Kin­­der- und Jugendreha­bi­li­ta­tion: Große Erfolge für kleine Patienten

25.01.2021 | Poli­tik


Es gibt noch immer viele Kin­der, die eine Reha­bi­li­ta­tion benö­ti­gen wür­den, diese aber nicht erhal­ten, was mit­un­ter am man­geln­den Bewusst­sein für die Bedeu­tung der Kin­­der- und Jugendreha­bi­li­ta­tion liegt, kon­sta­tie­ren Exper­ten. Und: Die Reha­bi­li­ta­tion von Kin­dern und Jugend­li­chen unter­schei­det sich grund­sätz­lich von der Erwach­­se­­nen-Reha­­bi­­li­­ta­­tion.
Sophie Fessl

Bis 2016 gab es in Öster­reich keine spe­zi­el­len für Kin­der und Jugend­li­che aus­ge­rich­te­ten Reha­­bi­­li­­ta­­ti­ons-Zen­­tren für Kin­der und Jugend­li­che. War eine Reha­bi­li­ta­tion erfor­der­lich, wur­den sie in Zen­tren gemein­sam mit Erwach­se­nen betreut oder muss­ten nach Deutsch­land aus­wei­chen. „Es ist wich­tig, spe­zi­elle Ange­bote zu schaf­fen mit aus­ge­bil­de­ten Exper­ten. Diese haben Erfah­rung darin, Kin­der und Jugend­li­che und ihre Eltern dar­auf vor­zu­be­rei­ten, wie sie wie­der gut in den All­tag zurück kön­nen“, betont Bri­gitta Lien­ba­cher, Ärzt­li­che Lei­te­rin der Opti­ma­Med „Men­tal Health“ Kin­­der- und Jugendreha­bi­li­ta­tion in Wild­bad. Der aktu­elle Reha­bi­li­ta­ti­ons­plan aus dem Jahr 2016 sieht ins­ge­samt 343 Bet­ten für Kin­der und Jugend­li­che vor, dazu kom­men wei­tere 50 Bet­ten für Ange­hö­rige in der fami­li­en­ori­en­tier­ten onko­lo­gi­schen Reha­bi­li­ta­tion. Öster­reich ist dabei in vier Ver­sor­gungs­zo­nen ein­ge­teilt, der­zeit sind fünf Zen­tren aktiv.

Die Indi­ka­tio­nen umfas­sen die mobi­li­sie­rende Reha, psy­cho­so­ziale Reha, Herz-Kreis­lauf-/Pu­l­­mo­­lo­­gie-Reha, Reha für Krank­hei­ten des Stoff­wech­sel­sys­tems und des Ver­dau­ungs­ap­pa­ra­tes sowie fami­li­en­ori­en­tierte Nach­sorge nach Krebs­er­kran­kun­gen. Dazu kom­men noch drei Ein­rich­tun­gen, die kei­nen Ver­trag mit einem Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger zur sta­tio­nä­ren Reha­bi­li­ta­tion von Kin­­der- und Jugend­li­chen haben. „Grund­sätz­lich ist die Kin­­der- und Jugendreha­bi­li­ta­tion nicht mit einer Reha­bi­li­ta­tion für Erwach­sene ver­gleich­bar“, erklärt Prof. Peter Gries­ho­fer, Ärzt­li­cher Lei­ter der Kli­nik Juden­­­dorf-Stra­­ßen­­gel. Und führt wei­ter aus: „Kein Kind ist gleich“ – das sei eine der gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen der Kin­­der- und Jugend reha­bi­li­ta­tion. „Jeder The­ra­pie­plan, jedes the­ra­peu­ti­sche Manage­ment ist bei jedem Kind ver­schie­den. Denn die Bedürf­nisse sind, auch abhän­gig vom Alter und der Indi­ka­tion, äußerst unter­schied­lich.“ Die Länge des Reha­bi­li­ta­ti­ons­auf­ent­halts ist eben­falls je nach Kind unter­schied­lich: von drei Wochen bis zu einem hal­ben Jahr oder län­ger. Auch die Ziele der Reha­bi­li­ta­tion sind je nach Indi­ka­tion unter­schied­lich. Am Leu­wald­hof in St. Veit im Pon­gau, einer Gesund­heits­ein­rich­tung der VAMED und der SALK, wer­den Kin­der und Jugend­li­che mit hämato-onko­­lo­­gi­­schen Erkran­kun­gen, ange­bo­re­nen Stoff­wech­sel stö­run­gen und Erkran­kun­gen des Gastro­in­tes­ti­nal­trakts betreut. Univ. Doz. Gus­tav Fisch­meis­ter, ärzt­li­cher Lei­ter vom Leu­wald­hof, erklärt: „Kin­der nach einer onko­lo­gi­schen The­ra­pie wer­den auf den All­tag vor­be­rei­tet, etwa auf die Rück­kehr in die Schule, oder auf das Berufs­le­ben mit einer even­tu­ell wei­ter­be­stehen­den Behin­de­rung. Hier kön­nen wir den Grund­stein für das wei­tere Leben legen.“ Im Leu­wald­hof wird bei onko­lo­gi­schen Pati­en­ten die Fami­lie mit­ein­be­zo­gen. „Die fami­li­en­ori­en­tierte Reha­bi­li­ta­tion ist spe­zi­ell auf das akute Trauma einer tod­brin­gen­den Erkran­kung abge­stimmt und unter­stützt die gesamte Fami­lie nach der Gene­sung bei der Rück­kehr in den All­tag. Es wird die see­li­sche Belas­tung auf­ge­ar­bei­tet, aber auch die finan­zi­el­len und sozia­len Pro­ble­ma­ti­ken mit Sozi­al­ar­bei­tern bespro­chen“, erläu­tert Fisch­meis­ter das Kon­zept. Fami­­lien- und Paar­the­ra­pie soll hel­fen, belas­tende Situa­tio­nen wie etwa die lange Tren­nung der Fami­lien aufzuarbeiten.

