Päd­ia­trie: Fie­ber ohne Fokus

25.04.2019 | Medizin


Fie­ber kommt bei Kin­dern häu­fig vor; fin­det man bei der ers­ten Abklä­rung keine Ursa­che, spricht man von Fie­ber ohne Fokus. Hält das Fie­ber über einen län­ge­ren Zeit­raum an, müs­sen schwer­wie­gende häma­to­lo­gi­sche, infek­tiöse und immu­no­lo­gi­sche Erkran­kun­gen oder die Folge einer Arz­nei­mit­tel­wir­kung aus­ge­schlos­sen werden.


Eltern gehen mit fie­bern­den Kin­der häu­fig gar nicht zum Arzt; die Behand­lung kon­zen­triert sich auf die Fie­ber­sen­kung zu Hause. „In vie­len Fäl­len geht man pri­mär davon aus, dass es sich um eine bak­te­ri­elle oder virale Infek­ti­ons­er­kran­kung han­delt“, erklärt Priv. Doz. Vol­ker Stren­ger von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Kin­der- und Jugend­heil­kunde der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Graz. Sofern die Anzei­chen für einen vira­len Infekt spre­chen, wird auf­grund der gro­ßen Anzahl von Viren häu­fig keine detail­lier­tere Dia­gnos­tik ein­ge­lei­tet. „Im Rah­men der Basis­ab­klä­rung ist es beson­ders bei Säug­lin­gen und Klein­kin­dern wich­tig, eine Harn­wegs­in­fek­tion aus­zu­schlie­ßen“, weiß Stren­ger. Gleich­zei­tig ist zu unter­su­chen, ob eine Atem­wegs­ent­zün­dung, Pneu­mo­nie, Oti­tis, Menin­gi­tis, Sep­sis, Angina oder eine Haut- und Weich­teil­in­fek­tion vor­liegt. Je nach dem All­ge­mein­zu­stand des Kin­des kann es Sinn machen, eine Blut­kul­tur anzu­le­gen. Fin­det man bei der ers­ten Abklä­rung keine Ursa­che, spricht man von Fie­ber ohne Fokus. Laut Stren­ger ist eine begriff­li­che Dif­fe­ren­zie­rung not­wen­dig, da Fie­ber ohne Fokus häu­fig fälsch­li­cher­weise als Fie­ber unkla­rer Genese bezeich­net wird. Fie­ber unkla­rer Genese (engl. Fever of unknown ori­gin; FUO) ist unter­schied­lich defi­niert und beschrie­ben als ein Fie­ber, das über drei Wochen besteht, wobei es nicht durch­ge­hend, aber doch immer wie­der wäh­rend die­ser Zeit auf­tritt.

Wird trotz ein­ge­hen­der Abklä­rung in einem ein­wö­chi­gen sta­tio­nä­ren Auf­ent­halt oder nach neue­ren Defi­ni­tio­nen wäh­rend drei ambu­lan­ten Kli­nik­be­su­chen keine Ursa­che für das Fie­ber gefun­den, spricht man von einem „Fie­ber unkla­rer Genese“. Kin­der sind davon betrof­fen, wenn das Fie­ber mehr als sie­ben Tage anhält und eine inten­sive Abklä­rung keine Ursa­che erge­ben hat. „Im Ver­gleich zum Fie­ber ganz gene­rell ist Fie­ber unkla­rer Genese ins­be­son­dere bei Kin­dern sehr sel­ten“, so Stren­ger. Fie­ber unkla­rer Genese steht häu­fig in Ver­bin­dung mit unge­wöhn­li­chen Infek­tio­nen, mit einem unge­wöhn­li­chen Ver­lauf einer nor­ma­len Infek­tion, mit ande­ren zugrunde lie­gen­den Erkran­kun­gen oder als Folge einer Arz­nei­mit­tel­ne­ben­wir­kung (meist durch spe­zi­fi­sche Medi­ka­mente, zum Bei­spiel bei onko­lo­gi­schen Pati­en­ten). „Fie­ber ohne Fokus und Fie­ber unkla­rer Genese hän­gen davon ab, wie inten­siv die Dia­gnos­tik ver­folgt wird, da letzt­end­lich doch meist eine Ursa­che für das Fie­ber gefun­den wird“, erklärt Strenger.

„Lie­fert die erste Basis­ab­klä­rung keine Ursa­che, eröff­net sich ein gro­ßes Spek­trum von sel­te­ne­ren Ursa­chen für Fie­ber unkla­rer Genese“, weiß Priv. Doz. Jür­gen Brun­ner vom Depart­ment für Kin­der- und Jugend­heil­kunde an der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Inns­bruck. Gründe für das Fie­ber unkla­rer Genese kön­nen hämato-onko­lo­gi­sche Erkran­kun­gen wie eine Leuk­ämie oder Lym­phome sein oder auch infek­tiöse Ursa­chen, die nicht auf die typi­schen Bak­te­rien und Viren zurück­zu­füh­ren sind. „Eine aus­führ­li­che Aus­lands- bezie­hungs­weise Urlaubs-Ana­mnese kann hier rich­tungs­wei­send sein“, erklärt Brun­ner. Auch kleine Ver­let­zun­gen, bei denen sich die Wunde poten­ti­ell infi­ziert hat, kön­nen Anhalts­punkte liefern.

