Ess­stö­run­gen und Dia­be­tes mel­li­tus: Bri­sante Kombination

10.04.2021 | Medi­zin


Zwar kommt Dia­be­tes mel­li­tus in Kom­bi­na­tion mit einer Ess­stö­rung nicht häu­fig vor; wenn es dazu kommt, han­delt es sich jedoch um eine bri­sante Kom­bi­na­tion. Der nicht sorg­same Umgang mit dem Kör­per bei Ano­re­xie und Buli­mie steht in tota­lem Wider­spruch zur Com­pli­ance der Betrof­fe­nen beim Dia­be­tes mel­­li­­tus-Mana­ge­­ment
.

Schät­zungs­weise 3,5 Pro­zent der Pati­en­tin­nen mit Dia­be­tes mel­li­tus Typ1 lei­den auch an einer Buli­mie, erklärt Univ. Prof. Bar­bara Man­g­­weth-Mat­­zek von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Psych­ia­trie II der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Inns­bruck. „Frü­here Schät­zun­gen setz­ten die­sen Wert bei 35 Pro­zent an. Das wurde aber mitt­ler­weile revi­diert. Dia­be­tes in Kom­bi­na­tion mit einer Ess­stö­rung tritt also nicht so häu­fig auf, aber wenn, dann ist es brisant.“ 

Bei Pati­en­tin­nen mit Dia­be­tes mel­li­tus Typ 1 – laut Man­g­­weth-Mat­­zek betrifft es haupt­säch­lich Frauen, die an Dia­be­tes lei­den – ent­steht die Ess­stö­rung meist erst nach der Dia­gnose Dia­be­tes mel­li­tus durch die Kom­bi­na­tion aus einer sub­til vor­han­de­nen Kör­pe­run­zu­frie­den­heit und dem stren­gen Ernäh­rungs­re­gime auf­grund der Dia­­be­­tes-The­ra­­pie. „Wenn jemand ein gesun­des Ver­hält­nis zum eige­nen Kör­per und Gewicht hat, kann der starke Fokus auf das Essen und das not­wen­dige Kalo­ri­en­zäh­len gut gehand­habt wer­den“, berich­tet Man­g­­weth-Mat­­zek aus der Pra­xis. „Wenn aber schon ein Kör­per­pro­blem vor­han­den ist, kann die Dia­gnose und vor allem The­ra­pie von Dia­be­tes eine deut­li­che Ver­stär­kung des patho­lo­gi­schen Gehalts der Ess­stö­rung bedeu­ten.“ Da das Manage­ment von Dia­be­tes mel­li­tus eine rigide Kon­trolle des Ess­ver­hal­tens bedeu­tet, wird das Ess­ver­hal­ten nicht mehr nur durch das natür­li­che Kör­per­ge­fühl regu­liert, son­dern durch Diät­vor­schrif­ten gesteu­ert – es kommt zum „restraint eating“.

Ess­stö­rung ver­sus Compliance

Bei Ano­re­xie und Buli­mie ist das Merk­mal der Selbst­de­struk­tion domi­nant. „Die­ser nicht sorg­same Umgang mit dem Kör­per steht aber im tota­len Wider­spruch mit der Com­pli­ance im Kon­text von Dia­be­tes“, betont Man­g­­weth-Mat­­zek. „Ess­ge­störte Pati­en­ten kön­nen sich nicht com­pli­ant ver­hal­ten.“ Im Kon­text der Ess­stö­rung wer­den Ziele, wie eine extreme Gewichts­ab­nahme oder die Kom­bi­na­tion aus Gewichts­ab­nahme und Sport, so hoch gesteckt, dass es zur Selbst­schä­di­gung des Kör­pers kommt. „Ess­ge­störte Per­so­nen sind in ihrem Han­deln so ein­ge­schränkt, dass Abneh­men das ein­zige Ziel ist und sie gegen die gute Kör­per­wahr­neh­mung agieren.“

