Hist­amin­in­to­le­ranz: Ein Pro­blem der Bilanz

10.10.2020 | Medi­zin


Die typi­sche Sym­pto­ma­tik der His­t­a­min-Into­­le­ranz ist nur schwer ein­zu­gren­zen, wenn auch gastro­in­tes­ti­nale Sym­ptome im Vor­der­grund ste­hen. Wenn die Betrof­fe­nen über­dies nicht wis­sen, wor­auf sie bei der Ernäh­rung ach­ten müs­sen, schrän­ken sie ihre Ernäh­rung oft so stark ein, dass Man­gel­si­tua­tio­nen die Folge sein kön­nen.
Laura Scher­ber

Wie bei ande­ren Unver­träg­lich­kei­ten spielt auch bei der His­t­a­min-Into­­le­ranz die Darm­ge­sund­heit eine wich­tige Rolle, da viele Bestand­teile, die nicht mehr gut ver­tra­gen wer­den, im Darm abge­baut wer­den. „Es ist sehr span­nend, da wis­sen­schaft­li­che Befunde zei­gen, dass bei Pati­en­ten mit His­t­a­min-Into­­le­ranz im Gegen­satz zu gesun­den Kon­troll­per­so­nen eine Dys­biose vor­han­den ist und dass wahr­schein­lich auch die intes­ti­nale Bar­rie­re­funk­tion ver­än­dert ist“, berich­tet Assoz. Prof. Eva Unter­s­­mayr-Elsen­hu­­ber vom Insti­tut für Patho­phy­sio­lo­gie und All­er­gie­for­schung an der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien. Zusätz­lich kann die Dia­mi­nooxi­dase die Ent­wick­lung der Beschwer­den beein­flus­sen: durch eine gene­tisch bedingte ver­min­derte Pro­duk­tion, durch hem­mende Medi­ka­mente oder Nah­rungs­mit­tel sowie durch eine zu hohe His­t­a­min-Frei­­se­t­­zung im Kör­per. Letz­tere kommt der Exper­tin zufolge vor allem bei All­er­gi­kern vor, die viel Hist­amin frei­set­zen und bei denen die Abbau­ka­pa­zi­tät für Hist­amin bei einer zusätz­lich hohen Zufuhr mit der Nah­rung redu­ziert ist und mit ent­spre­chen­den Beschwer­den ein­her­geht. „Die Dia­mi­nooxi­dase ist eines der wich­tigs­ten His­t­a­min-abbau­­en­­den Enzyme und scheint auch in der Phy­sio­lo­gie eine wich­tige Rolle zu spie­len“, erklärt Univ. Prof. Bir­ger Kränke von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Der­ma­to­lo­gie und Venero­lo­gie in Graz. So steige die Kapa­zi­tät der Dia­mi­nooxi­dase wäh­rend der Schwan­ger­schaft in der Pla­zenta auf das bis zu 400-Fache des Nor­mal­wer­tes an. Bei der Hist­amin­in­to­le­ranz liegt dem Exper­ten zufolge eine Art Bilanz­pro­blem vor, da Hist­amin sowohl von extern zuge­führt als auch intern im Kör­per selbst pro­du­ziert wird und im eige­nen Stoff­wech­sel vor­kommt. Wie bei vie­len Boten­stof­fen sollte auch ein gewis­ser Hist­amin­spie­gel nor­ma­ler­weise nicht über­schrit­ten wer­den. Kommt es den­noch dazu, muss die Zufuhr regu­liert oder der Abbau ver­bes­sert werden.

„Man ver­mu­tet, dass unge­fähr ein bis drei Pro­zent der öster­rei­chi­schen Bevöl­ke­rung an einer His­t­a­min-Into­­le­ranz lei­den, wahr­schein­lich eher im höhe­ren Lebens­al­ter“, sagt Unter­s­­mayr-Elsen­hu­­ber. Frauen seien deut­lich häu­fi­ger betrof­fen. Als Abbau­pro­dukt von Bak­te­rien ist Hist­amin vor allem in lang gereif­ten Lebens­mit­teln wie Käse, Rot­wein oder Sauer­kraut ent­hal­ten. „Aber auch Fer­tig­pro­dukte, beson­ders wenn die Kühl­kette unter­bro­chen wird oder nicht adäquat gela­gerte Fleisch­pro­dukte sind beson­ders His­t­a­min-reich“, resü­miert die Expertin. 

