Gesta­ti­ons­dia­be­tes: Ten­denz steigend

25.03.2019 | Medi­zin


Obwohl sich die Blut­zu­cker­werte in mehr als 90 Pro­zent der Fälle nach der Geburt wie­der nor­ma­li­sie­ren, haben Frauen mit einem Gesta­ti­ons­dia­be­tes ein bis zu sie­ben­fach höhe­res Risiko, in den nächs­ten fünf bis zehn Jah­ren einen Typ 2‑Diabetes zu ent­wi­ckeln.

Laura Scher­ber

Die Prä­va­lenz des Gesta­ti­ons­dia­be­tes in Öster­reich liegt ähn­lich wie in ande­ren mit­tel­eu­ro­päi­schen Län­dern zwi­schen sie­ben und zehn Pro­zent aller Schwan­ger­schaf­ten“, schätzt Univ. Prof. Fried­rich Hop­pich­ler von der Abtei­lung für Innere Medi­zin des Kran­ken­hau­ses der Barm­her­zi­gen Brü­der in Salz­burg. Zwar exis­tier­ten in Öster­reich je nach Stu­die auch Prä­va­lenz­ra­ten von mehr als 20 Pro­zent; dabei handle es sich jedoch „in den meis­ten Fäl­len“ (Hop­pich­ler) um ein beson­de­res und damit nicht für die All­ge­mein­be­völ­ke­rung reprä­sen­ta­ti­ves Pati­en­ten­kol­lek­tiv mit einem erhöh­ten Diabetes-Risiko.

Ana­log zum Typ 2‑Diabetes habe laut dem Exper­ten auch die Prä­va­lenz des Gesta­ti­ons­dia­be­tes in den letz­ten Jah­ren sowohl natio­nal als auch inter­na­tio­nal zuge­nom­men. Die Ursa­chen dafür sind stei­gende Prä­va­lenz von Über­ge­wicht und Adi­po­si­tas in der Bevöl­ke­rung all­ge­mein sowie Schwan­ger­schaf­ten in einem höhe­ren Lebens­al­ter der Mut­ter. „Die Inter­na­tio­nale Dia­­be­­tes-Gesel­l­­schaft geht davon aus, dass 16 Pro­zent der Schwan­ge­ren irgend­eine Form von hohem Blut­zu­cker haben. Aller­dings haben ein bis zwei Pro­zent von ihnen bereits einen vor­be­stehen­den Dia­be­tes“, weiß Univ. Prof. Alex­an­dra Kau­tzky-Wil­­ler von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Innere Medi­zin am AKH Wien. Frauen, die an Typ 1- oder Typ 2‑Diabetes lei­den, und pla­nen, schwan­ger zu wer­den, soll­ten grund­sätz­lich in einem spe­zia­li­sier­ten Zen­trum betreut wer­den. So könne der Stoff­wech­sel im Vor­feld opti­miert, die Schwan­ger­schaft und der Dia­be­tes über­wacht sowie der Sta­tus der Spät­kom­pli­ka­tio­nen bestimmt wer­den. Ebenso kann sich wäh­rend der Schwan­ger­schaft ein Gesta­ti­ons­dia­be­tes auch bei Frauen ent­wi­ckeln, die bis dahin einen unauf­fäl­li­gen Glu­ko­se­stoff­wech­sel auf­wie­sen. „Daher kommt dem Scree­ning auf Gesta­ti­ons­dia­be­tes, wie dies in Öster­reich im Mut­­ter-Kind-Pass ent­hal­ten ist, eine große Bedeu­tung zu“, so Hoppichler.

Akute Kom­pli­ka­tio­nen

Bei Vor­lie­gen eines Gesta­ti­ons­dia­be­tes kön­nen laut Kau­tzky-Wil­­ler milde bis schwere, akute Kom­pli­ka­tio­nen auf­tre­ten, die sich unmit­tel­bar auf die Schwan­ger­schaft und die Geburt bezie­hen. Eine Frau mit einem Gesta­ti­ons­dia­be­tes hat grund­sätz­lich ein erhöh­tes Infek­ti­ons­ri­siko wie zum Bei­spiel für Harn­wegs­in­fekte, eine stär­kere Blu­tungs­nei­gung sowie ein poten­ti­ell höhe­res Risiko, eine Schwan­ger­schafts­de­pres­sion zu ent­wi­ckeln. Der hohe Blut­zu­cker­spie­gel der Mut­ter geht via Pla­zenta auf das Kind über und führt zu einer reak­tiv ver­stärk­ten Insu­lin­se­kre­tion. Die kind­li­che Hyper­in­su­lin­ämie resul­tiert in einem ver­­­stärk-ten Grö­ßen­wachs­tum, in der Zunahme des Fett­ge­we­bes sowie dem Wachs­tum von Insu­­lin-emp­­fin­d­­li­chen Orga­nen (Makro­so­mie).

