Erwei­ter­tes Job-Sharing in Vor­arl­berg: Stei­gende Nachfrage

25.09.2019 | Politik


Das erwei­terte Job-Sharing erweist sich in Vor­arl­berg als Erfolgs­mo­dell. Vor­teile erge­ben sich dadurch nicht nur für Pati­en­ten – etwa durch erwei­terte Öff­nungs­zei­ten –, son­dern auch im Hin­blick auf fle­xi­blere Arbeits­zei­ten, spe­zi­ell für Ärz­tin­nen.

Ulrike Hai­der-Schwarz

Mit 1. Jän­ner 2016 wurde in Vor­arl­berg das erwei­terte Job-Sharing eta­bliert. Die Ver­sor­gungs­ka­pa­zi­tät kann dabei vor­über­ge­hend – höchs­tens für acht Jahre – auf maximal 190 Pro­zent erwei­tert wer­den. Den Part­ner kann der Ver­trags­arzt frei wäh­len. Michael Jonas, Prä­si­dent der Ärz­te­kam­mer für Vor­arl­berg, erklärt: „GKK und Ärz­te­kam­mer stel­len gemein­sam fest, ob eine erwei­terte Ver­sor­gung not­wen­dig ist und in wel­chem Aus­maß das der Fall ist. Das kann bei­spiels­weise bei All­ge­mein­me­di­zi­nern in Gemein­den der Fall sein, deren Ein­woh­ner­zahl steigt, eine Ver­sor­gung durch eine wei­tere 100 Pro­zent-Stelle jedoch noch nicht not­wen­dig ist.“ Ebenso könne Job-Sharing eine Lösung sein, wenn sich kein Bewer­ber für eine freie Stelle fin­det. Mel­det sich trotz zumin­dest zwei­ma­li­ger Aus­schrei­bung kein Arzt, der die freie Ver­trags­arzt­stelle beset­zen kann oder tritt ein vor­über­ge­hen­der Ver­sor­gungs­eng­pass im jewei­li­gen Ver­sor­gungs­ge­biet auf – bei All­ge­mein­me­di­zi­nern gilt hier­bei der Spren­gel laut Stel­len­plan, bei Fach­ärz­ten der Gerichts­be­zirk –, eru­ie­ren Ärz­te­kam­mer und die Kran­ken­kasse das Aus­maß der Kapazitätsausweitung. 

Diese Beur­tei­lung erfolgt anhand von ver­schie­de­nen Kri­te­rien wie Bevöl­ke­rungs­zahl, Bevöl­ke­rungs­struk­tur und Bevöl­ke­rungs­wachs­tum, Fall­zah­len, Ärz­te­dichte, War­te­zei­ten, medi­zi­ni­sche Ent­wick­lung, Beschwer­den und auch das Alter der Ver­trags­ärzte. Der zusätz­li­che Ver­sor­gungs­an­teil wird den Ver­trags­ärz­ten im Ver­sor­gungs­ge­biet mit­ge­teilt. Zei­gen meh­rere Kol­le­gen Inter­esse, so wird jenem Inter­es­sen­ten das erwei­terte Job-Sharing zuge­spro­chen, der in den ver­gan­ge­nen zwölf Quar­ta­len im Durch­schnitt die meis­ten kura­ti­ven Kas­sen­fälle abge­rech­net hat. Bei Ärz­ten, die bis­her weni­ger als zwölf Quar­tale eine Ordi­na­tion geführt haben, wer­den die vor­han­de­nen Quar­tale für die Beur­tei­lung herangezogen.

Wie das in der Pra­xis abläuft, weiß Jonas aus eige­ner Erfah­rung – teilt er doch mit einem Kol­le­gen einen Kas­sen­ver­trag – ein erwei­ter­tes Job-Sharing mit einem Aus­maß von 170 Pro­zent. Jonas dazu: „In der Ordi­na­tion waren die War­te­zei­ten für endo­sko­pi­sche Leis­tun­gen auf­grund der hohen Nach­frage enorm lange. Mein Part­ner und ich tei­len uns die Kas­sen­stelle zu 50 Pro­zent. Ich habe auf 85 Pro­zent redu­ziert, mein Kol­lege ist mit 85 Pro­zent eingestiegen.“

Ser­vice­qua­li­tät

Für Pati­en­ten bie­tet das erwei­terte Job-Sharing im nie­der­ge­las­se­nen Bereich vor allem Vor­teile in der Ver­sor­gungs­qua­li­tät. In Ordi­na­tio­nen, die als erwei­ter­tes Job-Sharing geführt wer­den, steigt in der Regel das Ange­bot an medi­zi­ni­schen Leis­tun­gen. „Mit dem erwei­ter­ten Job-Sharing wer­den auch auto­ma­tisch die Ordi­na­ti­ons­zei­ten erwei­tert und Lücken beim medi­zi­ni­schen Ange­bot kön­nen gefüllt wer­den“, berich­tet Jonas aus der Praxis. 