Typi­sche und unty­pi­sche Beschwerden

Die typi­sche Sym­pto­ma­tik ist bei der His­t­a­min-Into­­le­ranz schwer ein­zu­gren­zen. Neben klas­si­schen All­er­gie­be­schwer­den kön­nen kar­dio­vasku­läre Sym­ptome (Migräne, Schwin­del, Pal­pi­ta­tio­nen, Kol­laps­nei­gung), Haut­pro­ble­men und vor allem gastro­in­tes­ti­nale Sym­ptome auf­tre­ten. „Stu­dien haben gezeigt, dass die gastro­in­tes­ti­na­len Beschwer­den über­wie­gen“, berich­tet Unter­s­­mayr-Elsen­hu­­ber. Und wei­ter: „Die Pati­en­ten haben Durch­fälle, abdo­mi­nelle Schmer­zen oder aber Ver­stop­fung, Koli­ken, Auf­sto­ßen und Übel­keit – teil­weise bis zum Erbre­chen“. Durch die Viel­zahl von Orga­nen und Stoff­wech­sel­vor­gän­gen, an denen Hist­amin betei­ligt ist, habe die His­t­a­min-Into­­le­ranz laut Kränke mitt­ler­weile den Ruf, eine Inter­­net-Dia­­gnose zu sein. So wer­den viele Befind­lich­keits­stö­run­gen unge­recht­fer­tig­ter Weise auf die­ses Beschwer­de­bild zurückgeführt. 

Die His­t­a­min-Into­­le­ranz ist dia­gnos­tisch rela­tiv her­aus­for­dernd. „Es gibt kei­nen wirk­lich zu 100 Pro­zent zuver­läs­si­gen Test. Zwar wird gerne die Akti­vi­tät der Dia­mi­nooxi­dase gemes­sen. Aller­dings kön­nen trotz His­t­a­min-Into­­le­ranz Nor­mal­werte gefun­den wer­den“, erklärt Kränke. Auch die Mes­sung von Hist­amin im Blut und von His­t­a­min-Abbau­­­pro­­du­k­­ten im Urin ermög­li­che keine sichere Zuord­nung. „Die His­t­a­min-Besti­m­­mung im Serum ist pro­ble­ma­tisch, weil Hist­amin sehr schnell abge­baut wird“, fügt Unter­s­­mayr-Elsen­hu­­ber hinzu. Bei Dia­­mi­­nooxi­­dase-Wer­­ten von unter zehn Units pro Mil­li­li­ter könne man hin­ge­gen an eine His­t­a­min-Into­­le­ranz den­ken. Gleich­zei­tig sei es wich­tig, die Co-Fak­­to­­ren der Dia­mi­nooxi­dase mit­zu­be­stim­men, vor allem Vit­amin B6. Je nach Sym­pto­ma­tik sollte außer­dem eine Masto­zy­tose durch Mes­sung der Tryp­tase aus­ge­schlos­sen werden.

Zu Beginn der Dia­gnos­tik emp­fiehlt es sich, nicht gleich die Ver­dachts­dia­gnose His­t­a­min-Into­­le­ranz in den Raum zu stel­len, son­dern dem Betrof­fe­nen zunächst ein­mal neu­tral zu begeg­nen. „Wir sind sehr zurück­hal­tend, weil die Pati­en­ten schnell dazu nei­gen, viele unspe­zi­fi­sche Beschwer­den auf die­ses Krank­heits­bild zurück­zu­füh­ren“, berich­tet Kränke. 

