Por­trät Ange­lika Amon: Ein ame­ri­ka­ni­scher Traum wird wahr

25.01.2019 | The­men


Mit der Frage, wie sich die Zell­phy­sio­lo­gie im Falle einer Aneu­plo­idie ver­än­dert, beschäf­tigt sich die am Mas­sa­chu­setts Insti­tute of Tech­no­logy tätige Öster­rei­che­rin Ange­lika Amon. Für ihre bahn­bre­chen­den Erkennt­nisse hat sie kürz­lich den Bre­akthrough Prize in Life Sci­en­ces erhal­ten.
Ursula Jun­g­­meier-Scholz

Ich kann mich nicht erin­nern, dass ich je etwas ande­res als Bio­lo­gie stu­die­ren hätte wol­len“, erklärt Ange­lika Amon retro­spek­tiv. Zwar habe sich die Berufs­vor­stel­lung von der kind­li­chen Liebe zu Tie­ren über ein beson­de­res Inter­esse an Sau­ri­er­for­schung bis hin zur Fas­zi­na­tion für Mole­ku­lar­bio­lo­gie und Zel­len gleich­sam mit ihrer Per­sön­lich­keit mit­ent­wi­ckelt, aber dass es die Lebens­wis­sen­schaft schlecht­hin wer­den würde, der sie ihr Leben wid­men würde, stand für Amon von Kin­des­bei­nen an fest. Für ihre her­aus­ra­gende For­schungs­leis­tung wurde der 52-jäh­­ri­­gen gebür­ti­gen Wie­ne­rin nun der welt­weit am höchs­ten dotierte Wis­sen­schafts­preis ver­lie­hen: der Bre­akthrough Prize in Life Sci­en­ces. Seit dem Jahr 2013 wird die­ser unter ande­rem von Face­­book-Grün­­der Mark Zucker­berg und sei­ner Frau Pri­scilla Chan gestif­tete und mit drei Mil­lio­nen Dol­lar dotierte Preis für For­schungs­leis­tun­gen in Bio­wis­sen­schaf­ten und Medi­zin jähr­lich an sechs her­aus­ra­gende For­sche­rin­nen und For­scher vergeben.

Preis für das Team

Die drei Mil­lio­nen wird Amon zum Teil auch ihrem Labor zugu­te­kom­men las­sen – muss sie doch alle For­schungs­gel­der für ihr Amon Lab am Mas­sa­chu­setts Insti­tute of Tech­no­logy selbst lukrie­ren. Und so schreibt sie mitt­ler­weile häu­fi­ger Anträge und trifft poten­ti­elle För­der­ge­ber als dass sie selbst mit der Pipette han­tiert. „Es ist schade, weil ich wirk­lich gerne im Labor gear­bei­tet habe. Aber dazu bleibt nur wenig Zeit.“ Schließ­lich muss sie die von ihr design­ten und gelei­te­ten Stu­dien an Hefe- und Mäu­se­zel­len ja auch noch publi­zie­ren. Daher betont die Gene­ti­ke­rin auch stets, dass der Bre­akthrough Prize ihrem gesam­ten Team gebührt, das mitt­ler­weile um die 20 Wis­sen­schaf­te­rin­nen und Wis­sen­schaf­ter umfasst. Zwei große For­schungs­schwer­punkte bestim­men das Berufs­le­ben von Ange­lika Amon: Ers­tens zu klä­ren, wel­che mole­ku­lare Mecha­nis­men in der Spät­phase der Mitose die Chro­mo­so­men­auf­tei­lung steu­ern und wie es dabei zu Feh­lern – spe­zi­ell zur Aneu­plo­idie – kom­men kann. Und zwei­tens jener Bereich, für den sie den Bre­akthrough Prize erhal­ten hat: Wie sich die Zell­phy­sio­lo­gie im Falle einer Aneu­plo­idie verändert.

Zu der­ar­ti­gen Defek­ten kommt es nicht nur gleich nach der Ver­schmel­zung von Ei- und Samen­zelle, son­dern auch im Kör­per. Die­ser „Zel­lirr­tum“ legt gar nicht so sel­ten den Grund­stein für eine Krebs­er­kran­kung. „Ein Men­schen­kör­per besteht aus 4 x 1.013 Zel­len und im Schnitt kommt es in einer von 105 Zel­len zu einer feh­ler­haf­ten Chro­mo­so­men­auf­tei­lung“, rech­net Amon vor. Ob sie sich ange­sichts die­ses Wis­sens eher vor einer onko­lo­gi­schen Erkran­kung fürchte als ein Durch­schnitts­bür­ger? „Das ist wie bei Mit­ar­bei­tern eines Atom­kraft­wer­kes, die ver­mut­lich auch mehr Angst vor einem Atom­un­fall haben“, gibt sie zu und ver­rät auch gleich ihre Gegen­stra­te­gie: „Igno­rance is bliss.“

Fern­ziel der For­schungs­ar­beit von Amon ist es, ihre Erkennt­nisse für prak­ti­sche Anwen­dun­gen zu nut­zen. „Das Immun­sys­tem hat die Fähig­keit, aneu­plo­ide Zel­len zu ver­nich­ten, wäh­rend es die gesun­den leben lässt. Wenn wir das Prin­zip dahin­ter ent­schlüs­seln und imi­tie­ren könn­ten, wäre das ein Durch­bruch im Kampf gegen den Krebs.“

