Dos­sier Gaming Dis­or­der: Die Kon­trolle verlieren

25.01.2019 | Medizin


Online-spiel­süch­tig sind vor allem junge Män­ner – Ten­denz stei­gend. Ent­schei­dend für die Dia­gnose: Dass man die Zeit, die man mit Online-Spie­len ver­bringt, nicht mehr unter Kon­trolle hat. Durch adäquate Behand­lung kann in rund 80 Pro­zent der Fälle Sym­ptom­frei­heit erzielt wer­den; sind die zwei ent­schei­den­den Bedin­gun­gen dafür nicht erfüllt, sinkt die Erfolgs­rate auf unter 15 Pro­zent.
Laura Scher­ber

Meist sind es junge Män­ner im Alter von etwa 14 und 15 Jah­ren, die in Beglei­tung ihrer Müt­ter zu uns kom­men“, beschreibt Kurosch Yazdi von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Psych­ia­trie mit Schwer­punkt Sucht­me­di­zin vom Kep­ler Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Linz die Situa­tion. So auch die Mut­ter des 15-jäh­ri­gen Phil­ipp, der laut Anga­ben sei­ner Mut­ter kaum mehr schläft und die ganze Nacht am Com­pu­ter spielt. Auf den wie­der­hol­ten Ver­such hin, das WLAN abzu­schal­ten, reagiert Phil­ipp mit mas­si­ven Aggres­sio­nen. Sei­nen star­ken Leis­tungs­ab­fall in der Schule führt die Mut­ter auf den zuneh­men­den Com­pu­ter-Kon­sum zurück, da er vor­her immer ein guter Schü­ler gewe­sen sei. Phil­ipp selbst hat über­haupt keine Krank­heits­ein­sicht: Er spiele zwar den gan­zen Tag am Com­pu­ter, das sei aber kein Pro­blem und die Schule inter­es­siere ihn ein­fach nicht. Lei­dens­druck emp­finde er nur, wenn er nicht am Com­pu­ter spie­len könne.

Dies ist ein Bei­spiel von vie­len, wobei: Die genaue aktu­elle Inzi­denz der Online-Spiel­sucht in Öster­reich ist nicht bekannt. „Da zu die­sem Thema ledig­lich zwei Stu­dien in Öster­reich durch­ge­führt wur­den und die Daten in bei­den Fäl­len im Jahr 2012 erho­ben wur­den, wis­sen wir weder, wie viele vor­her, noch, wie viele nach­her betrof­fen waren“, so Yazdi. Waren im Jahr 2012 etwa drei bis vier Pro­zent der 15-Jäh­ri­gen Online-spiel­süch­tig, ist die Zahl in Europa und auch welt­weit seit­her gestie­gen; dies trifft laut dem Exper­ten ver­mut­lich auch für Öster­reich zu. „Wäh­rend 2012 nur wenige Zwölf­jäh­rige ein eige­nes Handy beses­sen haben und es in den meis­ten Haus­hal­ten kein WLAN gege­ben hat, hat sich das kom­plett geän­dert“, führt der Experte wei­ter aus. Ähn­lich beur­teilt Univ. Prof. Michael Musa­lek vom Anton Proksch Insti­tut Wien die Situa­tion: „Bei der Online-Spiel­sucht ver­hält es sich wie bei prak­tisch allen Sucht­mit­teln: je bes­ser ein Sucht­mit­tel ver­füg­bar ist, umso öfter wird es gebraucht, umso mehr Men­schen haben einen pro­ble­ma­ti­schen Kon­sum und umso mehr sind auch abhängig.“

