Sucht­po­ten­tial von Ben­zo­dia­ze­pi­nen: Nicht Prä­pa­rat, son­dern Person

16.08.2022 | Medizin

Das Sucht­po­ten­tial von Ben­zo­dia­ze­pi­nen liegt nicht im Prä­pa­rat, son­dern in der Per­son. Beson­ders betrof­fen sind jene, die auch von ande­ren Sub­stan­zen abhän­gig sind. Außer­dem ist eine Niedrigdosis­Abhängigkeit mög­lich: Es kommt zur phy­si­schen und psy­chi­schen Abhän­gig­keit ohne Dosissteigerung.

Manuela‑C. War­scher

Die Prä­va­lenz bei der Abhän­gig­keit von Seda­tiva und Hyp­no­tika liegt bei etwa zwei Pro­zent. Ben­zo­dia­ze­pine und Non­Benzodiazepin­ Hyp­no­tika (Z­Drugs) sind davon beson­ders betrof­fen, da sie ihre Wir­kung über die inhi­bi­to­ri­schen GABA­Rezeptoren ent­fal­ten und eine erheb­li­che Tole­ranz indu­zie­ren kön­nen. Dadurch kommt es zu Dosis­stei­ge­run­gen, phy­si­scher und psy­chi­scher Abhän­gig­keit, Kon­troll­ver­lust und Ent­zugs­sym­pto­men. Psych­ia­tri­sche und psy­cho­so­ma­ti­sche Krank­heits­bil­der wie Angst­ und Schlaf­stö­run­gen sind prä­dis­po­nie­rende Fak­to­ren. „Das Sucht­po­ten­tial von Ben­zo­dia­ze­pi­nen liegt aller­dings nicht im Prä­pa­rat, son­dern in der Per­son“, betont Univ. Prof. Michael Lehofer von der Abtei­lung von Psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie 1 der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Graz. Eine Abhän­gig­keit ent­wi­ckel­ten – so rezente Stu­dien – näm­lich meist Per­so­nen, die auch von ande­ren Sub­stan­zen wie Alko­hol, Opi­aten oder Hyp­no­tika abhän­gig sind. Außer­dem müsse auch immer zwi­schen kör­per­li­cher und psy­chi­scher Abhän­gig­keit unter­schie­den wer­den. „Abhän­gig­keit wird signi­fi­kant von psy­cho­lo­gi­schen Fak­to­ren begüns­tigt. Ein Schmerz­pa­ti­ent wird über das Abset­zen von Opi­aten froh sein, ein Pati­ent mit Schlaf­pro­ble­men unter Ben­zo­dia­ze­pi­nen weni­ger“, führt Lehofer aus.

Ben­zo­dia­ze­pine kom­men seit vie­len Jah­ren als Schlaf­mit­tel, krampf­lö­sen­des Arz­nei­mit­tel, Tran­qui­li­zer oder Mus­kel­re­la­xan­tien zum Ein­satz. Die Zahl der Ver­ord­nun­gen ist bei Frauen deut­lich höher als bei Män­nern und nimmt als Lang­zeit­ver­ord­nun­gen mit dem Alter expo­nen­ti­ell zu. Die emp­foh­lene Ver­schrei­bungs­dauer werde – obwohl „Ben­zo­dia­ze­pine pri­mär ein idea­les Arz­nei­mit­tel für den Not­fall, vor allem bei psych­ia­tri­schen Indi­ka­tio­nen“ sind ­, häu­fig nicht ein­ge­hal­ten, so Univ. Doz. Michael Wil­lis vom Depart­ment für Psych­ia­trie, Psy­cho­the­ra­pie, Psy­cho­so­ma­tik und Medi­zi­ni­sche Psy­cho­lo­gie der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Inns­bruck. Dem­nach sollte eine Ein­nahme bei Schlaf­stö­run­gen die Dauer von vier Wochen und jene bei Angst­stö­run­gen acht Wochen nicht über­schrei­ten. „Vor einem Ein­satz des Arz­nei­mit­tels bei Schlaf­stö­run­gen ist eine psy­choe­du­ka­tive Schu­lung des Pati­en­ten ange­zeigt“, so Wil­lis. Dabei soll­ten Fak­to­ren wie Schlaf­hy­giene ebenso the­ma­ti­siert wer­den und Miss­ver­ständ­nisse hin­sicht­lich der tat­säch­li­chen Schlaf­dauer müs­sen aus­ge­räumt wer­den. „Viele Pati­en­ten sind der Ansicht, dass sie wesent­lich mehr Schlaf benö­ti­gen wür­den als not­wen­dig.“ Der Experte emp­fiehlt, grund­sätz­lich vor jeder poten­ti­el­len Benzodiazepin­Verordnung Alter­na­ti­ven in Erwä­gung zu zie­hen. „Bei­spiels­weise sind Anti­de­pres­siva bei Schlaf­stö­run­gen eine Option, auch wenn die Wirk­sam­keit weni­ger gut als bei Ben­zo­dia­ze­pi­nen ist, oder eine Kom­bi­na­tion aus Ver­hal­tens­the­ra­pie und Anti­de­pres­siva bei Angststörungen.“

