Inter­view Wolf­gang Köl­fen: „Ein­fach, klar, konstruktiv”

10.03.2020 | Politik


Der Arzt sollte seine Spra­che im Gespräch mit dem Pati­en­ten ein­fach wäh­len: Die Sätze müs­sen kurz, das Gesagte klar und kon­struk­tiv sein. Diese Punkte nennt Prof. Wolf­gang Köl­fen, Chef­arzt der Kli­nik für Kin­der und Jugend­li­che der Städ­ti­schen Kli­ni­ken Mön­chen­glad­bach, für ein gelin­gen­des Arzt-Pati­en­ten­ge­spräch, wie er Nora Schmitt-Sau­sen erklärt. 


Erfah­rene Ärzte füh­ren im Laufe ihrer Kar­riere zahl­rei­che Gesprä­che und viele glau­ben, sie kom­mu­ni­zie­ren sicher. Warum ist das manch­mal ein Trugschluss?

Gerade wenn der Arzt über sehr viel Berufs­er­fah­rung ver­fügt und sehr viele Infor­ma­tio­nen zu einem Krank­heits­bild hat, kann es sehr leicht pas­sie­ren, dass er und der Pati­ent völ­lig anein­an­der vor­bei­re­den. Wenn der Pati­ent zum Arzt geht, dann ist er in Sorge,hat Angst. Das heißt, er kann nur bedingt zuhö­ren, denn seine Fil­ter las­sen in die­ser ange­spann­ten Situa­tion nur gewisse Infor­ma­tio­nen zu. Die Infor­ma­ti­ons­menge, die er auf­neh­men kann, ist schlicht deut­lich redu­ziert. Das muss sich der Arzt stets bewusst machen. Er muss sich auf das Wesent­li­che kon­zen­trie­ren, muss erken­nen, was der Pati­ent auf­neh­men und behal­ten kann. Und er muss eben auch wis­sen, dass er nicht alles erzäh­len muss, was er in zehn, 15 Jah­ren sei­nes Berufs­le­bens zu einer bestimm­ten Erkran­kung gelernt hat. 

Und die­ses Bewusst­sein fehlt Ihrer Erfah­rung nach manchmal?

Ja. Viele Ärzte den­ken, wenn sie gut auf der Sach­ebene kom­mu­ni­zie­ren, also medi­zi­ni­sche Infor­ma­tio­nen wei­ter­ge­ben, dass der Pati­ent sie ver­ste­hen wird. Sie glau­ben, dass hier allein ein Aus­tausch von Wör­tern statt­fin­den muss und der Pati­ent ihnen 1:1 fol­gen wird. Ich glaube, das ist eines der größ­ten Miss­ver­ständ­nisse, denn genau das ist nicht der Fall. Dabei ist ganz klar: Es liegt in der Ver­ant­wor­tung des Arz­tes, sich klar auszudrücken. 

Wie gelingt das?

Der Arzt muss seine Spra­che ein­fach wäh­len. Die Sätze, die er sagt, müs­sen kurz sein. Was er sagt, muss klar sein. Und es sollte kon­struk­tiv sein. Damit hat der Arzt gewisse Chan­cen, den Pati­en­ten zu errei­chen. Ein wei­te­res wich­ti­ges Tool ist, dass er auf Fach­chi­ne­sisch ver­zich­tet. Die medi­zi­ni­sche Fach­spra­che, die ver­steht ein Pati­ent nicht. Doch lei­der ver­fal­len sehr viele Ärzte in Sprach­mus­ter und gebrau­chen irgend­wel­che Abkür­zun­gen, von denen kein Mensch weiß, was sie bedeu­ten. Die Reduk­tion der Spra­che auf die Spra­che von Mensch zu Mensch, das muss der Arzt prak­ti­zie­ren und üben. 

Wel­che zen­tra­len Tipps haben Sie für die Gesprächsführung?

Der Arzt muss dem Gespräch einen roten Faden ver­lei­hen. Und einen Plan für sein Zeit­ma­nage­ment haben. Ein­stieg, Bot­schaft, Aus­stieg – so sollte die klare For­mel lau­ten. Wenn er sich zehn Minu­ten für ein Gespr.ch neh­men kann, dann macht es wenig Sinn, sich acht Minu­ten lang über wenig wich­tige Dinge zu unter­hal­ten und in die letz­ten zwei Minu­ten alles rein­zu­quet­schen, was wirk­lich wich­tig ist. Lei­der ver­ges­sen viele Ärzte, wie wich­tig die Reduk­tion auf das Wesent­li­che, auf die Kern­bot­schaft ist und ver­geu­den Zeit. Zum Schluss wer­den sie dann ganz hek­tisch und sagen oder den­ken sich, ich muss wei­ter­ma­chen. Der Pati­ent hat dann den Ein­druck, dass nie ein Arzt rich­tig mit ihm gespro­chen hat. Was er dabei in der Regel meint, ist, dass der Arzt nicht so mit ihm gespro­chen hat, dass er es ver­stan­den hat und behal­ten konnte, was er eigent­lich sagen wollte. 

Was kann man tun, wenn man im Gespräch den Ein­druck hat, beim Pati­en­ten ist nicht ange­kom­men, was man gesagt hat?

Dann muss ich unbe­dingt min­des­tens zwei bis drei Schritte zurück­ge­hen. Was heißt das? Das heißt, nicht auf der Sach­ebene wei­ter zu argu­men­tie­ren. Das ist dann ver­lo­rene Zeit. Ich muss über Empa­thie, über Beob­ach­ten, genaues Hin­hö­ren und geziel­tes Nach­fra­gen erst ein­mal wie­der Rah­men­be­din­gun­gen für das Zuhö­ren schaf­fen, die sicher­stel­len, dass der Pati­ent mir fol­gen kann. 

