Dos­sier: Neu­ro­der­mi­tis bei Kindern

Juni 2019 | Medi­zin


Neu­ro­der­mi­tis stellt eine der häu­figs­ten Erkran­kun­gen im Kin­des­al­ter dar; bis zu 20 Pro­zent aller Kin­der sind davon betrof­fen. Bei schwe­ren For­men der Neu­ro­der­mi­tis liegt die Prä­va­lenz von Nah­rungs­mit­tel­all­er­gien bei rund 30 Pro­zent. Neben der Ver­mei­dung von indi­vi­du­el­len Pro­vo­ka­ti­ons­fak­to­ren sind die Sym­­p­tom-ori­en­­tierte Basis­the­ra­pie und eine gezielte Neu­ro­­der­­mi­­tis-Schu­­lung von Bedeutung.


Bei der Neu­ro­der­mi­tis (ato­pi­sche Der­ma­ti­tis) han­delt es sich um eine chro­ni­sche oder chro­nisch rezi­di­vie­rende Erkran­kung der Haut; Haupt­merk­mal ist der chro­ni­sche Juck­reiz. Neu­ro­der­mi­tis mani­fes­tiert sich bei rund der Hälfte der Betrof­fe­nen in den ers­ten sechs Lebens­mo­na­ten, in 60 Pro­zent der Fälle im ers­ten Lebens­jahr und bei bis zu 90 Pro­zent der Fälle vor dem fünf­ten Lebens­jahr. Mit dem Schul­ein­tritt geht die Neu­ro­der­mi­tis meist zurück. Zum Ver­gleich: Bei den Erwach­se­nen sind zwi­schen ein und drei Pro­zent betroffen.

Neu­ro­der­mi­tis tritt häu­fig in Kom­bi­na­tion mit ande­ren ato­pi­schen Erkran­kun­gen wie Nah­rungs­mit­tel­all­er­gien, Asthma bron­chiale und all­er­gi­scher Rhi­ni­tis auf. Bei einer schwe­ren Form der Neu­ro­der­mi­tis liegt die Prä­va­lenz von Nah­rungs­mit­tel­all­er­gien bei rund 30 Pro­zent. Wenn beide Eltern­teile unter der glei­chen ato­pi­schen Erkran­kung lei­den, ist das Risiko, dass das Kind Neu­ro­der­mi­tis, Heu­schnup­fen oder Asthma bron­chiale ent­wi­ckelt, am höchs­ten (60 bis 80 Pro­zent). Der deut­li­che Anstieg der Neu­ro­der­mi­tis in den letz­ten Jahr­zehn­ten (je nach Stu­die um das Vier- bis Acht­fa­che) wird mit der Reduk­tion von Infek­tio­nen in der frü­hen Kind­heit im Sinn der „Hygie­ne­hy­po­these“ in Ver­bin­dung gebracht.

Obwohl bei Neu­ro­der­mi­tis eine starke erb­li­che Dis­po­si­tion besteht und es zahl­rei­che Aus­lö­se­fak­to­ren gibt, ist es mög­lich, dass die Ent­wick­lung von Krank­heits­er­schei­nun­gen aus­bleibt oder aber dass diese mit Hilfe einer prä­ven­ti­ven Behand­lung in man­chen Fäl­len ver­hin­dert, ver­zö­gert oder abge­schwächt wer­den kann. 

Ursäch­lich ver­ant­wort­lich ist eine gene­ti­sche Prä­dis­po­si­tion mit einer Stö­rung der Haut­bar­rie­re­funk­tion sowie einer Stö­rung des ange­bo­re­nen und adap­ti­ven Immun­sys­tems. Für die Bar­rie­re­pro­te­ine ist eine Reihe von Muta­tio­nen und Poly­mor­phis­men beschrie­ben, die auf ver­schie­de­nen Chro­mo­so­men loka­li­siert sind. Einige davon stim­men mit den bis­lang iden­ti­fi­zier­ten Gen­lo­ka­li­sa­tio­nen für respi­ra­to­ri­sche ato­pi­sche Erkran­kun­gen über­ein. Bei ande­ren Muta­tio­nen und Poly­mor­phis­men wie­derum zeigt sich eine Über­ein­stim­mung mit Pso­ria­sis. Ver­mut­lich sind ver­schie­dene Gene auf meh­re­ren Chro­mo­so­men für die Ver­an­la­gung ver­ant­wort­lich, Neu­ro­der­mi­tis zu entwickeln. 