So wer­den auch Erkran­kung und The­ra­pie für die Gewichts­ab­nahme genutzt. In Kom­bi­na­tion mit Typ 1‑Diabetes steht weni­ger die Dia­gnose Ano­rexia ner­vosa, son­dern eher die Dia­gnose Buli­mia ner­vosa in Ver­bin­dung. Häu­fig wird durch eine ver­min­derte sehr restrik­tive Insu­­lin-Gabe eine erhöhte Aus­schei­dung von Zucker durch den Harn erzielt. Mit­un­ter ver­zich­ten die Betrof­fe­nen auch auf das Basa­l­in­su­lin und sprit­zen nur zu Mahl­zei­ten zu, um eine kom­plette Ent­glei­sung zu ver­mei­den. „Die­ses soge­nannte Insu­­lin-Pur­­ging oder auch Erbre­chen über die Niere führt zu einem Ver­lust von meh­re­ren 100 Kilo­ka­lo­rien über den Harn pro Tag“, berich­tet Univ. Prof. Bern­hard Lud­vik von der 1. Medi­zi­ni­schen Abtei­lung mit Dia­be­to­lo­gie, Endo­kri­no­lo­gie und Neph­rolo­gie der Kli­nik Land­straße in Wien. „Im Gegen­satz zu nicht-dia­­be­­ti­­schen Pati­en­ten ist für den Kalo­rien­ver­lust kein Erbre­chen not­wen­dig. Aller­dings führt das Insu­­lin-Pur­­ging zu Schä­di­gun­gen und Spätfolgen.“

Durch die Glu­koso­rie kommt es zu einem gro­ßen Flüs­sig­keits­ver­lust und einer hohen Belas­tung der Nie­ren. Der hohe Zucker­ge­halt des Harns begüns­tigt Can­­dida-Infe­k­­ti­o­­nen und ein hoher HbA1c-Wert führt zu mikro­vasku­lä­ren Schä­di­gun­gen. Bedroh­lich seien kurz­fris­tig die Ent­glei­sun­gen des Zucker­werts, warnt Lud­vik. „Die Keto­a­zi­do­sen sind mit­un­ter lebens­be­droh­lich. Durch die schlechte Zucker­ein­stel­lung ent­ste­hen schon in rela­tiv frü­hem Alter Spät­schä­den wie Neu­ro­pa­thien, Reti­no­pa­thie und Nephropathien.“ 

Warn­zei­chen, die auf das Vor­lie­gen einer Ess­stö­rung hin­deu­ten, sind ein hoher HbA1c-Wert, häu­fige Ent­glei­sun­gen, wenige Auf­zeich­nun­gen sowie ver­säumte Kon­trol­len. „Insu­­lin-Pur­­ging führt eher dazu, dass die Pati­en­tin­nen Hyper­gly­kämien zei­gen. Mit­un­ter kom­men sie auch mit Keto­a­zi­do­sen auf die Not­auf­nahme. Bei lang­fris­tig schlech­ter Ein­stel­lung und bei häu­fi­gen Ent­glei­sun­gen muss man die Ursa­che suchen, wes­halb der Zucker­wert so hoch ist“, betont Ludvik. 

Ein wich­ti­ger ers­ter Schritt ist für Man­g­­weth-Mat­­zek, die Frage nach einer Ess­stö­rung stan­dard­mä­ßig in die Ana­mnese ein­zu­be­zie­hen. Auf­grund der Stig­ma­ti­sie­rung von Ess­stö­run­gen sollte diese Frage beson­ders empa­thisch gestellt wer­den. „Manch­mal negie­ren Pati­en­tin­nen trotz­dem oder sind noch nicht so weit, dar­über zu spre­chen. Auch das ist zu akzep­tie­ren.“ Trotz­dem solle man die­sen Ver­dacht dar­auf­hin nicht außer Acht las­sen, son­dern wei­ter­hin die Ursa­che für die schlechte Ein­stel­lung suchen. „In die­sem Kon­text ist es auch durch­aus rich­tig und wich­tig, Pati­en­tin­nen zur nähe­ren Abklä­rung des Ess­ver­hal­tens an die Psych­ia­trie wei­ter zu ver­wei­sen.“ Man­g­­weth-Mat­­zek betont wei­ters, dass man aus Sicht des Behand­lers häu­fig davon aus­gehe, dass Men­schen mit einer Krank­heit bezie­hungs­weise Lei­dens­druck offen für Behand­lung und Rat­schläge sind. „Ess­ge­störte Pati­en­ten sind aber nicht dafür offen, weil sie es nicht können.“ 

