Ernäh­rung in der Schwan­ger­schaft: Die ers­ten 1.000 Tage entscheiden

25.03.2021 | Medi­zin


Beson­ders Frauen mit Adi­po­si­tas, mit bestehen­dem Dia­be­tes mel­li­tus, Gesta­ti­ons­dia­be­tes mit Mal­ab­sorp­ti­ons­stö­run­gen infolge einer baria­tri­schen Ope­ra­tion oder auf­grund einer chro­nisch ent­zünd­li­chen Darm­er­kran­kung ist eine Ernäh­rungs­be­ra­tung schon vor der Schwan­ger­schaft sinn­voll.
Sophie Fessl

Die ers­ten 1.000 Tage ent­schei­den – die­ses Schlag­wort ver­deut­licht, wie wich­tig die Ernäh­rung in der Schwan­ger­schaft und in den ers­ten Lebens­jah­ren für ein Kind ist. Beson­ders in der Schwan­ger­schaft wird oft ein ver­stärk­ter Fokus auf die Ernäh­rung gelegt. Dabei gilt aber ein ein­fa­cher Grund­satz, wie Univ. Prof. Kurt Wid­halm vom Öster­rei­chi­schen Aka­de­mi­schen Insti­tut für Ernäh­rungs­me­di­zin erklärt: „Eine ver­nünf­tige Ernäh­rung in der Schwan­ger­schaft weicht grund­sätz­lich nicht von einer ver­nünf­ti­gen, gesun­den Ernäh­rung vor der Schwan­ger­schaft ab – vor­aus­ge­setzt, die künf­tige Mut­ter hat sich schon zuvor gesund ernährt.“ 

Genau die­ser Aspekt führt aller­dings dazu, dass bei man­chen schwan­ge­ren Frauen doch genauer auf die Ernäh­rung geach­tet wer­den sollte. „Schwan­gere Frauen sind ein sehr hete­ro­ge­nes Kol­lek­tiv“, betont Priv. Doz. Chris­tian Göbl von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Frau­en­heil­kunde der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien, der die For­schungs­gruppe zu Adi­po­si­tas und Meta­bo­li­schen Erkran­kun­gen in der Schwan­ger­schaft lei­tet. „Bei man­chen Frauen rei­chen Tipps, wie sie ihren Stoff­wech­sel ver­bes­sern kön­nen. Man­che Frauen hin­ge­gen benö­ti­gen eine Ernäh­rungs­the­ra­pie mit indi­vi­du­el­ler Anpassung.“ 

Zu die­ser Gruppe gehö­ren beson­ders Frauen mit Adi­po­si­tas, mit vor der Schwan­ger­schaft bestehen­dem Dia­be­tes mel­li­tus, mit Gesta­ti­ons­dia­be­tes sowie Frauen mit Mal­ab­sorp­ti­ons­stö­run­gen infolge einer baria­tri­schen Ope­ra­tion oder auf­grund einer chro­nisch ent­zünd­li­chen Darm­er­kran­kung. Wenn Man­gel­er­schei­nun­gen vor­lie­gen, soll­ten diese ent­spre­chend mit einem für die Schwan­ger­schaft for­mu­lier­ten Prä­pa­rat sub­sti­tu­iert wer­den. „Gene­rell kann in der Schwan­ger­schaft mit Vit­amin­prä­pa­ra­ten unter­stützt wer­den, da sich auch bei einer unauf­fäl­li­gen Schwan­ger­schaft eine Eisen­­­man­­gel-Anämie ent­wi­ckeln kann“, erklärt Göbl. „Bei Pati­en­tin­nen mit Mal­ab­sorp­tion sollte tat­säch­lich eine The­ra­pie mit Mikro­­nähr­­stoff-Sub­­s­ti­­tu­­ti­o­­nen erfol­gen.“ In die­sem Risi­ko­kol­lek­tiv sollte der Nähr­­stoff-Sta­­tus kon­trol­liert wer­den, damit Sub­sti­tu­tio­nen an den indi­vi­du­el­len Bedarf ange­passt sind.

