Tag der Gesund­heits­be­rufe: Ver­netzt arbeiten

Sep­tem­ber 2021 | Aktu­el­les aus der ÖÄK

Tages­zen­tren, Ger­ia­trie­an­ge­bote, Pri­mär­ver­sor­gungs­zen­tren – die Alte­rung der Gesell­schaft erfor­dert krea­tive Ideen, neue Ver­sorgungsprojekte und viel Team­ar­beit für eine funk­tio­nie­rende inte­grierte Ver­sor­gung. Die heu­rige Gesund­heits­be­rufe kon­fe­renz­wid­mete sich den The­men Kom­mu­ni­ka­tion, Zeit und Ressourcen.
Sophie Nie­denzu

„Man kann nicht nicht kom­mu­ni­zie­ren“, lau­tet ein Zitat des öster­rei­chi­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaf­ters Paul Watz­lawick. Kom­mu­ni­ka­tion, Team­ar­beit statt Ein­zel­kämp­fer­tum, Gleich­wer­tig­keit in den unter­schied­li­chen Berufs­grup­pen, Anhe­bung der Gehäl­ter und die Res­source Zeit – das seien die Eck­punkte, um erfolg­reich die Gesund­heits­be­rufe mit­ein­an­der zu ver­net­zen und so eine Lang­zeit­be­treu­ung von Pati­en­ten zu gewähr­leis­ten. Darin waren sich die Vor­ta­gen­den des heu­ri­gen Tages der Gesund­heits­be­rufe einig, der als Webi­nar unter dem Motto „Sym­pho­nie der Gesund­heits­be­rufe – struk­tu­rier­tes und orga­ni­sier­tes Zusam­men­spiel der Kom­pe­ten­zen“ über die digi­tale Bühne ging.

Kai Leich­sen­ring, Direk­tor des Euro­päi­schen Zen­trums für Wohl­fahrts­po­li­tik und Sozi­al­for­schung gab Ein­blick in europäi­sche Pilot­pro­jekte in Bezug auf die inte­grierte Ver­sor­gung und die mul­ti­dis­zi­pli­näre Zusam­men­ar­beit von Gesun­d­heits-­ und Sozi­al­be­ru­fen. Durch die demo­gra­fi­sche Ent­wick­lung wür­den sich neue Her­aus­for­de­run­gen für die Betreu­ung von älte­ren Pati­en­ten in der Lang­zeit­pflege und –betreu­ung erge­ben. Nicht nur Ärzte ver­schie­dene Dis­zi­pli­nen müss­ten ver­stärkt miteinan­der ver­netzt sein, son­dern ebenso die Gesund­heits­be­rufe unter­ ein­an­der, um eine kon­ti­nu­ier­li­che Ver­sor­gung zu gewähr­leis­ten. Qua­li­täts­stan­dards müss­ten flä­chen­de­ckend gleich sein: „Den Über­blick zu bewah­ren, wel­che Qua­li­täts­stan­dards auf wel­cher Ebene gel­ten, in wel­chen Län­dern, ist schwie­rig, hier spielt die Zusam­men­ar­beit unter­schied­li­cher Spe­zia­li­sie­run­gen der Gesund­heits­be­rufe eine wesent­li­che Rolle“, betonte Leichsen­ring in sei­ner Key­note. Neue Pfle­ge­mo­delle müss­ten geschaf­fen und die Pri­mär­ver­sor­gung bes­ser koor­di­niert wer­den. „Public Health ist in Öster­reich noch ent­wick­lungs­fä­hig und die Inte­gration ein gro­ßes Wort, um in einem sehr kom­ple­xen Sys­tem ver­schie­dene Orga­ni­sa­tio­nen und Berufs­grup­pen zusammen­ zubrin­gen“, sagt Leichsenring.

