Inter­view: Bes­sere Erholung

Sep­tem­ber 2021 | Aktu­el­les aus der ÖÄK

Ste­pha­nie von Orelli ist eine von zwei Chef­ärz­tin­nen, die gemein­sam die Frau­en­kli­nik im Stadt­spi­tal in Zürich lei­ten. Im Gespräch gibt sie Ein­bli­cke in das Job­sha­ring in einer Füh­rungs­po­si­tion, erzählt über Vor­teile, orga­ni­sa­to­ri­sche Her­aus­for­de­run­gen und warum zeit­li­che Prä­senz und Enga­ge­ment nicht zwin­gend mit­ein­an­der korrelieren.
Sophie Nie­denzu

Sie tei­len sich zu zweit die Lei­tung der Frau­en­kli­nik im Stadt­spital Triemli in Zürich. Wie sieht das Job­sha­ring kon­kret aus? Wir haben ein­zelne, vor allem admi­nis­tra­tive Auf­ga­ben im Vor­feld benannt und auf­ge­teilt. Zum Bei­spiel ist die eine ver­mehrt zustän­dig für die Admi­nis­tra­tion rund um das Per­so­nal und die andere für die Bau­ und Umzugs­vor­ha­ben. Zudem tei­len wir uns die Haupt­ver­ant­wor­tung, bei­spiels­weise an den medi­zi­ni­schen Rap­por­ten oder für Rück­mel­dun­gen und Anfra­gen wochen­weise. Aktu­ell haben wir, wenn mög­lich, je einen Wochen­tag frei, arbei­ten je 90 Pro­zent. Auch eine Chef­ärz­tin ohne Co-­Lei­­tung ist gelegent­lich abwe­send, da neben Ferien auch Aufga­ben außer­halb des Spi­tals über­nom­men wer­den müs­sen. So ist, im Gesam­ten betrach­tet, häu­fi­ger eine Che­fin im Haus, als wenn diese Stelle durch eine Ein­zel­per­son besetzt wäre. Wir haben zudem ein fach­lich sehr star­kes Team von Stell­ver­tre­te­rin­nen, die uns dabei unterstützten.

Wel­che Vor­teile erge­ben sich, wenn man nicht Voll­zeit im Spi­tal tätig ist? Das ist sehr indi­vi­du­ell, für die einen gibt es mehr Raum für fami­liäre Ver­pflich­tun­gen, für andere Zeit für ein Hobby oder einen gemeinnüt­zigen Ein­satz. Die Frage ist natür­lich, was grund­sätz­lich Voll­zeit bedeu­tet. Wir haben als Chef­ärz­tin­nen bei einer Voll­zeit­stelle ver­trag­lich eine 60­-Stun­­­den­­wo­che und das ist wohl bei vie­len Top­ka­dern so. Wir haben bei den Assistenz­ und Ober­ärz­ten eine maxi­male 50-Stundenwoche.

Wel­che orga­ni­sa­to­ri­schen Her­aus­for­de­run­gen bei Teilzeit­beschäftigung gibt es? Die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­fäße sind in unse­rer Kli­nik all­ge­mein ein Thema, da wir auch viel Teilzeit­ arbei­tende haben: Wer sagt wem, wann, was? Wie hal­ten wir das Team auf dem Lau­fen­den? Das eva­lu­ie­ren wir immer wie­der und opti­mie­ren. So haben wir klar defi­nierte Kader­rap­porte und bila­te­rale Gesprä­che, die pro­to­kol­liert wer­den. So kön­nen die Ent­schei­dun­gen allen Betrof­fe­nen zeit­un­ab­hän­gig zugäng­lich gemacht wer­den. Wir haben einen monat­li­chen Klink­-New­s­­­le­t­­ter, in dem die wich­tigs­ten Infos für die ganze Frau­en­kli­nik zusam­men­ge­fasst wer­den. Wir bei­den Chef­ärz­tin­nen haben in unse­rem Büro ein Board mit allen aktu­el­len Pro­jek­ten, diens­tags und don­ners­tags geben wir ein 15­minütiges Update.

Wel­che Motive gab es für Sie für das Job­sha­ring? Ich habe nach dem zwei­ten Kind als Chef­ärz­tin im Job­sha­ring mit 70 Pro­zent begon­nen, das ließ mir etwas mehr Zeit für meine Fami­lie und andere Ver­pflich­tun­gen. Die Erho­lung ist bes­ser mit einem zusätz­li­chen freien Tag. Es bleibt mehr Zeit, auch krea­tiv und in Ruhe über etwas nach­zu­den­ken. Zeit­li­che Prä­senz kor­reliert nicht linear mit Engagement.

Inwie­fern neh­men Män­ner und Frauen glei­chermaßen die­ses Teil­zeit­an­ge­bot an? Von Män­nern höre ich immer wie­der, dass sie ger­ne Teil­zeit arbei­ten wür­den, dies aber weni­ger akzep­tiert wird. Ich mache sehr häu­fig die Erfah­rung, dass nach der Grün­dung einer Fami­lie die Mut­ter in einem deut­lich klei­ne­ren Pen­sum arbei­tet, was auch die Kar­rie­re­chan­cen schmä­lert. Damit eine Frau mit Fami­lie Kar­riere machen kann, ist Unter­stüt­zung vom Part­ner zu Hause unumgänglich.

In Öster­reich ist es beliebt, Teil­zeit im Spi­tal zu arbei­ten und die rest­li­che Zeit in einer Arzt­praxis – gibt es ähn­li­che Ten­den­zen in der Schweiz? Die geteilte Stelle Spi­tal und Pra­xis ist in der deut­schen Schweiz wenig ver­brei­tet. Ärzte gehen in die Pra­xis und wer­den dann Beleg­ärzte in den Spi­tä­lern, das heißt sie kom­men mit den eige­nen Pati­en­ten für Ope­ra­tio­nen und Gebur­ten ins Spi­tal. Viele Ärzte gehen län­ger­fris­tig in eine Pra­xis, was durch­aus sinn­voll und nötig ist. Für mich stellt sich viel mehr die Frage, wie schaf­fen wir Bedin­gungen, dass Ärzte über­haupt im ärzt­li­chen Beruf blei­ben. Da sehe ich noch Poten­tial in der Ver­bes­se­rung der Ver­ein­bar­keit von per­sön­li­cher Wei­ter­ent­wick­lung und attrak­ti­ven Ange­bo­ten auch in Teilzeitpensen.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 18 /25.09.2021