Sym­po­sium Mikro­nähr­stoffe: Kein Vor­teil durch Mega-Dosierungen

10.02.2020 | Medizin

Bei einer nach­ge­wie­se­nen aus­rei­chen­den Ver­sor­gungs­lage brin­gen Sup­ple­men­tie­run­gen in Mega-Dosie­run­gen keine nach­weis­ba­ren gesund­heit­li­chen Vor­teile. Hin­ge­gen ist die kon­trol­lierte Sup­ple­men­tie­rung bei einem nach­ge­wie­se­nen Man­gel jeden­falls zu emp­feh­len, beton­ten Exper­ten kürz­lich beim Sym­po­sium Mikro­nähr­stoffe in Wien.
Julia Obruca

Schon die ers­ten 1.000 Tage – von der Kon­zep­tion bis zum Ende des wei­ten Lebens­jah­res – sind eng mit einer Adi­po­si­tas im spä­te­ren Leben ver­knüpft, berich­tete Prof. Louis Moreno Aznar von der medi­zi­ni­schen Fakul­tät der Uni­ver­si­tät Sara­gossa beim Wis­sen­schaft­li­chen Sym­po­sium „Mikro­nähr­stoffe“, das von der Öster­rei­chi­schen Aka­de­mie für Ernäh­rungs­me­di­zin ver­an­stal­tet wurde. 

Als Risi­ko­fak­to­ren für Adi­po­si­tas in jun­gen Jah­ren nannte Angelo Pie­tro­belli von der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Verona Adi­po­si­tas der Mut­ter vor der Schwan­ger­schaft, nied­ri­ges Geburts­ge­wicht und schnelle Gewichts­zu­nahme wäh­rend der Kind­heit. Außer­dem hob er die Bedeu­tung von Kolos­trum und Mut­ter­milch für ein gesun­des Wachs­tum her­vor: „Bereits wäh­rend des 17. und 18. Jahr­hun­derts erkannte man zwei essen­ti­elle Dinge: die Rolle von Kolos­trum als Prä­ven­tion vor gastro­in­tes­ti­na­len Infek­tio­nen und die hohe Über­le­bens­rate von Kin­dern, die mit Mut­ter­milch anstelle von Tier­milch gefüt­tert wur­den.“ Dem­nach liege der rich­tige Zeit­punkt, an dem Neu­ge­bo­rene feste Nah­rung erhal­ten soll­ten, zwi­schen vier und sie­ben Mona­ten. „Auf­grund ihrer gro­ßen Dichte an Mikro­nähr­stof­fen eig­nen sich dafür am ehes­ten Früchte und Gemüse, wohin­ge­gen die Gabe von Frucht­säf­ten zu einem Anstieg von Adi­po­si­tas führt“, so die Emp­feh­lung des Experten. 

Die wich­tige Rolle von Mikro­nähr­stof­fen im frü­hen Kin­des­al­ter unter­mau­erte auch Prof. Peter Stehle von der Uni­ver­si­tät Bonn. Er erklärte, dass viele nicht über­trag­bare Krank­hei­ten, die mit einer unzu­rei­chen­den Nähr­stoff­auf­nahme in Ver­bin­dung ste­hen, ihren Ursprung oft­mals in der Kind­heit haben. „Das Fort­schrei­ten einer meta­bo­li­schen Stö­rung ist meist in der Ado­les­zenz zu beob­ach­ten“, sagte Stehle. Ein mög­li­cher Zusam­men­hang zwi­schen der Nähr­stoff­auf­nahme und der Kon­zen­tra­tion von Bio­mar­kern wurde im Zuge der Län­der-über­grei­fen­den HELENA-Stu­die (Healthy Life­style in Europe by Nut­ri­tion in Ado­lescence) ermit­telt. Dafür wur­den 3.528 Jugend­li­che zwi­schen 12,5 und 17,5 Jah­ren unter­sucht. Dabei zeigte sich u.a. bei Jugend­li­chen, die früh­stü­cken, ein Zusam­men­hang mit einem nied­ri­ge­ren Kör­per­fett­ge­halt und einem gesün­de­ren kar­dio­vasku­lä­ren Pro­fil. Jugend­li­che essen nur die Hälfte der emp­foh­le­nen Menge von Obst und Gemüse sowie mehr als die emp­foh­lene Menge von Fleisch, Fleisch­pro­duk­ten, Fet­ten und Süßig­kei­ten. Bei euro­päi­schen Jugend­li­chen wurde eine zu geringe Kon­zen­tra­tion der im Plasma vor­han­de­nen Fol­säure, Vit­amin D, Pyri­doxal 5‘-Phosphat, Beta-Caro­tin sowie Vit­amin E fest­ge­stellt. Stehle for­dert die Gesund­heits­be­hör­den dazu auf, „die Jugend­li­chen zu einer gesund­heits­be­wuss­ten Lebens­mit­tel­wahl zu ani­mie­ren, um die Tages­zu­fuhr von Vit­ami­nen wie Fol­säure zu erhöhen“. 

