Teil der Schat­ten­pan­de­mie“, sagte AMA-Mit­glied Eileen Bar­rett kürz­lich in einem Webi­nar, das unter dem Thema „Schat­ten­pan­de­mie: Psy­chi­sche Aus­wir­kun­gen von COVID-19 auf Pati­en­ten und das Pfle­ge­team“ stand. Bar­rett wies auf ein wei­te­res gro­ßes Pro­blem in der US-ame­ri­ka­ni­schen Medi­zin hin: „Kul­tu­rell fällt es uns in der Medi­zin oft schwer, auf­ein­an­der auf­zu­pas­sen und uns auch um uns selbst zu küm­mern.“ Es sei an der Zeit, offen über die psy­chi­schen Belas­tun­gen des Arzt­be­ru­fes zu reden und Stigma und Hür­den aus dem Weg zu räu­men, die Ärzte nicht sel­ten daran hin­der­ten, sich Hilfe zu suchen.

In den USA hat die US-ame­ri­ka­ni­sche Regie­rung des Demo­kra­ten Joe Biden erkannt, dass der hohe psy­chi­sche Druck, dem das Gesund­heits­per­so­nal aus­ge­setzt ist, zum Pro­blem für die gesamte Gesell­schaft wer­den kann. Im Zuge der Schritte, die der US-ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent aktu­ell ein­lei­tet, um der „Krise der men­ta­len Gesund­heit“ der Bevöl­ke­rung ent­ge­gen­zu­tre­ten, gehö­ren Maß­nah­men zur Stär­kung des Wohl­be­fin­dens von Mit­ar­bei­tern im Gesundheitswesen.

Die Regie­rung Biden hat Grund genug, zu han­deln: Mehr als 52 Pro­zent der Beschäf­tig­ten im öffent­li­chen Gesund­heits­we­sen berich­te­ten laut der Gesund­heits­be­hörde Cen­ters for Dise­ase Con­trol and Pre­ven­tion (CDC) im Pan­de­mie­jahr 2021 über min­des­tens ein Sym­ptom, das im Rah­men einer Stö­rung der men­ta­len Gesund­heit auf­tritt wie über Angst­zu­stän­den, Depres­sio­nen und eine erhöhte Zahl von Fäl­len an post­trau­ma­ti­scher Belas­tungs­stö­rung. Beson­ders betrof­fen waren Mit­ar­bei­ter, die sich nicht frei neh­men konn­ten und mehr als 41 Stun­den in der Woche arbei­te­ten. Mehr als 92 Pro­zent der Befrag­ten beschrie­ben COVID-19-bezo­gene Tätig­kei­ten. Die höchs­ten Bur­nout-Raten unter Fach­ärz­ten haben in den USA laut einer Erhe­bung der Ärzte-Web­seite Med­s­cape vom Som­mer 2021 Not­fall­me­di­zi­ner (60 Pro­zent), Inten­siv­me­di­zi­ner (56 Pro­zent) und Gynä­ko­lo­gen (53 Prozent).

Die Kai­ser Family Foun­da­tion ermit­telte im April 2021 mit der Zei­tung Washing­ton Post die Lage unter Ärz­ten und Pfle­ge­kräf­ten, die wäh­rend der Pan­de­mie an der vor­ders­ten Front im Ein­satz waren etwa bei der Betreu­ung von Infi­zier­ten in Kran­ken­häu­sern oder Pfle­ge­hei­men. 62 Pro­zent der Befrag­ten gaben an, dass Angst und Sor­gen im Zusam­men­hang mit der Corona-Pan­de­mie ihre men­tale Gesund­heit gefähr­den. 55 Pro­zent sag­ten, sie fühl­ten sich aus­ge­brannt, wenn sie zur Arbeit gehen.

Die USA sind von der Pan­de­mie stär­ker betrof­fen als nahezu alle ande­ren Indus­trie­na­tio­nen. Das Land hat mehr als eine Mil­lion Corona-Tote zu bekla­gen. Das Virus gras­sierte in meh­re­ren Regio­nen des Lan­des ähn­lich inten­siv wie in der ers­ten Pan­de­mie-Welle in der ita­lie­ni­schen Pro­vinz Ber­gamo. Not­fall- und Inten­siv­me­di­zi­ner sahen in den lan­gen Mona­ten der Pan­de­mie zahl­lose Pati­en­ten ster­ben. Dazu kam die Angst, sich selbst – und die eigene Fami­lie – zu infi­zie­ren. Berichte von aus­ge­laug­ten Ärz­ten – und auch ande­ren Mit­ar­bei­tern im Gesund­heits­be­reich – häu­fen sich in den US-ame­ri­ka­ni­schen Medien. Es gibt Stim­men, die inzwi­schen davon spre­chen, dass nahezu „die gesamte Ärz­te­schaft“ der USA aus­ge­brannt ist.