Auch im Bereich der Men­tal Health-Reha­­bi­­li­­ta­­tion gibt es eine indi­vi­dua­li­sierte Betreu­ung. In Wild­bad wer­den alters­ho­mo­gene Grup­pen auf­ge­nom­men, die für fünf Wochen gemein­sam die Reha durch­lau­fen. Auf das Alter abge­stimmt wird ein the­ra­peu­ti­sches Grund­pa­ket ange­bo­ten mit Schwer­punkt auf Psy­cho­lo­gie und Psy­cho­the­ra­pie. Zusätz­lich wer­den die The­ra­pie­pläne durch vorab ver­schickte Fra­ge­bö­gen auf die indi­vi­du­el­len Prä­fe­ren­zen und Bedürf­nisse abge­stimmt. „Jugend­li­che, die bereits einen Teil der Ess­stö­rungs­the­ra­pie durch­lau­fen haben, erhal­ten mehr Ange­bote im Bereich Diä­to­lo­gie. Bei klei­ne­ren Kin­dern mit logo­pä­di­schem oder ergo­the­ra­peu­ti­schem Bedarf wird die The­ra­pie indi­vi­du­ell ange­passt“, sagt Lien­ba­cher. Außer­dem wird in der Men­tal Health-Reha­­bi­­li­­ta­­tion alters gemäß auf eine kon­ti­nu­ier­li­che Betreu­ung geach­tet. Bei Kin­dern – bis zu Zwölf­jäh­rige sind es etwa in Wild­bad – wird auch ein Eltern­teil zur Reha­bi­li­ta­tion mit auf­ge­nom­men. In der Kli­nik Juden­­­dorf-Stra­­ßen­­gel, die sich auf mobi­li­sie­rende Reha­bi­li­ta­tion mit Sub­schwer­punkt neu­ro­lo­gi­sche Erkran­kun­gen des zen­tra­len und peri­phe­ren Ner­ven­sys­tems spe­zia­li­siert hat, wer­den Begleit­per­so­nen in die spe­zi­fi­schen Not­wen­dig­kei­ten der Kin­der und Jugend­li­chen ein­ge­schult. „Gerade nach einem Unfall oder einem Trauma geht der Hei­lungs­pro­zess oft über Monate oder Jahre. Auch die Eltern müs­sen ler­nen, wie sie damit umge­hen und ihr Kind unterstützen.“ 

Beson­der­heit: Schu­len in Reha-Zentren

Eine wei­tere Beson­der­heit der Kin­­der- und Jugendreha­bi­li­ta­tion sind die pro­fes­sio­nel­len Schul­struk­tu­ren, die in Form von Heil­stät­ten­schu­len in den Reha-Zen­­tren ver­an­kert sind. Kin­der im Kin­der­gar­ten­al­ter wer­den von Ele­men­tar­päd­ago­gen betreut; ab der Volks­schule ist der Schul­un­ter­richt voll im Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zess ver­an­kert. Der Unter­richt fin­det in hohem Maß als Ein­zel­un­ter­richt oder in Kleinst­grup­pen statt. „Wenn adäquate reha­bi­li­ta­tive Maß­nah­men gesetzt wer­den und Exper­tise in dem Bereich besteht, kann man wäh­rend der Reha sehr wohl Ent­wick­lungs­schritte auch in der Schul­leis­tung sehen.“ Lien­ba­cher betreut häu­fig Kin­der und Jugend­li­che, die den Schul­be­such ver­wei­gern. „Nach­dem sie bei uns waren, kön­nen sie oft wie­der in die Schule gehen, da sie im geschütz­ten Set­ting ihr Selbst­ver­trauen und ihre sozia­len Kom­pe­ten­zen stär­ken und Ver­säum­tes nach­ho­len konnten.“