Eine sehr sel­tene Ursa­che für Fie­ber unkla­rer Genese sind gewisse ange­bo­rene Stoff­wech­sel­er­kran­kun­gen. Aller­dings ist die Dia­gnose umso unwahr­schein­li­cher, je älter die Kin­der sind bezie­hungs­weise je wei­ter sie vom Säug­lings­al­ter ent­fernt sind. Es ist wich­tig, bei der Ana­mnese auch mög­li­che Ein­fluss­fak­to­ren von außen zu berück­sich­ti­gen wie zum Bei­spiel Gift­stoffe in der Umge­bung oder zu lange Hit­ze­ex­po­si­tion, vor allem im Som­mer. Dar­über hin­aus gibt es sehr sel­tene Erkran­kun­gen des Immun­sys­tems, pri­märe Immun­de­fekte, die zu Fie­ber füh­ren kön­nen. Im Rah­men der Immun­de­fi­zi­enz kommt es zum Funk­ti­ons­ver­lust von ein­zel­nen Bestand­tei­len des Immun­sys­tems. „Bei immer wie­der schwer­kran­ken Neu­ge­bo­re­nen und jun­gen Säug­lin­gen mit immer wie­der­keh­ren­den Ent­zün­dun­gen, kann ein T‑Zell-Defekt vor­lie­gen“, weiß Brun­ner. Bei wie­der­keh­ren­den Abszes­sen mit Sta­phy­lo­kok­ken ist eine Pha­go­zy­ten­funk­ti­ons­stö­rung wahr­schein­lich. Eine aus­führ­li­che Abklä­rung in einer Spe­zi­al­am­bu­lanz durch die genaue Ana­mnese, die kli­ni­sche Unter­su­chung, eine aus­führ­li­che Labor­dia­gnos­tik sowie bild­ge­bende Dia­gnos­tik ist hier essen­ti­ell, so der Experte.

Auto­im­mun­erkran­kun­gen als Ursache

Wei­tere Ursa­chen für Fie­ber unkla­rer Genese stel­len Auto­im­mun­erkran­kun­gen wie die juve­nile idio­pa­thi­sche Arthri­tis, aber vor allem Kol­la­ge­no­sen oder Vasku­lit­i­den dar; ebenso auch ange­bo­rene Fie­ber­er­kran­kun­gen, soge­nannte peri­odi­sche Fie­ber­syn­drome. Diese äußern sich durch eine Kom­bi­na­tion von Fie­ber und ande­ren Organ­ma­ni­fes­ta­tio­nen und kön­nen mit­hilfe der Mole­ku­lar­ge­ne­tik nach­ge­wie­sen wer­den. „Das häu­figste bei uns und in Süd­eu­ropa vor­kom­mende Fie­ber­syn­drom ist das fami­liäre Mit­tel­meer­fie­ber, das mit Bauch­schmer­zen, Gelenks­be­schwer­den, Haut­aus­schlag und Fie­ber ein­her­geht und vor allem bei der arme­ni­schen und tür­ki­schen Bevöl­ke­rung auf­tritt“, erklärt Brun­ner. Auch hier geben Labor­werte und mole­ku­lar-gene­ti­sche Unter­su­chun­gen wei­te­ren Aufschluss.

Brun­ner kennt die Sor­gen der Eltern, wenn ihr Kind zu Beginn des Kin­der­gar­ten- und Schul­al­ters immer wie­der Fie­ber bekommt. „Sind die Kin­der gut gedie­hen und haben ein paar Mit­tel­ohr­ent­zün­dun­gen oder grip­pale Infekte im Jahr, wenn sie in den Kin­der­gar­ten oder in die Schule kom­men, ist das im Rah­men einer ganz nor­ma­len Ent­wick­lung und da ist es auch wich­tig, die Eltern zu beru­hi­gen“, weiß der Experte. Erzäh­len die Eltern hin­ge­gen unge­wöhn­li­che Bege­ben­hei­ten und Warn­si­gnale, sind schwer­wie­gen­dere Ursa­chen auch in Betracht zu zie­hen. Wäh­rend frü­her emp­foh­len wurde, das Fie­ber ab einer bestimm­ten Tem­pe­ra­tur (etwa 38,5 Grad) medi­ka­men­tös zu sen­ken, hän­gen die Hand­lungs­im­pli­ka­tio­nen gemäß den aktu­el­len Gui­de­li­nes vom Zustand des Kin­des ab.

„Solange ein fie­bern­des Kind einen guten All­ge­mein­zu­stand hat und weder der Kreis­lauf beein­träch­tigt noch tachy­kard ist, kann man Fie­ber über 38,5 Grad unbe­han­delt durch­aus akzep­tie­ren“, erklärt Stren­ger. Steigt das Fie­ber aller­dings schnell an, kön­nen sich Fie­ber­krämpfe ent­wi­ckeln. Eine Aus­nahme bil­det das durch Her­pes-Viren her­vor­ge­ru­fene Drei-Tage-Fie­ber, bei dem die Kin­der über drei Tage hoch fie­bern (auch über 40 Grad), aber sonst in guter Ver­fas­sung sind. Am vier­ten Tag fie­bern die Kin­der ab und es kommt zu einem Hautausschlag. 

Kommt es im Rah­men einer Virus-Infek­tion zu Fie­ber, ist neben der sym­pto­ma­ti­schen Behand­lung durch Par­acet­amol oder Ibu­profen sowie durch klas­si­sche Haus­mit­tel wie Waden­wi­ckel oder eine aus­rei­chende Flüs­sig­keits­zu­fuhr wich­tig, dass Kin­dern genü­gend Zeit gege­ben wird, sich aus­zu­ku­rie­ren. „Das kommt in der heu­ti­gen Zeit lei­der häu­fig zu kurz, da Ter­min­druck oder feh­lende Pfle­ge­ur­laubs­tage die Zeit limi­tie­ren“, bedau­ert Brun­ner. (ls)

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 8 /​25.04.2019