Arzt­aus­bil­dung: Kein Hobby

10.03.2020 | Aktu­el­les aus der ÖÄK


Die Aus­bil­dung jun­ger Ärzte ist eine Ver­pflich­tung gegen­über den Pati­en­ten, betont ÖÄK-Vize­­­prä­­si­­dent Harald Mayer. Zudem ist sie ent­schei­dend dafür, ob der Ärz­te­nach­wuchs im Land bleibt. Um die Qua­li­tät zu gewähr­leis­ten, müs­sen Spi­tä­ler ent­las­tet und die extra­mu­rale Ver­sor­gung sicher­ge­stellt wer­den.

Sophie Nie­denzu

Das Gehalt ist es nicht. Es ist die Qua­li­tät in der Aus­bil­dung. Sie ist der ent­schei­dende Fak­tor dafür, ob Medi­zin­ab­sol­ven­ten in Öster­reich ärzt­lich tätig sind oder sich für eine Kar­riere im Aus­land ent­schei­den. Eine aktu­elle Stu­die an der Wirt­schafts­uni­ver­si­tät Wien (siehe Info­box) bestä­tigt dies. „Das Ergeb­nis ist nicht über­ra­schend. Seit Jah­ren wei­sen wir dar­auf hin, dass die Arzt­aus­bil­dung öster­reich­weit eine gleich­blei­bende Qua­li­tät auf­wei­sen muss, damit Medi­zin­ab­sol­ven­ten auch in Öster­reich ihre Arzt­aus­bil­dung machen. Nur so kann die hohe Pati­en­ten­ver­sor­gungs­qua­li­tät sicher­ge­stellt wer­den“, sagt Harald Mayer, Vize­prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Ärz­te­kam­mer und Bun­des­ku­ri­en­ob­mann ange­stellte Ärzte. Dass die Qua­li­tät der Arzt­aus­bil­dung stark vari­iert, zeigt unter ande­rem die ÖÄK­Ausbildungsevaluierung: Wäh­rend einige Abtei­lun­gen und Spi­tä­ler von Jung­ärz­ten aus­ge­zeich­net eva­lu­iert wer­den, schnei­den andere sehr schlecht ab. Die Band­breite der Bewer­tung reicht nach Noten­sys­tem von 1,00 bis 4,25 in der all­ge­mein­me­di­zi­ni­schen Aus­bil­dung, von 1,00 bis 4,40 in der fach­ärzt­li­chen Aus­bil­dung und von 1,20 bis 3,22 in der Basisausbildung. 

Letz­tere ist es auch, die in der WU­Studie als Nadel­öhr gese­hen wird. Denn die Stu­di­en­teil­neh­mer kri­ti­sier­ten die admi­nis­tra­ti­ven Auf­ga­ben, die wäh­rend der Basis­aus­bil­dung zu erfül­len seien. Damit bestä­tigt sie vor­han­dene Stu­di­en­ergeb­nisse, wonach Ärzte in Aus­bil­dung zum All­ge­mein­me­di­zi­ner bzw. in der Basis­aus­bil­dung 44 bzw. 48 Pro­zent ihrer Arbeits­zeit mit Ver­wal­tung beschäf­tigt sind. Laut Mayer sei fol­gen­des not­wen­dig: Eine 24­Stunden­Sekretariatsunterstützung, eine bedie­ner­freund­li­che Hard­ und Soft­ware – Stich­wort digi­tale Kran­ken­ge­schichte – und flä­chen­de­ckende Doku­men­ta­ti­ons­as­sis­ten­ten. „Es wun­dert nicht, dass jene Abtei­lun­gen, die in der Aus­bil­dung aus­ge­zeich­net beur­teilt wer­den, viele admi­nis­tra­tive Tätig­kei­ten dele­gie­ren und die medi­zi­ni­schen Tätig­kei­ten in den Mit­tel­punkt der Arzt­aus­bil­dung stel­len“, sagt Mayer. 

