Endo­me­triose: Nicht eindeutig

11.10.2022 | Medizin

Da es kein patho­gno­mo­ni­sches Sym­ptom gibt, das ein­deu­tig auf Endo­me­triose hin­weist, wird die Erkran­kung nach wie vor spät dia­gnos­ti­ziert. Auch fin­det man bei 50 Pro­zent der Frauen mit uner­füll­tem Kin­der­wunsch eine Endometriose.

Julia Fleiß

Mit der Tat­sa­che, dass es „kein patho­gno­mo­ni­sches Sym­ptom gibt, das ein­deu­tig auf eine Endo­me­triose hin­weist“, erklärt Univ. Prof. René Wenzl vom Endo­me­trio­se­zen­trum der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien die nied­rige Dia­gno­se­rate die­ser Erkrankung.

„Endo­me­triose beginnt oft mit star­ken Schmer­zen wäh­rend der Peri­ode. Wenn die Krank­heit fort­schrei­tet und sich Herde außer­halb der Gebär­mut­ter bil­den, haben Betrof­fene auch abseits der Peri­ode Schmer­zen und brin­gen sie oft nicht mehr mit dem Zyklus in Ver­bin­dung“, schil­dert Univ. Prof. Peter Oppelt, MBA vom Endo­me­trio­se­zen­trum am Kep­ler Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Linz. Klas­si­sche Beschwer­den sind der Bläh­bauch und extrem starke Peri­oden. Für die Dia­gnose rei­chen bei 90 Pro­zent aller Pati­en­tin­nen Ana­mnese, die gynä­ko­lo­gi­sche Tast­un­ter­su­chung und eine Sono­gra­phie des Bauch­raums. „Drei von vier Endo­me­trio­se­ar­ten kann der Experte im Ultra­schall erken­nen“, ver­si­chert Wenzl. Sind dabei keine Zyste am Eier­stock, keine tief­in­fil­trie­rende Endo­me­triose oder Ade­no­myose sicht­bar, kann eine peri­to­neale Endo­me­triose laparo­sko­pisch dia­gnos­ti­ziert und behan­delt wer­den. Dies gilt für rund ein Drit­tel der Pati­en­tin­nen, die mit ent­spre­chen­den Sym­pto­men zum Arzt kom­men. Wenzl weist auch auf zahl­rei­che sym­ptom­freie Betrof­fene hin: „Man fin­det auch bei vie­len asym­pto­ma­ti­schen Frauen kleine Ver­än­de­run­gen. Diese sind aber kli­nisch nicht relevant.“

Wenzl emp­fiehlt, die Lebens­qua­li­tät der Pati­en­tin als Maß­stab für die Behand­lung zu neh­men: „Es gibt Betrof­fene, die auf­grund ihrer Schmer­zen nicht arbeits­fä­hig sind. Ziel ist es, der Pati­en­tin mit mög­lichst ein­fa­chen Mit­teln die Kon­trolle über ihr Leben zurück­zu­ge­ben, ohne dass sie stän­dig an eine Behand­lung oder an ope­ra­tive Ein­griffe den­ken muss.“ Daher wird eine mul­ti­modale The­ra­pie ange­bo­ten, die von Schmerz­the­ra­pie über Ernäh­rungs­emp­feh­lun­gen bis hin zur Aku­punk­tur rei­chen. „Wenn man mit Schmerz­mit­teln wäh­rend der Peri­ode keine signi­fi­kante Bes­se­rung erreicht, kann die Ver­schrei­bung einer Anti­ba­by­pille im Lang­zy­klus oder der Ein­satz einer Hor­mon­spi­rale vie­len Frauen sehr gut hel­fen“, berich­tet Oppelt. Bei schwe­ren Endo­me­triose-Fäl­len emp­fiehlt er jeden­falls, die Betrof­fene an ein Spe­zi­al­zen­trum zu überweisen.

Auch wenn es ver­schie­dene – noch immer nicht bewie­sene – Theo­rien gibt, wisse man noch immer nichts Genaues über die Ent­ste­hung der Endo­me­triose, räumt Oppelt ein. „Fakt ist, dass wir Zel­len, die dem Endo­me­trium ähneln, außer­halb der Gebär­mut­ter fin­den.“ Diese sen­den Boten­stoffe aus, die Schmerz­reize aus­lö­sen, oder sie füh­ren durch Ver­nar­bung zu einem schmerz­haf­ten Zug. „Bei Pati­en­ten, deren Schmer­zen auf die Zeit der Peri­ode beschränkt sind, geht man davon aus, dass diese Herde, die Ver­nar­bun­gen oder Zel­len mit blu­ti­gem Inhalt sein kön­nen, in der Gebär­mut­ter sit­zen. Wenn sie sich zusam­men­zieht, ver­ur­sacht das die Schmer­zen“, erklärt Oppelt. Die für Wenzl am bes­ten nach­voll­zieh­bare Endo­me­triose-Theo­rie: „Die­ses Endo­me­trium wurde über die Tuben aus­ge­schwemmt und setzt sich im Bauch­raum fest.“

Typisch sind: Schmer­zen beim Harn­las­sen, was einen Befall der Blase nahe­legt, Schmer­zen beim Stuhl­gang, wenn der Darm betrof­fen ist, Schmer­zen beim Geschlechts­ver­kehr, Unter­bauch­schmer­zen wäh­rend der Regel und auch nicht in zeit­li­chem Zusam­men­hang damit. Dau­ern die Beschwer­den ein­zeln oder in Kom­bi­na­tion auf­tre­tend län­ger als drei bis sechs Monate und die Schmerz­in­ten­si­tät beein­träch­tigt die Lebens­qua­li­tät, sind die Kri­te­rien für die Dia­gnose „Endo­me­triose“ erfüllt.

