10 Jahre styriamed.net: Ein­blick – Ausblick

25.05.2019 | Poli­tik


Eine vir­tu­elle Gemein­schafts­pra­xis sollte ent­ste­hen – das war das Ziel, als der Ärz­te­ver­bund styriamed.net im Jahr 2009 gegrün­det wurde. Im Zuge des­sen soll­ten Res­sour­cen bes­ser genutzt und best­mög­lich ver­teilt wer­den. Alle Details und Hin­ter­gründe über eine stei­ri­sche Erfolgs­ge­schichte und was künf­tig noch zu tun ist.

Ulrike Hai­­der-Schwarz

Gestar­tet wurde mit styriamed.net mit Netz­wer­ken in den Bezir­ken Leib­nitz und Hart­berg. Als Chris­toph Schweig­ho­fer, stell­ver­tre­ten­der Obmann der Kurie nie­der­ge­las­sene Ärzte in der Ärz­te­kam­mer Stei­er­mark, die Lei­tung des Refe­rats für styriamed.net im Jahr 2012 über­nom­men hat, hat die Dis­kus­sion über die Pri­mär­ver­sor­gungs­ein­hei­ten gerade Fahrt auf­ge­nom­men. Er beschloss zusam­men mit vie­len sei­ner Kol­le­gen, die schon damals bestehen­den drei Ver­bände zu erwei­tern und eine flä­chen­de­ckende Alli­anz zu schaf­fen. Die Netz­werke soll­ten all das erfül­len, was das Gesund­heits­mi­nis­te­rium von Pri­mär­ver­sor­gungs­zen­tren for­derte. Vor allem die Erwei­te­rung der Ordi­na­ti­ons­öff­nungs­zei­ten der nie­der­ge­las­se­nen Ärzte und die Koor­di­na­tion der Urlaube stand von Beginn an im Fokus.

Der Plan ist auf­ge­gan­gen. Im stei­ri­schen Ärz­te­ver­bund styriamed.net haben sich nie­der­ge­las­sene All­ge­mein­me­di­zi­ner und Fach­ärzte – mit oder ohne Kas­sen­ver­trag – mit Spi­tä­lern zusam­men­ge­schlos­sen und koope­rie­ren mit zahl­rei­chen ande­ren Gesund­heits­dienst­leis­tern. Neben rund 500 Arzt­pra­xen sind etwa 20 Bezirks­spi­tä­ler mit ihren 50 bis 60 Spi­tals­am­bu­lan­zen und eine Viel­zahl an wei­te­ren Gesund­heits­dienst­leis­tern im Netz­werk ver­bun­den. Mitt­ler­weile wer­den in 13 Regio­nen (elf Bezirke und zwei Regio­nen – Graz Umge­­bung-Nord und Graz Umge­­bung-Süd) etwa 750.000 Men­schen im styriamed.net-Netzwerk versorgt.

Die Ziele von styriamed.net

Erklär­tes Ziel von styriamed.net ist es, auf­zu­zei­gen, wel­che Gesund­heits­an­ge­bote in den Regio­nen über­haupt ver­füg­bar sind. Durch die Zusam­men­ar­beit sol­len Pro­zesse und unter­neh­me­ri­sche Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren ver­bes­sert wer­den. Dabei steht immer das Pati­en­ten­wohl im Mit­tel­punkt. „Und auch die Ent­las­tung der Kran­ken­haus­am­bu­lan­zen spielt eine nicht unbe­deu­tende Rolle. Denn die Res­sour­cen der Ter­tiär­ver­sor­gung wer­den teils nicht opti­mal genutzt, was durch­aus daran liegt, dass Pati­en­ten nach wie vor Spi­tals­am­bu­lan­zen auf­su­chen, obwohl sie beim Haus­arzt häu­fig bes­ser auf­ge­ho­ben wären“, so Schweig­ho­fer. Wesent­li­cher Aspekt der Zusam­men­ar­beit ist infol­ge­des­sen auch die rei­bungs­lose und lücken­lose Kom­mu­ni­ka­tion zwi­schen den Prot­ago­nis­ten, wie Schweig­ho­fer an einem Bei­spiel ver­mit­telt: „Der behan­delnde Fach­arzt über­mit­telt die Befunde an den Haus­arzt. Vor­aus­set­zung dafür ist, dass der Pati­ent schon im Vor­feld zuge­stimmt hat. Der Haus­arzt ist in die­sem Sys­tem der Koor­di­na­tor und durch den Wis­sens­trans­fer auf dem letz­ten Infor­ma­ti­ons­stand. Er weiß dadurch auch über Behand­lun­gen Bescheid, die er nicht selbst ver­an­lasst hat.“

