AIDS: Vor­zei­tige Alterung

25.11.2022 | Medizin

Bei nahezu jedem zwei­ten HIV­Infizierten in Öster­reich wird die Dia­gnose erst in einem fort­ge­schrit­te­nen Sta­dium gestellt. Im Gegen­satz zu frü­her wer­den Betrof­fene auf­grund der zahl­rei­chen the­ra­peu­ti­schen Mög­lich­kei­ten älter – aller­dings altern sie auch vor­zei­tig auf­grund der Schä­den, die das Virus vor allem vor Beginn der The­ra­pie verursacht.

Mar­tin Schiller

Knapp 42,5 Pro­zent der von HIV betrof­fe­nen Per­so­nen in Öster­reich erfah­ren erst in einem fort­ge­schrit­te­nen Sta­dium von ihrer Infek­tion. Die späte Dia­gnose betrifft vor allem Men­schen über 50 Jahre und nicht aus Öster­reich stam­mende Per­so­nen. „Defi­niert ist ‚spät‘, wenn bereits eine rele­vante Immun­schwä­che zum Zeit­punkt der Dia­gnose ent­stan­den ist“, erklärt Univ. Prof. Alex­an­der Zou­faly von der 4. Medi­zi­ni­schen Abtei­lung der Kli­nik Favo­ri­ten in Wien im Vor­feld des Welt­AIDS­Tages am 1. Dezem­ber. Das Motto in die­sem Jahr lau­tet: „End ine­qua­li­ties. End AIDS. End Pan­de­mics.“ Erst­mals hat die WHO die­sen Tag 1988 ausgerufen.

Eine rele­vante Immun­schwä­che wird anhand der CD4­Zellen der spe­zi­fi­schen Immun­ab­wehr gemes­sen. „Hier liegt der Schwel­len­wert bei 350“, erklärt Zou­faly. Wird die­ser Wert unter­schrit­ten, sei das ein typi­sches Zei­chen für eine HIV­Infektion, da ein immu­no­lo­gisch gesun­der Mensch „prak­tisch nie“ in die­sem Bereich liege. Das zweite Merk­mal sei das Auf­tre­ten von oppor­tu­nis­ti­schen Erkran­kun­gen, die bei gesun­den Men­schen prak­tisch nicht vor­kom­men. Sind kei­ner­lei Anzei­chen für eine Im­munschwäche vor­han­den, ist die Dia­gnose recht­zei­tig erfolgt.

Zou­faly – er ist aktu­ell Prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen AIDS­Gesellschaft – macht in die­sem Zusam­men­hang auf Indikator­Erkrankungen auf­merk­sam, bei denen es wahr­schein­li­cher als in der All­ge­mein­be­völ­ke­rung ist, dass eine HIV­Infektion vor­liegt: „Das betrifft unter ande­rem die Dia­gnose einer Hepa­ti­tis B oder Hepa­ti­tis C, alle sexuell­übertragbaren Infek­tio­nen, die sebor­rhoi­sche Der­ma­ti­tis, Gür­tel­rose, ein Mononukleose­ähnliches Krank­heits­bild sowie andau­ernde Leuko­ und Throm­bo­zy­to­pe­nie. Beim Vor­lie­gen sol­cher Indi­ka­tor­er­kran­kun­gen sollte ein HIV­Test ange­bo­ten werden.“

Zou­faly sagt aber auch, dass ein HIV­Test jedem Pati­en­ten, der danach fragt, emp­foh­len wer­den sollte. „Die Nach­frage kann bereits dar­auf hin­deu­ten, dass ein Risi­ko­kon­takt zugrunde liegt.“ Unab­hän­gig davon gebe es Per­so­nen mit erhöh­tem Anste­ckungs­ri­siko, denen man zumin­dest ein­mal pro Jahr einen HIV­Test aktiv anbie­ten sollte. Dazu zäh­len Män­ner, die Sex mit Män­nern haben (beson­ders bei wech­seln­den Sexu­al­part­nern) und Per­so­nen, die in den vor­an­ge­gan­ge­nen Mona­ten eine sexuell­übertragbare Infek­tion hatten.