140.000 Ärzte fehlen

Die Pro­gno­sen für den Berufs­stand sind besorg­nis­er­re­gend: Bis 2033 sol­len in den USA schät­zungs­weise 140.000 Ärzte feh­len. Die US-ame­ri­ka­ni­sche Regie­rung sieht die medi­zi­ni­sche Infra­struk­tur des Lan­des gefähr­det. Des­halb hat sich die Regie­rung Biden kürz­lich mit Emp­feh­lun­gen an Akteure im Gesund­heits­we­sen wie Gesund­heits­or­ga­ni­sa­tio­nen, Ver­si­che­rer und die Gesund­heits­in­dus­trie, aber auch an For­schungs­ein­rich­tun­gen und die Gemein­den vor Ort gewandt. Allei­ni­ges Ziel: das Wohl­be­fin­den der medi­zi­ni­schen Teams zu stär­ken. Zu den Emp­feh­lun­gen zäh­len Stich­worte wie das Ver­än­dern der Arbeits­kul­tur, ein ver­bes­ser­ter Zugang zu The­ra­pien, attrak­tive Sozi­al­leis­tun­gen, Reduk­tion von admi­nis­tra­ti­ver Arbeit, Stär­kung von sozia­ler Inter­ak­tion und mehr Ein­bin­dung im Arbeits­um­feld. Die För­de­rung der psy­chi­schen Gesund­heit und des Wohl­be­fin­dens des Gesund­heits­per­so­nals, das an vor­ders­ter Front in der Corona-Pan­de­mie arbei­tet, sei „eine Prio­ri­tät“ für die Regie­rung Biden und „ein Kern­ziel“ der natio­na­len Stra­te­gie für die psy­chi­sche Gesund­heit der Bevölkerung.

In den USA hat die Pan­de­mie das Bewusst­sein für die Anfäl­lig­keit der Gesund­heits­be­rufe für Bur­nout in der Öffent­lich­keit und der Poli­tik mas­siv gestärkt. Dabei hatte das Thema Bur­nout von Ärz­ten und Pfle­ge­kräf­ten im US-ame­ri­ka­ni­schen Gesund­heits­we­sen bereits vor Corona Kri­sen­sta­tus erreicht – und wurde in Fach­krei­sen längst the­ma­ti­siert. Denn schon seit vie­len Jah­ren sind die Bur­nout-Zah­len in Gesund­heits­be­ru­fen höher als in der Gesamt­be­völ­ke­rung. Im Jahr 2019 ermit­tel­ten die Natio­nal Aca­de­mies of Medi­cine, dass 54 Pro­zent der US-ame­ri­ka­ni­schen Ärzte und Kran­ken­schwes­tern von Bur­nout betrof­fen sind, bei Medi­zin­stu­den­ten und Ärz­tin in der Fach­arzt­aus­bil­dung sind es sogar 60 Pro­zent, wenn die Arbeits­be­las­tung beson­ders hoch ist. Auch die Sui­zid­rate bei Ärz­tin­nen und Ärz­ten ist in den USA hoch. Irgend­wann spitzte sich die Situa­tion der­ma­ßen zu, dass US-ame­ri­ka­ni­sche Gesund­heits­ein­rich­tun­gen und Fach­ge­sell­schaf­ten Maß­nah­men setz­ten, um Ärzte bes­ser davor zu schüt­zen, ein Bur­nout zu erlei­den. Coa­ching-Pro­gramme wur­den instal­liert, die Ver­ant­wor­tung durch die Stär­kung der Team­ar­beit gesplit­tet, den Ärz­ten mehr Zeit am Pati­en­ten­bett gege­ben, Arbeits­ab­läufe kor­ri­giert und die Nut­zer­freund­lich­keit von IT-Sys­te­men ver­bes­sert. Dar­über hin­aus stell­ten einige renom­mierte Ein­rich­tun­gen „Chief Well­ness Offi­cer“ ein. Deren ein­zige Auf­gabe besteht darin, das Wohl­be­fin­den des Gesund­heits­per­so­nals in den Mit­tel­punkt der Unter­neh­mens­kul­tur und Unter­neh­mens­stra­te­gie zu stel­len. Diese Ver­än­de­run­gen zeig­ten erste Erfolge: Als die Pan­de­mie über das Land her­ein­brach, waren erste durch­grei­fende Sys­tem­än­de­run­gen im Gange, die Bur­nout-Zah­len gar rück­läu­fig (siehe Kasten).