Wäh­rend des Geburts­vor­gan­ges kann es ver­mehrt zu Kom­pli­ka­tio­nen kom­men etwa zur kind­li­chen Ple­xus­pa­rese, Schul­ter­dys­to­kie oder Cla­vicu­lafrak­tur. Auch das Risiko für eine Tot­ge­burt ist bei einem nicht dia­gnos­ti­zier­ten – und nicht behan­del­ten – Gesta­ti­ons­dia­be­tes erhöht – spe­zi­ell bei Adi­po­si­tas der Mut­ter oder beim Vor­lie­gen von Gerin­­nungs- oder Blut­druck­pro­ble­men. Auch das erhöhte Risiko einer postpar­ta­len kind­li­chen Hypo­gly­kämie ist zu beach­ten. Wei­ters kön­nen beim Kind Elek­tro­lyt­ver­schie­bun­gen, Anpas­sungs­stö­run­gen und respi­ra­to­ri­sche Pro­bleme auf­tre­ten. Hop­pich­ler dazu: „Eine unmit­tel­bare neo­na­to­lo­gi­sche Ver­sor­gung ist des­halb für die Kin­der unabdingbar.“

Zusätz­li­che Risken

„Das Risiko für die Ent­wick­lung eines Typ 2‑Diabetes ist bei Mut­ter und Kind bei Vor­lie­gen eines Gesta­ti­ons­dia­be­tes erhöht“, weiß Hop­pich­ler. Und wei­ter: „Gleich­zei­tig steigt die­ses Risiko für die Mut­ter mit jeder wei­te­ren Schwan­ger­schaft an.“ Obwohl sich die Blut­zu­cker­werte in mehr als 90 Pro­zent der Fälle nach der Geburt wie­der nor­ma­li­sie­ren, haben Frauen mit einem Gesta­ti­ons­dia­be­tes ein sie­ben­fach höhe­res Risiko, in den nächs­ten fünf bis zehn Jah­ren einen Typ 2‑Diabetes zu ent­wi­ckeln, erklärt Hop­pich­ler. Wei­tere häu­fig auf­tre­tende Lang­zeit­kom­pli­ka­tio­nen bei der Mut­ter sind kar­dio­vasku­läre Erkran­kun­gen und Hyper­to­nie sowie die Ent­wick­lung eines meta­bo­li­schen Syndroms.

Zu den Prä­ven­ti­ons­maß­nah­men, die die Ent­wick­lung eines Typ-2-Dia­­be­­tes in 50 Pro­zent der Frauen nach einem Gesta­ti­ons­dia­be­tes ver­hin­dern könn­ten, zäh­len die Ände­rung des Lebens­stils mit gesun­der Ernäh­rung, mehr Bewe­gung, Gewichts­re­duk­tion bei Über­ge­wicht sowie Stil­len. Kin­der, deren Müt­ter an Gesta­ti­ons­dia­be­tes gelit­ten haben, wei­sen als Lang­zeit­fol­gen ein grö­ße­res Risiko für Über­ge­wicht und die Ent­wick­lung eines Prä-Typ 2‑Diabetes auf. Kau­tzky-Wil­­ler dazu: „Das kann wahr­schein­lich durch die fetale Pro­gram­mie­rung erklärt wer­den. Es geht auf das im Mut­ter­leib ver­än­derte Nähr­stoff­mi­lieu und die ver­än­derte Hor­mon­si­tua­tion zurück und diese Lang­zeit­ef­fekte auf den Ener­gie­haus­halt und den Stoff­wech­sel“, so Kautzky-Willer.

Emp­feh­lun­gen bei Risikoschwangerschaft

In der 24. bis 28. Schwan­ger­schafts­wo­che wird bei allen Schwan­ge­ren ein ora­ler Glu­ko­se­to­le­ranz­test durch­ge­führt – gemäß den Leit­li­nien der Öster­rei­chi­schen Dia­be­tes Gesell­schaft und der Öster­rei­chi­schen Gesell­schaft für Gynä­ko­lo­gie und Geburts­hilfe. „Bei einem hohen Risiko, beson­ders bei Über­ge­wicht oder Adi­po­si­tas oder wenn in einer vor­he­ri­gen Schwan­ger­schaft bereits ein Gesta­ti­ons­dia­be­tes bestan­den hat, sollte der Glu­ko­se­to­le­ranz­test schon frü­her erfol­gen“, betont Hop­pich­ler. Aller­dings ist auch der Gesta­ti­ons­dia­be­tes durch ein sehr viel­fäl­ti­ges Krank­heits­bild mit unter­schied­li­chen Sub­ty­pen cha­rak­te­ri­siert. Bei der einen Gruppe unter­schei­det man die­je­ni­gen, die vor allem Insu­­lin-resis­­tent sind mit einem meta­bo­li­schen Syn­drom, ver­mehr­tem Bauch­fett, wenig Bewe­gung und hoch­ka­lo­ri­scher Ernäh­rung; bei der ande­ren Gruppe han­delt es sich um Schlanke, die sich genü­gend bewe­gen und gesund ernäh­ren. Kau­tzky-Wil­­ler dazu: „Das Pro­blem bei die­sen Per­so­nen ist nicht die Insu­lin­re­sis­tenz, son­dern eine zu geringe Insulinausschüttung.“