Res­sour­cen für Arztausbildung

Die feh­lende Aus­bil­dungs­ka­pa­zi­tät wird in der Eva­lu­ie­rung von den Jung­ärz­ten damit begrün­det, dass das Arbeits­pen­sum des Stamm­per­so­nals enorm hoch sei. Und dafür gibt es viele Ursa­chen: Einer­seits steigt die Anzahl der Pati­en­ten­fälle auf­grund der demo­gra­fi­schen Ent­wick­lung. Der medi­zi­ni­sche Fort­schritt führt dazu, dass viele Pati­en­ten, auch durch chro­ni­sche Erkran­kun­gen, in Lang­zeit­be­hand­lung sind. Ande­rer­seits fehlt in Spi­tä­lern das Per­so­nal, weil die redu­zier­ten Arbeits­zei­ten nicht über­all mit mehr Per­so­nal kom­pen­siert wur­den. „Per­so­nal­man­gel und Arbeits­dichte gehen zulas­ten der Qua­li­tät in der Arzt­aus­bil­dung. Die Aus­bil­dung ist aber kein Hobby, son­dern eine Ver­pflich­tung gegen­über unse­ren Pati­en­ten. Und dafür benö­ti­gen Spi­tals­ärzte die ent­spre­chen­den Res­sour­cen“, sagt Mayer und ver­weist auf seine For­de­rung, wonach eigene Dienst­pos­ten für eigene Ausbildungs­Oberärzte geschaf­fen wer­den müss­ten. Ange­sichts vor­han­de­ner War­te­zei­ten for­dert Mayer zudem mehr Basis­aus­bil­dungs­stel­len, damit ange­hende Ärzte nach ihrem Stu­dium rasch ihre Aus­bil­dung begin­nen kön­nen. Der­zeit schlie­ßen jähr­lich rund 1.400 Stu­die­rende ihr Medi­zin­stu­dium ab, aktu­ell sind 1.028 Basis­aus­bil­dungs­stel­len besetzt, die Ten­denz ist ver­gli­chen mit den bei­den Vor­jah­ren sinkend.

Mehr Res­sour­cen für die Arzt­aus­bil­dung seien drin­gend not­wen­dig. Der­zeit sei laut Mayer keine Bes­se­rung in Sicht – im Gegen­teil: Die Situa­tion für Spi­tals­ärzte könnte sich ver­schär­fen. So seien die jüngs­ten Aus­sa­gen von ÖGK­Generalsekretär Bern­hard Wur­zer für den ÖÄK-­Vi­­ze­­prä­­si­­den­­ten „alar­mie­rend“. Wur­zer hatte zuletzt einen „Kon­so­li­die­rungs­pfad“ bei kas­sen­ärzt­li­chen Hono­ra­ren gefor­dert. Sollte das tat­säch­lich umge­setzt wer­den, hätte das weit­rei­chende Fol­gen für das Gesund­heits­sys­tem: Noch weni­ger Ärzte wür­den sich in die­sem Fall für einen Kas­sen­ver­trag ent­schei­den, zudem bestünde die Gefahr, dass viele bis­he­ri­gen Ver­trags­ärzte aus dem Kas­sen­sys­tem aus­stei­gen. Pati­en­ten, die sich keine Wahl­ärzte leis­ten könn­ten, wür­den als Reak­tion auf das man­gelnde Ange­bot im kas­sen­ärzt­li­chen Bereich noch stär­ker auf die ohne­hin bereits über­füll­ten Spi­tä­ler aus­wei­chen. „Das wäre eine kom­plett fehl­ge­lei­tete Gesund­heits­po­li­tik“, kri­ti­siert Mayer und appel­liert ein­mal mehr an die Poli­tik: „Spi­tä­ler sind kein Lücken­bü­ßer für poli­ti­sche Fehlentscheidungen.“ 

Spi­tal­kol­laps durch Kassenärztemangel

Spi­tals­ärzte trü­gen eine enorme Ver­ant­wor­tung durch die Aus­bil­dung jun­ger Ärzte: „In den Spi­tä­lern wer­den die Wei­chen für die Zukunft der ärzt­li­chen Ver­sor­gung geschaf­fen“, betont Mayer. Arbeits­dichte, Per­so­nal­man­gel seien jetzt schon vor­han­den. Soll­ten noch mehr Pati­en­ten auf­grund feh­len­der Kas­sen­ärzte in die Spi­tä­ler gehen, könnte das zu einem „Kol­laps“ füh­ren, zudem sei es „volks­wirt­schaft­lich kon­tra­pro­duk­tiv“, dass es ins­be­son­dere in den Spi­tals­am­bu­lan­zen einen extrem hohen Anteil von Pati­en­ten gebe, die nur des­halb das Spi­tal auf­su­chen müss­ten, weil die Ange­bote im nie­der­ge­las­se­nen Sek­tor feh­len. Mayer appel­liert auch an die Fair­ness: „Die Sozi­al­ver­si­cher­ten haben ein Anrecht auf die best­mög­li­che medi­zi­ni­sche Versorgung.“ 