Vor allem für junge Ärz­tin­nen und Ärzte sieht Jonas hier Chan­cen: Kön­nen sie doch durch Job-Sharing in den kas­sen­ärzt­li­chen Bereich und gleich­zei­tig auch ins Unter­neh­mer­tum hin­ein­wach­sen. „Man hat immer einen Bera­ter an der Seite.“ So steigt auch die Chance auf einen Nach­fol­ger in der Ordi­na­tion im Fall einer Pen­sio­nie­rung. Und Jonas nennt noch einen wei­te­ren moti­vie­ren­den Fak­tor: „Vor allem Kol­le­gin­nen haben dadurch eine Mög­lich­keit, im nie­der­ge­las­se­nen Bereich in Teil­zeit zu arbei­ten, was die bes­sere Ver­ein­bar­keit von Fami­lie und Beruf ermög­licht. Das ist sicher­lich eine Alter­na­tive zur Anstel­lung von Ärz­ten bei Ärz­ten und die Kol­le­gin­nen kön­nen selbst­stän­dig tätig sein.“

Die Anstel­lung von Ärz­ten bei Ärz­ten ist nach Ansicht von Michael Jonas vor allem für die­je­ni­gen Kol­le­gin­nen inter­es­sant, die ihre Fami­li­en­pla­nung noch nicht abge­schlos­sen haben: Als Ange­stellte haben sie die Mög­lich­keit, in Karenz zu gehen und kön­nen den­noch extra­mu­ral tätig sein. Um mit dem Job-Sharing weni­ger in Kon­kur­renz zu tre­ten, haben Ärz­te­kam­mer und GKK eine „sinn­volle und ver­nünf­tige“ (Jonas) Ver­ein­ba­rung getrof­fen: „Bevor eine Anstel­lung von Ärz­ten bei Ärz­ten in Frage kommt, wird ver­sucht, die Stelle als erwei­ter­tes Job-Sharing aus­zu­schrei­ben. Erst wenn die­ser Ver­such schei­tert, kommt die Alter­na­tive Anstel­lung von Ärz­ten bei Ärz­ten zum Zug.“

Neben dem erwei­ter­ten Job-Sharing gibt es auch das soge­nannte nor­male Job-Sharing mit drei ver­schie­de­nen Model­len (Details siehe Kas­ten). Jür­gen Heinzle, Lei­ter des Kam­mer­amts der Ärz­te­kam­mer Vor­arl­berg, sieht die aktu­elle Ent­wick­lung in Vor­arl­berg in Bezug auf Job-Sharing posi­tiv. Sechs Ordi­na­tio­nen (vier all­ge­mein-medi­zi­ni­sche, zwei fach­ärzt­li­che) wer­den zur­zeit vor­über­ge­hend als nor­ma­les Job-Sharing (Modell 1) geführt; 16 Ordi­na­tio­nen (sie­ben all­ge­mein­me­di­zi­ni­sche, neun fach­ärzt­li­che) als erwei­ter­tes Job-Sharing. Wei­ters haben sich zwei Mal zwei All­ge­mein­me­di­zi­ner zusam­men für eine Kas­sen­stelle bewor­ben (Modell 3). Mit 1. Okto­ber 2019 wird es erst­mals eine Ordi­na­tion mit einem dau­er­haf­ten Job-Sharing (Modell 1) geben. Für Jonas ist das ein kla­res Zei­chen, dass „die Zufrie­den­heit in die­sen Berei­chen offen­sicht­lich groß ist, denn die Nach­frage steigt extrem“. Auch wenn es in abso­lu­ten Zah­len gering erschei­nen möge, so ist das „in Rela­tion zur Gesamt­zahl der bestehen­den Ordi­na­tio­nen in Vor­arl­berg durch­aus bemer­kens­wert“, resü­miert Michael Jonas.


Nor­male Job-Sharing-Modelle: die Details

Drei soge­nannte nor­male Job-Sharing-Modelle haben die Ärz­te­kam­mer Vor­arl­berg und die Vor­arl­ber­ger Gebiets­kran­ken­kasse per 1. Okto­ber 2013 aus­ver­han­delt. Alle drei mit dem Ziel, die Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung wei­ter­hin auf hohem Niveau gewähr­leis­ten zu kön­nen und gleich­zei­tig dem Wunsch der Ver­trags­ärzte im Ländle nach fle­xi­ble­ren Arbeits­zeit­mo­del­len zu ent­spre­chen. Die Anzahl der Plan­stel­len laut Stel­len­plan soll durch das nor­male Job-Sharing nicht erhöht wer­den. Zusätz­li­che Ver­sor­gungs­ka­pa­zi­tä­ten sol­len dadurch also nicht geschaf­fen wer­den, das vor­han­dene Poten­tial dafür opti­ma­ler genutzt wer­den. Aus­ge­nom­men davon ist die Erwei­te­rung der Min­des­tor­di­na­ti­ons­zeit auf 20 Wochen­stun­den. Die Tei­lung eines Kas­sen­ver­trags kann gemäß Modell 1 in Vor­arl­berg vor­über­ge­hend – längs­tens für acht Jahre – bei freier Wahl des Tei­lungs­part­ners erfol­gen. Ebenso ist ein dau­er­haf­tes Job-Sharing (Modell 2) mög­lich. Dabei erfolgt eine öffent­li­che Aus­schrei­bung und bei der Aus­wahl des Tei­lungs­part­ners wer­den die Rei­hungs­richt­li­nien ange­wen­det. Des Wei­te­ren besteht die Mög­lich­keit, sich gemein­sam für eine Kas­sen­stelle zu bewer­ben (Modell 3). Für die Rei­hung wer­den die Punkte von bei­den Bewer­bern zusam­men­ge­rech­net und durch zwei geteilt. Auch hier wer­den die Rei­hungs­richt­li­nien angewendet.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 18 /​25.09.2019