Die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion (WHO) hat in ihrem aktu­el­len ICD-11 (Inter­na­tio­nal Sta­tis­ti­cal Clas­si­fi­ca­tion of Dise­a­ses and Rela­ted Health Pro­blems) Kata­log Online-Spiel­sucht bezie­hungs­weise Gaming Dis­or­der als eigen­stän­dige Such­ter­kran­kung auf­ge­nom­men. Der ICD-11 ist seit 18. Juni 2018 auf der Web­site der WHO ver­füg­bar; wann die Ein­füh­rung im deutsch­spra­chi­gen Raum erfolgt, ist noch nicht abseh­bar. Der­zeit gel­ten jeden­falls noch die Kri­te­rien des ICD-10. Da darin die Online-Spiel­sucht nur in einer Rest­ka­te­go­rie der Ver­hal­tens­stö­run­gen ver­or­tet ist, wer­den in der Pra­xis statt­des­sen häu­fig die Sucht- bezie­hungs­weise Abhän­gig­keits­kri­te­rien des ICD-10 für die Dia­gnose her­an­ge­zo­gen. „Tref­fen drei der ins­ge­samt sechs Kri­te­rien zu, spricht man von einer Such­ter­kran­kung bezie­hungs­weise im Fall von Online-Gaming von einer Online-Gaming-Sucht“, erklärt Musalek.

Zen­tra­les Kri­te­rium: Kontrollverlust

Laut dem Exper­ten ist das zen­trale Kri­te­rium der Kon­troll­ver­lust, cha­rak­te­ri­siert durch die Unfä­hig­keit, das Aus­maß des Online-Spie­lens zu kon­trol­lie­ren, zu redu­zie­ren oder für eine bestimmte Zeit auch ganz weg­zu­las­sen. Ein zwei­tes Kri­te­rium bezieht sich auf die Stei­ge­rung bezie­hungs­weise Tole­ranz­ent­wick­lung: Es muss immer mehr oder häu­fi­ger gespielt wer­den, um die ent­spre­chende Befrie­di­gung zu erlan­gen oder zumin­dest um die Span­nun­gen abzu­bauen, die sich durch das Nicht-Spie­len ent­wi­ckeln. Wei­tere Kri­te­rien bezie­hen sich auf das Cra­ving (sehr star­kes Ver­lan­gen nach dem Online-Spie­len), das ohne zu spie­len fast nicht zu befrie­di­gen ist sowie auf kör­per­li­che Ent­zugs­er­schei­nun­gen, die sich wie das Alko­hol-Ent­zugs­syn­drom durch vege­ta­tive Sym­ptome äußern. Dazu zäh­len beschleu­nig­ter Puls, Schwit­zen, Schlaf­stö­run­gen, Unruhe, Span­nungs- sowie Angst­zu­stände. Ein fünf­tes Kri­te­rium ist die Tat­sa­che, dass wei­ter gespielt wird, obwohl es bereits zu Nach­tei­len für die Per­son kommt, bei­spiels­weise dass sich der Betrof­fene sozial iso­liert oder sei­ner Arbeits­tä­tig­keit nicht mehr adäquat nach­ge­hen kann. Beim Letzt­ge­nann­ten han­delt es sich laut Musa­lek um ein Spät­kri­te­rium. Es bezieht sich auf die völ­lige Ein­engung durch das Spie­len, wobei alle ande­ren Inter­es­sen in den Hin­ter­grund rücken und der Tag nur danach bewer­tet wird, ob gespielt wurde oder nicht. Neben den Abhän­gig­keits­kri­te­rien des ICD-10 wer­den in der Pra­xis laut Yazdi auch die Kri­te­rien des von der Ame­ri­ka­ni­schen Psych­ia­tri­schen Gesell­schaft (APA) her­aus­ge­ge­be­nen DSM‑5 (Dia­gnostic and Sta­tis­ti­cal Manual of Men­tal Dis­or­ders) ver­wen­det. Hier ist die Online-Spiel­sucht als Inter­net Gaming Dis­or­der im drit­ten Kapi­tel unter den Vor­schlä­gen für die zukünf­tige For­schung mit ins­ge­samt neun Kri­te­rien ange­führt. „Online-Gaming ist eine Domäne des jün­ge­ren Men­schen“, betont Musa­lek. Spe­zi­ell Per­sön­lich­keits­spiele wie bei­spiels­weise World of War­craft übten für junge Erwach­sene einen beson­de­ren Reiz aus, da sie in die­ser Art von Spie­len „eine eigene Per­sön­lich­keit in Form eines Ava­tars auf­bauen kön­nen“. Aber auch andere Online-Spiele wie Shoo­ter (vor allem Ego-Shoo­ter) sind sehr beliebt.