Gen-Muta­­ti­o­­nen verantwortlich

So ste­hen Muta­tio­nen im Fil­a­g­­grin-Gen in Zusam­men­hang mit dem Bar­rie­re­de­fekt bei Neu­ro­der­mi­tis. Bei Fil­ag­grin han­delt es sich um ein Struk­tur­pro­tein in dif­fe­ren­zier­ten Kera­ti­no­zy­ten. Fil­a­g­­grin-Loss-of-Fun­c­­tion-Muta­­ti­o­­nen füh­ren zu Bar­rie­re­de­fek­ten der Haut, einer ver­min­der­ten mikro­biel­len Abwehr und zur pH-Erhö­hung der Haut; ebenso ist auch das Risiko für die Ent­ste­hung einer Neu­ro­der­mi­tis erhöht. Sol­che Muta­tio­nen kom­men bei rund 25 Pro­zent aller Men­schen, die an Neu­ro­der­mi­tis lei­den, vor. Sie haben ein beson­ders
hohes Risiko für mul­ti­ple All­er­gien, Asthma bron­chiale und die Ent­wick­lung eines Ekzema her­pe­ti­ca­tum als Kom­pli­ka­tion. Je nach­dem, ob Neu­ro­der­mi­tis akut oder chro­nisch ist, und auch in Abhän­gig­keit vom Lebens­al­ter sind die Haut­er­schei­nun­gen der Neu­ro­der­mi­tis unter­schied­lich. Beim Säug­ling domi­nie­ren zwi­schen dem 3. bis 6. Monat Ekzeme im Gesicht; im Lauf des ers­ten Lebens­jah­res sind die Beu­gen der gro­ßen Gelenke sowie der Nacken betrof­fen. Wenn auch Spon­tan­hei­lun­gen mög­lich sind, ent­wi­ckeln min­des­tens 30 Pro­zent der Kin­der, die an Neu­ro­der­mi­tis lei­den, auch als Erwach­sene zumin­dest zeit­weise Ekzeme. 

Asthma bron­chiale und die all­er­gi­sche Rhi­no­kon­junk­ti­vi­tis gel­ten als klas­si­sche Komor­bi­di­tä­ten der Neu­ro­der­mi­tis. Diese Komor­bi­di­tä­ten wur­den in der Inter­na­tio­nal Study of Asthma and All­er­gies in Child­hood (ISAAC-Stu­­die) unter­sucht. Dabei zeigte sich welt­weit, dass 1,3 Pro­zent der unter­such­ten 13- bis 14-jäh­­ri­­gen Schü­ler Ekzeme, Asthma und all­er­gi­sche Rhi­no­si­nu­si­tis auf­wie­sen. Jedoch stellte sich auch her­aus, dass in bestimm­ten Regio­nen der Welt mehr als neun Pro­zent zwei ato­pi­sche Erkran­kun­gen haben. Wie ver­sor­gungs­epi­de­mio­lo­gi­sche Ana­ly­sen aus Deutsch­land zei­gen, neh­men rund 23 Pro­zent der Säug­linge und Klein­kin­der, acht Pro­zent der Schul­kin­der und zwei bis vier Pro­zent der Erwach­se­nen Gesund­heits­leis­tun­gen auf­grund von Neu­ro­der­mi­tis in Anspruch. 

