Ernäh­rung bei Eisen­man­gel: Zeit und Geduld

25.04.2021 | Medi­zin


Um einen Eisen­man­gel aus­schließ­lich über die Ernäh­rung zu behe­ben, ist sehr viel Zeit und Geduld erfor­der­lich. Mehr als 30 Pro­zent der Säug­linge, die älter als sechs Monate sind, wei­sen trotz übli­cher Ernäh­rung einen Eisen­man­gel auf, der sup­ple­men­tiert wer­den sollte. Bei den 13- bis 16-Jäh­­ri­­gen sind es bis zu sechs Pro­zent.
Sophie Fessl

Durch­schnitt­lich wird 1mg Eisen pro Tag benö­tigt, um den Eisen­be­darf des Kör­pers zu decken. „Mit einer gesun­den Ernäh­rung wird diese Eisen­zu­fuhr in den meis­ten Fäl­len gut gesi­chert“, betont Univ. Prof. Kurt Wid­halm, Prä­si­dent des Öster­rei­chi­schen Aka­de­mi­schen Insti­tu­tes für Ernäh­rungs­me­di­zin. Doch bei vie­len reicht diese Zufuhr nicht aus: Frauen haben einen Eisen­be­darf von 2mg/​Tag auf­grund des Blut­ver­lusts wäh­rend der Regel­blu­tung; im letz­ten Schwan­ger­schaft­s­tri­me­non und in der Still­zeit steigt die­ser sogar auf 5mg/​Tag. „Die­ser hohe Eisen­be­darf ist oft mit der Ernäh­rung alleine gar nicht mehr bewäl­tig­bar“, erklärt PD Karin Amrein, MSc von der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Graz. 

Beson­ders gefähr­det für einen Eisen­man­gel sind Frauen, weib­li­che Jugend­li­che, Klein­kin­der und Säug­linge sowie Sport­ler. Auch abhän­gig von der Ernäh­rungs­form kann das Risiko für einen Eisen­man­gel erhöht sein: bei Men­schen, die sich vegan ernäh­ren besteht ein wesent­lich höhe­res Risiko für eine Eisen­­­man­­gel-Anämie, aber auch bei denen, die sich vege­ta­risch ernäh­ren, ist das Risiko erhöht, erklärt Wid­halm. „Die vege­ta­ri­sche Ernäh­rungs­form hat viele posi­tive Eigen­schaf­ten. Vege­ta­rier haben ein nied­ri­ge­res Risiko für Dia­be­tes mel­li­tus, Über­ge­wicht und Herz-Kreis­lauf-Erkran­­kun­­­gen. Aber sie haben ein höhe­res Risiko, mit einer Eisen­un­ter­ver­sor­gung behaf­tet zu sein.“ 

Eisen­man­gelan­ämie: Spitze des Eisbergs

Ab einem Fer­­ri­­tin-Wert unter 30ng/​ml spricht man inter­na­tio­nal von einem Eisen­man­gel. „Aber die Eisen­man­gelan­ämie ist nur die Spitze des Eis­bergs. Viel mehr Men­schen haben einen Eisen­man­gel ohne Anämie. Diese Pati­en­ten sind oft sym­pto­ma­tisch, sie wer­den aber häu­fig nicht the­ra­piert“, berich­tet Amrein. Zu den Sym­pto­men des Eisen­man­gels zäh­len Müdig­keit, Kon­zen­tra­ti­ons­schwä­che, Mund­win­kel­rha­gaden, Haar­aus­fall und das Rest­less Legs-Syn­­­drom. „Aber auch Herz­klop­fen, Kopf­schmer­zen und Schlaf­stö­run­gen kön­nen sub­tile Zei­chen sein. Bei vie­len ent­wi­ckelt sich der Eisen­man­gel schlei­chend. Viele Frauen sind es gewöhnt, dass sie einen Eisen­man­gel haben und ler­nen erst nach Kor­rek­tur des Man­gels ihren eigent­li­chen Nor­mal­zu­stand ken­nen“, erläu­tert Amrein. 

