COVID-19 Medi­ka­mente: „Noch kein Durchbruch“

Juni 2021 | Aktu­el­les aus der ÖÄK, Coro­na­vi­rus

Viele poten­ti­elle COVID­-Medi­­­ka­­mente wer­den kli­nisch geprüft. Ein The­ra­pie­cock­tail und rich­ti­ges Timing könn­ten zukünf­tig bei der The­ra­pie von schwe­ren Ver­läu­fen hel­fen, sagt Jochen Schuler vom ÖÄK­-Refe­­rat für Medikamentenangelegenheiten.
Sophie Nie­denzu

Was hat sich im Bereich der COVID-Medi­­­ka­­mente getan? Nur wenige COVID-19-Medi­­­ka­­mente sind bis­lang welt­weit zuge­las­sen. Dazu zäh­len Dexa­me­tha­son, Rem­de­si­vir, Favila­vir und einige Anti­kör­per bezie­hungs­weise deren Kom­bi­na­tio­nen. Eine Viel­zahl von Wirk­stof­fen wird der­zeit geprüft. Im „COVID-19 the­ra­peu­tics tra­cker“ sind aktu­ell 72 ver­schie­dene Kan­di­da­ten gelis­tet. Das Spek­trum reicht von mono­k­lo­na­len Anti­kör­pern und deren Kom­bi­na­tio­nen gegen ver­schie­dene Ziel­struk­tu­ren über Viru­sta­tika, Anti­hel­min­thika und Anti­ma­la­ria­mit­tel, Immun­sup­pres­siva und Ent­zün­dungs­hem­mer, ver­schie­dene vaso­ak­tive Pep­tide und Anti­throm­bo­tika, bis hin zu auto­lo­gen Stamm­zel­len. Nur wenige sind echte Neu­ent­wick­lun­gen, meist sind es Medi­ka­mente, die für andere Indi­ka­tio­nen zuge­las­sen sind und für die ein „Repur­pose Use“ geprüft wird. Am Ende kön­nen wir froh sein, wenn eine Hand­voll die­ser Kan­di­da­ten ein güns­ti­ges Nut­­zen-Risiko-Ver­­häl­t­­nis auf­weist und regu­lär zuge­las­sen wird. Bei der euro­päi­schen Arz­nei­mit­tel­be­hörde befin­den sich aktu­ell vor allem Anti­kör­per und ‑kom­bi­na­tio­nen im (Rol­­ling-) Review. Ich fürchte aber, dass der erhoffte the­ra­peu­ti­sche Durch­bruch noch nicht in Sicht ist.

Wie stark wird die Ent­wick­lung von COVID-Medi­­­ka­­men­­ten geför­dert? Die For­schungs­för­de­rung im Bereich der Vak­zine und deren rasche Zulas­sung hatte in den ver­gan­ge­nen Mona­ten rich­ti­ger­weise Vor­rang. Bei vie­len Kri­tik­punk­ten ist die Vak­zin­ent­wick­lung beein­dru­ckend. Nun scheint der Zustrom neuer Pati­en­ten unter Kon­trolle zu sein und wir müs­sen uns ver­mehrt um die küm­mern, die trotz aller Vor­sichts­maß­nah­men schwer erkran­ken. Die Stu­dien sind aber auf­wän­dig und teuer. Hohe Mil­lio­nen­be­träge sind nötig, die die meis­ten Start-Up-Unter­­neh­­men nicht haben. Da fehlt den Inves­to­ren in Europa auch die Risi­ko­be­reit­schaft. Die EU-Kom­­mis­­sion ist nun dabei, eine Short­list mit den zehn aus­sichts­reichs­ten Kan­di­da­ten­sub­stan­zen zu erstel­len und will die betei­lig­ten Fir­men finan­zi­ell und admi­nis­tra­tiv unter­stüt­zen. Mei­nes Wis­sens sol­len über hun­dert Mil­lio­nen Euro zur Ver­fü­gung gestellt wer­den. Das wird nicht aus­rei­chen, aber es ist bes­ser als Nichts und es gibt ja auch pri­vate Inves­to­ren und natio­nale Förderprogramme.

Wie wich­tig sind anti­vi­rale Medi­ka­mente? Anti­vi­rale The­ra­pien sind ein wich­ti­ger the­ra­peu­ti­scher Bau­stein. Nach mei­ner Ein­schät­zung kön­nen sie vor allem in frü­he­ren Krank­heits­pha­sen von Bedeu­tung sein. In spä­te­ren Krank­heits­pha­sen dürf­ten anti­in­flamma­to­ri­sche und organ­pro­tek­tive The­ra­pien wich­ti­ger sein. Am Ende wird es ein The­ra­pie­cock­tail und das rich­tige Timing sein, was uns dabei hilft, diese schwere Erkran­kung bes­ser zu kontrollieren.

Kri­ti­ker bemän­geln feh­lende medi­zi­ni­schen Daten als Ent­schei­dungs­grund­lage. Wie sehen Sie das? Unser Ver­ständ­nis für das Pan­de­mie­ge­sche­hen ist oft unge­nü­gend. Den­ken Sie nur an die offe­nen Fra­gen zum Infek­ti­ons­ge­sche­hen an unse­ren Bil­dungs­ein­rich­tun­gen oder im öffent­li­chen Per­so­nen trans­port. Auch was die medi­zi­ni­schen und psy­cho­so­zia­len Kol­la­te­ral­schä­den der Anti-Corona-Maß­­nah­­men oder das Aus­maß der Long-COVID-Pro­­­ble­­ma­­tik angeht, wäre mehr Feld­for­schung not­wen­dig. Hierzu benö­ti­gen wir sehr viele Daten und deren Ver­knüp­fung. Geeig­nete Insti­tu­tio­nen für die Aus­wer­tung, wie die uni­ver­si­tä­ren Insti­tute für Public-Health oder die Gesund­heit Öster­reich GmbH, benö­ti­gen einen Auf­trag, For­schungs­gel­der und die Frei­heit, die rich­ti­gen Fra­gen zu stel­len. Selbst­ver­ständ­lich muss aber der Schutz vor Miss­brauch per­sön­li­cher Daten gewähr­leis­tet sein.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 11 /​10.06.2021