Inter­view Ger­not Marx: Tele­me­di­zin – Hilfe ohne Zeitverlust

10.05.2019 | Politik


Tele­me­di­zin: Hilfe ohne Zeitverlust

Über die Erfah­run­gen mit dem Tele-Not­arzt berich­tet Ger­not Marx, Direk­tor der Kli­nik für Ope­ra­tive Inten­siv­me­di­zin und Inter­me­diate care am Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Aachen, bei der dies­jäh­ri­gen „dHealth“-Konferenz Ende Mai in Wien. Im nie­der­ge­las­se­nen Bereich wie­derum komme den Haus­ärz­ten die Rolle der zen­tra­len Koor­di­na­to­ren zu, wie er im Gespräch mit Andrea Rie­del erklärt. 

Sie befas­sen sich mit neuen Hori­zon­ten und Her­aus­for­de­run­gen der Tele­me­di­zin in Deutsch­land in der Key­note Lec­ture bei der dies­jäh­ri­gen „dHealth“-Konferenz Ende Mai in Wien. Wel­che tele­me­di­zi­ni­schen Ent­wick­lun­gen gibt es denn im Bereich der Not­fall­me­di­zin, in der Sie ja tätig sind?
In Aachen machen wir wirk­lich gute Erfah­run­gen mit dem Tele-Not­arzt: Auch bei uns kam es immer wie­der vor, dass ein Not­arzt zu einem Ein­satz geru­fen wurde, der für die Ret­tungs­kräfte auch allein zu bewäl­ti­gen gewe­sen wäre. Beson­ders tra­gisch, wenn man den Arzt an ande­rer Stelle gebraucht hätte. Oder er steckt im Stau und die Sani­tä­ter müs­sen inzwi­schen irgend­wie zurecht­kom­men. Jetzt ist der Tele-Not­arzt mit den Kräf­ten vor Ort sofort audio­vi­su­ell ver­bun­den, bekommt einen 1:1‑Überblick über die Lage und kann gezielte Anwei­sun­gen geben. Unab­hän­gig davon, ob die phy­si­sche Prä­senz eines Not­arz­tes dann noch nötig ist oder nicht: Tele­me­di­zin ermög­licht hoch­qua­li­fi­zierte Hilfe quasi ohne Zeit­ver­lust und das kann über Leben und Tod ent­schei­den.

Was aber hat ein Haus­arzt von der Tele­me­di­zin?

Spe­zi­fi­sches Exper­ten­wis­sen wird immer ört­lich zen­triert sein und kommt nicht immer über­all hin, wo es hilf­reich wäre. Tele­me­di­zin heißt ja auch ort- und zeit­un­ab­hän­gi­ger Aus­tausch zwi­schen Ärz­ten unter­schied­li­cher Fächer. In Deutsch­land gibt es etwa 2.000 Spi­tä­ler, aber nur 300 Infek­tio­lo­gen, die meh­rere Ein­rich­tun­gen über Netz­werke betreuen. Aber auch oder gerade der Gene­ra­list kann mit Tele­me­di­zin zusätz­li­che Dia­gnose- und The­ra­pie­op­tio­nen abru­fen. So kön­nen den Pati­en­ten unter Umstän­den unnö­tig belas­tende Unter­su­chun­gen erspart wer­den. Die­ses Mehr an Optio­nen muss gut gesteu­ert wer­den, die Rolle des Haus­arz­tes als zen­tra­ler Koor­di­na­tor wird sogar noch wichtiger.

In den USA, wo man bereits seit mehr als zehn Jah­ren Erfah­rung mit der elek­tro­ni­schen Gesund­heits­akte hat, treibt diese wegen man­geln­der Usa­bi­lity und grund­le­gen­den Män­geln in der IT zahl­lose Ärzte ins Bur­nout.
Ich wäre gene­rell vor­sich­tig bei der Benen­nung sin­gu­lä­rer Ursa­chen von psy­chi­scher Über­las­tung. Schlechte Usa­bi­lity ist aber zwei­fel­los eine der größ­ten Hür­den bei e‑He­alth-Sys­te­men genauso wie man­gelnde Inter­ope­ra­bi­li­tät, also wenn es sich beim Aus­tausch über Schnitt­stel­len hin­weg spießt. Gerade staat­lich ver­pflich­tende Sys­teme müs­sen die ärzt­li­che Arbeit erleich­tern. Denn die Markt­prin­zi­pien grei­fen ja hier nicht, also dass sich am Ende sowieso die benut­zer­freund­lichste Appli­ka­tion durchsetzt.

Die Uni­ver­si­tät Zürich wie­derum hat schon vor zehn Jah­ren ein Wahl­mo­dul e‑Health/​Telemedizin ein­ge­rich­tet. Inwie­fern ist dies schon in den Cur­ri­cula in Deutsch­land erfolgt?
Man muss Tele­me­di­zin in all ihren Facet­ten unbe­dingt ins Medi­zin­stu­dium inte­grie­ren. In Deutsch­land arbei­ten schon meh­rere Unis daran, vor­erst noch auf post­gra­dua­ler Ebene. An den Fakul­tä­ten von Aachen und Jena wird es vor­aus­sicht­lich ab 2020 einen Mas­ter-Stu­di­en­gang im Bereich e‑Health geben. Ziel ist aber natür­lich die Auf­nahme ins regu­läre Medizinstudium.

Die EU-Kom­mis­sion wünscht sich eine Euro­päi­sche Pati­en­ten­akte. Kann das funk­tio­nie­ren?
Das ist abso­lut sinn­voll und wich­tig, schließ­lich erkran­ken Men­schen ja nicht nur im eige­nen Land. Es ist ein Rie­sen­pro­jekt, aber erste Schritte sind schon gemacht: Luxem­bur­gi­sche Ärzte kön­nen inzwi­schen auf tsche­chi­sche Pati­en­ten­ak­ten zugrei­fen, Fin­nen kön­nen in Est­land Arz­nei­mit­tel mit e‑Rezept kau­fen. Als Nächs­tes sol­len Ergeb­nisse von Labor­un­ter­su­chun­gen und bild­ge­ben­den Ver­fah­ren sowie Ent­las­sungs­be­richte EU-weit zugäng­lich werden.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 9 /​10.05.2019