Dass Ange­lika Amon letzt­lich in Cam­bridge, Mas­sa­chu­setts, Wur­zeln schla­gen würde, war gar nicht unbe­dingt Teil ihres Kar­rie­re­plans. Nach ihrem Stu­di­en­ab­schluss in Wien und dem Dok­to­rat bei Kim Nas­myth am damals soeben gegrün­de­ten Insti­tut für Mole­ku­lare Patho­lo­gie – Nas­myth ist eben­falls Bre­akthrough-Preis­­trä­­ger – zog es sie im Jahr 1994 in die glo­bale For­scher­welt. Ihre Ent­wick­lung als Wis­sen­schaf­te­rin ver­lief wie eine ide­al­ty­pi­sche Eman­zi­pa­tion von der Her­kunfts­fa­mi­lie: die Tren­nung vom Dok­tor­va­ter, um einen eige­nen Weg zu fin­den, die „Gesel­len­jahre“ unter den Fit­ti­chen einer wis­sen­schaft­li­chen Men­to­rin – in ihrem Fall ein Fel­low­ship bei Ruth Leh­mann am Whit­ehead Insti­tute for Bio­me­di­cal Rese­arch am MIT – und dann die Anstel­lung am MIT mit Pro­fes­sur und eige­nem Labor.

Bei jedem die­ser Schritte war der Lebens­part­ner und spä­te­rer Ehe­mann von Amon an ihrer Seite. „Wir haben schon zu Stu­di­en­zei­ten Wan­der­lust gespürt.“ Eigent­lich woll­ten die bei­den nur zwei oder drei Jahre in den Staa­ten blei­ben, doch dann öff­nete sich in den USA Tür um Tür für die pas­sio­nierte Gene­ti­ke­rin. Bei ihren Ver­su­chen, in die Hei­mat zurück­zu­keh­ren, zeig­ten öster­rei­chi­sche Insti­tute wenig Enthu­si­as­mus ange­sichts ihrer Bewer­bung. „Zuerst hat sich nie­mand für mich inter­es­siert und irgend­wann hat es mich nicht mehr inter­es­siert“, meint sie nun rück­bli­ckend. „Unsere bei­den Töch­ter füh­len sich als Ame­ri­ka­ne­rin­nen und wir wol­len sie kei­nes­falls entwurzeln.“

Mikro­skop statt rosa Brille

Trotz ihres bei­spiel­haf­ten Kar­rie­re­ver­laufs – Fel­low­ship am Whit­ehead Insti­tute, Assi­stant Pro­fes­sor und Asso­ciate Pro­fes­sor am Koch Insti­tute for Inte­gra­tive Can­cer Rese­arch des MIT, dann Pro­fes­so­rin und For­schungs­gel­der vom Howard Hug­hes Medi­cal Insti­tute – sieht Amon die wis­sen­schaft­li­che Gemein­schaft in den USA nicht durch die rosa­rote Brille, son­dern eher ana­ly­tisch durchs Mikro­skop: „Mehr Geld für die For­schung gibt es auch in den USA nicht. Die Mit­tel sind über­all knapp. Aber die Hier­ar­chien sind fla­cher und es zählt wirk­lich nur eines: näm­lich die Leistung.“

Das Gefühl, sich in die­sem Umfeld bes­ser ent­fal­ten zu kön­nen, bewahrt Amon aber nicht davor, ihre Hei­mat ab und an zu ver­mis­sen. „Vor allem die Fami­lie.“ Und mit einem selbst­iro­ni­schen Lachen fügt sie hinzu: „Und natür­lich Punsch­krap­ferln und Leber­käs­sem­meln…“ Ersehnte Fami­li­en­mit­glie­der gibt es zahl­rei­che, ist Amon doch die Erst­ge­bo­rene von vier Geschwis­tern und auch ihr Mann stammt aus einer kin­der­rei­chen Fami­lie. „Mir war auch immer klar, dass ich selbst Kin­der haben wollte.“

Beharr­lich­keit als Antrieb

Die Töch­ter von Amon sind mitt­ler­weile 13 und 20 Jahre alt, die Ältere stu­diert Che­mie. Als Ange­lika Amon im Juli 2018 vor­in­for­miert wurde, dass sie den Bre­akthrough Prize erhal­ten würde, durfte sie nur ihren Mann ins Ver­trauen zie­hen; die Töch­ter haben die frohe Bot­schaft erst im Herbst, kurz vor der Ver­lei­hung erfah­ren. „Wir muss­ten eine Aus­rede für sie erfin­den, warum die ganze Fami­lie Abend­klei­dung benö­tigt“, erzählt Amon, die sich eher im Wis­sen­schafts­be­trieb hei­misch fühlt als im Ambi­ente von Red Car­pet Events. Die­ses beruf­li­che Hei­mat­ge­fühl ver­sucht sie auch, ihren Töch­tern wei­ter­zu­ge­ben. „Ich arbeite gerne und viel – und das sehen die Kin­der auch. Daheim habe ich immer auch über mei­nen Job und über Bio­lo­gie gespro­chen. Aber ich würde ihnen nie­mals einen Beruf vor­schla­gen. Sie müs­sen selbst her­aus­fin­den, was ihnen Spaß macht.“ Was ihnen Amon jedoch mit­zu­ge­ben ver­sucht, ist ihre Grund­hal­tung der „per­si­s­tance“. „In der Wis­sen­schaft stel­len sich neun von zehn Hypo­the­sen als falsch her­aus. Ohne Beharr­lich­keit und Durch­hal­te­ver­mö­gen kommt man da nicht weit.“

Die wis­sen­schaft­li­che Arbeit von Amon speist sich außer­dem aus einem hohen Berufs­ethos: „Meine Arbeit soll recht­fer­ti­gen, warum ich auf die­sem Pla­ne­ten wohne. Es ist mir wich­tig, etwas für das ‚grea­ter good‘ zu tun.“

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 1–2 /​25.01.2019