Die laparo­sko­pi­sche Ent­fer­nung der Herde führt zur unmit­tel­ba­ren Bes­se­rung der Sym­ptome. „Die Rezi­div­rate nach der chir­ur­gi­schen Ent­fer­nung liegt nicht höher als zehn Pro­zent“, bestä­tigt Wenzl. Ganz gene­rell fin­den sich Endo­me­triose-Herde häu­fi­ger in der Nähe der Gebär­mut­ter. Je wei­ter weg ein Organ ist, desto sel­te­ner ist es von Endo­me­triose betrof­fen. Ana­to­misch bedingt sind die Tuben häu­fig betrof­fen; erst der dadurch ver­ur­sachte uner­füllte Kin­der­wunsch führt die Bttrof­fe­nen zum Arzt, der dann die Dia­gnose Endo­me­triose stellt.

Kin­der­wunsch trotz Endometriose? 

Bleibt der Kin­der­wunsch mehr als drei bis sechs Monate uner­füllt, gilt es zunächst, den Hor­mon­sta­tus der Pati­en­tin sowie den Samen­be­fund des Part­ners zu erhe­ben. „Wenn sich da keine Auf­fäl­lig­kei­ten zei­gen, zeigt sich bei der Unter­su­chung der Tuben oft eine tief­in­fil­trie­rende Endo­me­triose oder eine Zyste“, erklärt Wenzl. Und wei­ter: „Man sagt: Bei 50 Pro­zent der Frauen mit uner­füll­tem Kin­der­wunsch fin­det man Endo­me­triose.“ Nach der Dia­gnose folgt eine indi­vi­du­ell auf die Frau abge­stimmte Behand­lung. „Ist der Druck auf­grund des Alters oder der Schmer­zen so hoch, dass man sofort chir­ur­gisch saniert, oder gibt es die Mög­lich­keit, die Pati­en­tin zunächst hor­mo­nell zu behan­deln und danach eine spon­tane Schwan­ger­schaft oder künst­li­che Befruch­tung anzu­stre­ben?“ – das sind laut Oppelt die ent­schei­den­den Fra­gen zu den Behand­lungs­op­tio­nen. Wenzl ergänzt: „Ent­fernt man die Endo­me­triose-Inseln, erhöht.


Die vier For­men der Endometriose

1) Endo­me­triom (Zyste am Ovar)
2) Die tief­in­fil­trie­rende Endo­me­triose (dringt ver­nar­bend tief ins Gewebe hin zum Darm oder zur Blase ein)
3) Ade­no­myose (Endo­me­triose in der Gebärmuttermuskulatur)
4) Peri­to­neale Endometriose

Im Ver­gleich zu den drei erst­ge­nann­ten For­men, die im Ultra­schall erkenn­bar sind, kann die peri­to­neale Endo­me­triose nur laparo­sko­pisch dia­gnos­ti­ziert werden.

Ent­ste­hungs­theo­rien

  • Trans­plan­ta­ti­ons­theo­rie: Bei der retro­gra­den Mens­trua­tion gelan­gen Teile der Gebär­mut­ter­schleim­haut durch die Tuben in den Bauch­raum. Bei neun von zehn Frauen fin­det diese rück­wärts­ge­rich­tete Mens­trua­tion statt, und zwar zu einem will­kür­li­chen Zeit­punkt wäh­rend des Zyklus. Kurz vor dem Eisprung gibt es einen Sog von der Gebär­mut­ter in Rich­tung Eilei­ter, sodass Endo­me­tri­um­zel­len in den Eilei­ter gesaugt wer­den und Schleim­haut­teile in den Bauch­raum gelangen.
  • Coelom-Meta­pla­sie-Theo­rie: Endo­me­triose-Herde ent­ste­hen aus Stamm­zel­len, die beim Embryo das Coelom aus­klei­den. Aus­lö­ser für die Meta­pla­sie könn­ten Ent­zün­dun­gen sowie hor­mo­nelle Ein­flüsse sein.
  • Archi­me­tra-Theo­rie: Die Endo­me­triose ist eine Folge der Ade­no­myo­sis oder eine ihrer Vor­stu­fen. Das Gewebe der Gebär­mut­ter­schleim­haut wächst in die Mus­kel­schicht der Gebär­mut­ter ein. Etwa jede zweite Endo­me­triose-Pati­en­tin lei­det auch an Adenomen.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 19 /​10.10.2022