USA: Zucker­steuer wirkt

10.03.2019 | The­men


Der Zucker­kon­sum über Getränke gilt in den USA inzwi­schen als trei­ben­der Fak­tor dafür, dass die Zahl der Über­ge­wich­ti­gen steigt. Acht US-Städte haben bis­lang Steu­ern auf zucker­hal­tige Getränke ein­ge­führt. So konnte bei­spiels­weise in Phil­adel­phia der Kon­sum von gezu­cker­ten Geträn­ken um 40 Pro­zent redu­ziert wer­den.
Nora Schmitt-Sau­­sen

Große Por­tio­nen, viel Fast­food und ganze Land­stri­che, in denen es eine Her­aus­for­de­rung dar­stellt, an gesunde Lebens­mit­tel zu kom­men: Die Ernäh­rungs­si­tua­tion von gro­ßen Tei­len der US-ame­­ri­­ka­­ni­­schen Bevöl­ke­rung gibt Gesund­heits­ex­per­ten seit Jah­ren viel Raum für Kri­tik. In der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit rückte – wie in vie­len ande­ren Län­dern der Welt – der hohe Zucker­kon­sum der US-Ame­­ri­­ka­­ner in den Blick­punkt und hier vor allem ihr Hang, zu oft und zu viele zucker­hal­tige Getränke zu trin­ken. Sechs von zehn US-Jugend­­­li­chen und fünf von zehn Erwach­se­nen grei­fen zu Cola, Limo­nade, Energy Drinks und Co – täg­lich. Viele von ihnen neh­men allein über die Getränke die Kalo­ri­en­menge auf, die für die gesamte Ernäh­rung täg­lich emp­foh­len wird.

Was den Kon­su­men­ten aller­dings wohl nicht bewusst ist: Der Zucker­kon­sum über Getränke gilt in den USA inzwi­schen als trei­ben­der Fak­tor dafür, dass die Zahl der Über­ge­wich­ti­gen steigt. Denn die süßen Getränke sind nach Anga­ben der Cen­ters for Dise­ase Con­trol and Pre­ven­tion (CDC) die zen­trale Quelle für extern zuge­führ­ten Zucker in der Ernäh­rung. Und das hat Fol­gen: „Das regel­mä­ßige Trin­ken von gezu­cker­ten Erfri­schungs­ge­trän­ken ist ver­bun­den mit Gewichts­zu­nahme und Fett­lei­big­keit, Dia­be­tes mel­li­tus Typ 2, Herz‑, Leber- und Nie­ren­er­kran­kun­gen, Karies und Gicht“, heißt es von­sei­ten der CDC.

Acht US-Städte haben bis­lang Steu­ern auf zucker­hal­tige Erfri­schungs­ge­tränke ein­ge­führt; dies gilt als Erfolg ver­spre­chen­der Weg, um den Kon­sum der süßen Getränke zu redu­zie­ren. Dar­un­ter sind Groß­städte wie Seat­tle an der West­küste, Phil­adel­phia an der Ost­küste oder in Kali­for­nien der Pio­nier Ber­ke­ley, wo am 1. März 2015 als ers­tes in den USA eine Steuer eta­bliert wurde.

Wie in ande­ren Län­dern, die eine sol­che Steuer ein­ge­führt haben, zeigt sich auch in den USA, dass diese Maß­nahme zu den gewünsch­ten posi­ti­ven Ergeb­nis­sen führt. In Phil­adel­phia bei­spiels­weise ist der Kon­sum von gezu­cker­ten Geträn­ken um 40 Pro­zent zurück­ge­gan­gen. Gleich­zei­tig ist der Kon­sum von Was­ser in Fla­schen um 58 Pro­zent gestie­gen. In Seat­tle spült die Steuer in die­sem Jahr mehr als 20 Mil­lio­nen Dol­lar in die Kas­sen, berich­tet die New York Times. Das Geld soll in Initia­ti­ven zur früh­kind­li­chen Ernäh­rungs­bil­dung und Pro­gramme inves­tiert wer­den, die sozial Schwa­chen einen Zugang zu gesun­den Lebens­mit­teln ermöglichen.

Die Debatte über eine Steuer auf zucker­hal­tige Süß­ge­tränke wird in den USA inzwi­schen lan­des­weit geführt. Dass bis­lang jedoch erst wenige Städte und Gemein­den eine sol­che durch­set­zen konn­ten, ist vor allem einem geschul­det: der gro­ßen Gegen­wehr der Indus­trie, die in meh­re­ren Bun­des­staa­ten die Besteue­rung ver­hin­derte. Sie steckt beim Kampf um ihre Mar­ken Mil­lio­nen in Kam­pa­gnen, die dar­auf abzie­len, die Stim­mung in der Bevöl­ke­rung gegen eine sol­che Steuer zu schü­ren und lokal Regie­run­gen daran zu hin­dern, Gesetze auf­zu­set­zen. Allein rund um die Kon­gress­wah­len im Novem­ber 2018 flim­mer­ten in den Bun­des­staa­ten Washing­ton und Ore­gon unzäh­lige Wer­be­spots in die Wohn­zim­mer der US-Ame­­ri­­ka­­ner. Der Wert der Kam­pa­gne belief sich nach Anga­ben der New York Times auf 25 Mil­lio­nen Dollar.