Beginn als Langzeitkonsum

Das Pro­blem der Abhän­gig­keit beginnt mit dem Lang­zeit­kon­sum von Ben­zo­dia­ze­pi­nen und einer damit ein­her­ge­hen­den Dosis­stei­ge­rung. Die Gefähr­dung nimmt nach der emp­foh­le­nen Ein­nah­me­dauer von vier Wochen kon­stant zu, ist aber von Pati­ent zu Pati­ent unter­schied­lich. Schät­zun­gen zufolge sind aktu­ell etwa 140.000 Öster­rei­cher von Beruhigungs­ und Schlaf­mit­teln abhän­gig. Häu­fig tritt die ursprüng­li­che Indi­ka­tion wie Angst­stö­rung in den Hin­ter­grund und das Arz­nei­mit­tel wird ein­ge­nom­men, um die Funk­ti­ons­fä­hig­keit zu erhal­ten und Ent­zugs­sym­ptome zu lin­dern. Lehofer bestä­tigt, dass die „angst­lö­sende Kom­po­nente die pri­märe Abhän­gig­keits­ur­sa­che“ ist. Und wei­ter: „Je weni­ger der Pati­ent das Prä­pa­rat braucht, um angst­frei zu sein, umso gerin­ger ist auch die Abhän­gig­keits­ge­fähr­dung.“ Dabei ist das Such­t­ri­siko zwar bei rasch anflu­ten­den Sub­stan­zen wie Flu­ni­tra­ze­pam deut­lich erhöht, kann aber auch bei Z­Substanzen auf­tre­ten. Außer­dem kann es bei Ben­zo­dia­ze­pi­nen zur Niedrigdosis­Abhängigkeit kom­men, bei der die psy­chi­sche und phy­si­sche Abhän­gig­keit ohne Dosis­stei­ge­rung auftritt.

Alter­na­ti­ven beim Absetzen

Ähn­lich wie bei der the­ra­peu­ti­schen Stra­te­gie sollte auch beim Abset­zen von Ben­zo­dia­ze­pi­nen auf Alter­na­ti­ven zurück­ge­grif­fen wer­den. „Das Dilemma ist aber, dass ein Pati­ent, der sich ein­mal an die rasche Wir­kung von Ben­zo­dia­ze­pi­nen gewöhnt hat, selbst kein Inter­esse hat, davon wie­der weg zu kom­men“, erklärt Wil­lis. Ledig­lich 13 Pro­zent der Betrof­fe­nen schaf­fen nach einem Jahr Ben­zo­dia­ze­pin-Ein­nahme den Ent­zug; lang­fris­tig kann nur ein Drit­tel ohne das Arz­nei­mit­tel aus­kom­men. Denn: In nied­ri­gen Dosen sind mit der Ein­nahme kaum Neben­wir­kun­gen ver­bun­den. Diese tre­ten erst in höhe­ren Dosen auf. „Dabei ist nicht nur das Sturz­ri­siko vor allem beim ger­ia­tri­schen Pati­en­ten erhöht, auch das Demenz­ri­siko steigt an“, berich­tet Willis.

Das Abset­zen von Ben­zo­dia­ze­pi­nen dau­ert min­des­tens so lange wie die The­ra­pie. „Ein Jahr Behand­lung bedeu­tet ein Jahr Aus­schlei­chen“, sagt Lehofer. Dabei wird die Dosis schritt­weise in Inter­val­len von ein oder zwei Wochen redu­ziert. Wil­lis warnt aller­dings davor, den Ent­zug län­ger als ein hal­bes Jahr durch­zu­füh­ren, da „er sonst zum Fokus des Pati­en­ten“ werde. „Mit dem letz­ten Rest muss man sich extrem viel Zeit las­sen“, ergänzt Lehofer. Der Pati­ent sollte dabei mit einem Mes­ser die täg­li­che win­zige Dosis von der Tablette abschnei­den.“ Die­ser letzte Inter­vall­schritt sei von wesent­lich stär­ke­ren Sym­pto­men beglei­tet als alle Schritte zuvor. Sym­ptome kön­nen aber auch Monate oder Jahre nach einem erfolg­rei­chen Ent­zug wie­der auf­tre­ten. Dann sei es laut dem Exper­ten „beson­ders schwer“, diese retar­dier­ten Ent­zugs­sym­ptome wie depres­si­ons­ar­tige Zustände oder Ängste kor­rek­ter­weise mit der ver­gan­ge­nen Ben­zo­dia­ze­pine-Ein­nahme in Ver­bin­dung zu brin­gen. Lehofer dazu: „Die Sym­ptome tre­ten wie­der stär­ker auf und die Unter­schei­dung zwi­schen Abhän­gig­keits- und Krank­heits­sym­pto­men ist häu­fig nicht möglich.“


Auf einen Blick

1) Ben­zo­dia­ze­pine und Non-Ben­zo­dia­ze­pin-Hyp­no­tika (Z‑Drugs) kön­nen über die inhi­bi­to­ri­sche GABA-Wir­kung erheb­li­che Tole­ranz indu­zie­ren. Sie sind Not­fall-The­ra­peu­tika; keine Langzeitverschreibungen!
2) Die Ver­ord­nung sollte vier Wochen bei Schlaf­stö­run­gen und acht Wochen bei Angst nicht über­schrei­ten. The­ra­peu­ti­sche Alter­na­ti­ven erwägen!
3) Bei Abhän­gig­keit tritt die Ursprungs­in­di­ka­tion in Hin­ter­grund: Das Arz­nei­mit­tel wird gegen den Ent­zug und für die Auf­recht­erhal­tung der Funk­ti­ons­fä­hig­keit eingenommen.
4) Die For­mel beim Aus­schlei­chen lau­tet „Dauer der The­ra­pie ist Dauer des Ent­zugs“. Auch noch nach Jah­ren kön­nen Ent­zugs­sym­ptome auftreten.


© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 15–16 /​15.08.2022