Das Wich­tigste im Umgang mit Gesta­ti­ons­dia­be­tes ist die inter­dis­zi­pli­näre Zusam­men­ar­beit zwi­schen Dia­be­to­lo­gen und Gynä­ko­lo­gen, die Erfah­rung mit dia­be­ti­schen Schwan­ge­ren haben, wie beide Exper­ten aus­füh­ren. „Wäh­rend der Schwan­ger­schaft sind eng­ma­schige Kon­trol­len not­wen­dig, da die The­ra­pie kon­ti­nu­ier­lich ange­passt und übli­cher­weise bis zur Geburt gestei­gert wer­den muss“, erklärt Kau­tzky-Wil­­ler. Dies umfasst neben der Ernäh­rungs­be­ra­tung die Kon­trolle der Blutglu­ko­se­werte, die zumin­dest vier­mal pro Tag gemes­sen wer­den sol­len. Dabei sollte der Nüch­tern­blut­zu­cker unter 95 Mil­li­gramm pro Dezi­li­ter und der Wert eine Stunde nach den drei Haupt­mahl­zei­ten unter 140 Mil­li­gramm pro Dezi­li­ter lie­gen. Wer­den diese Grenz­werte mehr­fach über­schrit­ten und erzie­len Ernäh­rungs­um­stel­lung und Bewe­gung nicht die gewünsch­ten Werte, muss eine Insu­lin­the­ra­pie ein­ge­lei­tet wer­den. Hop­pich­ler ergänzt: „Ent­spre­chend der Befund­kon­stel­la­tion kann der dia­be­to­lo­gi­sche Experte auch eine The­ra­pie mit Met­formin indi­zie­ren, um die Insu­lin­emp­find­lich­keit zu verbessern.“

Neben der Kon­trolle der Blutglu­ko­se­werte ist die Über­wa­chung der kind­li­chen Ent­wick­lung essen­ti­ell, ins­be­son­dere das Wachs­tum und die Bio­me­trie des Kin­des sowie die Durch­blu­tung der Pla­zenta, erklä­ren Kau­tzky-Wil­­ler und Hop­pich­ler uni­sono. Da es auf­grund der Makro­so­mie zu schwer­wie­gen­den Pro­ble­men kom­men kann, wird sono­gra­phisch regel­mä­ßig der Abdo­­men-Umfang des Kin­des ermit­telt. Die­ser ist bei Über­schrei­ten der 90. Per­zen­tile ein­deu­tig zu groß und stellt bereits ab der 75. Per­zen­tile ein Warn­si­gnal dar. Die Rück­mel­dung dar­über an die behan­deln­den Dia­be­to­lo­gen ist für die Ein­stel­lung des Blut­zu­cker­spie­gels von gro­ßer Bedeu­tung. Bei der Mut­ter sind vor allem der Blut­druck und die Gewichts­ent­wick­lung zu überwachen.

Ein plötz­li­cher Abfall des kind­li­chen Insu­lin­be­darfs gegen Ende der Schwan­ger­schaft stellt ein Warn­si­gnal dar und deu­tet auf Durch­blu­tungs­pro­bleme der Pla­zenta hin. „Der Gynä­ko­loge muss auf Basis der Unter­su­chun­gen ent­schei­den, wann der ideale Geburts­ter­min ist und wie der ideale Geburts­mo­dus aus­sieht“, betont Kau­tzky-Wil­­ler. Dabei geht es um die Ent­schei­dung dar­über, ob eine nor­male Ent­bin­dung mög­lich ist, die Geburt ein­ge­lei­tet wer­den muss oder ob eine Sec­tio vor­ge­nom­men wer­den sollte. Frauen mit einem Gesta­ti­ons­dia­be­tes soll­ten in der Regel nicht über­tra­gen, wobei auch eine zu frühe Geburt nicht anzu­ra­ten ist. Wer­den bei Dia­gnose und The­ra­pie die Leit­li­ni­en­emp­feh­lun­gen ein­ge­hal­ten, zeigt sich, dass „das Out­come der Schwan­ger­schaft bei Frauen mit Gesta­ti­ons­dia­be­tes kei­nen wesent­li­chen Unter­schied zu dem von Frauen ohne Gesta­ti­ons­dia­be­tes auf­weist“, fasst Hop­pich­ler die Erkennt­nisse zusammen.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 6 /​25.03.2019