„Wenn ein Eisen­man­gel besteht, ist es durch­aus schwer, aus die­sem Man­gel­zu­stand wie­der durch die Ernäh­rung alleine her­aus­zu­kom­men“, erklärt Wid­halm. Für Amrein liegt das Pro­blem darin, dass häu­fig eine kom­plette Ernäh­rungs­um­stel­lung not­wen­dig wäre, um den Eisen­man­gel in den Griff zu bekom­men – was in der Pra­xis nicht rea­lis­tisch sei. „Es bedarf sehr viel Zeit und viel Geduld, um mit der Ernäh­rung einen Eisen­man­gel zu behe­ben.“ Viele beson­ders eisen­hal­tige Nah­rungs­mit­tel ste­hen nicht mehr häu­fig auf dem Spei­se­plan. Dazu zäh­len Blut­wurst, Schwei­ne­le­ber und Niere; wei­tere tie­ri­sche Eisen­lie­fe­ran­ten sind Hüh­ner­ei­gelb, Rin­der­fi­let sowie Bach­fo­relle. Vege­ta­ri­sche Eisen­lie­fe­ran­ten inklu­die­ren Gewürz­pa­prika, Wei­zen­kleie, Man­deln, Kakao­pul­ver, Rog­gen­brot und Spi­nat. „Aller­dings sind das alles Lebens­mit­tel, die übli­cher­weise nicht in gro­ßen Men­gen ver­zehrt wer­den“, betont Amrein. 

In einem Pro­jekt rech­nete Amrein daher aus, wie­viel von die­sen Lebens­mit­teln täg­lich ver­zehrt wer­den müsste, um den Eisen­be­darf zu decken. „Für eine Deckung des täg­li­chen Eisen­be­darfs rei­chen 700 Gramm Rind­fleisch, ein Kilo­gramm Schwei­ne­fleisch, 50 Gramm Blut­wurst, 250 Gramm Kalbs­le­ber, 200 Gramm getrock­nete Lin­sen, 340 Gramm Voll­korn­brot, 600 Gramm Wal­nüsse oder drei Kilo­gramm Hei­del­bee­ren.“ Gleich­zei­tig müsse auf Wech­sel­wir­kun­gen geach­tet wer­den, da einige Nah­rungs­mit­tel die Auf­nahme von Eisen behin­dern oder begüns­ti­gen kön­nen. Wäh­rend die gleich­zei­tige Ein­nahme von Vit­amin C oder Vit­amin C‑haltigen Lebens­mit­teln die Eisen­ver­wer­tung ver­bes­sere, kön­nen laut Amrein Schwarz­tee, Kaf­fee, Weiß­mehl sowie Milch­pro­dukte für die Eisen­auf­nahme hin­der­lich sein. „Trotz­dem scheint sich mit gesun­der Ernäh­rung für viele eine aus­rei­chende Eisen­zu­fuhr aus­zu­ge­hen. Nur bei einem tat­säch­li­chen Man­gel reicht es sel­ten für eine wesent­li­che Verbesserung.“ 

Besteht bereits ein Eisen­man­gel, ist meist eine orale Eisen­sub­sti­tu­tion not­wen­dig. Um die Eisen­re­ser­ven auf­zu­fül­len, braucht es meist eine über zwei bis sechs Monate andau­ernde Sub­sti­tu­tion. Doch bei rund einem Drit­tel der Pati­en­ten ruft eine orale Eisen­sub­sti­tu­tion Neben­wir­kun­gen im Magen-Darm-Trakt her­vor. „Wenn eine orale Eisen­sub­sti­tu­tion nicht durch­führ­bar ist, kann eine moderne Hoch­­­do­­sis-Eisen­­in­­fu­­sion ange­wen­det wer­den. Diese ist gut ver­träg­lich. Ein rei­ner Eisen­man­gel kann oft mit einer ein­zi­gen Infu­sion beho­ben wer­den“, erläu­tert Amrein. 