Frei­wil­lige Zusammenarbeit

Die Zusam­men­ar­beit der regio­na­len Bezirks­ver­bände, die in styriamed.net ihren Zusam­men­schluss fin­den, beruht auf Frei­wil­lig­keit. Jedoch wer­den ganz klare Kri­te­rien vor­aus­ge­setzt, die für die Auf­nahme in das Netz­werk erfüllt sein müs­sen. Und auch wäh­rend der Mit­glied­schaft sind defi­nierte Regeln der Zusam­men­ar­beit ein­zu­hal­ten. Das soll die Qua­li­tät und den Mehr­wert für die Pati­en­ten gewähr­leis­ten. Die Mehr­wert brin­gen­den Syn­er­gien ent­ste­hen durch Koor­di­na­tion sowie das Bemü­hen um best­mög­li­che Behand­lungs­pro­zesse beim Aufnahme‑, Ein­­wei­­sungs- und Ent­las­sungs­ma­nage­ment. So wer­den zum Bei­spiel die behan­deln­den Ärzte mit Über­wei­sungs­codes dar­über infor­miert, wie dring­lich die Behand­lung des Pati­en­ten vom über­wei­sen­den Arzt ein­ge­stuft wird. „Das för­dert vor allen Din­gen die Behand­lungs­qua­li­tät“, ist Schweig­ho­fer überzeugt.

Was nach Ansicht des All­ge­mein­me­di­zi­ners aber noch viel wich­ti­ger ist: „Im ers­ten Geset­zes­ent­wurf des Pri­mär­ver­sor­gungs­ge­set­zes war noch keine Rede davon, dass die Pri­mär­ver­sor­gung anders als unter einem Dach pas­sie­ren könne. Da konnte man sich die Pri­mär­ver­sor­gungs­ein­heit als Netz­werk noch nicht vor­stel­len. styriamed.net hat nun auch Ein­gang ins Gesetz gefun­den, das macht mich stolz.“ Der Ver­bund in Hart­berg könnte ein gutes Bei­spiel für Net­z­­werk-basierte Pri­mär­ver­sor­gung sein. Es erfüllt laut Schweig­ho­fer alle For­de­run­gen, die auch an ein Pri­mär­ver­sor­gungs­zen­trum gestellt wer­den. Fünf Ärzte haben sich dort zusam­men­ge­schlos­sen, ihre EDV-Sys­­teme wur­den ver­knüpft, Befunde kön­nen bei­spiels­weise unter­ein­an­der ein­wand­frei über­mit­telt wer­den. Schweig­ho­fer dazu: „Lei­der sehen das Land Stei­er­mark und die Gebiets­kran­ken­kasse im Moment kei­nen aus­rei­chen­den Mehr­wert für die Region, um die­sen Ver­bund als Pri­mär­ver­sor­gungs­ein­heit zu instal­lie­ren, weil es nach Ansicht der Ent­schei­dungs­trä­ger dort ohne­hin schon gut laufe. Das hat aber natür­lich Gründe und kommt nicht von irgend­wo­her.“ Das Bestre­ben der Kran­ken­kasse, nur einen Ansprech­part­ner zu haben, kann Schweig­ho­fer nach­voll­zie­hen. So sei es zum Bei­spiel bei der Abrech­nung ein­fa­cher, nur einen Ver­ant­wort­li­chen als Ansprech­part­ner zu haben. Das sei bei einem Pri­mär­ver­sor­gungs­zen­trum, das sich unter einem Dach befin­det, gege­ben. „Mit fünf ein­zel­nen Ärz­ten mit eige­ner Ordi­na­tion abzu­rech­nen stellt kla­rer­weise einen viel höhe­ren admi­nis­tra­ti­ven Auf­wand dar.“

Aus der Sicht eines Arz­tes seien aller­dings viele Aspekte noch nicht hin­läng­lich betrach­tet. So könnte es zu Umsatz­ein­bu­ßen kom­men, die zum Bei­spiel durch den Weg­fall von Ver­gü­tun­gen aus Ver­tre­tungs­schei­nen oder der Leis­tung von Erste Hilfe ent­ste­hen wür­den. Per­sön­li­che Motive man­cher Ärzte für die zurück­hal­tende Begeis­te­rung rund um die Pri­mär­ver­sor­gungs­zen­tren kämen auch hinzu. Schweig­ho­fer wei­ter: „Man muss die Ärzte schon auch ver­ste­hen, dass sie nicht noch ein­mal in einem Pri­mär­ver­sor­gungs­zen­trum neu begin­nen möch­ten, wenn sie in die eigene Ordi­na­tion bei­spiels­weise bei einem Umbau sehr viel Geld inves­tiert haben und jetzt noch ein­mal bei null anfan­gen müss­ten. Außer­dem kommt ein ganz mensch­li­cher Fak­tor hinzu: die Team­fä­hig­keit, die bei der Arbeit unter einem Dach ohne Zwei­fel eine große Rolle spielt.“

