Ulcus cru­ris und Deku­bi­tus – Gesamt­heit­lich betrachten

15.12.2022 | Medizin

Wie bei ande­ren chro­ni­schen Wun­den geht es bei der The­ra­pie von Deku­bi­tus und Ulcus cru­ris nicht nur um die Wunde, son­dern um das Gesamt­bild. So haben Per­so­nen mit Wund­hei­lungs­stö­run­gen oft ein Eiweiß­de­fi­zit. Wei­tere Risi­ko­fak­to­ren sind Eisen­man­gel und Zinkmangel.

Mar­tin Schiller

Der Ernäh­rungs­zu­stand kann ein wesent­li­cher Fak­tor für die schlechte Wund­hei­lung von Ulcus cru­ris und Deku­bi­tus sein. „Eine gute Nähr­stoff­ver­sor­gung ist wesent­lich für die Hei­lung von chro­ni­schen Wun­den“, betont Bar­bara Bin­der von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Der­ma­to­lo­gie und Venero­lo­gie der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Graz. Vor allem die Eiweiß­ver­sor­gung spiele eine bedeu­tende Rolle. „Viele Men­schen mit Wund­hei­lungs­stö­run­gen haben ein Pro­te­in­de­fi­zit.“ Risi­ko­fak­to­ren für die Ver­zö­ge­rung der Wund­hei­lung seien außer­dem Zink- und Eisen­man­gel. „Ein Eisen­man­gel begüns­tigt das Auf­tre­ten einer Anämie, die wie­derum die Wund­hei­lung ver­zö­gert.“ Auch Vit­amine sind für die Wund­hei­lung not­wen­dig, wobei laut Bin­der vor allem Vit­amin C als wich­ti­ger Fak­tor dis­ku­tiert wird. „Auf­neh­men sollte man all diese Nähr­stoffe mög­lichst über natür­li­che Nah­rungs­mit­tel. Bei einer ver­zö­ger­ten Wund­hei­lung sollte der Eisen- und Eiweiß­sta­tus, HbA1c sowie die Nie­ren­werte bestimmt wer­den. Bei Erwä­gung einer Sup­ple­men­tie­rung von Eiweiß mit­tels For­mula-Nah­rung muss die Nie­ren­funk­tion berück­sich­tigt wer­den“, rät Binder.

Ulcus cru­ris: vasku­läre Pathologie

„Die am häu­figs­ten auf­tre­tende Form ist Ulcus cru­ris veno­sum mit einem Anteil von rund 70 Pro­zent der Fälle. Die zweit­häu­figste Gruppe ist mit 20 Pro­zent Ulcus cru­ris arte­rio­sum. Bei zehn Pro­zent sind venöse und arte­ri­elle Gefäße betrof­fen, es liegt also ein Ulcus cru­ris mix­tum vor“, sagt Bin­der. Der erste Schritt bei der Dia­gnos­tik sei die Fest­stel­lung, ob die Genese venös oder arte­ri­ell ist. Ein wich­ti­ger Anhalts­punkt: „Hat ein Pati­ent gleich­zei­tig auch Vari­zen, kann man von einer venö­sen Ursa­che aus­ge­hen“, erklärt Bin­der. Und wei­ter: „Auch wenn sich eine Geh­stre­cke von 500 Metern ohne Clau­di­ca­tio inter­mit­tens bewäl­ti­gen lässt, kann eine kli­nisch rele­vante arte­ri­elle Ursa­che weit­ge­hend aus­ge­schlos­sen wer­den.“ Bei Ver­dacht auf eine peri­phere arte­ri­elle Ver­schluss­krank­heit (pAVK) biete der arte­ri­elle Dopp­ler-Index eine gute Mög­lich­keit für eine erste Abklä­rung. „Der systo­li­sche Blut­druck wird an Armen und Bei­nen beid­sei­tig gemes­sen. Liegt der arte­ri­elle Dopp­ler-Index über 1,0, kann eine arte­ri­elle Durch­blu­tungs­stö­rung als Ursa­che des Ulcus cru­ris weit­ge­hend aus­ge­schlos­sen werden.“

Sys­tem­er­kran­kun­gen als mög­li­che Ursa­che soll­ten in der Ana­mnese erho­ben wer­den. „Ulcus cru­ris kann das Sym­ptom einer ter­mi­na­len Nie­ren­in­suf­fi­zi­enz sein und tritt oft bei Dia­lyse-Pati­en­ten auf“, erklärt Bin­der. Ulcera kön­nen auch im Rah­men der Der­ma­tose Pyo­derma gang­ra­eno­sum vor­lie­gen, die häu­fig mit Auto­im­mun­krank­hei­ten, rheu­ma­to­lo­gi­schen Erkran­kun­gen oder chro­nisch-ent­zünd­li­chen Darm­er­kran­kun­gen asso­zi­iert ist.

