Stand­punkt Johan­nes Stein­hart: Ärzte ans Steuer

10.10.2019 | Aktu­el­les aus der ÖÄK

© Gregor Zeitler

Ich halte die Digi­ta­li­sie­rung in der moder­nen Medi­zin für eine der aktu­ell größ­ten Her­aus­for­de­run­gen für uns Ärz­tin­nen und Ärzte. Die häu­fig als e‑Medizin oder e‑Health bezeich­nete Kom­bi­na­tion aus Online-Behan­d­­lung und ‑Über­wa­chung mit dem Ein­satz Künst­li­cher Intel­li­genz (KI) in der Dia­gnose und The­ra­pie kann nicht nur das Gesund­heits­sys­tem, son­dern auch unsere Rolle als Ärz­tin­nen und Ärzte radi­kal ver­än­dern. Was wird es zum Bei­spiel für unsere Aus­bil­dung, unse­ren Arbeits­all­tag und unser Hono­rar­sys­tem bedeu­ten, soll­ten wir eines Tages tat­säch­lich in ers­ter Linie KI-gestützte Dia­­gnose- und The­ra­pie­pro­gramme beglei­ten und nur not­falls ein­grei­fen, wenn etwas offen­sicht­lich schiefgeht?

Meine Über­zeu­gung: E‑Health kann Ärzte-unter­­stü­t­­zend Vor­teile brin­gen, Ärzte-erset­­zend wäre sie ein unver­ant­wort­ba­rer Schritt Rich­tung Dehu­ma­ni­sie­rung in der Pati­en­ten­be­treu­ung. Hier müs­sen wir Ärzte also steu­ern bzw. gegensteuern.

Das gilt im Gro­ßen wie im Klei­nen. Auf öster­rei­chi­scher Ebene bedeu­tet das, die diver­sen von Regie­run­gen und Sozi­al­ver­si­che­run­gen geplan­ten e‑Projekte so wei­ter zu ent­wi­ckeln, dass sie sich für Pati­en­ten und Ärzte als zwei­fels­frei nütz­lich erwei­sen. Bei einer Kuri­en­klau­sur in Salz­burg zum Thema e‑Health – wei­tere wer­den fol­gen – kamen im Sep­tem­ber die Teil­neh­mer zum Ergeb­nis, dass der Nut­zen der bestehen­den bzw. vor­be­rei­te­ten ELGA & Co-Pro­­­jekte aus Ärz­te­sicht bei jeweils maximal 10 Pro­zent liegt. So eine Schief­lage kann nur ent­ste­hen, wenn poli­ti­sche Vor­ga­ben ohne aus­rei­chende Ein­be­zie­hung der Ärz­te­schaft von IT-Exper­­ten digi­ta­li­siert wer­den. Ich for­dere also ein­mal mehr in aller Ein­deu­tig­keit, dass wir sol­che Pro­jekte von A bis Z beglei­ten müs­sen und bei Fehl­ent­wick­lun­gen ein Veto­recht haben. Digi­ta­li­sie­rung und Ver­net­zung kann etwas Sinn­vol­les sein, wenn man es rich­tig macht. Hier ist die ärzt­li­che Exper­tise alternativenlos.

Die Not­wen­dig­keit gegen­zu­steu­ern gilt aber auch auf glo­ba­ler Ebene. Heute drän­gen IT-Kon­­zerne mit immensem Invest­ment und Mar­ke­ting­bud­get in den ste­tig wach­sen­den Gesund­heits­markt. Wie kon­se­quent sie dabei auf Lan­des­ebene vor­ge­hen, kann man bei jeder ein­schlä­gi­gen Ver­an­stal­tung beob­ach­ten. Wir Ärzte müs­sen also sehr dar­auf ach­ten, sol­che Ent­wick­lun­gen im Rah­men unse­rer Mög­lich­kei­ten mit­zu­steu­ern, the­ma­ti­sche Pflö­cke ein­schla­gen und rote Linien mar­kie­ren. Sonst ris­kie­ren wir, dass Gesund­heit völ­lig einem glo­ba­len Markt unter­ge­ord­net wird und wir unter die Räder sol­cher pro­ble­ma­ti­schen Ent­wick­lun­gen kommen.

Wir haben des­halb, das kann ich Ihnen ver­spre­chen, das Thema e‑Health ganz oben auf unse­rer stan­des­po­li­ti­schen Agenda.

Dr. Johan­nes Steinhart
Vize-Prä­­si­­dent der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 19 /​10.10.2019