Unter den wich­ti­gen Mikro­nähr­stof­fen beson­ders her­vor­zu­he­ben sei die Fol­säure, betont Wid­halm. „Neural­rohr­de­fek­ten kann heute durch die Fol­säu­re­zu­fuhr, tun­lichst schon vor Ein­tritt einer Schwan­ger­schaft, vor­ge­beugt wer­den.“ Evi­denz­ba­siert wird eine Zufuhr von 400µg Fol­säure pro Tag emp­foh­len. Wei­tere wich­tige Mikro­nähr­stoffe in der Schwan­ger­schaft sind Eisen, Iod und Magne­sium sowie Kal­zium für den Kno­chen­auf­bau des Kin­des und Vit­amine der B‑Gruppe für die Blut­bil­dung. „Im kon­zep­ti­ons­fä­hi­gen Alter sollte unter­sucht wer­den, ob nicht ein unent­deck­ter Man­gel wie eine Hypo­kalz­ä­mie vor­liegt. Diese Mikro­nähr­stoffe sind aber in den meis­ten in der Schwan­ger­schaft ver­ord­ne­ten Prä­pa­ra­ten enthalten.“ 

Um eine adäquate Nähr­­stoff-Ver­­­sor­­gung zu errei­chen, sollte auch in der Schwan­ger­schaft eine gesunde Ernäh­rung ein­ge­hal­ten wer­den. Wid­halm emp­fiehlt als Anhalts­punkt den „Gesun­den Tel­ler“: „Die Bot­schaft ist kurz und ein­fach: nicht zu viel Fleisch, viel fri­sches Obst und Gemüse, reich­lich bal­last­stoff­rei­che Produkte.“ 

Eine ovo-lakto-vege­­ta­­ri­­sche Ernäh­rung in der Schwan­ger­schaft ist dabei durch­aus mög­lich, erklärt Göbl. „Die meis­ten Vege­ta­rie­rin­nen ernäh­ren sich sehr bewusst. Daher sehe ich hier wenig Pro­bleme. Aller­dings soll­ten sich Frauen, die sich in der Schwan­ger­schaft vege­ta­risch ernäh­ren möch­ten, mit einem darin ver­sier­ten Arzt oder Diä­to­lo­gen abspre­chen.“ Beson­ders ein Vit­a­min-B12-Man­­gel könne auf­tre­ten und müsse zumin­dest ein­mal im Tri­me­non abge­klärt wer­den, damit eine adäquate Sub­sti­tu­tion mög­lich ist.

Besteht der Wunsch auf eine vegane Ernäh­rung in der Schwan­ger­schaft, sollte die Schwan­gere von einem Spe­zia­lis­ten beglei­tet wer­den. „Es ist theo­re­tisch mög­lich. Die Schwan­gere sollte sich aber von einem Spe­zia­lis­ten mit einem Diplom für Ernäh­rungs­me­di­zin unter­su­chen und lei­ten las­sen. Und bei Mikro­nähr­stoff­man­gel muss dann auch dem­entspre­chend sub­sti­tu­iert wer­den“, betont Wid­halm. Durch eine vegane Ernäh­rung kann es in der Schwan­ger­schaft vor allem zu einem Man­gel an Eisen, Zink, Kal­zium, Pro­te­inen und Fett­säure kom­men. „Gerade der Zusam­men­hang zwi­schen einem Man­gel an hoch unge­sät­tig­ten Fett­säu­ren und einem Out­come aus neu­ro­lo­gi­scher und oph­thal­mo­lo­gi­scher Sicht ist gut dokumentiert.“ 

Von restrik­ti­ven Diä­ten in der Schwan­ger­schaft sei abzu­ra­ten. Göbl ver­weist vor allem auf die Nie­der­län­di­sche Hun­gers­not im Win­ter 1944/​45. Eine Nach­ver­fol­gung der Kin­der, deren Müt­ter wäh­rend der Hun­gers­not schwan­ger waren, zeigte, dass Kin­der, deren Müt­ter in der Schwan­ger­schaft einem Nähr­stoff­man­gel aus­ge­setzt waren, in spä­te­ren Jah­ren Stö­run­gen im Stoff­wech­sel ent­wi­ckel­ten. „Auch Pati­en­tin­nen nach baria­tri­schen Ope­ra­tio­nen haben eine Man­gel­ver­sor­gung, weil sie man­che Nähr­stoffe nicht adäquat auf­neh­men kön­nen. Sie nei­gen dazu, klei­nere Kin­der zu bekom­men. Wei­tere Aus­wir­kun­gen wer­den noch unter­sucht. Aber mit einer restrik­ti­ven Diät in der Schwan­ger­schaft tut man dem Kind wahr­schein­lich nichts Gutes!“ 