Mehr Komor­bi­di­tä­ten im Alter

Spe­zi­ell die frühe Dia­gnose ermög­li­che HIV­Patienten dank der heute eta­blier­ten The­ra­pien eine hohe Lebens­qua­li­tät und die glei­che Lebens­er­war­tung wie in der All­ge­mein­be­völ­ke­rung, führt der Experte aus. „Durch diese erfolg­rei­chen The­ra­pien steigt das Durch­schnitts­al­ter der HIV­Infizierten. Damit sind wir aber bei die­ser Per­so­nen­gruppe nun mit Krank­hei­ten ver­stärkt befasst, die auch bei nicht­Infizierten mit stei­gen­dem Alter ver­mehrt auf­tre­ten“, sagt Zou­faly. Er spricht aber einen wesent­li­chen Unter­schied an: „Trotz erfolg­rei­cher The­ra­pie altern HIV­positive Men­schen vor­zei­tig. Die Zahl der Komor­bi­di­tä­ten ist höher als jene bei gleich­alt­ri­gen älte­ren Men­schen, weil das Virus bereits vor Ein­set­zen der Behand­lung Schä­den ange­rich­tet hat und eine chro­ni­sche Ent­zün­dung aus­löst, die mit ver­schie­de­nen Risi­ken ein­her­geht.“ Umso wich­ti­ger sei es des­halb, regel­mä­ßig den Fokus auf Erkran­kun­gen wie Blut­hoch­druck, Dia­be­tes mel­li­tus und Fett­stoff­wech­sel­stö­run­gen zu legen. „Man muss aber auch auf dem Radar haben, dass diese Erkran­kun­gen bei jün­ge­ren HIV­Infizierten ver­mehrt auf­tre­ten kön­nen“, ergänzt Zoufaly.

HIV welt­weit stoppen

Exper­ten gehen davon aus, dann man die welt­weite Ver­brei­tung von HIV been­den könnte, wenn sich alle HIV­Positiven behan­deln lie­ßen und alle Men­schen, die sich wegen hohen Anste­ckungs­ri­si­kos schüt­zen wol­len, eine Prä­ex­po­si­ti­ons­pro­phy­laxe (PrEP) in Anspruch neh­men wür­den. „Aus man­chen Län­dern gibt es bereits Daten, die zei­gen, dass die Zahl der Neu­an­ste­ckun­gen deut­lich zurück­ging, nach­dem man die Prä­ex­po­si­ti­ons­pro­phy­laxe ein­ge­führt hat“, berich­tet Zou­faly und sieht für die Situa­tion in Öster­reich noch Opti­mie­rungs­be­darf. „Schät­zun­gen zu Folge neh­men 1.000 bis 2.000 Men­schen in Öster­reich eine Prä­ex­po­si­ti­ons­pro­phy­laxe ein. Aber 9.000 bis 14.000 Per­so­nen könn­ten davon pro­fi­tie­ren.“ Mit einer Prä­ex­po­si­ti­ons­pro­phy­laxe kann sich ein HIV­negativer Mensch voll­stän­dig schüt­zen, zeigt sich der Experte über­zeugt und auch davon, dass die Pro­phy­laxe noch von deut­lich mehr Men­schen durch­ge­führt wer­den müsste. Einen Hebel dafür sieht er in der Erstat­tung der Prä­ex­po­si­ti­ons­pro­phy­laxe durch die Kran­ken­kas­sen, wie dies in zahl­rei­chen euro­päi­schen Län­dern schon der Fall sei. „Es sollte dabei nicht nur das Medi­ka­ment erstat­tet wer­den, son­dern auch die ent­spre­chen­den Untersuchungen.“


Zah­len und Fak­ten zu HIV

  • In Öster­reich gibt es rund 9.000 HIV-infi­zierte Menschen.
  • Schät­zungs­weise wis­sen knapp zehn Pro­zent der Betrof­fe­nen hier­zu­lande nicht über ihre Infek­tion Bescheid und wer­den nicht behandelt.
  • Im Jahr 2021 gab es in Öster­reich 376 Neu­dia­gno­sen, was einen leich­ten Anstieg im Ver­gleich zum Vor­jahr (332 Neu­dia­gno­sen) bedeu­tet. Ins­ge­samt wird in den ver­gan­ge­nen zwölf Jah­ren eine rück­läu­fige Ten­denz verzeichnet.
  • Im Jahr 2020 wurde in der EU/​im EWR bei rund 100.000 Per­so­nen erst­mals HIV diagnostiziert.
  • UNAIDS, ein Pro­gramm der Ver­ein­ten Natio­nen, hat sich „95–95-95“ zum Ziel gesetzt: 95 Pro­zent der Men­schen, die mit HIV leben, sol­len ihren Sta­tus ken­nen, 95 Pro­zent davon eine ange­mes­sene The­ra­pie erhal­ten und 95 Pro­zent von ihnen keine Virus­last mehr auf­wei­sen. Bis 2030 soll es dem­nach AIDS nicht mehr geben.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 22 /​25.11.2022