Neu­ro­der­mi­tis führt auf­grund des mas­si­ven Juck­rei­zes häu­fig zu Schlaf­stö­run­gen bei Kin­dern. Das hat zur Folge, dass es im All­tag der Betrof­fe­nen und ihrer Fami­lien zu erheb­li­chen Belas­tun­gen kommt. Psy­cho­so­ma­ti­sche Komor­bi­di­tä­ten spie­len eben­falls eine Rolle. Kin­der, die an Neu­ro­der­mi­tis lei­den, zei­gen häu­fi­ger psy­chi­sche Auf­fäl­lig­kei­ten; sie erkran­ken häu­fi­ger an ADHS (Auf­merk­sam­keits­de­fi­zits­hy­per­ak­ti­vi­täts­stö­rung) als Kin­der, die nicht an Neu­ro­der­mi­tis leiden. 

Infek­tio­nen stel­len häu­fige Kom­pli­ka­tio­nen bei Neu­ro­der­mi­tis dar. Sekun­där­in­fek­tio­nen erfol­gen meist mit S. aureus. Ganz gene­rell kom­men kli­nisch sicht­bare Sekun­där­in­fek­tio­nen bei Kin­dern wesent­lich häu­fi­ger vor als bei Erwach­se­nen. Die häu­figs­ten vira­len Infek­tio­nen erfol­gen mit Her­pes simplex-Viren. 

Bei der Dia­gnos­tik ist zunächst im Rah­men der all­ge­mei­nen Dia­gnos­tik eine genaue Ana­mnese inclu­sive der ato­pi­schen Fami­li­en­ana­mnese zu erhe­ben. Eine Unter­su­chung der gesam­ten Haut sollte fol­gen. Wei­ter sollte ver­sucht wer­den, mög­li­che psy­cho­so­ma­ti­sche, ernäh­rungs­be­dingte oder durch andere Umge­bungs­fak­to­ren bedingte Aus­lö­ser zu ermit­teln. Eine Pro­be­bi­op­sie kann für eine dif­fe­ren­ti­al­dia­gnos­ti­sche Abgren­zung erwo­gen wer­den. Spe­zi­ell im Säug­lings­al­ter ist als Dif­fe­ren­ti­al­dia­gnose die Abgren­zung zum sebor­rhoi­schen Ekzem ent­schei­dend und kann sich als schwie­rig erwei­sen. Wei­tere Dif­fe­ren­ti­al­dia­gno­sen der Neu­ro­der­mi­tis sind Ska­bies, Kon­takt­ek­zeme, Pso­ria­sis und Langerhanszell-Histiozytose.

Objek­tive Hautscores

Für die Aus­deh­nung und den Schwe­re­grad der durch die Neu­ro­der­mi­tis ver­ur­sach­ten Läsio­nen wer­den soge­nannte „objek­tive“ Hautscores her­an­ge­zo­gen. Dabei kommt der SCO­­RAD-Index (SCO­ring Ato­pic Der­ma­ti­tis) zum Ein­satz, mit dem sowohl die Inten­si­tät der Haut­ver­än­de­run­gen und deren flä­chen­mä­ßige Aus­brei­tung als auch sub­jek­tive Para­me­ter wie bei­spiels­weise Juck­reiz und Schlaf­stö­run­gen berück­sich­tigt wer­den, sowie der EASI (Eczema Area and Seve­rity Index). Für den indi­vi­du­el­len Behand­lungs­plan ist wich­tig, über indi­vi­du­elle Pro­vo­ka­ti­ons­fak­to­ren Bescheid zu wis­sen, um diese ent­spre­chend zu redu­zie­ren bezie­hungs­weise zu meiden.

Die häu­figs­ten Pro­vo­ka­ti­ons­fak­to­ren der Neu­ro­der­mi­tis sind:

  • Irri­ta­tion der Haut – etwa durch bestimmte Tex­ti­lien (zum Bei­spiel Wolle), aber auch durch Schwit­zen, fal­sche Rei­ni­gung der Haut, Tabakrauch;
  • IgE-ver­­­mi­t­­telte All­er­gien auf Haus­staub­mil­ben, Tier­epi­the­lien, Pol­len, Nah­rungs­mit­tel (bei Kin­der vor allem Milch, Ei, Soja, Wei­zen, Hasel­nüsse, Erd­nüsse und Fisch);
  • mikro­bielle Faktoren;
  • kli­ma­ti­sche Fak­to­ren wie extreme Kälte und/​oder Tro­cken­heit; hohe Luftfeuchtigkeit;
  • psy­chi­scher Stress bezie­hungs­weise emo­tio­nale Faktoren.