Zum Arzt gehen die Betrof­fe­nen meist nicht wegen der Such­ter­kran­kung, son­dern wegen ande­ren vor­der­grün­di­gen Beschwer­den wie Schlaf­stö­run­gen, Unruhe oder Angst­zu­stände, depres­sive Zustände sowie oft auch wegen kör­per­li­cher Erschei­nun­gen, dar­un­ter Herz-Kreis­lauf-Pro­bleme oder Tachy­kar­dien. Für den All­ge­mein­me­di­zi­ner ist es daher wich­tig, bei die­sen Sym­pto­men hell­hö­rig zu wer­den und das für den Betrof­fe­nen meist tabui­sierte Thema „offen, aber bedacht“ (Musa­lek) anzu­spre­chen. „Die Fil­ter­frage, ob jemand regel­mä­ßig Online-Spiele spielt und schon ein­mal ver­sucht hat, nicht zu spie­len und daran geschei­tert ist, bezieht sich auf das Kri­te­rium des Kon­troll­ver­lusts und kann auf eine Online-Spiel­sucht hin­deu­ten“, erklärt Musa­lek. Dar­auf­hin kön­nen wei­tere Kri­te­rien abge­fragt wer­den. Wenig Sinn mache hin­ge­gen die Frage nach der Häu­fig­keit des Online-Spiel­ver­hal­tens, da „die Anga­ben in der Regel sozial ver­träg­lich beschö­nigt wer­den“, so der Experte weiter.

Ein­zi­ges Hobby: Computerspiele?

Ebenso wie Musa­lek emp­fiehlt auch Yazdi, sich an den Dia­gno­se­kri­te­rien zu ori­en­tie­ren. „Es wäre sicher­lich von Vor­teil, sich die DSM‑5 Kri­te­rien für Inter­net Gaming Dis­or­der anzu­schauen, damit man ein Gefühl dafür bekommt, nach wel­chen Sym­pto­men gezielt gefragt wer­den kann“, meint Yazdi. Han­delt es sich bei dem Betrof­fe­nen um einen Jugend­li­chen, wer­den sich wahr­schein­lich eher die Eltern und nicht der Jugend­li­che selbst mit die­sem Pro­blem an einen Arzt wen­den. „Ein gesun­des Kind ist ein viel­fäl­ti­ges Kind und ein gesun­der 15-Jäh­ri­ger hat viele ver­schie­dene Hob­bys, viel­leicht auch Com­pu­ter­spiele, aber eben auch viele wei­tere Akti­vi­tä­ten wie bei­spiels­weise Fuß­ball spie­len, Musi­zie­ren oder Freunde tref­fen.“ Gleich­zei­tig bringt ein gesun­der Jugend­li­cher zumin­dest eine Mini­mal­leis­tung in der Schule, die ent­spre­chend sei­ner Ver­an­la­gung von ihm erwar­tet wer­den kann. Geht diese Viel­fäl­tig­keit ver­lo­ren und wer­den alle ande­ren Hob­bys und Inter­es­sen zuguns­ten der Com­pu­ter­spiele auf­ge­ge­ben, besteht laut Yazdi drin­gen­der Hand­lungs­be­darf. Wei­tere Warn­si­gnale sind ein deut­li­cher Abfall der Schul­leis­tung inner­halb eines Jah­res, der mit der Zunahme der Com­pu­ter­spiel­zeit kor­re­spon­diert, sowie ein gene­rel­ler Ver­lust der nor­ma­len, psy­cho­so­zia­len Funk­tio­na­li­tät in schu­li­scher bezie­hungs­weise bei Erwach­se­nen in beruf­li­cher Hin­sicht. Neben den Fra­gen nach der Viel­fäl­tig­keit und den Schul­leis­tun­gen des Jugend­li­chen emp­fiehlt es sich, wei­tere poten­ti­elle Sym­ptome anzu­spre­chen: etwa wenn nicht die Wahr­heit über das Aus­maß des Spie­lens gesagt wird oder der Jugend­li­che aggres­siv reagiert, wenn die Eltern das Spie­len ver­bie­ten. „Oft trauen sich die Eltern schon gar nicht mehr, ihren Kin­dern das Spie­len zu ver­bie­ten, weil diese dar­auf aggres­siv reagie­ren“, berich­tet Yazdi aus der Pra­xis. Er bezeich­net es als „durch­aus wich­tig und legi­tim“, Kin­der und Jugend­li­che hin und wie­der ein­zu­schrän­ken, wenn sie das selbst nicht tun kön­nen. Essen­ti­ell ist dabei laut dem Exper­ten ein wert­schät­zen­der Umgang mit dem Jugend­li­chen, indem die Eltern Ver­ständ­nis für sein Hobby äußern, ihm aber sach­lich und ratio­nal erklä­ren, dass die Zeit für Com­pu­ter­spiele begrenzt wer­den muss.

