Neue Studie/​Gesundheitsausgaben in Öster­reich: Kas­sen­me­di­zin stärken

25.10.2019 | Aktu­el­les aus der ÖÄK


Die Spi­tä­ler in Öster­reich machen einen gro­ßen Teil der Gesund­heits­aus­ga­ben aus. Ein Aus­bau
des nie­der­ge­las­se­nen Bereichs ist nicht nur kos­ten­ef­fi­zi­en­ter, son­dern ent­las­tet zudem die über­füll­ten Spi­tä­ler.

Sophie Nie­denzu

Eine neue Stu­die des IGES Insti­tuts und des For­schungs­in­sti­tuts für Freie Berufe beschäf­tigt sich mit den Gesund­heits­aus­ga­ben in Öster­reich, Deutsch­land und der Schweiz. Die Ergeb­nisse bestä­tig­ten lang­jäh­rige War­nun­gen der Öster­rei­chi­schen Ärz­te­kam­mer (ÖÄK). Im Drei­län­der­ver­gleich fällt Öster­reich mit Gesund­heits­aus­ga­ben von 10,33 Pro­zent des BIP gegen­über Deutsch­land (11,23 Pro­zent) und der Schweiz (12,18 Pro­zent) zurück. Erst jüngst hat die ÖÄK von der zukünf­ti­gen Regie­rung unter ande­rem ein­ge­for­dert, die Gesund­heits­aus­ga­ben mit­tel­fris­tig auf zwölf Pro­zent zu erhö­hen. Außer­dem bestä­tigt die Stu­die zwei wei­tere Pro­blem­fel­der in der Gesund­heits­po­li­tik: Es gibt zu wenig Ärzte in Öster­reich, und das sowohl im nie­der­ge­las­se­nen Bereich als auch in den Spi­tä­lern. Hinzu kommt, dass sich der pro­gnos­ti­zierte Ärz­te­man­gel durch die kom­mende Pen­sio­nie­rungs­welle ver­schär­fen wird.

Johan­nes Stein­hart, ÖÄK-Vize­­­prä­­si­­dent und Obmann der Bun­des­ku­rie nie­der­ge­las­sene Ärzte zeigt sich erfreut über die Ergeb­nisse die­ser Stu­die, die einen nüch­ter­nen und sach­li­chen Ver­gleich zwi­schen Öster­reich und den Nach­bar­län­dern ziehe: „Wir brau­chen drin­gend sol­che prä­zi­sen und belast­ba­ren Zah­len als Grund­lage für sinn­volle gesund­heits­po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen. Hier appel­liere ich auch an die künf­tige Bun­des­re­gie­rung, sich in der Gesund­heits­po­li­tik von seriö­sen Zah­len und Fak­ten lei­ten zu las­sen, und nicht von Vor­ur­tei­len und Ideo­lo­gien.“ Denn eine ver­ant­wor­tungs­volle Gesund­heits­po­li­tik muss in ers­ter Linie lang­fris­tig geplant sein und pati­en­ten­zen­triert han­deln – unab­hän­gig von Par­tei­po­li­tik und Wahlkampfzeiten. 

Sehr oft werde die OCED-Sta­­tis­­tik für gesund­heits­po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen her­an­ge­zo­gen. Diese Daten seien aber mit Vor­sicht zu genie­ßen. So werde in der Berech­nung über­se­hen, dass in Öster­reich viele Ärzte teil­zeit­be­schäf­tigt sind; hinzu kommt, dass Öster­reich die Ärzte in Aus­bil­dung mel­det, andere Län­der wie Frank­reich, Luxem­burg oder Bel­gien hin­ge­gen nicht. Damit ist die Zah­len­ba­sis inho­mo­gen und ein trag­fä­hi­ger inter­na­tio­na­ler Ver­gleich nicht mög­lich. Con­clu­sio aus der OECD-Sta­­tis­­tik sei die Fehl­ein­schät­zung, in Öster­reich bestünde kein Ärz­te­man­gel, son­dern ein Ver­tei­lungs­pro­blem. „Die­ser Irr­tum ist eine der Ursa­chen von vie­len gesun­d­heits- und bil­dungs­po­li­ti­schen Ver­säum­nis­sen der ver­gan­ge­nen Jahr­zehnte,“ sagt Steinhart.