Bei der Behand­lung gilt es, eine Viel­zahl von Maß­nah­men indi­vi­du­ell auf den Betrof­fe­nen abzu­stim­men. Dazu gehö­ren die­Re­duk­tion bezie­hungs­weise die Ver­mei­dung von indi­vi­du­el­len Pro­vo­ka­ti­ons­fak­to­ren. Wei­ters ist eine Sym­­p­tom-ori­en­­tierte Basis­the­ra­pie und eine anti­in­flamma­to­ri­sche The­ra­pie erfor­der­lich. Je nach Alter, Schwe­re­grad und Loka­li­sa­tion der Neu­ro­der­mi­tis ist ein indi­vi­du­el­ler The­ra­pie­plan auszuarbeiten.

Basis­the­ra­peu­tika stel­len einen wich­ti­gen Bestand­teil der The­ra­pie dar. Aus kon­trol­lier­ten Stu­dien lässt sich ablei­ten, dass Basis­the­ra­peu­tika dazu füh­ren kön­nen, dass topi­sche Kor­ti­kos­te­ro­ide ein­ge­spart wer­den kön­nen. Bei der Basis­the­ra­pie han­delt es sich um den der Loka­li­sa­tion und dem Sta­dium des Ekzems sowie dem Alter des Kin­des ange­pass­ten Ein­satz von Rei­ni­gungs­maß­nah­men sowie rück­fet­ten­den Pfle­ge­pro­duk­ten. Je jün­ger die Kin­der sind, umso wich­ti­ger ist die regel­mä­ßige Hydrie­rung der Haut durch lau­warme Bäder mit einem Öl-Zusatz. Ältere Kin­der kön­nen sich auch mit Öl-Duschen rei­ni­gen; ebenso kön­nen rück­fet­tende hautscho­nende Mit­tel (bei­spiels­weise Syn­dets) zum Ein­satz kom­men. Die Wahl der ver­wen­de­ten Pro­dukte zur Basis­the­ra­pie soll indi­vi­du­ell fest­ge­legt werden.

Für eine kon­se­quente Basis­the­ra­pie spre­chen fol­gende Gründe: 

  • Tro­ckene Haut ist ein häu­fi­ges Pro­blem bei Neurodermitis.
  • Tro­ckene Haut kann direkt zur Ent­zün­dung führen.
  • Tro­ckene Haut führt zu Juck­reiz und Brennen.
  • Tro­ckene Haut ist ver­bun­den mit einem Bar­rie­re­de­fekt; der Bar­rie­re­de­fekt kann even­tu­ell all­er­gi­sche Sen­si­bi­li­sie­run­gen begünstigen.
  • Tro­ckene Haut kann mit einer Sta­­dien-gerech­­ten Basis­the­ra­pie sym­pto­ma­tisch behan­delt werden. 

Bei der spe­zi­fi­schen antient­zünd­li­chen Behand­lung zäh­len Kor­ti­kos­te­ro­ide zu den wich­tigs­ten anti­in­flamma­to­ri­schen Sub­stan­zen, die bei der The­ra­pie der Neu­ro­der­mi­tis zum Ein­satz kom­men; dabei ent­spricht die Wir­kungs­stärke dem loka­len Schweregrad. 

Im Vor­feld soll­ten die Eltern bei der Ver­schrei­bung über die Unter­schiede zwi­schen der topi­schen bezie­hungs­weise sys­te­mi­schen Anwen­dung von Kor­ti­kos­te­ro­iden und über die unter­schied­li­chen Stär­ke­klas­sen der topi­schen Ste­ro­ide auf­ge­klärt wer­den; ebenso auch über die Sicher­heit einer Inter­­vall-Anwen­­dung und die Stra­te­gie der pro-akti­­ven The­ra­pie für eine bes­sere Pro­gnose und um eine Chro­ni­fi­zie­rung zu verhindern. 