In der The­ra­pie von Ess­stö­run­gen bei Pati­en­tin­nen mit Typ 1‑Diabetes ist daher die Zusam­men­ar­beit über fach­li­che Gren­zen hin­weg not­wen­dig. „Dia­be­tes bedeu­tet eine rigide Beschäf­ti­gung mit dem Essen. Das muss man ver­su­chen, zu durch­bre­chen“, erläu­tert Lud­vik. „Wir müs­sen zusam­men­ar­bei­ten, um auch die Dia­­be­­tes-The­ra­­pie zu fle­xi­bi­li­sie­ren: Hier nimmt man eine mäßig gute Ein­stel­lung in Kauf, um die Insu­lin­re­strik­tion hint­an­zu­hal­ten.“ Lud­vik betont, dass den Betrof­fe­nen mehr Fle­xi­bi­li­tät im Umgang mit Essen zuge­stan­den wer­den sollte, um die Wahr­neh­mung von Mahl­zei­ten zu ändern – von einem rei­nen Rechen­bei­spiel hin zu einem ent­spann­ten locke­ren Umgang mit Essen. „Bei Bedarf nach­sprit­zen ist in die­sem Fall bes­ser als noch mehr Rigi­di­tät und Rechnen.“ 

Psy­cho­the­ra­pie ist für Man­g­­weth-Mat­­zek essen­ti­ell, damit die betrof­fe­nen Frauen einen sorg­sa­me­ren Umgang mit sich selbst erler­nen und so eine Lan­g­­zeit-Com­­pli­ance bei der Dia­be­testhe­ra­pie erreicht wird. Denn Ess­stö­run­gen im Kon­text von Dia­be­tes mel­li­tus Typ 1 betref­fen nicht nur junge Pati­en­tin­nen. „Insu­­lin-Pur­­ging beginnt zwar oft in jun­gen Jah­ren, Dia­be­tes mit Buli­mie betrifft aber auch Frauen mitt­le­ren Alters und die Ess­stö­rung beglei­tet sie wei­ter bis ins hohe Alter.“ Dia­be­to­lo­gen soll­ten daher eng mit Fach­leu­ten aus Psych­ia­trie und Psy­cho­so­ma­tik koope­rie­ren, betont Lud­vik. „Wir kön­nen nur gemein­sam ver­su­chen, die Dia­­be­­tes-The­ra­­pie so zu gestal­ten, dass sie die Behand­lung der Ess­stö­rung begünstigt.“ 

Bei Pati­en­ten mit Dia­be­tes mel­li­tus Typ 2 steht als Ess­stö­rung meist das „Binge Eating“ im Vor­der­grund. Die Ess­stö­rung bestehe häu­fig schon vor der Dia­­be­­tes-Dia­­gnose und unter­scheide sich vom adi­pö­sen Essen oder „overea­ting“, erklärt Man­g­­weth-Mat­­zek. Die Exper­tin wei­ter: „Binge eating zeigt die glei­chen Ess­at­ta­cken wie die Buli­mie mit einem sucht­ar­ti­gen Ver­lan­gen nach hoch­ka­lo­ri­schem Essen. Damit kommt es zu einer extre­men Gewichts­zu­nahme, so dass dadurch auch ursäch­lich Dia­be­tes ent­ste­hen kann.“ (SF)

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 7 /​10.04.2021