Die Ärz­te­sta­tis­tik zeigt eines: Aktu­ell sind 37,9 Pro­zent aller Ärzte in Öster­reich zwi­schen 56 und 58 Jahre alt. In abso­lu­ten Zah­len heißt das: 14.449 Ärzte wer­den spä­tes­tens in zehn Jah­ren das Pen­si­ons­al­ter erreicht haben. Jedes Jahr gehen Ärzte in den wohl­ver­dien­ten Ruhe­stand und bereits jetzt kön­nen diese Stel­len bei wei­tem nicht mit jun­gen Ärz­ten nach­be­setzt wer­den, da die Ent­wick­lung der Ärz­te­zah­len ins­ge­samt deut­lich rück­läu­fig ist. Das selbe Sze­na­rio zeich­net sich noch gra­vie­ren­der bei den nie­der­ge­las­se­nen Ärz­ten ab. Wie die ÖÄK zuletzt in ihrem For­de­rungs­ka­ta­log an die zukünf­tige Regie­rung betont hat, ist es not­wen­dig, den nie­der­ge­las­se­nen Bereich aus­zu­bauen, um die Spi­tä­ler in Öster­reich end­lich zu ent­las­ten. Die Rea­li­tät sieht momen­tan düs­ter aus: In zehn Jah­ren wird fast jeder zweite nie­der­ge­las­sene Arzt in Pen­sion sein. Der mit­tel­fris­tige Nach­be­set­zungs­be­darf auf Basis die­ser Zah­len liege bei 1.450 Ärz­ten jähr­lich. Damit ließe sich der Sta­tus quo auch in zehn Jah­ren auf­recht­erhal­ten. Kom­pen­siert wer­den damit aller­dings nur pen­si­ons­be­dingte Abgänge. 

Sti­pen­dien gegen den Ärztemangel

An den öster­rei­chi­schen Uni­ver­si­tä­ten gibt es jähr­lich etwa 1.400 Medi­­­zin-Absol­­ven­­ten. Davon arbei­ten spä­ter dann nur 60 Pro­zent in Öster­reich als Ärzte. Das sind in etwa 840 Absol­ven­ten pro Jahr, also über 600 zu wenig. Um die­sen Man­gel abfan­gen zu kön­nen, müs­sen die Bedin­gun­gen in den hei­mi­schen Spi­tä­lern und im nie­der­ge­las­se­nen Bereich deut­lich ver­bes­sert werden.

Das beginnt bei einer guten Arzt­aus­bil­dung, dem Aus­bau der Basis­aus­bil­dungs­stel­len, der Auf­wer­tung der Aus­bild­ner sowie vor­han­de­nen Aus­bil­dungs­ko­or­di­na­to­ren in allen Kran­ken­häu­sern. Wich­tig ist auch, die All­ge­mein­me­di­zin in Spi­tä­lern struk­tu­rell zu verankern. 

Rezepte gegen den Ärz­te­man­gel gibt es genü­gend. In der Schweiz und in Deutsch­land wer­den etwa Sti­pen­dien ver­ge­ben, wenn sich der Stu­die­rende ver­pflich­tet, nach Abschluss des Stu­di­ums einige Jahre in einer bestimm­ten Region oder einem Spi­tal zu arbei­ten. Ein Modell, das etwa schon in Nie­der­ös­ter­reich Nach­ah­mung fand: ein Kre­dit­zu­schuss für Stu­die­rende an der Uni­ver­si­tät Krems, ver­bun­den mit der Ver­pflich­tung, nach Stu­di­en­ende in einer Kran­ken­an­stalt des Lan­des Nie­der­ös­ter­reich oder als nie­der­ge­las­se­ner Arzt für die Dauer der Kre­dit­rück­zah­lung in Nie­der­ös­ter­reich tätig zu sein. Das sind jedoch nur kurz­fris­tige Maß­nah­men, um die Sym­ptome des Ärz­te­man­gels zu bekämpfen.

