Stand­punkt Her­wig Lind­ner: „Keine Zeit zum Reflektieren“

15.08.2019 | Aktu­el­les aus der ÖÄK

© Bernhard Noll

Immer häu­fi­ger hört man die­sen Satz von Ärz­ten. Nacht­dienste, Über­stun­den, Not­fälle und stän­dig auf Abruf; der Beruf zehrt. In der Frei­zeit ver­sucht man, die weni­ger schö­nen Berufs-Momente hin­ter sich zu las­sen und neue Ener­gie zu sam­meln. Da bleibt nicht viel Zeit, um sich mit moral­phi­lo­so­phi­schen Fra­gen aus­ein­an­der­zu­set­zen. Im Arzt­be­ruf spielt Ethik eine wich­tige Rolle. Ethik ist das, was uns rich­tig oder falsch unter­schei­den lässt; was wir mit unse­rem Gewis­sen ver­ei­nen kön­nen. Es geht um sub­jek­tive Gren­zen, die wir mit gesell­schaft­li­chen Nor­men abgleichen.

Gerade bei der Behand­lung von Men­schen am Lebens­ende sind Ärzte in ihren Ent­schei­dun­gen auf ein sta­bi­les ethi­sches Fun­da­ment ange­wie­sen. Auch, weil der Abgleich mit Nor­men nicht immer gelingt. Nor­men ver­schie­ben sich und kön­nen auch von Gerich­ten ver­scho­ben wer­den. Aktu­ell ent­schei­det das deut­sche Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt über eine Klage gegen das Ver­bot der geschäfts­mä­ßi­gen För­de­rung der Selbsttötung.

Wäh­rend des Medi­zin­stu­di­ums wird Ethik zwar gelehrt. Wie not­wen­dig die­ser Unter­bau ist, ist einem aber noch nicht bewusst. Nach dem Stu­dium star­tet man moti­viert mit der Arzt­aus­bil­dung, die Aus­ein­an­der­set­zung mit ethi­schen The­men tritt im Berufs­all­tag oft zurück.

Neben Arbeits­be­las­tung und Ver­ant­wor­tung sind im Arzt­be­ruf ethi­sche Fra­gen in Grenz­si­tua­tio­nen eine zusätz­li­che psy­chi­sche Her­aus­for­de­rung. Man möchte das Wohl der Pati­en­ten, sie hei­len und wenn das nicht mehr mög­lich ist, ihr Leid nicht unnö­tig ver­län­gern. Doch nicht jeder ist dar­auf vor­be­rei­tet und kann damit gut umgehen.

Hinzu kommt, dass Spi­tals­be­trei­ber meist nicht wahr­neh­men, wie viel indi­vi­du­el­ler Ein­satz im Umgang mit Pati­en­ten geleis­tet wird, wie viele per­sön­li­che Res­sour­cen auf­ge­wen­det wer­den. Auch Ärzte brau­chen Zeit zum Reflek­tie­ren, indi­vi­du­ell oder in Form von Super­vi­sion, wie sie in vie­len
Sozi­al­be­ru­fen vor­ge­schrie­ben ist. Die Medi­zin in Spi­tä­lern darf nicht unter die Räder der Indus­tria­li­sie­rung kom­men. Huma­nis­mus ist keine Mas­sen­ware. Bei stei­gen­den Fall­zah­len und zuneh­men­der Arbeits­ver­dich­tung bleibt oft zu wenig Zeit für die Ent­wick­lung der indi­vi­du­el­len Ethik und ange­wand­ten Ethik. Dabei sollte gerade im Umgang mit Men­schen Qua­li­tät vor Quan­ti­tät kommen.

Wir müs­sen acht­sam mit unse­ren per­sön­li­chen Res­sour­cen sein und uns die Zeit neh­men, über ethi­sche Fra­gen in Ruhe nach­zu­den­ken, um zum Wohl unse­rer Pati­en­ten die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Spi­tals­trä­ger, denen Qua­li­tät wich­tig ist, müs­sen die Rah­men­be­din­gun­gen dazu schaffen.

Dr. Her­wig Lind­ner
Vize-Prä­­si­­dent der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 15–16 /​15.08.2019