Inter­view Michael Musa­lek: Ent-Soli­­da­­ri­­sie­­rung durch Corona

August 2021 | Medi­zin

Durch die Corona-Pan­­de­­mie ist es nicht nur zu einer Ent-Soli­­da­­ri­­sie­­rung gekom­men – gene­rell zeigt sich bei jedem Zwei­ten erhöhte Reiz­bar­keit. Beson­ders bei Bezie­hungs­pro­ble­men fun­giert die Pan­de­mie als Brand­be­schleu­ni­ger, sagt Psych­ia­ter Univ. Prof. Michael Musa­lek im Gespräch mit Manuela‑C. Warscher.

Wie sieht es mit den psy­chi­schen Spät- und Lang­zeit­fol­gen bei Erwach­se­nen nach der Corona-Pan­­de­­mie aus? In Bezug auf Post-Corona-Fol­­gen las­sen sich drei Grup­pen unter­schei­den. Zunächst jene Per­so­nen, die durch die Pan­de­mie wirt­schaft­li­che Pro­bleme erlit­ten haben, deren volle Aus­wir­kung erst noch kom­men wird. Diese wirt­schaft­li­chen Pro­ble­ma­ti­ken füh­ren in wei­te­rer Folge zu psy­cho­so­zia­len Pro­ble­men. Die zweite Gruppe umfasst jene Men­schen, die bereits vor der Pan­de­mie mit psy­chi­schen Pro­ble­men zu kämp­fen hat­ten, wo die Pan­de­mie sozu­sa­gen ein Brand­be­schleu­ni­ger war. Das sehen wir vor allem bei Bezie­hungs­pro­ble­men. In diese Gruppe fal­len aber auch jene Per­so­nen, deren psy­chi­scher Zustand sich erst auf­grund der Pan­de­mie ent­wi­ckelte. Schließ­lich fal­len in die dritte Gruppe Gene­sene, die an den eigent­li­chen Corona-Spä­t­­fol­­gen wie Erschöp­fung, Gereizt­heit und Depres­sio­nen leiden.

Wie stark ist hier die Über­schnei­dung die­ser Grup­pen? Weni­ger stark als gedacht. Wir haben im Mai 2020 die psy­chi­schen Zustände von Per­so­nen unter­sucht und fest­ge­stellt, dass je ein Vier­tel der Bevöl­ke­rung psy­chisch bezie­hungs­weise wirt­schaft­lich belas­tet war. Die Über­schnei­dung lag bei etwas mehr als zehn Pro­zent. Eine Nach­un­ter­su­chung im Februar und März 2021 hat nun gezeigt, dass bereits ein Drit­tel psy­chi­sche Belas­tun­gen auf­weist, wäh­rend der Anteil der wirt­schaft­lich Belas­te­ten unver­än­dert bei einem Vier­tel liegt. Die wirt­schaft­li­chen Fol­gen wer­den aller­dings wahr­schein­lich erst in einem Jahr zum mani­fes­ten Pro­blem, des­sen Aus­maß auf­grund der der­zeit unkla­ren all­ge­mei­nen Wirt­schafts­ent­wick­lung sehr schwer abschätz­bar ist. Je mas­si­ver das indi­vi­du­elle wirt­schaft­li­che Desas­ter dann aus­fällt, umso grö­ßer wird die Über­schnei­dungs­flä­che werden.

Wie sieht die Ver­tei­lung die­ser Stim­mun­gen oder Krank­heits­bil­der aus? In unse­rer Nach­un­ter­su­chung vom Februar/​März 2021 konn­ten wir nach­wei­sen, dass unge­fähr 50 Pro­zent eine erhöhte Reiz­bar­keit auf­wei­sen. Bei rund 30 Pro­zent wurde eine erhöhte Gereizt­heit eru­iert, wo banale Reize, die nor­ma­ler­weise nicht zu einem aggres­si­ven Ver­hal­ten füh­ren, nun in Aggres­sion mün­den. Und immer­hin wies ein Fünf­tel eine gereizte Miss­ge­stimmt­heit auf. Diese Per­so­nen sind auch ohne vor­han­dene Reize schon gereizt. Das alles ist das Resul­tat der Über­for­de­rung durch ein Zusam­men­spiel aus Home-Schoo­­ling, Pflege von Ange­hö­ri­gen und Home-Office auf weni­gen Quadratmetern.

Gibt es Grup­pen, die beson­ders stark unter psy­chi­schen Lang­zeit­fol­gen lei­den oder lei­den wer­den? Eine Kri­sen­si­tua­tion ist der plötz­li­che Ein­bruch des gewohn­ten Lebens, für die uns die Bewäl­ti­gungs­stra­te­gien feh­len. Men­schen, die sich in einer per­ma­nen­ten Krise befin­den, sind daher auch – zumin­dest kurz­fris­tig – resi­li­en­ter. Dar­un­ter fal­len pri­mär chro­nisch psy­chisch Erkrankte. Alle ande­ren, die bereits vor­her psy­chi­sche Pro­bleme auf­wie­sen, wer­den natür­lich in einer Krise stär­ker belas­tet. Beson­ders für Bezie­hungs­pro­bleme stellte sich die Pan­de­mie als Brand­be­schleu­ni­ger her­aus. Die Fol­gen der nun fol­gen­den psy­cho­so­zia­len Krise wer­den uns die nächs­ten ein bis zwei Jahre beschäftigen.