titu­tio­nen ver­such­ten mit zusätz­li­chen Maß­nah­men, das Gesund­heits­per­so­nal vor den beson­de­ren Belas­tun­gen ihres Beru­fes zu schüt­zen – teils auf­bau­end auf den Erfah­run­gen und Struk­tu­ren, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren geschaf­fen wur­den. Einen beson­de­ren Weg hat dabei etwa das Mount Sinai Kran­ken­haus in New York ein­ge­schla­gen. Bereits seit April 2020 gibt es dort das Mount Sinai Cen­ter for Stress, Resi­li­ence and Per­so­nal Growth. Es ist dar­auf aus­ge­rich­tet, den nega­ti­ven Ein­fluss der Corona-Pan­de­mie auf die men­tale Gesund­heit der Mit­ar­bei­ter zu adres­sie­ren. Zu den Unter­stüt­zungs­an­ge­bo­ten zäh­len etwa eine App, die den per­sön­li­chen Angst- und Stress­le­vel ermit­telt, zahl­rei­che Resi­li­enz-Work­shops und Ein­zel­trai­nings. New York war eines der Epi­zen­tren der Corona-Pan­de­mie in den USA. „Wir haben die Her­aus­for­de­run­gen gese­hen, die sich in unse­ren acht Kran­ken­häu­sern und der medi­zi­ni­schen Fakul­tät wäh­rend und nach der COVID-19-Pan­de­mie abspiel­ten. Wir ver­ste­hen das Trauma und die Trauer über den Ver­lust von Pati­en­ten sowie die Ängste und Sor­gen um unsere Gesund­heit und die Gesund­heit unse­rer Fami­li­en­mit­glie­der“, heißt es auf der Inter­net­seite des Zentrums.

Erfah­run­gen aus 9/11-Anschlä­gen

Bei der Arbeit hel­fen die Erfah­run­gen, die im Zuge der Beglei­tung von trau­ma­ti­sier­ten Erst­hel­fern nach den Anschlä­gen auf das World Trade Cen­ter gemacht wur­den. Die Ein­rich­tung setzt auf die „Ent­wick­lung evi­denz­ba­sier­ter Inter­ven­tio­nen zur Unter­stüt­zung unse­rer Mit­ar­bei­ter, indem wir ihnen Werk­zeuge zur Bewäl­ti­gung anhal­ten­der Stress­fak­to­ren in ihrem Leben an die Hand geben“. Bei­spiele für wei­tere Initia­ti­ven an ande­ren Häu­sern sind laut der Ame­ri­can Hos­pi­tal Asso­cia­tion (AMA): Webi­nare zur Stär­kung der men­ta­len Gesund­heit wäh­rend der COVID-19-Pan­de­mie, nie­der­schwel­lige Sofort­hilfe für Ärzte durch geschulte Kräfte im aku­ten Kri­sen­fall, die Schaf­fung von Relax- und Well­ness­zo­nen für die Mit­ar­bei­ter, um Abstand vom Arbeits­stress zu bekom­men. Neben Initia­ti­ven zur Stär­kung der men­ta­len Gesund­heit wur­den auch soziale Initia­ti­ven gestar­tet. So unter­stüt­zen man­che Kran­ken­häu­ser ihre Teams bei Orga­ni­sa­tion und Ein­kauf von Mahl­zei­ten und Nah­rungs­mit­teln, damit die Mit­ar­bei­ter ihre eige­nen Bedürf­nisse nicht aus den Augen ver­lie­ren. Einige Häu­ser stel­len nach Anga­ben der AMA sogar Wohn­mög­lich­kei­ten zur Ver­fü­gung, damit Ärzte und Pfle­ge­kräfte keine lan­gen Stre­cken bewäl­ti­gen und nicht Angst haben müs­sen, ihre Fami­li­en­mit­glie­der in Gefahr zu bringen.

