Por­trät Tibor Har­kany: Brü­cken­bauer zur Medizin

Sep­tem­ber 2021 | Poli­tik

Mit den Aus­wir­kun­gen von müt­ter­li­cher Fett­lei­big­keit wäh­rend der Schwan­ger­schaft auf die neu­ro­en­do­krine Ent­wick­lung des Kin­des befasst sich der Mole­ku­lar­bio­lo­gie Univ. Prof. Tibor Har­kany an der Med­Uni Wien. Für sein Pro­jekt FOODFORLIFE erhielt er kürz­lich einen 2,5 Mil­lio­nen Dol­lar-Grant des Euro­pean Rese­arch Council.
Ursula Scholz

Vor 20 Jah­ren hätte ich nie gedacht, dass ich zum Ein­fluss von Can­na­bis auf das Gehirn for­schen würde. Vor zehn Jah­ren war es genauso wenig zu erwar­ten, dass ich mich der Obe­si­tät wid­men würde. Meine For­schungs­fra­gen erge­ben sich immer ganz natür­lich eine aus der ande­ren – und gerade diese Frei­heit der Wis­sen­schaft emp­finde ich als Pri­vi­leg.“ So beschreibt der Mole­ku­lar­bio­loge Univ. Prof. Tibor Har­kany die evo­lu­tio­näre Ent­wick­lung sei­ner For­schungs­ar­beit: Jede neue Erkennt­nis wirft wei­tere Fra­gen auf. Wich­tig ist ihm dabei, dass er mit sei­ner Grund­la­gen­for­schung immer eine Brü­cke zum medi­zi­ni­schen All­tag schla­gen kann. „Jede ein­zelne Schwan­gere, die auf­grund unse­rer Erkennt­nisse einen posi­ti­ven Ein­fluss auf die neu­ro­nale Ent­wick­lung ihres Babys aus­üben kann, ist für mich ein Erfolg“, erklärt der Lei­ter des Depart­ments für Mole­ku­lare Neu­ro­wis­sen­schaf­ten am Zen­trum für Hirn­for­schung der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien. Par­al­lel dazu ist Har­kany auch noch als Pro­fes­sor für Neu­ro­bio­lo­gie am Stock­hol­mer Karo­linska Insti­tu­tet tätig.

Schon der zweite Grant

Für sein Pro­jekt FOODFORLIFE, das die Aus­wir­kung müt­ter­li­cher Fett­lei­big­keit wäh­rend der Schwan­ger­schaft auf die neu­ro­en­do­krine Ent­wick­lung des Kin­des erforscht, wurde ihm ein Grant des Euro­pean Rese­arch Coun­cil (ERC) in der Höhe von 2,5 Mil­lio­nen Euro zuge­spro­chen. Es ist nicht sein ers­ter: Schon vor fünf Jah­ren wurde sein Labor mit eben­die­ser Summe bedacht. Nicht die Tat­sa­che, dass er nach so kur­zer Zeit einen zwei­ten ERC-Grant erhal­ten hat, konnte ihn erstau­nen, viel­mehr, dass er über­haupt ein­mal einen zuge­spro­chen bekom­men hat. Denn in den ers­ten 15 Jah­ren sei­ner For­schungs­tä­tig­keit hatte er sich mehr­fach ver­geb­lich darum bewor­ben und die Hoff­nung fast schon auf­ge­ge­ben. Nun reiht sich Erfolg an Erfolg.

Sein aktu­el­les Pro­jekt wid­met sich am Maus­mo­dell wie in Beob­ach­tungs­stu­dien an Schwan­ge­ren der Frage, auf wel­che Weise und auf­grund wel­cher Mecha­nis­men sich müt­ter­li­che Adi­po­si­tas auf die kind­li­che Gehirn­ent­wick­lung aus­wirkt. Deskrip­tive Stu­dien schil­dern bereits Ver­än­de­run­gen im kind­li­chen Gehirn, das in utero einer Dis­ba­lance zwi­schen Omega-3- und Omega-6-Fet­t­­säu­­ren aus­ge­setzt war. Har­kany und sein Team unter­su­chen nun Hypo­­t­ha­la­­mus-Zel­­len von Mäu­sen mit adi­pö­sen Maus­müt­tern und ana­ly­sie­ren auf­tre­tende Ver­än­de­run­gen mit­tels mole­ku­lar­bio­lo­gi­scher Methoden.

„Die Schwie­rig­keit besteht darin, dass endo­krine Zen­tren im Gehirn oft nur aus weni­gen Tau­send Zel­len bestehen. Sie sind so klein, dass in vivo in bild­ge­ben­den Ver­fah­ren keine Ver­än­de­run­gen zu sehen sind.“ Erst Unter­su­chun­gen auf zel­lu­lä­rer Ebene kön­nen ent­schlüs­seln, wel­che Vor­gänge hier statt­fin­den. Im Labor von Har­kany wer­den aber auch Gen­ak­ti­vi­tä­ten beob­ach­tet. „Wir wol­len ver­ste­hen, zu wel­chen gene­ti­schen Modi­fi­ka­tio­nen die müt­ter­li­che Fett­ein­nahme führt.“ Die Stu­die befasst sich sowohl mit jener Form der Adi­po­si­tas, die erst in der Schwan­ger­schaft auf­tritt als auch mit der bereits davor bestehenden.