In Öster­reich könn­ten mehr Kin­der und Jugend­li­che in den Reha­­bi­­li­­ta­­ti­ons-Pro­­­zess geführt wer­den, erläu­tert Gries­ho­fer. „Wir mer­ken, dass es immer noch viele Kin­der gibt, die eine Reha benö­ti­gen wür­den, die aber nicht in den Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zess ein­flie­ßen.“ Für Gries­ho­fer liegt es an man­geln­dem Bewusst­sein für die Bedeu­tung einer Kin­­der- und Jugendreha­bi­li­ta­tion. „Haupt­säch­lich Kin­der und Jugend­li­che mit grö­ße­ren Pro­ble­men gelan­gen auto­ma­tisch in den Reha-Pro­­­zess. Kin­der mit gerin­ge­ren Pro­ble­men dafür nicht in dem Aus­maß, in dem es güns­tig wäre.“ 

Erwach­­se­­nen-Reha ist nicht Kinder-Reha

Gries­ho­fer sieht einen gro­ßen Unter­schied zwi­schen der Kin­­der-Reha­­bi­­li­­ta­­tion und der Erwach­­se­­nen-Reha­­bi­­li­­ta­­tion: Wäh­rend im Erwach­se­nen­be­reich zum Erhalt der beruf­li­chen Leis­tungs­fä­hig­keit auch bei gerin­ge­ren Defi­zi­ten eine Reha­bi­li­ta­tion vor­ge­se­hen ist, sei das bei Kin­dern und Jugend­li­chen nicht so gege­ben. „Bei Kin­dern mit gerin­ge­ren Defi­zi­ten ist eine Reha­bi­li­ta­tion oft ent­schei­dend für die Lebens­ent­wick­lung. Sie pro­fi­tie­ren mas­siv, wenn wir ihre gesamte Lebens­pla­nung in Betracht zie­hen.“ Durch die inten­sive kom­pakte The­ra­pie kann eine Basis für wei­ter­füh­rende ambu­lante the­ra­peu­ti­sche Maß­nah­men geschaf­fen und Ent­wick­lungs­schritte for­ciert wer­den. „Die Kin­der machen in der Reha Ent­wick­lungs­sprünge!“ Bei Jugend­li­chen zielt die För­de­rung außer­dem dar­auf ab, die Basis für ein selbst­stän­di­ges, eigen­ver­ant­wort­li­ches Leben zu schaf­fen. „Das Ziel der Kin­­der- und Jugendreha­bi­li­ta­tion ist, dass sich das Kind alters­ge­mäß ent­wi­ckeln kann im Rah­men der Mög­lich­kei­ten, die durch die Defi­zite gege­ben sind.“ So wurde bei­spiels­weise ein Mäd­chen auf­grund von moto­ri­schen Defi­zi­ten gemäß dem schwerst­be­hin­der­ten Lehr­plan unter­rich­tet. In meh­re­ren Auf­ent­hal­ten konnte die Jugend­li­che moto­risch auf­ho­len und sich kogni­tiv wei­ter­ent­wi­ckeln und stu­diert mitt­ler­weile regulär.

Eine Fol­­low-up Eva­lua­tion der Reha­­bi­­li­­ta­­ti­ons-Erge­b­­nisse ist nicht vor­ge­se­hen. Lien­ba­cher schätzt, dass bei einem Drit­tel der Reha­bi­li­tan­den im Bereich Men­tal Health ein sehr guter Fort­schritt gese­hen wird; bei einem wei­te­ren Drit­tel wird durch die Reha­bi­li­ta­tion ein Pro­zess ange­sto­ßen, sodass durch wei­tere gute Beglei­tung ein Erfolg mög­lich ist. Bei man­chen wer­den sogar außer­or­dent­li­che Erfolge erzielt. „Ein Jugend­li­cher, der einen erwei­ter­ten Sui­zid mit­er­lebt hatte, hat sowohl psy­chisch als auch kör­per­lich von sei­nem Auf­ent­halt bei uns enorm pro­fi­tiert. Letzt­lich ist er in eine Jugend-WG gekom­men und kann wie­der zur Schule gehen.“

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 1–2 /​25.01.2021