Akti­ons­plan Adi­po­si­tas: Zeit für Bewegung

15.08.2019 | Aktu­el­les aus der ÖÄK


Damit die WHO-Vor­­­ga­­ben gegen krank­haf­tes Über­ge­wicht im Kin­­des- und Jugend­al­ter noch erreicht wer­den kön­nen, ergreift die Ärz­te­schaft die Initia­tive und prä­sen­tierte mit Ernäh­rungs­me­di­zi­nern den „Akti­ons­plan Adi­po­si­tas“.

Sascha Bunda

„Das Mas­sen­phä­no­men krank­haf­tes Über­ge­wicht ist eine gesund­heit­li­che, gesund­heits­po­li­ti­sche und gesund­heits­öko­no­mi­sche Zeit­bombe“, fand Johan­nes Stein­hart, Obmann der Bun­des­ku­rie nie­der­ge­las­sene Ärzte und Vize­prä­si­dent der ÖÄK, dras­ti­sche Worte. In der Tat, es drängt die Zeit: Die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion WHO for­dert in ihrem „Euro­päi­schen Akti­ons­plan Nah­rung und Ernäh­rung“ auch von der öster­rei­chi­schen Bun­des­re­gie­rung bis 2020 Kon­zepte gegen Adi­po­si­tas. Damit end­lich Bewe­gung in die The­ma­tik kommt, geht die Ärz­te­schaft in die Offen­sive: Gemein­sam mit Ernäh­rungs­me­di­zi­nern der Med­Uni Wien wurde ein Bün­del von stra­te­gi­schen Maß­nah­men und gesund­heits­po­li­ti­schen For­de­run­gen erar­bei­tet, der „Akti­ons­plan Adi­po­si­tas“. „Unser Ziel ist des­sen zügige poli­ti­sche Umset­zung, um durch wirk­same Prä­ven­ti­ons­maß­nah­men die Aus­brei­tung von Adi­po­si­tas ein­zu­däm­men“, so Steinhart. 

Die Lage ist ernst: Herz-Kreis­lauf-Erkran­­kun­­­gen, Dia­be­tes, Krebs und Atem­wegs­er­kran­kun­gen ver­ur­sa­chen heute in Europa bereits 77 Pro­zent der Krank­heits­last und 86 Pro­zent der vor­zei­ti­gen Sterb­lich­keit. „Füh­rende Risi­ko­fak­to­ren sind ein über­höh­tes Kör­per­ge­wicht sowie der über­mä­ßige Ver­zehr von kalo­rien­rei­cher Nah­rung, gesät­tig­ten Fet­ten, Trans­fett­säu­ren, Zucker und Salz bei zu gerin­gem Kon­sum von Obst, Gemüse und Voll­korn­pro­duk­ten“, so Kurt Wid­halm, Kin­der­arzt und Prä­si­dent des Öster­rei­chi­schen Aka­de­mi­schen Insti­tuts für Ernäh­rungs­me­di­zin. In euro­päi­schen Län­dern ist nach WHO-Anga­­ben bereits jedes dritte Kind in der Alters­gruppe sechs bis neun Jahre adi­pös. Wid­halm: „Es wird davon aus­ge­gan­gen, dass sich die Zahl adi­pö­ser Kin­der bis zum Jahr 2025 ver­dop­peln wird.“

„Um den Vor­ga­ben der WHO zu ent­spre­chen zu kön­nen, emp­feh­len wir eine Reihe von Sofort­maß­nah­men“, sagt Stein­hart. Zen­tral sei die Grün­dung eines klei­nen und kurz­fris­tig ent­schei­dungs­fä­hi­gen ernäh­rungs­me­di­zi­ni­schen Exper­ten­boards, bestehend aus öster­rei­chi­schen und inter­na­tio­na­len Exper­ten unter wis­sen­schaft­li­cher Betei­li­gung der Med­Uni Wien, unab­hän­gig von Par­­tei- und Industrieinteressen.

„Zahl­rei­che Vor­aus­set­zun­gen für ein erfolg­rei­ches Vor­ge­hen wur­den bereits geschaf­fen“, so der ÖÄK-Vize­­­prä­­si­­dent – etwa von der Ärz­te­kam­mer fer­tig aus­ge­ar­bei­tete Jugend­ge­sund­heits­pass. Zudem müss­ten die Gesund­heits­da­ten, die Öster­reichs Schul­ärzte erhe­ben, end­lich kon­se­quent aus­ge­wer­tet wer­den, for­dert Ernäh­rungs­me­di­zi­ner Wid­halm. Auch die Exper­tise der etwa 1.600 Ärz­tin­nen und Ärzte, die in Öster­reich das ÖÄK-Diplom für Ernäh­rungs­me­di­zin besit­zen, sei zum Errei­chen der WHO-Vor­­­ga­­ben unver­zicht­bar. Geklärt wer­den müsse, so Stein­hart, noch „die Hono­rie­rung sol­cher Leis­tun­gen, weil diese im Hono­rar­ka­ta­log von Kas­sen­ver­trags­ärz­ten nicht berück­sich­tigt sind.“

Die Finan­zie­rung der Maß­nah­men könne über die Alko­hol- und Tabak­steuer erfol­gen, sagt Stein­hart. Bei Prä­ven­tion (2017 nur 2,1 Pro­zent der Gesund­heits­aus­ga­ben) gebe es „noch sehr viel Luft nach oben“. „Das ist auch unsere sehr klare Bot­schaft an die Ver­ant­wort­li­chen der in Grün­dung befind­li­chen Öster­rei­chi­schen Gesund­heits­kasse“, sagt Stein­hart: „Prä­ven­tion und recht­zei­tige Inter­ven­tion bei krank­haf­tem Über­ge­wicht im Kin­­der- und Jugend­al­ter sind Para­de­bei­spiele für sinn­volle Inves­ti­tio­nen in Gesund­heit und die Ver­mei­dung von Folgekrankheiten.“

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 15–16 /​15.08.2019