Wel­che Sym­ptome wer­den All­ge­mein­me­di­zi­ner ver­stärkt sehen? Grund­sätz­lich müs­sen wir eine wesent­lich grö­ßere Sen­si­bi­li­tät für psy­cho­so­ziale Pro­bleme ent­wi­ckeln, um sie nicht zu über­se­hen oder fehl­zu­in­ter­pre­tie­ren. All­ge­mein­me­di­zi­ner wer­den zuneh­mend Sym­ptome aus drei Clus­tern sehen: Zunächst jene aus dem Angst-Clus­­ter, der nicht über­se­hen wer­den kann, weil Pati­en­ten die Angst in der Regel vor sich her­tra­gen. Dann Per­so­nen mit erhöh­ter Reiz­bar­keit und Aggres­si­vi­tät. Diese Sym­ptome wer­den häu­fig miss­in­ter­pre­tiert, weil diese Per­so­nen als unan­ge­nehme oder böse Zeit­ge­nos­sen abge­tan wer­den. Bei mehr als 90 Pro­zent han­delt es sich aber um eine chro­ni­sche Über­for­de­rung, auf die wir ten­den­ti­ell mit Gereizt­heit reagie­ren und – je stär­ker diese aus­fällt – mit aggres­si­vem Ver­hal­ten am Arbeits­platz oder häus­li­cher Gewalt. Der dritte Sym­ptom­clus­ter sind Depres­sio­nen, die am häu­figs­ten über­se­hen wer­den, weil diese Men­schen sehr still und zurück­ge­zo­gen leben, dazu ten­die­ren, die Schuld auf sich zu laden, sich als Ver­sa­ger zu sehen. Hier muss der Arzt mit der größt­mög­li­chen Sen­si­bi­li­tät agie­ren, um die Depres­sion zu erkennen.

Wel­che the­ra­peu­ti­schen Ange­bote soll­ten von­sei­ten der All­ge­mein­me­di­zi­ner fol­gen? Nach­dem nur zwi­schen 20 und 30 Pro­zent aller Depres­sio­nen erkannt wer­den, weil Pati­en­ten nicht über die Sym­ptome spre­chen, ist es drin­gend not­wen­dig, aktiv nach­zu­fra­gen – vor allem bei offen­sicht­li­chen Sym­pto­men wie Freud­lo­sig­keit, Schlaf­lo­sig­keit oder Appe­tit­lo­sig­keit. Ins­ge­samt ist eine genaue psy­chi­sche Ana­mnese bei allen Pati­en­ten rat­sam, um depres­sive Stö­run­gen nicht zu übersehen.

Wie gehen Arbeit­neh­mer und Arbeit­ge­ber mit mög­li­chen psy­chi­schen Pro­ble­men um – vor allem nach dem mona­te­lan­gen Home-Office? Natür­lich hat das Home-Office zu einer mas­si­ven Ver­schie­bung im Sozi­al­ver­hal­ten geführt. Doch die Befürch­tung der Arbeit­ge­ber, dass im Home-Office zu wenig gear­bei­tet wer­den würde, ist nicht ein­ge­tre­ten. Im Gegen­teil: Arbeit­neh­mer arbei­ten seit vie­len Mona­ten mehr, unstruk­tu­rier­ter und haben weni­ger Frei­zeit. Bewusst stra­pa­ziere ich jetzt nicht die Bezeich­nung Work-Life-Balance, da sie sug­ge­riert, dass Arbeit außer­halb unse­res Lebens statt­fin­den würde. Das ist aber nicht rich­tig. Viel­mehr ist Arbeit ein zen­tra­ler Lebens­be­stand­teil und eine der essen­ti­ells­ten Kraft­quel­len. Doch hat die emp­find­li­che Reduk­tion der Frei­zeit dazu geführt, dass die Über­ar­bei­tung über­hand­nahm. Das muss der Arbeit­ge­ber zur Kennt­nis neh­men und den Weg zurück zu einer struk­tu­rier­te­ren Arbeit auf­zei­gen. Denn Bur­nout ist nicht nur das Resul­tat von über­mä­ßi­gem, son­dern vor allem von unstruk­tu­rier­tem Arbei­ten bezie­hungs­weise unstruk­tu­rier­ten Arbeitsverhältnissen.

