Adi­po­si­tas bei Kin­dern: Sta­bil auf hohem Niveau

10.02.2022 | Medi­zin

Jedes vierte Volks­schul­kind in Öster­reich ist über­ge­wich­tig, wie der aktu­elle Bericht der Child­hood Obe­sity Sur­veil­lance Initia­tive der WHO zeigt. Inter­na­tio­nal gese­hen liegt Öster­reich wei­ter im obe­ren Mit­tel­feld. Nicht nur das: Fast zwei Drit­tel der Sechs- bis Neun­jäh­ri­gen ver­brin­gen mehr als zwei Stun­den vor dem Bildschirm.

Um die Ver­än­de­run­gen von Über­ge­wicht und Adi­po­si­tas bei Kin­dern im Volks­schul­al­ter zu erfas­sen, eta­blierte das Regio­nal­büro Europa der WHO im Jahr 2006/​2007 die „Child­hood Obe­sity Sur­veil­lance Initia­tive“ (COSI). Dabei han­delt es sich um die größte epi­de­mio­lo­gi­sche Stu­die zur Prä­va­lenz von Über­ge­wicht und Adi­po­si­tas bei Volks­schul­kin­dern. Öster­reich betei­ligte sich erst­mals an der Erhe­bung 2016/​2017; zuvor fan­den bereits drei Erhe­bun­gen (2007/​2008, 2009/​2010, 2012/​2013) in unter­schied­li­chen Alters­grup­pen zwi­schen sechs und zehn Jah­ren statt. Zuletzt wur­den in 38 euro­päi­schen Län­dern rund 250.000 Daten erho­ben. In Öster­reich beauf­tragte das Gesund­heits­mi­nis­te­rium für 2020/​2021 schon wie bei der letz­ten Erhe­bung die Obe­sity Aca­demy Austria/​Qualitätsnetzwerk Über­ge­wicht (c/​o Uni­ver­si­täts­kli­nik für Kin­­der- und Jugend­heil­kunde Salz­burg) mit der Erhebung.

Die gestie­ge­nen Kos­ten im Gesund­heits­sys­tem durch Adi­po­si­tas im Kin­­des- und Jugend­al­ter sind in meh­re­ren Stu­dien belegt. Einer deut­schen Stu­die bei­spiels­weise zufolge betra­gen die Mehr­kos­ten durch Über­ge­wicht und Adi­po­si­tas rund 8.500 Mil­lio­nen Euro; 70 Pro­zent der Ver­sor­gungs­kos­ten fal­len im ambu­lan­ten Bereich an. Bei einer Sen­kung auf das Niveau von vor zehn Jah­ren besteht ein Ein­spa­rungs­po­ten­tial von 836 Mil­lio­nen Euro.

Mes­sung

Der BMI von Kin­dern und Jugend­li­chen unter­liegt auf­grund der Ände­run­gen der Kör­per­zu­sam­men­set­zung in der Wachs­tums­phase typi­schen alters- und geschlechts­spe­zi­fi­schen Ver­än­de­run­gen. Daher sollte die Bestim­mung von Adi­po­si­tas und Über­ge­wicht im Wachs­tums­al­ter anhand des alters­be­zo­ge­nen BMI in Form von popu­la­ti­ons­spe­zi­fi­schen BMI-Per­­zen­­ti­­len erfol­gen. Zur Beschrei­bung der Prä­va­lenz von Über­ge­wicht und Adi­po­si­tas bei Kin­dern und Jugend­li­chen wer­den – obwohl es Unter­schiede gibt – die Refe­renz­werte der WHO sowie jene der Inter­na­tio­nal Obe­sity Task Force (IOTF) empfohlen.

