Kind­li­che Ent­wick­lung und Smart­pho­nes: Vom Smart­phone zum Smart Baby?

25.04.2020 | Medizin

Eine gerin­gere Dichte von Bah­nen der wei­ßen Gehirn­sub­stanz, die die Sprach­fä­hig­kei­ten unter­stüt­zen, schwä­chere Leis­tun­gen beim Spre­chen und beim Erken­nen von Gegen­stän­den – in Stu­dien konnte bei Kin­dern ein Zusam­men­hang mit der häu­fi­gen Nut­zung von Bild­schirm-Medien gezeigt wer­den. Inten­siv genutzt gibt es auch Aus­wir­kun­gen auf die emo­tio­nale Ent­wick­lung des Kin­des.
Sophie Fessl

Bereits 72 Pro­zent der Kin­der zwi­schen 0 und 6 Jah­ren nut­zen digi­tale Medien; am häu­figs­ten wer­den dabei Smart­phone und Tablet ver­wen­det. Das zeigt eine neue Stu­die, die im Rah­men der Initia­tive Saferinternet.at durch­ge­führt wurde. 24 Pro­zent der Kin­der nut­zen digi­tale Medien sogar täg­lich, 33 Pro­zent mehr­mals in der Woche. Das steht in kras­sem Gegen­satz zu den Emp­feh­lun­gen der WHO, gemäß denen Kin­der bis zum Alter von zwei Jah­ren keine Zeit vor einem Bild­schirm ver­brin­gen soll­ten. Doch bevor Kin­der selbst zum Smart­phone grei­fen, sind es oft die Eltern, an denen sie die­ses Ver­hal­ten beob­ach­ten – und das bleibt nicht ohne Aus­wir­kun­gen. „Das Phä­no­men, dass Eltern ihr Handy in der Hand hal­ten, wäh­rend sie das Baby im Buggy schie­ben oder auf dem Arm haben, sieht man Land auf Land ab“, bestä­tigt Univ. Prof. Karl Heinz Brisch vom Insti­tut für Early Life Care an der Para­cel­sus Medi­zi­ni­schen Pri­vat­uni­ver­si­tät Salz­burg. Das ist sei­ner Ansicht nach pro­ble­ma­tisch, denn, „die inten­sive soziale Inter­ak­tion stei­gert sich, sobald das Baby im Alter von sechs Wochen anfängt, sozial zu lachen. Babys suchen dann den Kon­takt und den affek­ti­ven Aus­tausch von Gesicht zu Gesicht. Was pas­siert, wenn Eltern nicht mehr mit dem Baby spre­chen oder den Kon­takt oft unter­bre­chen?“ Obwohl Smart­pho­nes aus dem All­tag kaum mehr weg­zu­den­ken sind, sind die Aus­wir­kun­gen elter­li­cher Nut­zung auf die Ent­wick­lung ihrer Kin­der kaum erforscht. „Es ist erstaun­lich, wie wenige Stu­dien es ange­sichts die­ses glo­ba­len Phä­no­mens gibt“, erklärt Brisch. „Wir kön­nen nicht gesi­chert sagen, wel­che Aus­wir­kun­gen es auf die früh­kind­li­che Ent­wick­lung hat.“ Univ. Prof. Kath­rin Sevecke von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Psych­ia­trie, Psy­cho­the­ra­pie und Psy­cho­so­ma­tik im Kin­des- und Jugend­al­ter Inns­bruck und Lan­des­kran­ken­haus Hall erlebt die kli­ni­sche Rele­vanz die­ser The­ma­tik. „Gele­gent­lich tele­fo­nie­ren ist All­tag und gehört dazu. Aber Eltern­nut­zung ist ein Thema, denn es lenkt die Eltern in der Kom­mu­ni­ka­tion zum Klein­kind ab. Was Müt­ter sonst ganz natür­lich wäh­rend der Ent­wick­lung ihres Kin­des machen – das Kind beob­ach­ten, Affekte spie­geln, Rück­mel­dung geben – wird bei häu­fi­ger Medi­en­nut­zung gestört. Wenn es in inten­si­vem Ma. vor­liegt, hat es Aus­wir­kun­gen auf die emo­tio­nale und gesamte Ent­wick­lung des Kindes.“