Schwan­gere mit Adi­po­si­tas haben ein höhe­res Risiko, Gesta­ti­ons­dia­be­tes zu ent­wi­ckeln. Auch unab­hän­gig davon ist ihr Risiko erhöht, Prä­ek­lamp­sie zu ent­wi­ckeln oder ein gro­ßes Kind zu gebä­ren. „Bereits vor der Schwan­ger­schaft soll­ten adi­pöse Frauen ihr Gewicht redu­zie­ren, ihre Ernäh­rung unter fach­kun­di­ger Anlei­tung opti­mie­ren und so opti­mal vor­be­rei­tet in die Schwan­ger­schaft star­ten“, betont Göbl. Eine prä­kon­zep­tio­nelle Bera­tung ist sei­nen Aus­sa­gen zufolge nicht nur für über­ge­wich­tige Frauen wich­tig, son­dern auch bei Frauen mit mal­ab­sorp­ti­ven Erkran­kun­gen, Ernäh­rungs­pro­ble­men, Dia­be­tes mel­li­tus oder nach baria­tri­schen Ope­ra­tio­nen. „Schon vor der Kon­zep­tion kann viel ver­bes­sert wer­den, um ein opti­ma­les Out­come zu erzie­len. Wenn man mit der Ernäh­rungs­um­stel­lung war­tet, bis in der 28. Schwan­ger­schafts­wo­che ein Gesta­ti­ons­dia­be­tes dia­gnos­ti­ziert wird, sind schon viele Chan­cen vergeben.“ 

Schon lange wider­legt ist der Mythos, Schwan­gere müss­ten für zwei essen. Eine schwan­gere Frau ver­brau­che zwar mehr Ener­gie, um Gewebe auf­zu­bauen, betont Wid­halm, „aber die dop­pelte Por­tion zu essen, ist völ­lig unbe­grün­det und falsch. Bei einer zu hohen Gewichts­zu­nahme kön­nen Pro­bleme durch Gesta­ti­ons­dia­be­tes ent­ste­hen.“ Frauen, die vor der Schwan­ger­schaft einen BMI über 30 kg/​m² haben, wird eine Zunahme von weni­ger als zehn Kilo­gramm über die gesamte Schwan­ger­schaft emp­foh­len, nor­mal­ge­wich­tige Frauen dage­gen wird eine Zunahme von zwölf bis 16 Kilo­gramm über die gesamte Schwan­ger­schaft emp­foh­len, betont Göbl. 

Im ers­ten Tri­me­non ist dabei eine – wenn über­haupt not­wen­dig – nur gering erhöhte Ener­gie­zu­fuhr not­wen­dig. Im zwei­ten und drit­ten Tri­me­non steigt der Ener­gie­be­darf auf zusätz­lich 200 bis 250 kcal pro Tag, in der Still­pe­ri­ode auf 500 bis 600 kcal pro Tag. Ab dem zwei­ten Tri­me­non ist auch der Eiweiß­be­darf erhöht. Täg­lich soll­ten 20 bis 30g Pro­te­ine zusätz­lich kon­su­miert wer­den. „Das lässt sich pro­blem­los aus den zusätz­lich benö­tig­ten 200kcal decken, etwa durch ein Glas Milch, einen Gemü­se­cock­tail, ein klei­nes Stück Fisch oder gele­gent­lich auch Fleisch“, erklärt Widhalm.

Beide Exper­ten beto­nen, dass wäh­rend der gesam­ten Schwan­ger­schaft strikt auf Alko­hol und Rau­chen zu ver­zich­ten ist. Kaf­fee kann – obwohl pla­zen­ta­gän­gig – auch in der Schwan­ger­schaft getrun­ken wer­den. Aller­dings wird ein obe­res Limit von 200mg Kof­fein pro Tag emp­foh­len. Das ent­spricht etwa zwei Tas­sen Kaf­fee pro Tag. „Wich­tig ist, den Kon­takt mit unge­koch­ten Lebens­mit­teln, die mög­li­cher­weise Mikro­or­ga­nis­men ent­hal­ten, strikt zu ver­mei­den. Infek­tio­nen mit Toxo­plasma gon­dii, Lis­te­rien, Cam­py­lo­bac­ter jejuni und auch Viren kön­nen sich sehr ungüns­tig auf den Fötus aus­wir­ken“, betont Wid­halm. Roher Fisch und rohes Fleisch soll­ten daher ver­mie­den, Gemüse vor dem Ver­zehr gewa­schen werden.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 6 /​25.03.2021