Fol­gende Basis­da­ten wur­den stan­dar­di­siert erho­ben: Kör­per­größe, Kör­per­ge­wicht, Body Mass Index (BMI), Hüft- und Bauch­um­fang. Dar­über hin­aus wur­den auch Ein­fluss­grö­ßen auf den BMI im schu­li­schen Umfeld erho­ben: Ange­bot von Süßi­g­­kei­­ten- und Geträn­ke­au­to­ma­ten, Außen- und Innen­spiel­plät­zen, Sport­an­ge­bot etc. Von den durch eine zufäl­lige sta­tis­ti­sche Selek­tion aus­ge­wähl­ten 200 Volks­schu­len in allen Bun­des­län­dern betei­lig­ten sich 98. Dabei konn­ten die Daten von 2.445 Kin­dern (davon 1.170 Mäd­chen) erho­ben wer­den. Die Unter­su­chun­gen der Schü­ler zwi­schen sie­ben und 9,9 Jah­ren erfolg­ten zwi­schen Sep­tem­ber und Dezem­ber 2019. Aus bio­lo­gi­scher Sicht ist die­ser Alters­ab­schnitt vor dem Ein­tritt in die Puber­tät für die Prä­dik­tion von Über­ge­wicht und Adi­po­si­tas im spä­te­ren Jugend­­­li­chen- und Erwach­se­nen­al­ter rele­vant, weil prä­ven­tive Maß­nah­men effek­ti­ver sind als danach.

Ergeb­nisse

Ins­ge­samt sind bei den Acht­jäh­ri­gen laut WHO-Klas­­si­­fi­­ka­­tion 25 Pro­zent der Buben und 23,6 Pro­zent der Mäd­chen als über­ge­wich­tig, adi­pös oder extrem adi­pös zu klas­si­fi­zie­ren. Bei den Neun­jäh­ri­gen sind 36,2 Pro­zent der Buben sowie 24,7 Pro­zent der Mäd­chen als über­ge­wich­tig, adi­pös oder extrem adi­pös ein­zu­stu­fen. Bei den Buben zeigte sich jedoch ins­ge­samt ein Trend hin zu einer nied­ri­ge­ren Gesamt­prä­va­lenz; es wur­den weni­ger Buben mit Über­ge­wicht und extre­mer Adi­po­si­tas regis­triert als bei der vor­an­ge­gan­ge­nen Erhebung.

Wei­ters kann bei den Acht­jäh­ri­gen ebenso wie auch bei den Neun­jäh­ri­gen ein deut­li­cher Unter­schied zwi­schen den Geschlech­tern fest­ge­stellt wer­den: So waren Buben im Ver­gleich zu Mäd­chen deut­lich schwe­rer und grö­ßer mit einem erhöh­ten Bauch­um­fang bei ver­gleich­ba­rem BMI. Signi­fi­kante Ver­än­de­run­gen zeig­ten sich bei der Detail­ana­lyse der Kate­go­rien Über­ge­wicht und extreme Adi­po­si­tas: Hier waren weni­ger Buben mit Über­ge­wicht und extre­mer Adi­po­si­tas als bei der ers­ten in Öster­reich durch­ge­führ­ten COSI-Unter­­su­chung zu verzeichnen.

Bei der Betrach­tung nach Regio­nen zeigt sich bei Mäd­chen ein­deu­tig ein Ost-Süd- sowie ein etwas gerin­ger aus­ge­präg­tes Ost-West-Gefälle. Auch konnte ein deut­li­ches Stadt-Land-Gefälle beob­ach­tet wer­den, das sich deut­li­cher bei Buben (Stadt: 31,6 Pro­zent; halb­städ­tisch: 26,7 Pro­zent; Land: 26,6 Pro­zent) als bei Mäd­chen (Stadt: 26,3 Pro­zent; halb­städ­tisch: 22,1 Pro­zent; Land: 22,2 Pro­zent) zeigte. Die höchste Adi­­po­­si­­tas-Prä­­va­­lenz gibt es mit 13,4 Pro­zent bei Buben in der Stadt.

Ver­gleicht man die bei­den in Öster­reich durch­ge­führ­ten COSI-Erhe­­bun­­­gen, zei­gen sich keine signi­fi­kan­ten Unter­schiede der Gesamt­prä­va­lenz von Über­ge­wicht, Adi­po­si­tas und extre­mer Adi­po­si­tas. Auf inter­na­tio­na­ler Ebene betrach­tet liegt Öster­reich wei­ter­hin im obe­ren Mit­tel­feld der 36 teil­neh­men­den Länder.