Das feh­lende Anspre­chen auf eine The­ra­pie mit topi­schen Kor­ti­kos­te­ro­iden beruht oft auf einer ver­min­der­ten Com­pli­ance bei „Kor­ti­son­angst“. Wei­tere mög­li­che Ursa­chen für die feh­lende Wirk­sam­keit von Kor­ti­kos­te­ro­iden sind eine Kon­tak­tall­er­gie gegen Kor­ti­kos­te­ro­ide oder eine wei­ter andau­ernde Trig­ge­rung der Neu­ro­der­mi­tis durch bestimmte Aus­lö­ser. Eine kleine Gruppe von Per­so­nen (soge­nannte Non-Respo­­ner) – weni­ger als ein Pro­zent aller Pati­en­ten – spricht nicht aus­rei­chend auf Glu­ko­kor­ti­kos­te­ro­ide an.

In der Regel erfolgt die Behand­lung mit topi­schen Kor­ti­kos­te­ro­iden ein­mal täg­lich; in Aus­nah­me­fäl­len zwei­mal täg­lich als Inter­vall­the­ra­pie. Meist reicht bei Säug­lin­gen die Anwen­dung von topi­schen Glu­ko­kor­ti­kos­te­ro­iden der Klasse 1 (schwach wirk­sam), bei älte­ren Kin­dern und Jugend­li­chen Klasse 2 (mode­rat wirk­sam). Bei aus­ge­präg­ten aku­ten oder the­ra­pie­re­frak­tä­ren liche­ni­fi­zier­ten Ekze­men sowie exazer­bier­ten Ekze­men an Hän­den und Füßen kom­men bei Jugend­li­chen auch stark oder sehr stark wirk­same Glu­ko­kor­ti­kos­te­ro­ide (Klasse 3, aus­nahms­weise Klasse 4) kurz­fris­tig bei der Behand­lung zum Einsatz. 

Die Inter­vall­the­ra­pie mit topi­schen Kor­ti­kos­te­ro­iden (pro-aktive The­ra­pie) sollte nach Abhei­lung der Läsio­nen über meh­rere Monate hin­durch erfol­gen. So kann das Risiko für Rezi­dive und mit­tel­fris­tig auch der Ste­ro­id­ver­brauch gesenkt werden. 

Die orale Kurz­zeit­the­ra­pie mit Kor­ti­kos­te­ro­iden (von drei Tagen bis zu drei Wochen) kann bei schwe­ren For­men der Neu­ro­der­mi­tis zur Unter­bre­chung eines aku­ten Schu­bes einer schwe­ren Neu­ro­der­mi­tis ein­ge­setzt werden.

Cal­ci­n­eu­rin­in­hi­bi­to­ren

Sie hem­men die T‑Zell-Akti­­vie­­rung und grei­fen in den Ent­zün­dungs­pro­zess der Neu­ro­der­mi­tis spe­zi­fisch ein. Spe­zi­ell bei der Lang­zeit­an­wen­dung bestehen bezüg­lich Hautatro­phie – im Ver­gleich zu Kor­ti­kos­te­ro­iden – keine Ris­ken. Des­we­gen eig­nen sich Cal­ci­n­eu­rin­in­hi­bi­to­ren spe­zi­ell für pro­ble­ma­ti­sche Areale wie bei­spiels­weise Gesicht, inter­t­ri­gi­nös, ano­ge­ni­tal, das Skro­tum und das Capil­li­tium. Bei die­sem soll­ten wegen der erhöh­ten Resorp­tion topi­sche Glu­ko­kor­ti­kos­te­ro­ide nur in den Wirk­stoff­klas­sen 1 und 2 und zeit­lich auf wenige Tage befris­tet ein­ge­setzt wer­den. Für die Wirk­sam­keit von unge­ziel­ten Diä­ten gibt es keine Belege. Beson­ders bei Kin­dern ist dadurch die Gefahr von Man­gel­er­schei­nun­gen und Ent­wick­lungs­stö­run­gen gegeben.