Ver­liert man dann aber nicht end­gül­tig das Zeit­ma­nage­ment aus den Augen?

Das ver­liert man nur dann, wenn man zu viel Zeit mit dem Ver­mit­teln von medi­zi­ni­schen Infor­ma­tio­nen ver­bracht hat, ohne vor­her ein Fun­da­ment für ein sol­ches Gespr.ch gebaut zu haben. Wenn der Pati­ent nicht zuhö­ren kann und der Arzt redet den­noch über die Erkran­kung, dann sind das fünf Minu­ten, die auf Sand gebaut sind.

For­dernde Pati­en­ten sind für Ärzte eine beson­ders große kom­mu­ni­ka­tive Her­aus­for­de­rung. Wie kann ein Arzt-Pati­en­ten-Gespräch selbst unter schwie­ri­gen Bedin­gun­gen gelingen?

Hier muss man zunächst abklä­ren, woran es liegt, dass ein Pati­ent for­dernd oder aggres­siv auf­tritt. Wenn er drei Stun­den auf den Arzt gewar­tet hat, sind das Rah­men­be­din­gun­gen, die ein­fach schlecht sind. Dann hilft es, dies kurz anzu­spre­chen. Etwa so: Es tut mir leid, dass Sie so lange war­ten muss­ten. Jetzt bin ich für Sie da. Was sind Ihre Beschwer­den? Dem Pati­en­ten das Gefühl zu geben, dass er jetzt an ers­ter Stelle steht, das reicht meist schon. Denn: Die meis­ten Pati­en­ten kom­men nicht, um mit dem Arzt zu strei­ten oder ihr aggres­si­ves Ver­hal­ten aus­zu­le­ben. Sie kom­men, weil sie Beschwer­den haben.

Stets freund­lich und zuge­wandt zu blei­ben ist bei man­chen Pati­en­ten aber eine Kunst. Und es gibt Fälle, da reicht selbst das nicht. Was nun?

Ja, es gibt die chro­ni­schen Nörg­ler, die Bes­ser­wis­ser, die Wadenbei.er, die ein­fach unbe­lehr­bar sind. Egal, was der Arzt sagen wird, sie wer­den immer etwas dage­gen zu sagen haben. Hier ist es wich­tig, dass der Arzt sou­ve­rän und gelas­sen bleibt. Er muss sich zunächst klar machen: Das sind keine per­sön­li­chen Vor­würfe ihm gegen­über, son­dern das sind Pro­bleme, die der Pati­ent mit sich selbst hat. Und: Er darf auf die For­de­rungs­hal­tung des Unzu­frie­de­nen nicht ein­stei­gen, sich nicht recht­fer­ti­gen. Statt­des­sen muss der Arzt es schaf­fen, dem Pati­en­ten seine Rah­men­be­din­gun­gen für das Gespräch mit­zu­tei­len und in der Lage sein, das Gespräch aktiv zu füh­ren. Denn ansons­ten sind Pati­en­ten, die kein Punkt und Komma ken­nen, die Kil­ler für den Arzt. 

Das heißt, man muss in einem sol­chen Fall den Rede­fluss des Pati­en­ten aktiv unterbrechen?

Um nicht aus dem eige­nen Rhyth­mus zu kom­men, kann ich genau das nur drin­gend emp­feh­len. Es geht jetzt nicht mehr darum, höf­lich sein oder ich will dem Pati­en­ten lieb und empa­thisch gegen­über­tre­ten. Es geht jetzt um Selbst­be­gren­zung. Sowohl für den Pati­en­ten als auch für den Arzt. Ein Arzt hat die Auf­gabe, viele Pati­en­ten zu ver­sor­gen und kann nicht dem ver­meint­lich leicht Kran­ken, nur weil er ein Viel­red­ner ist, mehr Zeit wid­men als dem kom­pli­zier­ten Schwer­kran­ken. Das w.re nicht akzep­ta­bel. Der Arzt muss jetzt Chef im Ring blei­ben und den Viel­red­ner stoppen. 

Was gilt es zu beach­ten, wenn man die Nach­richt einer lebens­ver­än­dern­den Krank­heit über­brin­gen muss?

Gerade in die­ser Situa­tion braucht es sehr beson­dere Rah­men­be­din­gun­gen, die ich als Arzt schaf­fen muss. Kein Tele­fon, das unter­bricht. Kei­ner, der in den Raum kommt. Und: Es braucht natür­lich mehr Zeit. Es ist nicht akzep­ta­bel, sol­che Gesprä­che in sei­nen regul.ren Tages­ab­lauf ein­zu­flech­ten. Und: Der Arzt muss das Krank­heits­bild beherr­schen. Wenn er selbst nicht genau über die Erkran­kung und die The­ra­pie­op­tio­nen Bescheid weiß, sollte er in kei­nem Fall in das Gespr.ch für die Erst­dia­gnose hin­ein­ge­hen. Er muss sich dann erst jeman­den suchen, der bes­ser infor­miert ist als er. Wenn die Dia­gnose aus­ge­spro­chen ist, ist das Wich­tigste, dass der Arzt es schafft, zu schwei­gen. Er muss sich beim Pati­en­ten erst das Ein­ver­ständ­nis abho­len, seine Aus­füh­run­gen fort­zu­füh­ren – und wenn der Pati­ent zur wei­te­ren Auf­nahme nicht in der Lage ist, bes­ser ein Fol­ge­ge­spräch vereinbaren. 

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 5 /​10.03.2020