Ein­fluss­grö­ßen aus dem Umfeld

Ebenso wur­den auch Ein­flüsse im schu­li­schen Umfeld erho­ben wie etwa die Ver­füg­bar­keit von aus­ge­wähl­ten Spei­se­an­ge­bo­ten. Als posi­tive Ver­än­de­rung zum letz­ten Bericht wurde ein erhöh­ter Ver­zehr von Obst und Gemüse fest­ge­stellt. Das Ange­bot der „süßen Jause“ ver­rin­gerte sich in den ver­gan­ge­nen drei Jah­ren von 89,6 auf 75,5 Pro­zent. Ebenso wurde über ein ver­mehr­tes Ange­bot von gesund­heits­för­dern­den Pro­jek­ten als posi­tive Ver­än­de­rung im Ver­gleich zur letz­ten Erhe­bung berich­tet. Wei­ters konn­ten als signi­fi­kante Deter­mi­nan­ten von Adi­po­si­tas iden­ti­fi­ziert wer­den: die höchste abge­schlos­sene Berufs­aus­bil­dung der Eltern; das Alter und Geschlecht des Kin­des; die Zeit, die das Kind am Wochen­ende täg­lich vor dem Bild­schirm ver­bringt; der Urba­ni­sie­rungs­grad des Wohn­um­fel­des sowie das Ess­ver­hal­ten in Bezug auf Light-Getränke und süße Snacks.

Bei dem im Zuge die­ser Erhe­bung erst­mals ein­ge­führ­ten Fami­li­en­fra­ge­bo­gen zeigte sich, dass es einen posi­ti­ven Zusam­men­hang zwi­schen Über­ge­wicht und Adi­po­si­tas mit einer ver­kürz­ten Schlaf­dauer sowie ver­mehr­tem Medi­en­kon­sum gibt. Dies konnte auch im inter­na­tio­na­len Ver­gleich bestä­tigt wer­den. Dem­nach ver­brin­gen 60,2 Pro­zent der Sechs- bis Neun­jäh­ri­gen mehr als zwei Stun­den am Tag vor dem Bild­schirm; 20 bis 30 Pro­zent schla­fen weni­ger als die emp­foh­le­nen neun bis elf Stun­den pro Nacht. Diese exzes­si­ven Bild­schirm­zei­ten und die ver­kürzte Schlaf­dauer soll­ten – so die Autoren – Gegen­stand von spe­zi­fi­schen Maß­nah­men wer­den, um die all­ge­meine psy­chi­sche und men­tale Gesund­heit von Kin­dern zu verbessern.

Wei­tere Ergeb­nisse des Fami­li­en­fra­ge­bo­gens: Kin­der, die gestillt wur­den, haben eine nied­ri­gere Wahr­schein­lich­keit für Über­ge­wicht als unge­stillte Kin­der und als die­je­ni­gen, die weni­ger als ein Monat gestillt wur­den. Dar­über hin­aus kor­re­lie­ren ein nied­ri­ge­res Bil­dungs­ni­veau und ein redu­zier­tes Ein­kom­men mit einem erhöh­ten Risiko für Über­ge­wicht. Als Limi­ta­tio­nen die­ser Stu­die wer­den die noch immer ver­gleichs­weise hohen Ableh­nungs­ra­ten der Eltern sowie der Schu­len, an der Stu­die teil­zu­neh­men, genannt. Bei der voran gegan­ge­nen Erhe­bung 2016/​2017 hat rund die Hälfte der ange­frag­ten Eltern und die Hälfte der Schu­len nicht teil­ge­nom­men. Auch ist zu berück­sich­ti­gen, dass die Erhe­bung wäh­rend der COVID 19- Pan­de­mie erfolgte; für diese Zeit ist eine Ver­schlech­te­rung der Ernäh­­rungs- und Bewe­gungs­ge­wohn­hei­ten sowie des Ernäh­rungs­sta­tus der Kin­der beschrieben.

Quelle: Child­hood Obe­sity Sur­veil­lance Initia­tive (COSI), Bericht Öster­reich 2021; her­aus­ge­ge­ben vom Bun­des­mi­nis­te­rium für Sozia­les, Gesund­heit, Pflege und Kosumen­ten­schutz; https://www.sozialministerium.at/Themen/Gesundheit/Kinder–und-Jugendgesundheit/COSI.html

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 03 /​10.02.2022