Inter­view Johan­nes Stein­hart: BKNÄ: „Eine dun­kel­rote Linie”

10.03.2020 | Aktu­el­les aus der ÖÄK


Johan­nes Stein­hart, Vize­prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Ärz­te­kam­mer und Bun­des­ku­ri­en­ob­mann der nie­der­ge­las­se­nen Ärzte, warnt ein­dring­lich davor, Ärz­tin­nen und Ärzte als Sün­den­bö­cke für ÖGK-Finan­z­­feh­­ler heranzuziehen.

Sascha Bunda

Wie haben Sie die jüngste Dis­kus­sion rund um die Finanz­ge­ba­rung der neuen Gesund­heits­kasse wahrgenommen?

Ehr­lich gesagt hat mich das Aus­maß des pro­gnos­ti­zier­ten Defi­zits nicht mehr allzu sehr über­rascht. Die Ver­ant­wort­li­chen haben ihre Rechen­künste ja schon im Vor­feld des öfte­ren bewie­sen, vom Logo ange­fan­gen bis zur Pati­en­ten­mil­li­arde, die nun nicht mehr auf­find­bar ist. Es kann aber auf kei­nen Fall sein, dass man nun Ärz­tin­nen und Ärzte diese Pla­nungs­feh­ler und Finan­zie­rungs­pan­nen aus­ba­den lässt. Das ist nicht nur eine rote Linie, son­dern eine dunkelrote.

Wie beur­tei­len sie den Vor­schlag von ÖGK-Gene­ral­­se­­kre­­tär Bern­hard Wur­zer, einen „Kon­so­li­die­rungs­pfad“ bei den Ärz­te­ho­no­ra­ren einzuschlagen?

Ich bin ja nun wirk­lich schon einige Jahre stan­des­po­li­tisch aktiv und habe schon viele Kas­sen­re­prä­sen­tan­ten kom­men und gehen gese­hen. Aber eine der­ar­tige Leug­nung der aktu­el­len Situa­tion und ein der­art gefähr­li­ches Spiel mit einem ohne­hin schon ange­schla­ge­nen Sys­tem ist mir noch nicht unter­ge­kom­men. End­lich hat die Poli­tik wahr­ge­nom­men und ver­stan­den, was mit dem Kas­sen­ärz­te­man­gel auf uns zukommt und wie ernst die Lage ist, da kann man doch nicht ernst­haft vor­schla­gen, als Ant­wort dar­auf die kas­sen­ärzt­li­che Tätig­keit noch unat­trak­ti­ver zu gestal­ten. Es sei denn, man möchte Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten vor­sätz­lich in pri­vate Medi­zin trei­ben, um so die Finanz­ge­ba­rung der Kran­ken­kas­sen noch mehr zu stär­ken. Mit einer sozia­len Gesund­heits­ver­sor­gung hat das aber nichts mehr zu tun. Es ist ein zyni­sches Finanz­spiel auf dem Rücken der Schwächs­ten unse­rer Gesellschaft.

Wel­che Fol­gen hätte es, den Spar­stift bei den Ärz­te­ho­no­ra­ren anzusetzen?

Viele Kol­le­gen haben mir bereits ange­kün­digt, in die­sem Fall ihre Kas­sen­ver­träge zurück­zu­le­gen. Jün­gere Ärzte, die gerade ins Kas­sen­sys­tem ein­stei­gen wol­len, wer­den sich von sol­chen Ein­spa­run­gen zusätz­lich abschre­cken las­sen. Das Ganze wird wie ein Brand­be­schleu­ni­ger auf die ohne­hin schon ernste Situa­tion der offe­nen Kas­sen­stel­len wir­ken. Wir dür­fen dabei auch nicht ver­ges­sen, was das für die Ärz­tin­nen und Ärzte bedeu­tet, die gerne als Kas­sen­ärzte arbei­ten und ein­fach für ihre Pati­en­ten da sein wol­len. Diese Kol­le­gen arbei­ten schon jetzt oft am Limit – wenn man von ihnen nun ver­langt, noch mehr Ver­sor­gungs­lö­cher zu stop­fen, dann gefähr­det man nicht nur in unver­ant­wort­li­cher Weise deren Gesund­heit, son­dern gleich­zei­tig auch die Sicher­heit der Pati­en­tin­nen und Patienten.

Was for­dern Sie nun in die­ser Situation?

Wir for­dern von der Bun­des­re­gie­rung und der ÖGK-Spitze ein kla­res Bekennt­nis dazu, mehr Geld in die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung zu inves­tie­ren. Ange­sichts der rasch wach­sen­den und älter wer­den­den Gesell­schaft mit zuneh­men­dem medi­zi­ni­schem Ver­sor­gungs­be­darf kann es hier gar keine andere Rich­tung geben. Wir brau­chen inter­na­tio­nal kon­kur­renz­fä­hige Arbeits­be­din­gun­gen, damit sich junge Medi­zi­ner wie­der für eine Tätig­keit im öster­rei­chi­schen Kas­sen­sys­tem begeis­tern kön­nen und nicht ins Aus­land abwan­dern. Die Aus­ga­ben für das Gesund­heits­sys­tem soll­ten sich in einem rei­chen Land wie Öster­reich an denen ver­gleich­ba­rer Nach­bar­län­der ori­en­tie­ren. Es ist ein­fach zutiefst kurz­sich­tig und zeugt von wenig Ver­ständ­nis für soziale Gesund­heits­sys­teme, wenn man medi­zi­ni­sche Leis­tun­gen an die wirt­schaft­li­che Situa­tion knüpft. Im Gegen­teil: In wirt­schaft­lich schlech­ten Zei­ten brau­chen die Men­schen mehr ärzt­li­che Behand­lung. Und natür­lich for­dern wir wei­ter­hin nach­drück­lich die Pati­en­ten­mil­li­arde, die der Bun­des­kanz­ler den Bür­gern ver­spro­chen hat. In rea­lis­ti­scher Vor­aus­sicht for­dern wir sie schon län­ger unab­hän­gig von der Finanz­ge­ba­rung der ÖGK im Zuge der Kas­sen­re­form. Die jüngs­ten ÖGK-Finan­z­­pro­­gno­­sen bestär­ken uns in die­ser Entscheidung. 

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 5 /​10.03.2020