Apro­pos Sozi­al­le­ben: Die Gesell­schaft wurde in den ver­gan­ge­nen Mona­ten zuneh­mend klas­si­fi­ziert und in Grup­pen ein­ge­teilt. Was macht eine der­ar­tige Klas­si­fi­zie­rung mit dem Indi­vi­duum und der Gesell­schaft? Das Pro­blem ist, dass eine virale Krise von die­sem Aus­maß immer zu einer psy­cho­so­zia­len Pan­de­mie führt. Bezie­hungs­kri­sen auf allen Ebe­nen – der indi­vi­du­el­len, gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen – sind die Folge. Dadurch kommt es ver­mehrt zu einem Aus­ein­an­der­drif­ten der ein­zel­nen Grup­pie­run­gen. Um der Krise Herr zu wer­den, müs­sen wir daher gemein­sam dage­gen vor­ge­hen, der Ein­zelne ist macht­los. Anders aus­ge­drückt: Es braucht mehr Ver­stän­di­gung zwi­schen den ein­zel­nen Grup­pie­run­gen. Der­zeit leben wir jedoch in einer Schul­d­­zu­­wei­­sungs-Kul­­tur, die die Pro­bleme nicht zu lösen ver­mag. Ein Bei­spiel: Ein­fach zu sagen, die Impf­geg­ner sind schuld, dass Imp­fun­gen nicht funk­tio­nie­ren, bringt nichts. Brand­mar­ken ist wir­kungs­los, viel­mehr sollte man sich mit den dahin­ter­lie­gen­den Grün­den der Ableh­nungs­hal­tung beschäf­ti­gen. Teil­weise wer­den diese Gründe nach­voll­zieh­bar sein, teil­weise nicht. Was aller­dings nicht bedeu­tet, dass man sich nur mit den einen oder den ande­ren beschäf­ti­gen muss. Nur spre­chen und kom­mu­ni­zie­ren ermög­licht Veränderung.

Hat Corona aus der Gesell­schaft also ein Ein­zel­kämp­fer­tum gemacht? Es kam zu einer Ent-Soli­­da­­ri­­sie­­run­­­gie­­rung. Daher müs­sen wir zurück zur Soli­da­ri­sie­rung fin­den. Durch die Gesell­schaft zie­hen sich Grä­ben: Viele wol­len mit den ande­ren nichts mehr zu tun haben. Der Rück­zug in den eige­nen Gra­ben ist sogar fami­li­en­in­tern zu beob­ach­ten. Nicht zuletzt war das unrühm­li­che ‚social distancing‘ kon­tra­pro­duk­tiv, weil zwar zur Bekämp­fung des Virus kör­per­li­che Distanz benö­tigt wird, aber in jedem Fall Zusam­men­halt wich­tig ist. Übri­gens kann die soziale Nähe zum ande­ren bei kör­per­li­cher Distanz am ein­fachs­ten durch ein Lächeln her­ge­stellt werden …

Haben wir unsere Spon­ta­nei­tät ein­ge­büßt? Der Mensch hat den gro­ßen Vor­teil gegen­über allen ande­ren Lebe­we­sen: Er ist keine Reak­ti­ons­ma­schine, son­dern kann selbst etwas ändern und tun. Eine Krise macht Funk­ti­ons­un­tüch­ti­ges sicht­bar und ist daher von jeher die Öff­nung eines Weges zur etwas Bes­se­rem, eine Chance zur Ver­bes­se­rung. Zudem birgt die Krise das Poten­tial einer Neu­ori­en­tie­rung oder Neu-Fokus­­sie­­rung, näm­lich auf das Schöne. Es gibt das Schöne auch wäh­rend der Krise, es wurde nur über­schat­tet. Schö­nes ist für uns alle eine Kraft­quelle – vor allem auch für die Her­aus­for­de­run­gen im Herbst.

Wel­che posi­ti­ven Aspekte aus der Pan­de­mie kön­nen wir also mit­neh­men? Vie­les, was uns ver­traut war, wurde schon lange nicht mehr als etwas Schö­nes wahr­ge­nom­men. Frü­her haben wir uns mit ande­ren getrof­fen, weil es nett war. Die ers­ten Tref­fen nach der lan­gen Lock­­down-Zeit hat­ten jedoch eine unglaub­li­che, noch nie emp­fun­dene Qua­li­tät. Ebenso hat der Gesund­heits­aspekt eine neue Bedeu­tungs­di­men­sion erhal­ten. Men­schen, die nichts falsch gemacht haben, die gesund waren, sind ver­stor­ben oder schwer krank auf der Inten­siv­sta­tion behan­delt wor­den. Viele Gene­sene lei­den unter chro­ni­scher Erschöp­fung. Gesund­heit hat plötz­lich eine ganz andere, viel wich­ti­gere Bedeu­tung. Sie wird als etwas Kost­ba­res gese­hen. Und schließ­lich: Ver­ges­sen wir nicht auf Bezie­hun­gen – vor allem auf ana­loge Bezie­hun­gen und das ana­loge Zusam­men­sein. Bezie­hun­gen sind es in beson­de­rem Maße wert, etwas dafür zu tun.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 12 /​25.06.2021