Ernäh­rungs­me­di­zin: Gut beraten

15.12.2021 | Aktu­el­les aus der ÖÄK

Neben Bewe­gung und Vor­sor­ge­un­ter­su­chung gilt auch die Ernäh­rung als effek­tive prä­ventive Maß­nahme, das Risiko für Erkran­kun­gen zu redu­zie­ren. Haus­ärzte zäh­len zu den ers­ten Anlauf­stel­len für Pati­en­ten und ste­hen auch in Lebens­stil­fra­gen bera­tend zur Seite.
Sophie Nie­denzu

Ver­nach­läs­sigte Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen, der Gang zum Arzt erst bei lang­an­hal­ten­den Beschwer­den, Lebensstilverände­rungen auf­grund der Pan­de­mie­maß­nah­men: Die Österrei­chische Ärz­te­kam­mer warnt seit län­ge­rer Zeit vor Kollateral­schäden als Folge der Pan­de­mie. Laut Sta­tis­tik Aus­tria lässt sich mehr als ein Drit­tel aller Todes­fälle in Öster­reich im Jahr 2020 auf Herz­Kreislauf­Erkrankungen zurück­füh­ren. Als be­sonders gefähr­lich gilt eine Ver­en­gung von Gefä­ßen, die auch zu Herz­in­farkt und Herz­mus­kel­schwä­che füh­ren kann. Wer seine Risi­ko­fak­to­ren redu­ziert, kann prä­ven­tiv viel errei­chen. Zur Risi­ko­re­du­zie­rung zählt auch die bewusste Ernäh­rung. Zahl­rei­che natio­nale und inter­na­tio­nale Stu­dien bele­gen eine deut­li­che Gewichts­zu­nahme wäh­rend der Pan­de­mie. Das kann auch Artur Wech­sel­ber­ger, All­ge­mein­me­di­zi­ner und Lei­ter des ÖÄK­Referats für Ernäh­rungs­me­di­zin, aus sei­nen Erfah­run­gen bestä­ti­gen: „Viele mei­ner Pati­en­ten haben in der Zeit der Pan­demie, und hier ins­be­son­dere wäh­rend der Lock­downs, deut­lich an Gewicht zuge­nom­men“, erzählt er. Zahl­rei­che medizi­nische Fach­ge­sell­schaf­ten schla­gen Alarm, denn die Gefah­ren von Fol­ge­er­kran­kun­gen auf­grund von Über­ge­wicht sind nicht zu unter­schät­zen. So warnt etwa die Öster­rei­chi­sche Dia­be­tes Gesell­schaft vor gesund­heit­li­chen Fol­gen der gesamtgesell­schaftlichen Gewichts­zu­nahme, bedingt durch Tele­ar­beit, Lock­downs, geän­der­tem Sozial­ und Freizeitverhalten.

Wesent­li­cher Grundpfeiler

Viele Haus­ärzte bie­ten als erste Anlauf­stelle für Pati­en­ten auch eine Ernäh­rungs­be­ra­tung an, so auch Wech­sel­ber­ger. In der ärzt­li­chen Pra­xis sei man stän­dig mit Lebens­stil­fra­gen konfron­tiert, ebenso mit Trends in der Ernäh­rung. Wich­tig sei, aktu­elle Ernäh­rungs­trends genau zu ana­ly­sie­ren. Bemerk­bar sei, dass sich neben einer gene­rell häu­fi­ge­ren Nah­rungs­auf­nahme zwei Typen von Men­schen her­aus­kris­tal­li­sie­ren wür­den, erzählt Wech­sel­ber­ger: „Die einen nut­zen die Zeit, um ver­mehrt selbst und groß­zü­gi­ger zu kochen und zu backen, die ande­ren grei­fen, ins­be­son­dere in der Zeit der Beschrän­kun­gen zu Fast Food und Lie­fer­ser­vices.“ Die Kom­bi­na­tion aus einem geän­der­ten Ess­ver­hal­ten, Bewe­gungs­man­gel, aber auch ver­mehr­tem Alko­holkonsum seien klar, gute Vor­sätze, dem ent­ge­gen­zu­wir­ken, seien nicht das Pro­blem. Wie so oft man­gelt es an einer ent­sprechend kon­se­quen­ten und erfolg­rei­chen Ände­rung des Le­bensstils, die mit Hilfe des Haus­arz­tes mög­li­cher­weise leich­ter von der Hand geht: „Lebens­stil­be­ra­tung ist eine wich­tige Leis­tung, die der Haus­arzt erbringt, denn sie ist ein wesent­li­cher Grund­pfei­ler der Prä­ven­tion“, sagt Wech­sel­ber­ger. Zudem es eine Fülle an Tipps im Inter­net gebe, die kor­rekt ein­zu­ord­nen wären. Es gebe viele Fehl­in­for­ma­tio­nen, medi­zi­nisch nicht halt­bare Tipps und eso­te­ri­sche oder mys­ti­sche Ele­mente in Er­nährungsfragen: „Eso­te­ri­sche Trends las­sen sich am ehes­ten in den Ver­su­chen, Nah­rungs­mit­tel zur Stär­kung des Immunsys­tems ein­zu­set­zen, fin­den“, sagt Wech­sel­ber­ger. Er warnt vor allen ein­sei­ti­gen Ernäh­rungs­for­men: „Ich rate dazu, Ernäh­rungstrends nach den alt­be­währ­ten Vor­ga­ben, wie der Ausge­wogenheit in den Inhalts­stof­fen, der Menge und des Kalorien­gehalts zu beur­tei­len“, sagt er. Klar ist für Wech­sel­ber­ger auch, dass diese Bera­tungs­ge­sprä­che Zeit brau­chen. Diese ist in den Pra­xen der Kas­sen­ärzte oft knapp. Daher sei die ÖGK gefor­dert, ihren Ver­trags­ärz­ten die nöti­gen Res­sour­cen für diese Leistun­gen zu ermöglichen.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 23–24 /​15.12.2021