Aus­blick

Für die Zukunft wünscht sich Schweig­ho­fer den Aus­bau von styriamed.net in Graz und, dass die Zusam­men­ar­beit zwi­schen den Gesun heits­dienst­leis­tern wei­ter­hin so rei­bungs­los und kon­struk­tiv erfolgt wie bis­her. Sein gro­ßes Ziel: Im Namen von styriamed.net dis­lo­zierte Pri­mär­ver­sor­gungs­ein­hei­ten eta­blie­ren zu kön­nen. „Viel­leicht gelingt es uns doch noch, die stei­ri­sche Gebiets­kran­ken­kasse dazu zu brin­gen, dass sie zustimmt und wir dann wirk­lich die erste dis­lo­zierte Pri­mär­ver­sor­gungs­ein­heit in Hart­berg auf die Beine stel­len kön­nen.“ Und für die Wei­ter­ent­wick­lung von styriamed.net will sich Schweig­ho­fer an anglo­ame­ri­ka­ni­schen Vor­bil­dern ori­en­tie­ren: „Ich sehe das Netz­werk in Zukunft als Forum, als ‚Com­mu­nity‘, in das alle ein­ge­bun­den sind, die zum Thema Gesund­heit etwas zu sagen haben.“

Stolz ist der All­ge­mein­me­di­zi­ner auf die Aus­zeich­nun­gen, die styriamed.net in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren erhal­ten hat: So war das Netz­werk unter den drei Fina­lis­ten des stei­ri­schen Gesund­heits­prei­ses „Salus“ im Jahr 2015. Mit der „Gol­de­nen Dolo­res“ und einem Scheck über 5.000 Euro wurde styriamed.net für ein Pro­jekt, das in Zusam­men­ar­beit mit der Schmerz­am­bu­lanz des Lan­des­kran­ken­hau­ses Hart­berg rea­li­siert wurde, ausgezeichnet.


3 Fra­gen an… Chris­toph Schweighofer

Die ver­bes­serte Kom­mu­ni­ka­tion im Rah­men von styriamed.net hat auch unmit­tel­bare Aus­wir­kun­gen auf die Ser­vice­qua­li­tät für die Pati­en­ten, betont Chris­toph Schweig­ho­fer, All­ge­mein­me­di­zi­ner und stell­ver­tre­ten­der Obmann der Kurie nie­der­ge­las­sene Ärzte Stei­er­mark. Dane­ben sieht er vor allem für junge Kol­le­gen Vorteile.

Wel­che Stär­ken hat für Sie ein Netz­werk wie styriamed.net? Sowohl für Pati­en­ten als auch für Ärzte ist die Koor­di­na­tion der Ter­mine, Öff­nungs­zei­ten und Befunde ein gro­ßer Vor­teil. Der Haus­arzt ist außer­dem über die Behand­lun­gen sei­ner Pati­en­ten immer infor­miert, auch über die, die er nicht selbst, son­dern Kol­le­gen durch­füh­ren. Diese ver­bes­serte Kom­mu­ni­ka­tion unter allen Netz­werk­part­nern schlägt sich in der Ser­vice­qua­li­tät für die Pati­en­ten nieder.

Machen alle Ärzte mit oder anders gefragt: gibt es auch wel­che, die nicht mit­ma­chen wol­len? Natür­lich, es ist wie bei allen Netz­wer­ken: nicht alle wol­len mit­ma­chen. Kleine Spe­zi­al­fä­cher, die sehr viel Zulauf haben, haben keine große Freude, Akut­fälle anzu­neh­men, wenn der Ter­min­ka­len­der ohne­hin schon voll ist. Andere pro­fi­tie­ren aber stark davon. Spe­zi­ell junge Kol­le­gen kön­nen ins Netz­werk ein­stei­gen, haben alles auf­be­rei­tet und kön­nen die Vor­teile sofort nutzen.

Was wün­schen Sie sich für die nächs­ten zehn Jahre styriamed.net? Wei­ter­hin so viel Begeis­te­rung der invol­vier­ten Koope­ra­ti­ons­part­ner. Das ist das Wich­tigste, denn das ist der Motor, der das Netz­werk am Lau­fen hält. Und, dass wir noch viele gemein­same Pro­jekte umset­zen kön­nen. Bei Netz­wer­ken in ande­ren Bun­des­län­dern wer­den gewisse Leis­tun­gen, wie zum Bei­spiel die Pati­en­ten­ver­wal­tung, auch finan­zi­ell ver­gü­tet. Viel­leicht schaf­fen wir es, dass styriamed.net eben­falls finan­zi­elle Mit­tel der Kran­ken­kasse erhält.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 10 /​25.05.2019