Die Ame­ri­can Medi­cal Asso­cia­tion, die sich seit vie­len Jah­ren im Kampf gegen ärzt­li­chen Bur­nout enga­giert, warnt vor den weit­rei­chen­den Fol­gen der Corona-Pan­de­mie auf die psy­chi­sche Gesund­heit nicht nur der US-Bevöl­ke­rung, son­dern auch der Ärzte. Es sei inzwi­schen eine „Schat­ten­pan­de­mie“ im Gange. „Unsere Mit­ar­bei­ter im Gesund­heits­we­sen ertra­gen wirk­lich viel. Sie sind Teil der Schat­ten­pan­de­mie“, sagte AMA-Mit­glied Eileen Bar­rett kürz­lich in einem Webi­nar, das unter dem Thema „Schat­ten­pan­de­mie: Psy­chi­sche Aus­wir­kun­gen von COVID-19 auf Pati­en­ten und das Pfle­ge­team“ stand. Bar­rett wies auf ein wei­te­res gro­ßes Pro­blem in der US-ame­ri­ka­ni­schen Medi­zin hin: „Kul­tu­rell fällt es uns in der Medi­zin oft schwer, auf­ein­an­der auf­zu­pas­sen und uns auch um uns selbst zu küm­mern.“ Es sei an der Zeit, offen über die psy­chi­schen Belas­tun­gen des Arzt­be­ru­fes zu reden und Stigma und Hür­den aus dem Weg zu räu­men, die Ärzte nicht sel­ten daran hin­der­ten, sich Hilfe zu suchen.


Bur­nout-Raten in den USA

In den ers­ten Mona­ten der Pan­de­mie haben sich die lan­des­wei­ten Bur­nout-Raten bei Ärz­tin­nen und Ärz­ten ver­bes­sert. Im Ver­gleich zu den Jah­ren 2011, 2014 und 2017 zeig­ten im Herbst 2020 weni­ger Ärzte Sym­ptome von emo­tio­na­ler Erschöp­fung. Zu die­sem Ergeb­nis kommt eine Stu­die, die in Zusam­men­ar­beit von Ame­ri­can Medi­cal Asso­cia­tion, Mayo Cli­nic und Stan­ford Uni­ver­sity School of Medi­cine durch­ge­führt und für die mehr als 7.500 Ärzte befragt wurden.

Das Ergeb­nis: Im Jahr 2020 berich­te­ten 38,2 Pro­zent der Befrag­ten von min­des­tens einem Sym­ptom von Bur­nout. Im Jahr 2017 waren es noch 43,9 Pro­zent, im Jahr 2014 waren es sogar 54,4 Pro­zent und 45,5 Pro­zent im Jahr 2011. Aller­dings: Die Stu­die zeigte eine Ver­bes­se­rung für die gesamte Ärz­te­schaft. Aus­ge­nom­men davon waren die­je­ni­gen Ärz­te­grup­pen, die beson­ders stark mit COVID-19-Pati­en­ten kon­fron­tiert waren: Ärzte in den Not­auf­nah­men der Kran­ken­häu­ser, Spi­tals­ärzte, Infek­tio­lo­gen und Inten­siv­me­di­zi­ner. Zuneh­mend Stress-Sym­ptome mel­de­ten außer­dem Ärzte, die sich durch unsach­ge­mäße Arbeits­klei­dung nicht rich­tig geschützt fühl­ten sowie Ärzte, deren Ordi­na­tio­nen starke wirt­schaft­li­che Ein­bu­ßen durch die Pan­de­mie erlitten.

Als Erklä­rung dafür, dass die Bur­nout-Gesamt­zah­len im ers­ten Pan­de­mie-Jahr zurück­ge­gan­gen sind, wer­den ver­schie­dene Punkte genannt. Dazu zählt etwa, dass vie­len Ärz­ten ihre Arbeit wie­der bedeut­sam und sinn­voll erschien, Tele­me­di­zin ver­stärkt ein­ge­setzt wer­den konnte, viele Doku­men­ta­ti­ons­pflich­ten und Regu­la­rien weg­ge­fal­len waren, Team­ar­beit bes­ser funk­tio­nierte und – in eini­gen Berei­chen – die Arbeits­be­las­tung sogar sank. Die Exper­ten haben noch einige wei­tere Erklä­rungs­an­sätze für den Rück­gang der Bur­nout-Zah­len: Die zahl­rei­chen Schritte, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren gesetzt wur­den, um dem Pro­blem des ärzt­li­chen Bur­nouts im US-Gesund­heits­sys­tem ent­ge­gen­zu­tre­ten, hät­ten Wir­kung gezeigt. Was dabei jeden­falls zu berück­sich­ti­gen ist: Zu dem Zeit­punkt, als die Stu­die lan­des­weit durch­ge­führt wurde, hatte sich die Pan­de­mie in den USA noch nicht flä­chen­de­ckend aus­ge­brei­tet. Dies könnte Effekte auf die Ergeb­nisse der Befra­gung gehabt haben.


© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 13–14 /​15.07.2022