Beschwer­den konkretisieren

Um die Beschwer­den zu kon­kre­ti­sie­ren und mög­li­che Zusam­men­hänge her­zu­stel­len, ist das Füh­ren eines Beschwer­de­ta­ge­buchs in Kom­bi­na­tion mit einem Ernäh­rungs­ka­len­der eine wich­tige Maß­nahme. Ergibt sich aus den erho­be­nen Infor­ma­tio­nen und den Labor­wer­ten ein Ver­dacht auf das Vor­lie­gen einer His­t­a­min-Into­­le­ranz, ver­rin­gert man die Zufuhr von His­t­a­min-rei­chen Nah­rungs­mit­teln und beob­ach­tet die Fol­gen. „Erschwe­rend kommt hinzu, dass Hist­amin nur eines der bio­ge­nen Amine ist, die eine wich­tige Rolle in die­sem Sym­ptom­spek­trum spie­len“, weiß der Experte. So gebe es eine Viel­zahl wei­te­rer bio­ge­ner Amine wie zum Bei­spiel Cada­verin, Sper­mi­din und Sero­to­nin, die ähn­li­che Beschwer­den her­vor­ru­fen könnten.

Wich­tigste Maß­nahme: Ernährungsumstellung

Ebenso wie die Dia­gnose ist auch die The­ra­pie der His­t­a­min-Into­­le­ranz nicht ganz ein­fach. Mit H1- und H2-Blo­­ckern ste­hen zwar abhän­gig von den Beschwer­den medi­ka­men­töse Optio­nen zur Ver­fü­gung; im Vor­der­grund steht aber die Ernäh­rungs­um­stel­lung der Pati­en­ten. Dabei müs­sen sie ver­su­chen, die Hist­amin­zu­fuhr zu redu­zie­ren und auf Hist­amin frei­set­zende und die Dia­mi­nooxi­dase blo­ckie­rende Lebens­mit­tel zu ach­ten. „Von den Pati­en­ten muss sehr indi­vi­du­ell aus­ge­tes­tet wer­den, wie sie auf die ein­zel­nen Lebens­mit­tel reagie­ren und erfasst wer­den, ob sich die Beschwer­den ver­bes­sern“, führt Unter­s­­mayr-Elsen­hu­­ber aus. Auch wenn es sich nicht bei jedem Pati­en­ten gleich aus­wirkt, gehö­ren zu den His­t­a­min-Libe­ra­­to­­ren prin­zi­pi­ell die klas­si­schen Zitrus­früchte, Erd­bee­ren, Kiwis, Ana­nas und Toma­ten; zu den die Dia­mi­nooxi­dase blo­ckie­ren­den Lebens­mit­teln vor allem Alko­hol sowie schwar­zer und grü­ner Tee. Ganz grund­sätz­lich lau­tet die Emp­feh­lung, Gerichte frisch zuzu­be­rei­ten. Wird Hist­amin im Rah­men der Ernäh­rungs­um­stel­lung in der Nah­rung redu­ziert, kön­nen sich die Dia­­mi­­nooxi­­dase-Spie­­gel wie­der erho­len und die Beschwer­den redu­zie­ren. „Das Enzym Dao­sin kann man als Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­tel zufüh­ren – aber rein pro­ba­to­risch, da es als Medi­ka­ment nicht zuge­las­sen ist“, fügt Kränke hinzu. Dies emp­fehle sich zum Bei­spiel für Per­so­nen, die aus beruf­li­chen Grün­den die Teil­nahme an Buf­fets schwer umge­hen könn­ten. Aber auch bei der Sup­ple­men­tie­rung der Dia­mi­nooxi­dase ist die Wir­kung laut Unter­s­­mayr-Elsen­hu­­ber nicht ein­heit­lich, wes­halb es im indi­vi­du­el­len Fall aus­ge­tes­tet wer­den müsse. Wie bei allen Nah­­rungs­­­mi­t­­tel-Unver­­­trä­g­­li­ch­­kei­­ten ist es auch bei der His­t­a­min-Into­­le­ranz wich­tig, den Pati­en­ten eine genaue ernäh­rungs­me­di­zi­ni­sche diä­to­lo­gi­sche Beglei­tung zur Ver­fü­gung zu stel­len. „Wenn die Pati­en­ten nicht wis­sen, wor­auf sie ach­ten müs­sen, schrän­ken sie ihre Ernäh­rung in der Ver­zweif­lung oft sehr stark ein, was in Man­gel­si­tua­tio­nen resul­tie­ren kann“, betont die Exper­tin abschließend.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 19 /​10.10.2020