Gestress­tes Baby

In der „Smart.Baby-Studie“ unter­sucht Brisch mit sei­nem Team nun die Aus­wir­kung des Smart­phone-Kon­sums von Müt­tern auf die Inter­ak­ti­ons­qua­li­tät zwi­schen Mut­ter und Baby. Im Video­la­bor erhal­ten Müt­ter die Auf­gabe, ein Rät­sel auf ihrem Smart­phone zu lösen – in Anwe­sen­heit ihres drei bis zehn Monate alten Babys. Gleich­zei­tig wird bei Mut­ter und Kind die Herz­fre­quenz­va­ria­bi­li­tät gemes­sen und mit dem Ver­hal­ten kor­re­liert. „Das ermög­licht uns eine kon­ti­nu­ier­li­che Stress­mes­sung bei Mut­ter und Kind. Wir erhal­ten so Ein­blick in das emo­tio­nale Erle­ben der Situa­tion von bei­den Sei­ten, und was noch wich­ti­ger ist, in den dya­di­schen Aus­tausch zwi­schen Mut­ter und Kind in Stress­si­tua­tio­nen“, erklärt Brisch. Die Grund­lage für die „Smart.Baby-Studie“ bil­det das soge­nannte „Still-Face-Expe­ri­ment“. Die­ses vor mehr als 40 Jah­ren erst­mals beschrie­bene Expe­ri­ment erfasste die Reak­tion von Babys, deren Müt­ter plötz­lich ein bewe­gungs- und aus­drucks­lo­ses Gesicht zei­gen. „Stu­dien haben gezeigt, dass das Baby gestresst ist, wenn die Mut­ter ein Still Face macht, und heil­froh ist, wenn sie wie­der kon­tak­tet“, berich­tet Brisch. „Wir möch­ten unter­su­chen, ob die Beschäf­ti­gung mit dem Smart­phone eine ähn­li­che Stress­re­ak­tion beim Baby her­vor­ruft. Bedeu­tet es für das Baby Stress? Oder ist es viel­leicht gar nicht so stres­sig, wie wir den­ken?“ Unter­schiede könn­ten auch in der Inten­si­tät des müt­ter­li­chen Smart­phone-Gebrauchs begrün­det sein, der in der Stu­die durch eine Web-basierte App erfasst wird. Denn man­che Babys könn­ten sich an den häu­fi­gen Blick auf das Smart­phone bereits gewöhnt haben – und das Gegen­teil, näm­lich der Blick zum Baby, könnte Stress her­vor­ru­fen. „Für Babys mit Müt­tern, die ihr Smart­phone viel im Bei­sein ihres Babys nut­zen, könnte das eine nor­male Situa­tion sein. Sie wür­den eher Stress ver­spü­ren, wenn die Mut­ter im Rah­men des Expe­ri­ments anfängt, inten­siv mit dem Baby zu kon­tak­ten, weil das Baby das gar nicht mehr gewohnt ist. Wir haben Hin­weise dar­auf, dass es so sein könnte, aber brau­chen mehr Pro­ban­din­nen, um diese Beob­ach­tung zu unter­mau­ern“, erklärt Brisch.