Pflas­ter der Langzeitpflege

Auf der einen Seite sei das Gesund­heits­sys­tem mit den Spi­tälern und nie­der­ge­las­se­nen Ärz­ten, auf der ande­ren Seite das Sozi­al­sys­tem mit Alten­ und Pfle­ge­hei­men und mobi­ler Pflege. Die 24­Stunden­Betreuung sei ein „wesent­li­ches Pflas­ter für ein nicht bestehen­des Lang­zeit­pfle­ge­sys­tem“, es sei, so Leich­sen­ring, viel zu wenig inte­griert, ver­netzt, koor­di­niert: „Wir haben hier eine 1:1 Betreu­ung durch Betreuungsper­sonen aus angren­zen­den Län­dern, das uns im Moment zehn bis 20.000 Heim­plätze erspart.“ Eine sys­tem­über­grei­fende Ver­sor­gung sei not­wen­dig, weil ange­sichts der stei­gen­den Lebens­er­fah­rung und des kli­ni­schen Fort­schritts gleich­zei­tig auch die Lebens­zeit mit Pfle­ge­be­darf ansteige, ebenso die Zahl an chro­nisch Erkrank­ten und mul­ti­mor­bi­den Pati­en­ten. Pflege und Betreu­ung müss­ten bes­ser orga­ni­siert und pro­fessionell koor­di­niert wer­den, ebenso wich­tig sei die Einbe­ziehung von pfle­gen­den Ange­hö­rige, wenn es um Entschei­dungen gehe, die per­sön­li­che Bedürf­nisse und Prä­fe­ren­zen von älte­ren Men­schen betreffe. Die Vor­teile seien groß, so Leich­sen­ring: unge­plante Spi­tals­auf­ent­halte könn­ten vermie­den und die Spi­tä­ler ent­las­tet wer­den, wenn sta­tio­näre Pflege zudem redu­ziert oder ver­mie­den wird. Die Versorgungsquali­tät würde stei­gen und die Kos­ten redu­ziert wer­den. In den Nie­derlanden gebe es bei­spiels­weise einen Fokus auf Selbst­-Pfle­ge, das Pfle­ge­per­so­nal habe eine über­wa­chende Rolle und es sei viel in die Prä­ven­tion und Reha­bi­li­ta­tion inves­tiert wor­den. Neue Berufs­bil­der, Case Mana­ger und Com­mu­nity Nur­ses sind ent­stan­den, die für die Nah­stel­len not­wen­dig sind: „Die Alte­rung der Gesell­schaft muss ernst genom­men wer­den, das ist wesent­li­ches Gebot der Stunde“, resü­miert Leich­sen­ring, der viel Ver­bes­se­rungs­be­darf in Öster­reich sieht.

Betreu­ung zu Hause

Im Bemü­hen um eine inte­grierte Ver­sor­gung gibt es in Öster­reich ein­zelne Pro­jekte, wovon einige im Rah­men der Tagung vor­ge­stellt wur­den. So bei­spiels­weise das Mul­ti­ple Skle­rose Tages­zen­trum CS Cari­tas Socia­lis, in der MS-­Pa­­ti­en­­ten inter­professionell beglei­tet wer­den. Ein­bli­cke gewährte dabei die Lei­te­rin, die diplo­mierte Gesun­d­heits-­ und Kran­ken­pfle­ge­rin, Ramona Rosen­thal. Ziel des Zen­trums sei die För­de­rung von Selbst­stän­dig­keit und Selbst­wirk­sam­keit, soziale Inter­ak­tion, Neu­ro­reha­bi­li­ta­tion und die Ent­las­tung und Unter­stüt­zung von pfle­gen­den Ange­hö­ri­gen. Das mul­ti­pro­fes­sio­nelle Team besteht unter ande­rem aus Pfle­ge­per­so­nen, Neu­ro­lo­gen, Pal­lia­tiv­me­di­zi­nern, Physio­, Ergo­ und Musik­the­ra­peu­ten und Psy­cho­lo­gen. Das Zen­trum för­dere die Ver­net­zung mit den Ambu­lan­zen und der MS­-Gesel­l­­schaft sowie gebe den Betrof­fe­nen in Zusam­men­ar­beit mit einer Haus­be­treu­ung die Chance auf ein Leben mög­lichst lang in den eige­nen vier Wän­den. Rosen­thal betonte in ihrer Prä­sen­ta­tion die Hal­tung der Mit­ar­bei­ter in die­sen mul­ti­dis­zi­pli­nä­ren Teams, die Gleich­wer­tig­keit und ein feh­len­des Kon­kur­renz­den­ken, sowie Respekt und die neu­gie­rige Hal­tung den Men­schen gegen­ über: „Wich­tig ist die Abkehr von hier­ar­chi­schem Den­ken hin zur part­ner­schaft­li­chen Hal­tung“, sagte sie.