Neu­ro­­der­­mi­­tis-Schu­­lung

In Deutschlang wurde in den 1990er Jah­ren ein struk­tu­rier­tes Cur­ri­cu­lum mit der Bezeich­nung AGNES (ArbeitsGemein­schaft NEuro­­der­­mi­­tis-Schu­lung) für Neu­ro­­der­­mi­­tis-Schu­­lun­­­gen ent­wi­ckelt; die­ses rich­tet sich sowohl an Betrof­fene als auch an deren Ange­hö­rige. Die Betreu­ung erfolgt durch ein spe­zi­ell aus­ge­bil­de­tes Team aus Psy­cho­lo­gen, Der­ma­to­lo­gen und Ernäh­rungs­be­ra­tern. Die Schu­lung wird in sechs Modu­len zu je zwei Stun­den abge­hal­ten. An ers­ter Stelle ste­hen in den Schu­lun­gen die umfas­sende Auf­klä­rung über Neu­ro­der­mi­tis und den Umgang damit. So ler­nen die Betrof­fe­nen bei­spiels­weise Ent­span­nungs­übun­gen und Stra­te­gien, um wei­tere Haut­ir­ri­ta­tio­nen zu ver­mei­den. Auch Ver­hal­tens­maß­nah­men, mit denen der starke Juck­reiz kon­trol­liert wer­den kann, wer­den vermittelt.

Quel­len: Leit­li­nie Neurodermitis/​Journal oft he Ger­man Society of Der­ma­to­logy, Päd­iatrica, Prof. Tho­mas Wer­fel et al.: „Dia­gnost­tik und Stu­fen­the­ra­pie der Neu­ro­der­mi­tis“ (Dt. Ärzteblatt)


Inter­view Kle­mens Rap­pers­ber­ger
Kom­mu­ni­zie­ren und ver­net­zen


Die Kom­ple­xi­tät und Breite sei­nes Fachs stär­ker ins Licht rücken will der Prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Gesell­schaft für Der­ma­to­lo­gie und Venero­lo­gie, Univ. Prof. Kle­mens Rap­pers­ber­ger. Dies soll unter ande­rem durch ver­stärkte Kom­mu­ni­ka­tion und Ver­net­zung erfol­gen, erklärt er im Gespräch mit Andrea Riedel.

Seit Jah­res­be­ginn sind Sie Prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Gesell­schaft für Der­ma­to­lo­gie und Venero­lo­gie. Was möch­ten Sie errei­chen? Ich bin ange­tre­ten, um der Der­ma­to­lo­gie und Venero­lo­gie den Stel­len­wert zurück­zu­ge­ben, der ihr ange­sichts der erfolg­rei­chen For­schungs­tä­tig­keit und der gro­ßen medi­zi­ni­schen Breite zusteht. Aber die hohe Arbeits­last hat dazu geführt, dass wir der Poli­tik unsere ärz­t­­lich-medi­­­zi­­ni­­schen und wis­sen­schaft­li­chen Leis­tun­gen nicht so geschickt kom­mu­ni­ziert haben wie andere Fächer. Mein Ziel ist es, die unglaub­li­che Kom­ple­xi­tät und Breite unse­res Faches wie­der stär­ker ins Licht zu rücken. 

Was mei­nen Sie kon­kret? Ver­su­che, die Der­ma­to­lo­gie auf ihren kos­­me­­tisch-ästhe­­ti­­schen Aspekt zu redu­zie­ren, sind nicht akzep­ta­bel. Fakt ist: Wir sind erste Anlauf­stelle für alle Pati­en­ten mit Erkran­kun­gen der Haut und der haut­na­hen Schleim­häute. Das geht weit über klas­si­sche Der­ma­to­sen hin­aus und umfasst ver­schie­dene schwerste Indi­ka­tio­nen. Immer wie­der wer­den Pati­en­ten mit akut lebens­be­droh­li­chen Zustands­bil­dern in die Ambu­lan­zen gebracht: Infek­tio­nen, tiefe Bein­ven­en­throm­bo­sen mit Ver­dacht auf eine poten­ti­ell lebens­be­droh­li­che Pul­mo­na­l­em­bo­lie oder lebens­ge­fähr­li­che Unver­träg­lich­keits­re­ak­tio­nen. Wir Der­ma­to­lo­gen sind dann die ers­ten Ansprech­part­ner. Eine beson­dere Rolle in unse­rem Fach spielt die Der­­mato-Immu­­no­­lo­­gie. Schwerste immu­no­lo­gisch medi­ierte Sys­tem­krank­hei­ten wer­den pri­mär von uns dia­gnos­ti­ziert und the­ra­piert. Sol­che Pati­en­ten hoch­qua­li­ta­tiv zu betreuen, erfor­dert nicht nur Fach­ex­per­tise, son­dern auch enor­mes medi­zi­ni­sches All­ge­mein­wis­sen und Interdisziplinarität. 