Bei der Nach­ver­fol­gung der Pro­ban­din­nen beob­ach­ten Brisch und sein Team die emo­tio­nale Ent­wick­lung der Kin­der, um lang­fris­tige Fol­gen zu bestim­men. „Wir erhe­ben die emo­tio­nale Ent­wick­lung, wenn die Kin­der ein­ein­halb Jahre alt sind und ana­ly­sie­ren die Bin­dungs­ent­wick­lung. Denn wenn der Smart­phone-Kon­sum der Mut­ter lang­fris­tig keine Aus­wir­kun­gen hat und nur in der Situa­tion kurz Stress für das Kind bedeu­tet, wäre es ja nicht so schlimm. Wenn die emo­tio­nale Ent­wick­lung aber gestört würde, hät­ten wir ein grö­ße­res Pro­blem mit lang­fris­ti­gen Aus­wir­kun­gen. Diese könn­ten sich spä­ter in einer nied­ri­ge­ren Stress- und Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz des Kin­des oder Schwie­rig­kei­ten in zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen zei­gen.“ Quer­schnitts­stu­dien an älte­ren Kin­dern haben bereits einige der Aus­wir­kun­gen der Smart­phone-Ver­wen­dung unter­sucht. Eine in den USA durch­ge­führte Stu­die bei Fami­lien mit Kin­dern unter fünf Jah­ren zeigte, dass Unter­bre­chun­gen in der Inter­ak­tion zwi­schen Mut­ter und Kind durch digi­tale Tech­no­lo­gie zu ver­stärk­ten Ver­hal­tens­schwie­rig­kei­ten füh­ren. Eine deut­sche Stu­die an Kin­dern zwi­schen zwei und neun Jah­ren berich­tete eben­falls, dass Kin­der am häu­figs­ten Ver­hal­tens­schwie­rig­kei­ten zeig­ten, wenn ihre Müt­ter oder sie selbst häu­fig ein Smart­phone nutz­ten. Natür­lich h.tten Smart­pho­nes auch posi­tive Effekte, so Brisch. „Smart­pho­nes hal­ten uns in sozia­len Netz­wer­ken. Sie hel­fen uns, mit ande­ren Leu­ten in Kon­takt zu blei­ben.“ Beson­ders bei Müt­tern kann das die Nut­zung des Smart­pho­nes begrün­den. So berich­te­ten Müt­ter, die ihre Kin­der zuhause betreuen, in einer Stu­die, dass sie digi­tale Tech­no­lo­gien als „Aus­flucht“ aus Lan­ge­weile und Frus­tra­tion der Kin­der­er­zie­hung nut­zen wür­den, oder um ihre eige­nen Emo­tio­nen zu regu­lie­ren.

Vor­bild­wir­kung der Eltern

Ein wei­te­res Pro­blem der elter­li­chen Smart­phone-Nut­zung sei aller­dings auch die Vor­bild­wir­kung schon auf die Kleins­ten, erklärt Brisch. „Wenn das Baby den sozia­len Kon­takt sucht, die Mut­ter aber gerade mit dem Smart­phone beschäf­tigt ist und dabei ganz leben­dig spricht, so lernt das Baby: Das, was es evo­lu­tio­när sucht, fin­det mit dem Smart­phone statt. Ganz klar, so etwas möchte das Baby dann auch haben. Das Baby wird mit der Zeit erpicht auf das Smart­phone.“ Die Medi­en­nut­zung durch Klein- und Kleinst­kin­der hat aller­dings auch ganz klare Aus­wir­kun­gen auf die kind­li­che Ent­wick­lung, die Sevecke in der Eltern-Kind-Sta­tion der Kli­nik beob­ach­tet. „Die Aus­wir­kung ist indi­vi­du­ell ver­schie­den, denn es gibt mode­rie­rende Fak­to­ren, wie Per­sön­lich­keit, Intel­li­genz, Umfeld, Sozia­li­sa­ti­ons­be­din­gun­gen und För­de­rung. Es ist also nicht so ein­fach, mit­ein­an­der zu vergleichen. 

Aber klar ist, dass die Medi­en­nut­zung bei Klein­kin­dern eine nega­tive Aus­wir­kung hat.“ Brisch wie­derum ver­weist auf Stu­dien, in denen gezeigt wurde, dass die neu­ro­nale Ver­net­zung anders ver­läuft, wenn Kin­der das Smart­phone häu­fig nut­zen. So wurde bei 47 Kin­dern zwi­schen drei und fünf Jah­ren ein Zusam­men­hang zwi­schen der Nut­zung von Bild­schirm-Medien und einer gerin­ge­ren Dichte von Bah­nen der wei­ßen Gehirn­sub­stanz, die die Sprach­fä­hig­kei­ten unter­stüt­zen, fest­ge­stellt. Gleich­zei­tig zeig­ten Kin­der, die Bild­schirm-Medien häu­fig nutz­ten, schwä­chere Leis­tun­gen beim Spre­chen und beim Erken­nen von Gegen­stän­den. „Das ist ein erschre­cken­der Zusam­men­hang“, stellt Brisch fest. Des­halb sollte uns die Frage beschäf­ti­gen: „Wel­che Aus­wir­kun­gen wer­den dann noch höhere Strah­lungs­in­ten­si­tä­ten auf die hoch­dy­na­mi­sche Ent­wick­lung der neu­ro­na­len Ver­net­zung im Gehirn bei Säug­lin­gen und Klein­kin­dern haben?“