Univ. Prof. Kurt Wid­halm vom Öster­rei­chi­schen Aka­de­mi­schen Insti­tut für Ernäh­rungs­me­di­zin sieht den Nähr­stoff­man­gel vor allem ange­sichts der welt­weit stei­gende Zahl an adi­pö­sen Jugend­li­chen als Pro­blem: „Auf­grund der Tat­sa­che, dass die Behand­lung krank­haf­ter Fett­sucht bei jun­gen Men­schen sehr schwie­rig ist und sich oft­mals als erfolg­los her­aus­stellt, ent­schei­den sich immer mehr Kli­ni­ken für den Roux-Y-Magen­by­pass.“ Dies bewirke nicht nur posi­tive Effekte wie die Reduk­tion von Dia­be­tes mel­li­tus und Blut­hoch­druck, son­dern führe bei den Betrof­fe­nen oft­mals auch zu Man­gel­er­schei­nun­gen. „Nach dem Ein­griff sind ein lang­fris­ti­ges Fol­low up und eine kon­ti­nu­ier­li­che Sup­ple­men­tie­rung mit Vit­ami­nen, Mine­ra­lien und essen­ti­el­len Nähr­stof­fen indi­ziert. Dadurch sol­len Män­gel durch Mal­ab­sorp­tion und den mar­kan­ten Gewichts­ver­lust ver­mie­den wer­den“, so Wid­halm. Auch wenn bis­her noch rela­tiv wenig geforscht wurde, kön­nen ein Man­gel im Eisen- und Fer­ri­tin-Meta­bo­lis­mus sowie kri­ti­sche Vit­amin D- und B12-Spie­gel laut dem Exper­ten als Haupt­pro­bleme ange­se­hen wer­den. Am wenigs­ten pro­ble­ma­tisch gestal­tet sich die Situa­tion mit den Vit­ami­nen A, B1 und Fol­säure; den­noch müse der post­ope­ra­tive Sta­tus von Vit­ami­nen und Mine­ra­lien kon­se­quent über­prüft wer­den, „da beson­ders Jugend­li­che Pro­bleme mit der Ein­hal­tung von Fol­low ups und einer kon­ti­nu­ier­li­chen Sup­ple­men­tie­rung von Mikro­nähr­stof­fen haben“, berich­tete Widhalm.

Car­los dos San­tos aus Rio de Janeiro berich­tete über eigene Stu­dien, die zei­gen, dass bei Jugend­li­chen nach baria­tri­schen Ope­ra­tio­nen die Kno­chen­dichte deut­lich abnimmt und dadurch die Gefahr von Frak­tu­ren besteht. Daher ist die Mes­sung der Kno­chen­dichte enorm wichtig. 

Die zu geringe Auf­nahme von Mikro­nähr­stof­fen kann zahl­rei­che patho­phy­sio­lo­gi­sche Aus­wir­kun­gen haben. Stehle nannte unter ande­rem Skor­but (Vit­amin C‑Mangel), Beri­beri (Man­gel an Vit­amin B1), Pel­la­gra (Nia­cin-Man­gel), Rachitis/​Osteoporose (Vit­amin D‑Mangel) oder Xero­ph­thal­mie (Vit­amin A‑Mangel). „Da kon­trol­lierte Sup­ple­men­tie­run­gen mit Mega-Dosie­run­gen von unent­behr­li­chen und ent­behr­li­chen Mikro­nähr­stof­fen bei nach­weis­lich aus­rei­chen­der Ver­sor­gungs­lage gesund­heit­lich keine nach­weis­ba­ren Vor­teile brin­gen, sind sie nur bei einem nach­ge­wie­se­nen Man­gel zu emp­feh­len“, betonte Stehle. ◉ 

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 3 /​10.02.2020