All­er­go­lo­gie, Pho­to­bio­lo­gie, Angio­lo­gie und Infek­tio­lo­gie sind klas­si­scher­weise kon­ser­va­tiv aus­ge­rich­tet. Die Der­­mato-Onko­­lo­­gie arbei­tet aber auch stark inva­siv, oder? Wir Der­ma­to­lo­gen dia­gnos­ti­zie­ren und the­ra­pie­ren jähr­lich fast 7.000 Mela­nome, 80 Pro­zent davon im Sta­dium I, das heißt: Die meis­ten Pati­en­ten sind nach der Tumor­ent­fer­nung gesund und müs­sen nicht mit Meta­sta­sen rech­nen. Das pas­siert groß­teils in den Ordi­na­tio­nen der nie­der­ge­las­se­nen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen. Jedes Jahr erken­nen wir mehr als 100.000 Fälle von wei­ßem Haut­krebs. Ins­ge­samt wer­den mehr als 90 Pro­zent aller Haut­tu­mo­ren von Der­­mato-Chir­ur­­gen ope­riert und saniert. Der Der­­mato-Onko­­loge ist aus dem kli­ni­schen Set­ting eines Spi­tals nicht weg­zu­den­ken und bestimmt im Tumor­board wesent­lich mit, wohin die the­ra­peu­ti­sche Reise geht. All das ist nicht nur eine unmit­tel­bare Leis­tung für den Pati­en­ten, son­dern auch von enor­mer volks­wirt­schaft­li­cher Bedeu­tung. Immer­hin kos­tet die Behand­lung eines meta­stasie­ren­den Haut­tu­mors egal wel­cher Art weit über 100.000 Euro jähr­lich. Und was die Grun­d­la­­gen- und Spit­zen­for­schung betrifft: Ein Blick in Pub­Med zeigt, wer in Europa Spit­zen­leis­tun­gen bei der­ma­to­lo­gi­schen Tumo­ren erbringt.

Wo sehen Sie Ver­sor­gungs­de­fi­zite? In der Der­ma­to­lo­gie gab es beson­ders arge Kür­zun­gen und das bekom­men die Pati­en­ten öster­reich­weit zu spü­ren: Plan­stel­len und Bet­ten wur­den gestri­chen, Sta­tio­nen geschlos­sen. Untrag­bar sind auch die Leis­­tungs- und Hono­rar­ka­ta­loge der Kran­ken­kas­sen. So kann etwa ein Der­ma­to­loge mit Zusatz­fach Angio­lo­gie keine Duplex-Ultra­­schall-Leis­­tun­­­gen abrech­nen. Das ist absurd. Eine wei­tere Absur­di­tät ist, dass die Gebiets­kran­ken­kasse den Der­ma­to­lo­gen das Ver­bands­ma­te­rial streicht, das sie frü­her zur Ver­fü­gung gestellt hat. Ich glaube nicht, dass die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen bereit sind, wei­ter­hin so zu arbei­ten. Also wer­den wohl noch mehr Pati­en­ten in die der­ma­to­lo­gi­schen Ambu­lan­zen kom­men. Und in die Aus­bil­dung zum Arzt für All­ge­mein­me­di­zin sollte unver­züg­lich wie­der auch die Der­ma­to­lo­gie auf­ge­nom­men wer­den. Es war­tet viel poli­ti­sche Arbeit auf uns.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 11 /​10.06.2019