Sys­te­mi­sche Skle­rose: Fak­tor „Zeit“

15.07.2019 | Medi­zin


Ver­lauf und Sym­ptome der sys­te­mi­schen Skle­rose sind indi­vi­du­ell sehr unter­schied­lich. Bis zur Dia­gnose ver­ge­hen oft meh­rere Jahre. Etwa ein Vier­tel der Pati­en­ten ent­wi­ckelt inner­halb von drei Jah­ren nach der Dia­gnose eine kli­nisch rele­vante Lun­gen­be­tei­li­gung – was ent­schei­dend für den Krank­heits­ver­lauf ist.


Die sys­te­mi­sche Skle­rose – auch bekannt als Sklero­der­mie – ist eine sel­tene Auto­im­mun­erkran­kung des Bin­de­ge­we­bes und führt zur Fibrose der Haut sowie ver­schie­de­ner inne­rer Organe. Sie tritt typi­scher­weise im Alter zwi­schen 25 und 55 Jah­ren erst­mals auf. „Zwar kön­nen auch Kin­der an sys­te­mi­scher Skle­rose erkran­ken, den­noch sind am häu­figs­ten Erwach­sene zwi­schen 40 und 50 Jah­ren betrof­fen“, erklärte Prof. Oli­ver Dist­ler, Lei­ter der Kli­nik für Rheu­ma­to­lo­gie am Uni­ver­si­täts­spi­tal Zürich, kürz­lich im Rah­men eines Pres­se­ge­sprächs am Rande des EULAR-Kon­­gres­­ses 2019 (Euro­pean League Against Rheu­ma­tism) in Madrid. Dabei sind Frauen etwa vier­mal häu­fi­ger betrof­fen als Männer.

Das frü­heste Sym­ptom – das Ray­­n­aud-Syn­­­drom – kann der Erkran­kung um Jahre vor­aus­ge­hen. Kenn­zeich­nend ist eine Ver­di­ckung und Ver­här­tung der Haut, die immer an den Fin­gern beginnt, sich aber auf den Kör­per aus­deh­nen kann. Oft geht dem eine Schwel­lung der Fin­ger vor­aus („puffy fin­gers“). Außer­dem kla­gen die Betrof­fe­nen häu­fig über Beschwer­den des Bewegungsapparats.

Weil die sys­te­mi­sche Skle­rose eine indi­vi­du­ell sehr hete­ro­gene Aus­prä­gung zeigt und Sym­ptome und Ver­läufe von Pati­ent zu Pati­ent unter­schied­lich sind, ist die Dia­gnose eine kom­plexe Auf­gabe. „Bis zur Dia­gnose der Erkran­kung ver­ge­hen oft meh­rere Jahre“, so Distler.

Lun­gen­be­tei­li­gung häufig

Der Fak­tor „Zeit“ spielt vor allem bei Ver­än­de­run­gen an der Lunge eine Rolle. Rund 25 Pro­zent der Pati­en­ten ent­wi­ckeln inner­halb von drei Jah­ren nach der Dia­gnose eine kli­nisch rele­vante Lun­gen­be­tei­li­gung, die ent­schei­dend für den Krank­heits­ver­lauf ist. Typi­scher­weise kann das Lun­gen­ge­webe in Form einer inter­s­ti­ti­el­len Lun­gen­er­kran­kung oder das Blut­ge­fäß­sys­tem – etwa als pul­mo­nal arte­ri­elle Hyper­to­nie oder pul­mo­nale Hyper­to­nie – betrof­fen sein. Die sys­te­mi­sche Skle­rose mit asso­zi­ier­ter inter­s­ti­ti­el­ler Lun­gen­er­kran­kung (SSc-ILD) ist eine der Haupt-Todes­­ur­­sa­chen bei Pati­en­ten mit sys­te­mi­scher Skle­rose: Sie ist für rund ein Drit­tel aller Todes­fälle mit ver­ant­wort­lich. Neben der Lunge kön­nen etwa auch der Gastro­in­tes­ti­nal­trakt, der Herz­mus­kel oder das Ner­ven­sys­tem betrof­fen sein.

Nicht für alle Sym­ptome je nach Organ-Betei­­li­­gung ste­hen bis­lang The­ra­pien zur Ver­fü­gung. Vor allem bei der sys­te­mi­schen Skle­rose mit asso­zi­ier­ter inter­s­ti­ti­el­ler Lun­gen­er­kran­kung sieht Dist­ler „einen sehr gro­ßen medi­zi­ni­schen Bedarf, da es bis­her keine zuge­las­se­nen Behand­lungs­mög­lich­kei­ten gibt, die den Krank­heits­ver­lauf effek­tiv beeinflussen“.

Die­sem Aspekt hat sich die SENSCIS®-Studie gewid­met: 576 Pati­en­ten in mehr als 32 Län­dern – dar­un­ter auch Öster­reich – haben an der dop­pel­blin­den, ran­do­mi­sier­ten, Pla­cebo-kon­­trol­­lierte Phase-III-Stu­­die teil­ge­nom­men. Die Hälfte der Pati­en­ten erhielt Nin­te­da­nib (zwei­mal täg­lich 150mg oral), die andere Hälfte Pla­cebo. Pri­mä­rer End­punkt war der jähr­li­che Ver­lust der for­cier­ten Vital­ka­pa­zi­tät (FVC) bei Pati­en­ten mit sys­te­mi­scher Skle­rose mit asso­zi­ier­ter inter­s­ti­ti­el­ler Lun­gen­er­kran­kung (SSc-ILD) über 52 Wochen. Ergeb­nis: Bei jenen Pati­en­ten, die mit Nin­te­da­nib behan­delt wur­den, war der Ver­lust der Lun­gen­funk­tion um 44 Pro­zent signi­fi­kant redu­ziert. „Das bedeu­tet eine signi­fi­kante Ver­lang­sa­mung des Krank­heits­ver­laufs“, resü­mierte Dist­ler, der auch Lead Inves­ti­ga­tor der Stu­die war. Die Ergeb­nisse zeig­ten auch, dass Nin­te­da­nib ein ähn­li­ches Sicher­heits- und Ver­träg­lich­keits­pro­fil auf­wies wie jenes bei Pati­en­ten mit idio­pa­thi­scher Lun­gen­fi­brose (IPF).

Nin­te­da­nib ist in mehr als 70 Län­dern zur Behand­lung von IPF zuge­las­sen, nicht aber für die Behand­lung von Pati­en­ten mit SSc-ILD. Diese Stu­di­en­ergeb­nisse, die im New Eng­land Jour­nal of Medi­cine (NEJM) ver­öf­fent­licht wur­den, bil­de­ten nun die Grund­lage für den Zulas­sungs­an­trag für Nin­te­da­nib bei SSc-ILD bei der ame­ri­ka­ni­schen Food and Drug Admi­nis­tra­tion (FDA) und der euro­päi­schen Zulas­sungs­be­hörde, Euro­pean Medi­ci­nes Agency (EMA). (red)

Com­­pli­ance-Hin­­weis: Die­ser Bei­trag ist auf Ein­la­dung von Boehrin­­ger-Ingel­heim entstanden.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 13–14 /​15.07.2019