Bestä­tigt sich durch das ärzt­li­che Gespräch mit dem Betrof­fe­nen oder mit den Eltern der Ver­dacht auf eine Online-Such­ter­kran­kung, emp­feh­len beide Exper­ten die Über­wei­sung an eine ent­spre­chende Fach­stelle für Such­ter­kran­kun­gen. „Such­ter­kran­kun­gen sind immer sehr kom­plexe Gesche­hen, deren Behand­lung sehr zeit­auf­wän­dig ist und die meist mit diver­sen Komor­bi­di­tä­ten ein­her­ge­hen, die auch eine ent­spre­chende Behand­lung erfor­dern“, führt Musa­lek aus. Die häu­figs­ten Komor­bi­di­tä­ten sind Angst­stö­run­gen und Depres­sio­nen, wobei man heute davon aus­geht, dass die Such­ter­kran­kung selbst die Komor­bi­di­tät dar­stellt.

Ein­zel- und Gruppentherapie

Eine The­ra­pie ist nur mög­lich, wenn der Betrof­fene einer sol­chen zustimmt. „Nach einem Erst­ge­spräch mit dem Jugend­li­chen allein und gemein­sam mit sei­nen Eltern, laden wir ihn noch ein paar Mal zu Ein­zel­ge­sprä­chen ein. Lässt er sich dar­auf ein, kann er an einer zehn­wö­chi­gen ambu­lan­ten Grup­pen­the­ra­pie für junge Men­schen mit Inter­net­ab­hän­gig­keit teil­neh­men“, erklärt Yazdi die typi­sche Vor­gangs­weise. In den Mona­ten nach der Grup­pen­the­ra­pie fol­gen wei­tere Ein­zel­ge­sprä­che mit dem Jugend­li­chen und sei­nen Eltern, um die Wirk­sam­keit der Behand­lung zu erhe­ben und um die wei­tere Ent­wick­lung und Umset­zung im All­tag zu ver­fol­gen und – falls not­wen­dig – erneut Unter­stüt­zung zu bieten.

Neben der Grup­pen­the­ra­pie für Jugend­li­che wurde auch eine The­ra­pie­gruppe für Eltern von Online-süch­ti­gen Jugend­li­chen imple­men­tiert, da in den meis­ten betrof­fe­nen Fami­lien wei­tere Kon­flikte vor­han­den sind, die die Inter­net­sucht auf­recht­erhal­ten kön­nen. Bei die­ser The­ra­pie­gruppe han­delt es sich nicht um eine päd­ago­gi­sche Beratung.

Die Behand­lungs­pro­gnose für die Betrof­fe­nen bezeich­net Musa­lek als „her­vor­ra­gend“, wenn zwei Bedin­gun­gen erfüllt wer­den. Die erste Bedin­gung bezieht sich auf die The­ra­pie an sich, „wenn jemand über meh­rere Monate bis Jahre regel­mä­ßig in Behand­lung bleibt, wird in 80 Pro­zent der Fälle Sym­ptom­frei­heit erlangt so wie bei ande­ren Such­ter­kran­kun­gen“, weiß Sucht­ex­perte Musa­lek. Damit eine lang­fris­tige The­ra­pie über­haupt mög­lich ist, muss die zweite Bedin­gung erfüllt sein: Der Betrof­fene muss es schaf­fen, eine grund­le­gende Ver­än­de­rung der Lebens­ein­stel­lung vor­zu­neh­men, indem er neue Lebens­schwer­punkte setzt, die attrak­ti­ver sind als das Online-Spie­len. „Sind diese bei­den Bedin­gun­gen nicht erfüllt, sinkt die Erfolgs­rate auf zehn bis 15 Pro­zent“, resü­miert Musalek.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 1–2 /​25.01.2019