Aus­bau des Leistungsspektrums

Wich­tig ist, die Rah­men­be­din­gun­gen für eine ärzt­li­che Tätig­keit in Öster­reich so attrak­tiv zu gestal­ten, dass Jung­ärzte nicht mehr abwan­dern. Hier geht es nicht nur um ent­spre­chende Hono­rare, son­dern auch um fle­xi­ble Ver­träge und Arbeits­be­din­gun­gen, die den jewei­li­gen indi­vi­du­el­len Vor­stel­lun­gen ent­spre­chen. Der Trend zur Grup­pen­pra­xis, sowohl inner­halb eines Fachs als auch fächer­über­grei­fend, ist hier unüber­seh­bar und auch für die Ver­sor­gung der Zukunft beson­ders wich­tig. Es ist auch im Hin­blick auf den inter­na­tio­na­len Wett­be­werb not­wen­dig, dass Öster­reich seine Augen nicht ver­schließt und sich den Bedürf­nis­sen und Lebens­rea­li­tä­ten der jun­gen Ärzte anpasst. Nur wenn ent­spre­chend attrak­tive und fle­xi­ble Ange­bote vor­lie­gen, wer­den Ärzte sich auch tat­säch­lich dazu ent­schlie­ßen, in Öster­reich ärzt­lich tätig zu sein. Fatal hin­ge­gen wäre es, würde Öster­reich hin­ter das Niveau ande­rer Län­der zurückfallen.

Die Ergeb­nisse der Unter­su­chung von IGES und dem For­schungs­in­sti­tut für Freie Berufe zei­gen mehr als deut­lich, dass der nie­der­ge­las­sene Ver­sor­gungs­be­reich in Öster­reich beson­ders stark hin­ter den Kran­ken­haus­be­reich zurück­fällt. Eine kos­ten­ef­fi­zi­en­tere Lösung wäre, mehr Leis­tun­gen im nie­der­ge­las­se­nen Bereich anzu­bie­ten. Das bedeu­tet aller­dings auch, ent­spre­chende Res­sour­cen in die Hand zu neh­men. 1.300 zusätz­li­che Kas­sen­arzt­stel­len sind not­wen­dig, um die Kran­ken­häu­ser tat­säch­lich ver­sor­gungs­wirk­sam zu ent­las­ten und die Kos­ten damit auch dau­er­haft zu sen­ken. Tat­sa­che ist, dass einige Leis­tun­gen, die der­zeit in Spi­tä­lern erbracht wer­den, von nie­der­ge­las­se­nen Ärz­ten über­nom­men wer­den könn­ten. Hier müss­ten die ent­spre­chen­den Rah­men­be­din­gun­gen geschaf­fen wer­den. Die ÖÄK for­dert daher unter ande­rem eine Hono­rie­rung von ambu­lan­ten Ope­ra­tio­nen in der Ordination. 

Ziel müsse sein, eine pati­en­ten­freund­li­che, wohn­ort­nahe Ver­sor­gung durch genü­gend Arzt­pra­xen zu ermög­li­chen, deren Aus­bau des Leis­tungs­spek­trums in der Kas­sen­me­di­zin auch finan­zi­ell gedeckt ist. Nur wenn der nie­der­ge­las­sene Bereich mas­siv aus­ge­baut wird, wer­den Pati­en­ten anstatt die Ambu­lanz auf­zu­su­chen in die Pra­xis gehen. „Die Poli­tik ist gefor­dert, die Bedin­gun­gen für junge Ärzte in Öster­reich tat­säch­lich zu ver­bes­sern“, for­dert Stein­hart abschließend.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 20 /​25.10.2019