Sevecke fasst die in der Kli­nik beob­ach­te­ten Aus­wir­kun­gen zusam­men. „Es gibt nega­tive Aus­wir­kun­gen sowohl bei der Inter­na­li­sie­rung, also emo­tio­nale Auf­fäl­lig­kei­ten, als auch bei der Exter­na­li­sie­rung, also Aggres­si­vi­tät oder ver­min­derte Auf­merk­sam­keit. Auch Aus­wir­kun­gen auf den Schlaf sind zu beob­ach­ten. Ganz klar sind die kör­per­li­chen Fol­gen: Der BMI steigt schon bei Klein­kin­dern bei lan­gem Medi­en­kon­sum an, lang­fris­tig ist die kogni­tive und sprach­li­che Ent­wick­lung gehemmt.“ Aller­dings rei­che die Stu­di­en­lage nicht aus, um klare Schlüsse zu zie­hen. „Es feh­len Ver­laufs­stu­dien und eine genaue Alters­dif­fe­ren­zie­rung. Außer­dem macht die Art der Medi­en­nut­zung einen gro­ßen Unter­schied – kon­su­miert das Kind ein Hör­buch, einen Film oder ein Com­pu­ter­spiel? Wie beglei­ten die Eltern den Medi­en­kon­sum und kommt es zu einem kör­per­li­chen Aus­gleich? Es wäre hilf­reich, wenn Stu­dien den Kon­sum genauer dif­fe­ren­zie­ren wür­den“, so Sevecke. Lang­fris­tig hat die Medi­en­nut­zung auch Aus­wir­kun­gen auf die Bewäl­ti­gungs­stra­te­gien, die auch im Erwach­se­nen­al­ter genutzt wer­den. „Spiel ist nicht ein­fach Spiel. Rol­len­spiele etwa die­nen dazu, innere Erleb­nisse, Ängste und Sor­gen zu ver­ar­bei­ten“, weiß Brisch. „Kin­der ver­ar­bei­ten im Spiel ihre Kon­flikte und ver­ar­bei­ten sie dadurch. Wenn das durch ein­di­men­sio­nale Spiele auf einem Smart­phone ersetzt wird, fal­len wich­tige mensch­li­che Fähig­kei­ten wie Krea­ti­vi­tät und die Ver­ar­bei­tung von Erleb­tem durch Malen oder Musik weg. Spä­ter haben diese Kin­der eine ent­spre­chende Prä­gung: Wenn sie Stress haben, spie­len sie Com­pu­ter­spiele. Aber innere Kon­flikte oder Dyna­mi­ken kön­nen sie so nicht ver­ar­bei­ten. Das ist ver­mut­lich eine große Ver­ar­mung, aber auch eine Gefahr, wenn man an die neue Klas­si­fi­ka­tion der ICD-11 denkt, die Online-Spiel­sucht erst­mals als eigen­stän­dige Krank­heit ansieht.“ Und Sevecke ver­weist auf publi­zierte Emp­feh­lun­gen für die Nut­zung von digi­ta­len Medien durch Kin­der. „Es gibt wenige klare Emp­feh­lun­gen, aber es gibt sie schon und man sollte sich an sie hal­ten. Und für die Eltern gilt: Wenn mög­lich das Handy in der Schla­fens­zeit des Kin­des nut­zen. Es sollte nicht stän­di­ger Beglei­ter sein.“ 

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 8 /​25.04.2020