Inter­view Paul Ple­ner: Wenn das Selbst­ver­ständ­li­che genom­men wird

August 2021 | Medi­zin

Durch den Ver­lust von sozia­len Kon­tak­ten und die Pan­­de­­mie-bedin­g­­ten Ein­schrän­kun­gen hat sich bei Kin­dern und Jugend­li­chen das Wer­tig­keits­emp­fin­den geän­dert, sagt Univ. Prof. Paul Ple­ner von der Abtei­lung für Kin­­der- und Jugend­psych­ia­trie am AKH Wien. Sie haben gese­hen, dass ihnen das Selbst­ver­ständ­li­che genom­men wer­den kann, erklärt er im Gespräch mit Manuela‑C. Warscher.

Was machen Kin­der und Jugend­li­che aus die­ser Pan­de­mie? Wie haben sich deren Ein­stel­lung und das Ver­hal­ten geän­dert? Da für die Alters­gruppe der 15- bis 24-Jäh­­ri­­gen soziale Kon­takte für die Erfül­lung der Ent­wick­lungs­auf­ga­ben zen­tral sind, um die eigene Iden­ti­tät zu fin­den, über­rascht es nicht, dass durch den Ver­lust und die Ein­schrän­kun­gen das Wer­­ti­g­­keits-Emp­­fin­­den zuge­nom­men hat. Kin­dern und Jugend­li­chen wurde bewusst, dass einem sehr wohl auch das Selbst­ver­ständ­li­che genom­men wer­den kann. Doch wie so oft erhal­ten Dinge eben erst ihre Wert­schät­zung, wenn sie ver­lo­ren sind. Daher erle­ben wir eine höhere Aner­ken­nung und Wahr­neh­mung von sozia­len Kon­tak­ten und des Gemein­­sam-Seins. Zudem sehen wir, dass Kin­der und Jugend­li­che froh dar­über sind, wie­der in die Schule gehen zu können.

Wie lange wer­den Kin­der und Jugend­li­che mit den Spät­fol­gen der Pan­de­mie zu kämp­fen haben? Das ist tat­säch­lich sehr schwie­rig zu beant­wor­ten, weil uns Grund­la­gen in Form von Stu­dien feh­len. Wir kön­nen ledig­lich auf die eben­falls spär­li­chen Daten aus frü­he­ren Pan­de­mien oder Epi­de­mien wie SARS‑1 zurück­grei­fen. Man kann dar­auf auf­bau­end hof­fen, dass es etwa sechs Monate nach dem tat­säch­li­chen Ende der Pan­de­mie zu einem Rück­gang der Belas­tun­gen kommt. Zum jet­zi­gen Zeit­punkt ist diese Zeit­an­gabe aller­dings noch reine Spekulation.

Mit wel­chen psy­chi­schen Pro­ble­men kämp­fen Jugend­li­che und Kin­der heute und auch mit­tel­fris­tig? Wir haben der­zeit ein­deu­tige Signale, dass vor allem Depres­sio­nen, Angst- und Ess­stö­run­gen zuge­nom­men haben. Die wer­den mit dem Abflauen der aku­ten Pan­de­mie zwar hof­fent­lich wie­der abneh­men, doch es wird einen nicht uner­heb­li­chen Teil der Kin­der und Jugend­li­chen geben, die Pro­bleme haben, wie­der ins nor­male Leben zurück­zu­fin­den. Es wäre daher auch wesent­lich klü­ger und weit­sich­ti­ger gewe­sen, sich in den rest­li­chen Schul­wo­chen mit den Schü­lern und ihrem Befin­den nach den vie­len Mona­ten im Online-Lear­­ning aus­ein­an­der­zu­set­zen und den Ver­such zu unter­neh­men, die Klas­sen­ge­mein­schaft wie­der zusam­men­zu­füh­ren. Bei vie­len Schü­lern bleibt näm­lich die Sorge vor dem Wie­der­ein­stieg in den Schul­all­tag im Herbst bestehen. Viele wer­den ver­mut­lich nicht mehr zurück­fin­den und nach und nach wer­den Angst­stö­run­gen bei eini­gen Betrof­fe­nen dann einen Schul­be­such über­haupt verunmöglichen.

Wie stark hat sich Home-Schoo­­ling letzt­lich auf die Psy­che und das Lern­ver­hal­ten aus­ge­wirkt? Von den Schü­lern wurde ein Grad an Selbst­or­ga­ni­sa­tion ver­langt, mit dem sie eigent­lich erst wesent­lich spä­ter in ihrer Ent­wick­lung wäh­rend des Stu­di­ums kon­fron­tiert gewe­sen wären. Die Schü­ler haben den­noch oder gerade des­halb oft teil­weise sen­sa­tio­nelle Lern­fort­schritte gemacht und fernab von Schul­no­ten eine immense Ent­wick­lung hin­sicht­lich des Zutrau­ens in die eige­nen Fähig­kei­ten und Orga­ni­sa­tion vollzogen.

Wie sieht es mit inner­fa­mi­liä­ren Span­nun­gen aus? Häus­li­che Eska­la­tio­nen wie Streit und Gewalt von­sei­ten der Eltern schei­nen zuge­nom­men zu haben. Das lässt sich vor allem an der Zahl der Betre­tungs­ver­bote, die aus­ge­spro­chen wur­den, und auch aus klei­ne­ren Stu­dien able­sen. Das ist eine pre­käre Ent­wick­lung, denn Miss­hand­lun­gen sind ein Risi­ko­fak­tor für wei­tere psy­chi­sche Erkran­kun­gen wie etwa Depressionen.

Haben auch Selbst­schä­di­gun­gen von Kin­dern und Jugend­li­chen zuge­nom­men? Ja, es gibt in eini­gen Stu­dien Hin­weise dafür.

Wie kann der All­ge­mein­me­di­zi­ner hier ein­grei­fen? Der All­ge­mein­me­di­zi­ner als Ver­trau­ens­per­son hat in die­sem Kon­text eine ganz wich­tige Rolle. Er kann durch sein medi­zi­ni­sches Know-how Ver­än­de­run­gen erken­nen und anspre­chen. Vor allem kann er Miss­hand­lun­gen erfas­sen, doku­men­tie­ren und auch Eltern mit sei­nem Ver­dacht pro­ak­tiv kon­fron­tie­ren und Jugend­hil­fe­trä­ger einschalten.

Wie hat sich die Sui­zi­da­li­tät im Laufe der Pan­de­mie ver­än­dert? Wir haben Hin­weise – vor allem aus Stu­dien – dar­auf, dass mehr Jugend­li­che von Sui­zid­ge­dan­ken berich­ten und dass es zu Jah­res­be­ginn 2021 zu einer Zunahme an Sui­zid­ver­su­chen kam. Die Sui­zid­ra­ten sind hin­ge­gen – auch in einem gro­ßen 21-Län­­der-Ver­­­gleich – nicht gestiegen.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 12 /​25.06.2021