Wei­tere Dif­fe­ren­ti­al­dia­gno­sen sind unter ande­rem Necro­bio­sis lipo­i­dica und – vor allem in höhe­rem Alter – das Basal­zell­kar­zi­nom. Ein wich­ti­ger Punkt der Ana­mnese betrifft die all­er­go­lo­gi­sche Vor­ge­schichte, da „bei bis zu 70 Pro­zent der Ulcus-cru­ris-Pati­en­ten eine Kon­takt­sen­si­bi­li­sie­rung besteht“, wie Bin­der berich­tet. Dies gelte es auch bei der Aus­wahl von Pfle­ge­pro­duk­ten für die Haut zu bedenken.

Gesamt­bild entscheidend

Für die The­ra­pie des Ulcus cru­ris gibt es so wie auch für andere chro­ni­sche Wun­den ein Credo: „Es geht nicht nur um die Wunde, son­dern um das Gesamt­bild.“ Daher müsse eine Kau­sal­the­ra­pie in Kom­bi­na­tion mit einer Lokalthe­ra­pie in Form moder­ner Wund­be­hand­lung erfolgen.

Stan­dard in der moder­nen Wund­ver­sor­gung ist die feuchte Wund­be­hand­lung. Die Wund­auf­la­gen müs­sen dabei der Exsu­dat-Menge ange­passt wer­den. „Das Milieu soll feucht sein, der Ver­band darf aber nicht nass wer­den. Andern­falls muss ein Ver­band mit einer höhe­ren Saug­fä­hig­keit ver­wen­det wer­den“, erklärt Bin­der die obers­ten Prin­zi­pien des Exsu­da­ti­ons­ma­nage­ments. Ein wei­te­rer zu beach­ten­der Fak­tor ist die Infek­ti­ons­pro­phy­laxe. Dafür ste­hen anti­sep­ti­sche und anti­mi­kro­bielle Lösun­gen und ent­spre­chende Wund­ver­bände für den kurz­zei­ti­gen Ein­satz zur Ver­fü­gung. Bin­der ver­weist auf eine ‚Red flag‘: „Kri­tisch ist die Keim­be­las­tung der Wunde zu sehen, wenn es zu üblem Geruch, Schmer­zen und schmie­ri­ger Sekre­tion kommt.

In die­sem Fall muss sofort eine anti­sep­ti­sche und anti­bak­te­ri­elle Lokalthe­ra­pie durch­ge­führt wer­den.“ Die „wich­tigste“ (Bin­der) Säule bei der The­ra­pie des Ulcus cru­ris veno­sum ist die Kom­pres­sion. „Im Fall eines arte­ri­el­len Ulcus cru­ris darf jedoch nicht kom­pri­miert wer­den“, sagt Binder.

Vari­zen­be­hand­lung als Ulcusprävention

Durch früh­zei­tige Abklä­rung und Behand­lung von Beschwer­den in den Bei­nen lässt sich ein spä­te­res Ulcus cru­ris ver­hin­dern. Bin­der erläu­tert dies anhand von zwei prak­ti­schen Beispielen:

  • „Hat ein 45-Jäh­ri­ger Vari­zen, sind initial Kom­pres­si­ons­strümpfe der Klasse 2 emp­foh­len. Fol­gen sollte eine genaue Abklä­rung der Vari­zen und/​oder eine inva­sive kau­sale The­ra­pie als Prä­ven­tion einer chro­nisch venö­sen Insuffizienz.“
  • „Die chro­nisch-venöse Insuf­fi­zi­enz (CVI) kann sich kli­nisch zu Beginn in einer Schwellungsn

Lokalthe­ra­pie mit M.O.I.S.T.
Als Ori­en­tie­rungs­hilfe für die Lokalthe­ra­pie chro­ni­scher Wun­den dient das Behand­lungs­kon­zept M.O.I.S.T. Es ist eine Wei­ter­ent­wick­lung des lange bewähr­ten T.I.M.E.-Konzepts.

Die Buch­sta­ben ste­hen für:
Mois­ture balance; Exsudat­ma­nage­ment: Feuch­tig­keits­ba­lance als Gold­stan­dard in der Behand­lung chro­ni­scher Wunden.Oxygen balance: Behand­lungs­op­tio­nen zur Wie­der­her­stel­lung der Sauer­stoff­ba­lance, da Hypo­xie in der Patho­phy­sio­lo­gie chro­ni­scher Wun­den eine wesent­li­che Rolle spielt.

  • Infec­tion con­trol: beschreibt sämt­li­che anti­mi­kro­bielle Strategien
  • Sup­port: Unter­stüt­zung des Wund­hei­lungs­pro­zes­ses durch Modi­fi­ka­tion von Ent­zün­dungs­me­dia­to­ren, Matrix­me­tallo­pro­teinasen (MMP), ph-Wert oder Wachstumsfaktoren
  • Tis­sue manage­ment: umfasst alle Maß­nah­men der Wund­rei­ni­gung und des Debridements

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 23–24 /​15.12.2022