Aufs Fett gekom­men ist Har­kany durch seine For­schung zu Endo­can­na­bi­no­iden, die der mensch­li­che Orga­nis­mus selbst pro­du­ziert. Ein Prä­kur­sor für Endo­can­na­bi­no­ide ist die über fett­rei­che Nah­rung auf­ge­nom­mene Omega-6-Fet­t­­säure, wes­halb Müt­ter durch fett­rei­che Ernäh­rung das Gehirn ihrer Unge­bo­re­nen einer etwas ande­ren Art von Can­­na­­bis-Rausch aus­set­zen. Dabei limi­tie­ren und stö­ren Endo­can­na­bi­no­ide die interne Kom­mu­ni­ka­tion zwi­schen den Ner­ven­zel­len auf eine Art, die auch bei Can­­na­­bis-Abusus der Fall ist, so Har­kany. Für sein For­schungs­team von beson­de­rem Inter­esse ist auch die Frage, wie weit­rei­chend der Ein­fluss des fet­t­in­du­zier­ten Rau­sches auf das
kind­li­che Gehirn ist. „Even­tu­ell hat ein Baby einer Mut­ter mit hohem BMI eine endo­kri­no­lo­gi­sche Pro­gram­mie­rung, die sich auch erst nach zehn oder 20 Jah­ren aus­wirkt oder mög­li­cher­weise das ganze Leben beein­flusst. Das müs­sen wir erst her­aus­fin­den. Des­halb haben wir unser Pro­jekt auch FOODFORLIFE genannt.“

Sein eige­nes Ess­ver­hal­ten, glaubt Har­kany, haben die im FOOD-FOR­­LIFE-Pro­­­jekt gewon­ne­nen Erkennt­nisse nicht ver­än­dert. Wohl aber seine Sicht auf die Ernäh­rung sei­ner vier (teils schon erwach­se­nen) Kin­der. „Man sieht mit einem ande­ren Blick auf die Essens­vor­lie­ben der Elf­jäh­ri­gen, wenn man sich vor Augen hält, dass ihre Organe und ihr Ner­ven­sys­tem noch in einem Ent­wick­lungs­pro­zess ste­hen.“ Trotz­dem wurde nicht jede Nuss-Nou­­gat-Creme aus dem Haus­halt der Har­ka­nys ver­bannt; Radi­ka­li­tät ist nicht seine Art.

Hoff­nung auf Medikamente

„Sobald wir die Aus­wir­kung der müt­ter­li­chen Obe­si­tät auf das kind­li­che Gehirn ver­stan­den haben wer­den, kön­nen hof­fent­lich auch Medi­ka­mente ent­wi­ckelt wer­den, um die Schä­den zu mini­mie­ren. Noch viel wich­ti­ger aber ist mir die Prä­ven­tion, dass wir den Frauen die Bot­schaft mit­ge­ben kön­nen, wie sie durch bewusste Ernäh­rung das kind­li­che Gehirn schüt­zen kön­nen.“ Nicht der Nobel­preis ist das Ziel von Har­kany – obwohl er sich gut machen würde unter sei­nen zahl­rei­chen bis­he­ri­gen Awards. Es ist jedes ein­zelne Baby, das durch seine Erkennt­nisse ein gesün­de­res Leben füh­ren kann, das ihn anspornt, seine For­schung wei­ter zu betrei­ben. Zur Ruhe kommt er dabei kaum. „Die Zeit zwi­schen 16 und 19 Uhr reser­viere ich für meine Kin­der, helfe ihnen bei der Haus­übung, schwimme mit ihnen im Pool und richte ihnen das Abend­essen. Davor und danach wird gearbeitet.“

Rück­kehr nach Schwe­den geplant

Trotz die­ser schein­ba­ren Ruhe­lo­sig­keit schmie­det Har­kany Pläne für sei­nen Ruhe­stand. Er will nach Schwe­den zurück­keh­ren, wo der gebür­tige Ungar fast 20 Jahre sei­nes Erwach­se­nen­le­bens ver­bracht und mit sei­nem Sohn zusam­men ein klei­nes Holz­haus gebaut hat. Gelebt und geforscht hat er schon in Ungarn, den Nie­der­lan­den, Schwe­den, Schott­land und Öster­reich. Sein Herz hat er aller­dings an Schwe­den ver­lo­ren. „Die der­zei­ti­gen beruf­li­chen Bedin­gun­gen an der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät in Wien sind her­vor­ra­gend und des­halb arbeite ich auch gerne hier.“ Aber alt wer­den möchte er im hohen Nor­den. An Schwe­den schätzt er die skan­di­na­vi­sche Lebens­ein­stel­lung, die har­mo­nisch zwi­schen sozia­ler Ver­ant­wor­tung und Ver­ständ­nis für die Indi­vi­dua­li­tät oszil­liert und von tie­fer Tole­ranz getra­gen ist. Und dann ist da noch das Motor­­schli­t­­­ten-Fah­­ren … Am wenigs­ten Pro­bleme damit, Aus­län­der zu sein, hatte er in Schott­land. „Ein idea­les Land, das alle Vor­teile an einem Ort bie­tet, gibt es eben nicht in der Rea­li­tät“, erklärt er prag­ma­tisch. Nach Öster­reich zu kom­men, war für ihn ein wenig, als wäre er nach Ungarn zurück­ge­kehrt. „Man merkt schon, dass die bei­den Län­der eine jahr­hun­der­te­lange gemein­same Geschichte haben.“

Zukunfts­pläne beruf­li­cher Natur ent­wirft Har­kany nicht. Er ver­traut dar­auf, dass ihn die Erkennt­nisse in sei­nem Labor zur rech­ten Zeit zur nächs­ten For­schungs­frage len­ken wer­den. För­de­run­gen wie der soeben erhal­tene ERC-Grant sor­gen dafür, dass er sei­nen auf­kei­men­den Inter­es­sen dann auch nach­ge­hen kann.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 17 /10.09.2021