Schul­ärzte: Gutes Vertrauensverhältnis

25.10.2019 | Aktu­el­les aus der ÖÄK


Schul­ärzte: Gutes Vertrauensverhältnis

Gud­run Weber vom ÖÄK-Refe­­rat für Schul­ärzte spricht im Inter­view über Stär­ken und Schwä­chen im Schul­arzt­sys­tem in Österreich.
Sophie Nie­denzu

Wieso sind Schul­ärzte so wich­tig? Schul­ärzte sind Ansprech­per­so­nen für diverse Fra­gen, die die Gesund­heit und den Lebens­stil betref­fen. Sie sind ergän­zend zu Leh­re­rin­nen und Leh­rern wich­tige neu­trale Ver­mitt­ler in den Schu­len und kön­nen bera­tend zur Seite ste­hen. Damit hel­fen sie mit, Kin­dern, vor allem den­je­ni­gen mit gesund­heit­li­chen Defi­zi­ten, einen mög­lichst rei­bungs­lo­sen Schul­be­such und Schul­erfolg zu ermög­li­chen. Der Vor­teil: Schul­ärzte erfas­sen aus­nahms­los alle Kin­der und kön­nen not­wen­dige Schritte in der gesund­heit­li­chen Ver­sor­gung den Erzie­hungs­be­rech­tig­ten kom­mu­ni­zie­ren. Für ältere Kin­der und Jugend­li­che bie­ten Schul­ärzte einen nie­der­schwel­li­gen Zugang zu einer Ärz­tin oder einem Arzt. Sie kön­nen sich einen Rat holen, ohne ihre Eltern ein­be­zie­hen zu müssen. 

Worin bestehen die Schwä­chen im der­zei­ti­gen Sys­tem? Die Schwä­chen lie­gen der­zeit in der Viel­falt der schul­ärzt­li­chen Ver­sor­gung, vor allem im Pflicht­schul­sys­tem, für das die Län­der und Gemein­den zustän­dig sind. Man­cher­orts feh­len Kol­le­gin­nen oder Kol­le­gen, weil die Bezah­lung und die Arbeits­be­din­gun­gen lei­der oft schlecht sind. Wäh­rend sich das Schul­arzt­sys­tem in den Bun­des­schu­len bewährt und posi­tiv wei­ter­ent­wi­ckelt hat, hapert es bei Pflicht­schul­ärz­ten. Bun­des­schul­ärzte wer­den öster­reich­weit ein­heit­lich unter Ver­trag genom­men und nach einem bestimm­ten Schü­ler­schlüs­sel ent­lohnt. Bei Pflicht­schu­len ist die Lage anders: In Wien bei­spiels­weise wer­den Pflicht­schul­ärzte von der MA 15 ange­stellt und auch nach einem Schü­ler­schlüs­sel ent­lohnt. Sie haben bei­spiels­weise das Imp­fen auch im Ver­trag ver­an­kert. In den ande­ren Bun­des­län­dern ist es sehr unter­schied­lich, hier wer­den Schul­ärzte auch mit Werk­ver­trä­gen ange­stellt oder nach Anzahl der Unter­su­chun­gen bezahlt. In den Pri­vat­schu­len gel­ten auch unter­schied­li­che Ver­ein­ba­run­gen mit den Schulträgern.

Wie müsste eine Reform aus­se­hen, um das Schu­l­ärzte-Sys­­tem bes­ser zu eta­blie­ren? Die Reform müsste grund­sätz­lich im Pflicht­schul­sys­tem anset­zen und ähn­lich dem Bun­des­schul­arzt­sys­tem orga­ni­siert sein. Die Details wären noch zu ver­han­deln, es gibt ja auch gute Modell­re­gio­nen dafür, in denen es funk­tio­niert, nur lei­der nicht überall.

Sie sind seit Jah­ren Refe­ren­tin für das Schu­l­ärzte-Refe­­rat der ÖÄK. Wenn Sie nun zurück­bli­cken: Wie lau­tet Ihr Resü­mee? In mei­ner Zeit als aktive Schul­ärz­tin im Bund und dann als Schul­ärz­te­re­fe­ren­tin habe ich fest­ge­stellt, dass die Bereit­schaft vie­ler Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen gestie­gen ist, sich für diese Tätig­keit spe­zi­ell fort­zu­bil­den – Stich­wort ÖÄK-Schu­l­­arz­t­­di­­plom – und sich auch in den Schu­len ins Tages­ge­sche­hen ein­zu­brin­gen. Die Prä­senz in den Schu­len wird auch von Pro­fes­so­ren und Direk­to­ren und den Eltern sehr geschätzt. Das Anfor­de­rungs­pro­fil hat sich auch stark ver­än­dert. Rei­hen­un­ter­su­chun­gen sind zwar immer noch wich­tig, um einen ers­ten Zugang zu einem Kind, einem Jugend­li­chen zu fin­den, tre­ten aber zuguns­ten von einer Viel­zahl ande­rer Bera­tungs­ge­sprä­che ver­mehrt in den Hin­ter­grund. Schu­len haben so viele Auf­ga­ben dazu­be­kom­men, dass gerade bei chro­nisch kran­ken Kin­dern, vor­zei­ti­ger Ein­schu­lung oder Rück­stel­lung, Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten, Teil­leis­tungs­schwä­che oder Inte­gra­ti­ons­klas­sen die Exper­tise eines Schul­arz­tes sehr gefragt ist. Wir geben keine Noten, haben ein hohes Fach­wis­sen und genie­ßen ein gro­ßes Ver­trau­ens­ver­hält­nis auf­grund der Ver­schwie­gen­heits­pflicht. Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen aus dem Aus­land benei­den uns für das Schul­ärz­te­sys­tem in Österreich.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 20 /​25.10.2019