Der Eisen­man­gel kann noch über die Meno­pause hin­aus andau­ern. Bei Sport­lern wie­derum ist die Eisen­auf­nahme nach inten­si­vem Trai­ning gehemmt, was zu einem Eisen­man­gel füh­ren kann. Bei Frauen ab 60 Jah­ren sowie bei Män­nern sollte nach einer Ursa­che für den Eisen­man­gel gesucht wer­den. Diese kön­nen unter ande­rem Blut­ver­lust nach einer Ope­ra­tion, regel­mä­ßi­ges Blut­spen­den, okkulte Blu­tun­gen, Kolon­kar­zi­nome oder eine Zölia­kie sein. Auch bei Kin­dern kann ein Eisen­man­gel auf­tre­ten. Gerade bei Säug­lin­gen ist die­ser nicht sel­ten, betont Wid­halm. „Mehr als 30 Pro­zent der Säug­linge über dem sechs­ten Lebens­mo­nat haben trotz einer übli­chen Ernäh­rung mit sup­ple­men­tier­ter Milch oder ers­ter Nah­rung einen Eisen­man­gel, der sub­sti­tu­iert wer­den sollte. Der Hämo­­g­lo­­bin-Spie­­gel sollte daher im zwei­ten Lebens­halb­jahr rou­ti­ne­mä­ßig bestimmt wer­den.“ Säug­linge, die mit Mut­ter­milch ernährt wer­den, haben übli­cher­weise Eisen­re­ser­ven, die den Stoff­wech­sel und den Eisen­haus­halt bis etwa zum sechs­ten Lebens­mo­nat aus­ge­gli­chen erschei­nen las­sen; danach sind die Eisen­re­ser­ven auf­ge­braucht. „Bei Müt­tern, die sich in der Schwan­ger­schaft rela­tiv Eisen-arm ernährt haben, sollte bereits wäh­rend der Schwan­ger­schaft bes­ser sub­sti­tu­iert wer­den und mög­li­cher­weise schon frü­her beim Säug­ling eine Sub­sti­tu­tion begon­nen werden.“ 

In Europa zei­gen Stu­dien, dass die Raten an Eisen­man­gel bei sechs bis 36 Monate alten Kin­dern zwi­schen vier und 50 Pro­zent lie­gen, führt Wid­halm aus. „Die Schwan­kungs­breite ist recht groß, da mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit in den Staa­ten im Osten Euro­pas eine höhere Rate an Eisen­­­man­­gel-Anämie zu ver­zeich­nen ist.“ Bei Kin­dern, die blass oder müde sind, soll­ten daher rou­ti­ne­mä­ßig die Hämo­­g­lo­­bin- sowie Fer­­ri­­tin-Werte bestimmt wer­den. „Eisen­man­gel kann zu erheb­li­chen Stö­run­gen füh­ren, Unter­su­chun­gen zei­gen, dass Eisen­man­gel bei Kin­dern mit einer spä­te­ren Beein­träch­ti­gung der men­ta­len und moto­ri­schen Ent­wick­lung ver­bun­den ist.“ Mit Eisen­man­gel seien auch abnorme Ver­hal­tens­wei­sen asso­zi­iert, die auf den Eisen­man­gel zurück­zu­füh­ren sein könnten. 

Eisen­man­gel beein­flusst Verhalten

Wäh­rend sonst kaum öster­rei­chi­sche Daten über die Häu­fig­keit des Eisen­man­gels vor­lie­gen, zei­gen hei­mi­sche Daten, dass zwei bis sechs Pro­zent der Jugend­li­chen in Öster­reich zwi­schen 13 und 16 Jah­ren an einer behand­lungs­be­dürf­ti­gen Eisen­­­man­­gel-Anämie lei­den. Auch bei ihnen kann sich der Eisen­man­gel im Ver­hal­ten äußern, erklärt Amrein. „Stim­mungs­schwan­kun­gen und Gereizt­heit kön­nen ein­fach die Puber­tät sein, aber es kann auch ein Eisen­man­gel betei­ligt sein. Die­sen muss man aus­schlie­ßen, schließ­lich kann er beho­ben werden.“ 

Beide Exper­ten war­nen davor, ohne Ana­mnese eine pro­phy­lak­ti­sche Eisen­sub­sti­tu­tion vor­zu­neh­men, da diese Gesund­heits­ri­si­ken mit sich brin­gen kann. Rund eine von zehn in Öster­reich leben­den Per­so­nen ist außer­dem Hämoch­ro­­ma­­tose-Trä­­ger und kommt nicht in einen Eisen­man­gel; hier wäre eine Eisen­gabe kon­tra­in­di­ziert. „Bei einem nor­mal ver­sorg­ten Kind oder Erwach­se­nen ist eine pro­phy­lak­ti­sche Eisen­zu­fuhr nicht gerecht­fer­tigt“, betont Wid­halm. Und wei­ter: „Eine pro­phy­lak­ti­sche Eisen­gabe im zwei­ten Lebens­halb­jahr kann gerecht­fer­tigt sein. Bei Älte­ren ist eine Sub­sti­tu­tion ohne Hämo­­g­lo­­bin-Besti­m­­mung nicht sinnvoll.“

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 8 /​25.04.2021