Es sei daher not­wen­dig, Geld in die Hand zu neh­men und den nie­der­ge­las­se­nen Bereich aus­zu­bauen. „Die Spi­tä­ler müs­sen ent­las­tet wer­den, damit sie sich auf ihre Kern­auf­ga­ben kon­zen­trie­ren kön­nen“, sagt Mayer. Eine wei­tere Ver­schär­fung der Situa­tion sei „untrag­bar“, bereits jetzt seien die­Am­bu­lan­zen über­las­tet. Es sei an der Zeit, dass die Regie­rung mit ihrem gesund­heits­po­li­ti­schen Pro­gramm Taten spre­chen lasse: „Wenn hier wei­ter zuge­schaut wird, die ver­spro­chene Pati­en­ten­mil­li­arde nicht bald kommt und das kas­sen­ärzt­li­che Sys­tem wei­ter­hin an Attrak­ti­vi­tät ver­liert, wird das zu einem Kol­laps in den Spi­tä­lern füh­ren“, warnt der ÖÄK­Vizepräsident. „Die Qua­li­tät in der Arzt­aus­bil­dung und damit auch der Ärz­te­nach­wuchs ste­hen auf dem Spiel.“ 


„Exp­lai­ning the emi­gra­tion pat­terns of young medi­cal spe­cia­lists:
A qua­li­ta­tive study of Aus­trian medi­cal graduates”

Eine aktu­elle Stu­die des Insti­tuts für Sozi­al­po­li­tik an der Wirt­schafts­uni­ver­si­tät Wien hat gezeigt, dass die Qua­li­tät der Arzt­aus­bil­dung in der Ent­schei­dung für oder gegen eine Kar­riere in Öster­reich eine grö­ßere Rolle spielt als bis­her ange­nom­men. Die Stu­di­en­au­toren (Brian Buh, Verena Frey, Raphaela Friedl und Alex­an­der Mitro­fa­nenko) befrag­ten neun Medi­zin­ab­sol­ven­ten, davon sechs Öster­rei­cher, zwei Deut­sche und eine Per­son aus dem nicht-deut­sch­­spra­chi­­gen Aus­land in teil­struk­tu­rier­ten Inter­views. Um einen Über­blick über mög­li­che Push- und Pull­fak­to­ren für eine ärzt­li­che Tätig­keit in Öster­reich zu erlan­gen, inklu­dier­ten die Fra­gen die The­men­be­rei­che Gehalt, Work-Life-Balance, Spe­zia­li­sie­rungs­wün­sche in den medi­zi­ni­schen Fächern sowie geo­gra­fi­sche Fak­to­ren, wie bei­spiels­weise die Wich­tig­keit eines fami­liä­ren, bzw. städ­ti­schen oder länd­li­chen Umfeldes. 

Als Push-Fak­­tor nann­ten alle Befrag­ten die nied­rige Qua­li­tät in der Arzt­aus­bil­dung. Grund für die als unzu­rei­chend wahr­ge­nom­mene Qua­li­tät sind der Stu­die zufolge vor allem der hohe Anteil an Doku­men­ta­ti­ons­ar­beit wäh­rend der Basis­aus­bil­dung. Auch feh­lende Infor­ma­tion über vor­han­dene Aus­bil­dungs­plätze sowie feh­lende Trans­pa­renz in der Zutei­lung die­ser sind in der Ent­schei­dung für oder gegen eine Arzt­aus­bil­dung in Öster­reich von Bedeu­tung. Als Pull-Fak­­to­­ren für öster­rei­chi­sche Medi­zin­ab­sol­ven­ten zählte das fami­liäre und soziale Umfeld, das für nicht-öster­­rei­chi­­sche Medi­zin­ab­sol­ven­ten glei­cher­ma­ßen als Push-Fak­­tor genannt wurde. Das Gehalt hin­ge­gen sei laut die­ser Stu­die nicht aus­schlag­ge­bend für die Ent­schei­dung, in Öster­reich eine ärzt­li­che Tätig­keit auf­zu­neh­men oder nicht. 


© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 5 /​10.03.2020