Gesund­heit verbessern

Auch in Kärn­ten hat sich in Bezug auf die Lang­zeit­be­treu­ung in den ver­gan­ge­nen Jah­ren eini­ges getan. Das Kärnt­ner Ger­ia­trie­netz­werk, das vom Land Kärn­ten den Auf­trag bekom­men hat, eine ger­ia­tri­sche Stra­te­gie zu erar­bei­ten, hat einige Ver­sor­gungs­pro­jekte umge­setzt. Ziel ist, die intra-­ und extra­mu­ra­len Struk­tu­ren für die medi­zi­ni­sche und soziale Betreu­ung ger­ia­tri­scher Pati­en­ten zu ver­net­zen und damit die Gesund­heit von älte­ren Pati­en­ten zu ver­bes­sern. Ältere Men­schen sol­len Hilfe zum rich­ti­gen Zeit­punkt, im not­wen­di­gen Umfang und am opti­ma­len Stand­ort erhal­ten. Das könne nur gelin­gen, wenn die Kom­mu­ni­ka­tion zwi­schen den Gesund­heits­be­ru­fen im ger­ia­tri­schen Bereich rei­bungs­los funk­tio­niere, beton­ten Franz Pin­ter, Abtei­lungs­vor­stand des Zen­trums für Alters­me­di­zin der KABEG, Wal­ter Mül­ler, Depart­ment­lei­ter am EKH Kla­gen­furt und Die­ter Schmiedt, Prä­si­dent des Ger­ia­trie Netz­wer­kes Kärn­ten. Die Ange­bote des Ger­ia­trie­netz­werks sind viel­fäl­tig und rei­chen von der ger­ia­tri­schen Tages­kli­nik über das Alterst­rau­ma­zen­trum und den ger­ia­tri­schen Kon­si­li­ar­dienst GEOKO bis hin zur mobi­len ger­ia­tri­schen Remo­bi­li­sa­tion. Letz­te­res bei­spiels­weise habe einige Vor­teile: „Ver­gli­chen mit einer sta­tio­nä­ren Betreu­ung ver­sucht die ambu­lante Remo­bi­li­sa­tion, mög­lichst viel im gewohn­ten Wohnum­feld des Pati­en­ten mit Ein­be­zie­hung der pfle­gen­den Ange­hö­ri­gen zu ermög­li­chen,“ erzählte Mül­ler. Zudem wür­den damit Kos­ten gespart, näm­lich um bis zu 54 Pro­zent. Ange­fan­gen mit einer gerin­gen Zahl gebe es seit 2020 kärn­ten­weit 120 mobile Therapieplätze.

Trans­porte vermeiden

Mit einem ande­ren Ver­sor­gungs­pro­jekt, dem ger­ia­tri­schen Kon­siliardienst (GEKO), werde die Ver­sor­gung in Kärnt­ner Pflege­heimen opti­miert: „Die Zusam­men­ar­beit zwi­schen Haus­ärz­ten, Hei­men, der Pflege vor Ort und den Kran­ken­häu­sern hat sich deut­lich ver­bes­sert“, erzählte Pin­ter. In den Inter­ven­ti­ons­hei­men habe es signi­fi­kant weni­ger Kran­ken­haus­trans­porte im Ver­hält­nis zur Bewoh­ner­zahl gege­ben und der Anteil ver­meid­ba­rer Trans­porte sei in den Inter­ven­ti­ons­hei­men gerin­ger – aus Sicht der Haus­ärzte habe sich vor allem die Kom­mu­ni­ka­tion mit der Pflege durch das Pro­jekt deut­lich ver­bes­sert. Auch das Alterstraumzen­trum am Kli­ni­kum Kla­gen­furt habe zu bes­se­ren Ver­net­zun­gen geführt. „Wir haben in Kärn­ten davor die Struk­tu­ren geschaf­fen, anschlie­ßend ist das Geld gekom­men, die Kom­mu­ni­ka­tion funk­tioniert auch bes­tens, wenn alle auf glei­cher Augen­höhe sind“, berich­tete Schmidt. Team­ar­beit sei sehr vor­teil­haft, fasst auch der All­ge­mein­me­di­zi­ner Franz Mayr­ho­fer, einer der Grün­der vom Pri­mär­ver­sor­gungs­zen­trum Medi­zin Maria­hilf, die Vor­teile zusam­men: län­gere Öff­nungs­zei­ten, rasche Ver­füg­bar­keit von ver­schiedenen Berufs­grup­pen sowie eine Fle­xi­bi­li­tät, die als Einzel­kämpfer in einer Ein­zel­pra­xis nicht vor­han­den sei: „Es muss aller­dings der Poli­tik klar sein, dass gute Ver­sor­gung Zeit braucht, das ist unsere wert­vollste Res­source, die auch bezahlt wer­den muss – und wir dür­fen nicht tole­rie­ren, dass im Gesund­heits­sys­tem noch mehr gekürzt wird“, lau­tete sein Abschlussplädoyer.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 18 /25.09.2021