Dass sich die Lebens­mit­tel­in­dus­trie zur Wehr setzt, ist nicht neu. Schon in den Jah­ren zuvor wurde sie immer aktiv, wenn es um Bemü­hun­gen ging, das Kon­sum­ver­hal­ten der US-Ame­­ri­­ka­­ner zu ändern. Die Indus­trie tor­pe­dierte – oft erfolg­reich – Ver­su­che, den Ver­kauf von zucker­hal­ti­gen Geträn­ken an Schu­len zu stop­pen, die für Kin­der zugäng­li­che TV-Wer­­bung ein­zu­schrän­ken und die Por­ti­ons­grö­ßen zu ver­klei­nern. Immer­hin: Auf frei­wil­li­ger Basis haben sich einige große Kon­zerne dar­auf ein­ge­las­sen, ihre Wer­be­maß­nah­men aus dem Kin­der­fern­se­hen mög­lichst fern­zu­hal­ten. Im Zeit­al­ter von Inter­net und Social Media sind aber längst andere Kanäle gefun­den, um Her­an­wach­sende für die zucker­hal­ti­gen Getränke zu begeis­tern. In einer Ana­lyse von Autoren der Emory Uni­ver­si­tät in Atlanta aus dem Jahr 2015 wird außer­dem ein­ge­räumt, dass der Ver­kauf von zucker­hal­ti­gen Geträn­ken an öffent­li­chen Schu­len mas­siv redu­ziert wor­den sei – und die Indus­trie habe hier mit­ge­zo­gen. Wahr ist auch: Einige Kon­zerne haben inzwi­schen mit neuen zucker­re­du­zier­ten oder zucker­freien Pro­duk­ten reagiert; dafür kom­men aller­dings künst­li­che Süß­stoffe zum Einsatz.

Eine beson­dere Aus­ein­an­der­set­zung lie­ferte sich die Stadt New York mit der Indus­trie. Im Herbst 2012 ver­bannte die Stadt nahezu sämt­li­che Geträn­ke­be­cher jen­seits der Größe von 0,5 Liter. Nur wenige Monate spä­ter wurde die­ser Bann aller­dings vom obers­ten Gericht des Bun­des­staa­tes wie­der ein­kas­siert. Eine posi­tive Folge hatte die Nie­der­lage: Der Streit vor Gericht trug dazu bei, die Debatte über die zucker­hal­ti­gen Getränke in Gang zu setzen.

Das Rin­gen um den Kon­sum zucker­hal­ti­ger Getränke hat gerade erst rich­tig begon­nen. Man­cher US-Gesun­d­heits­­ex­­perte hat die Hoff­nung, dass es irgend­wann ähn­li­che Früchte tra­gen wird wie der Kampf gegen das Rau­chen. Die­ser wurde in den USA, dem Hei­mat­land des „Mar­l­­boro-Cow­­boys“, sehr erfolg­reich geführt. In kaum einem west­li­chen Indus­trie­staat ist es bes­ser gelun­gen, der Bevöl­ke­rung das Rau­chen abzugewöhnen.


New York redu­ziert Zucker im Essen

Die Stadt New York spielt bei der Dis­kus­sion über gesunde Lebens­mit­tel seit Jah­ren eine zen­trale Rolle. Unlängst gab es einen neuen Vor­stoß: Im Zuge der „Natio­nal Salt and Sugar Reduc­tion Initia­tive“ for­dert die lokale Regie­rung die Indus­trie auf, bis 2025 den Zucker­an­teil in ver­pack­ten Lebens­mit­teln frei­wil­lig um 20 Pro­zent zu redu­zie­ren. Der Initia­tive hät­ten sich lan­des­weit bereits mehr als 100 lokale Behör­den und Gesund­heits­or­ga­ni­sa­tio­nen ange­schlos­sen, heißt es aus der Stadt. Ziel der Kam­pa­gne sind Lebens­mit­tel und Getränke in 13 ver­schie­de­nen Kate­go­rien – dar­un­ter Joghurt, Müsli und Süßig­kei­ten. In den USA ent­hal­ten 68 Pro­zent aller Indus­trie­l­e­bens­mit­tel Zucker.

Einen ähn­li­chen Ansatz hatte die Stadt bereits im Jahr 2009 gewählt, um den Salz­an­teil in indus­tri­ell her­ge­stell­ten Lebens­mit­teln zu redu­zie­ren. Nach eige­nen Anga­ben hat­ten sich 30 Unter­neh­men dem Vor­ha­ben ange­schlos­sen. Der Salz­ge­halt in viel­ver­kauf­ten Pro­duk­ten sei zwi­schen 2009 und 2015 um fast sie­ben Pro­zent redu­ziert wor­den, hieß es sei­tens der Stadt. Ein ledig­lich „mode­ra­tes“ Ergeb­nis, wie all­ge­mein kom­men­tiert wurde.

Dass selbst bei den gebil­de­ten Ost­küs­ten­be­woh­nern Hand­lungs­be­darf besteht, zeigt dies: Mehr als ein Vier­tel der erwach­se­nen New Yor­ker – und damit so viele wie seit Jah­ren nicht – sind laut jüngs­ten Erhe­bun­gen übergewichtig.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 5 /​10.03.2019