Ärzt­li­che Gesund­heit: Bren­nen, nicht ausbrennen

25.06.2019 | Aktuelles aus der ÖÄK, Arbeitsmedizin


Leis­tungs­stark, lei­den­schaft­lich – aber nicht unver­wund­bar: Auch Spi­tals­ärzte müs­sen auf ihre Gesund­heit ach­ten. Wel­che Maß­nah­men hel­fen, ein gesund­heits­för­dern­des Arbeits­um­feld zu schaf­fen
.
Sophie Nie­denzu

Es ist noch nicht allzu lange her, als der Welt­ärz­te­bund beschloss, einen wesent­li­chen medi­zi­ni­schen Aspekt in die über­ar­bei­tete Fas­sung des Gen­fer Gelöb­nis­ses zu inte­grie­ren. Der zusätz­li­che Satz betrifft die Gesund­heit der Ärzte: „Ich werde auf meine eigene Gesund­heit, mein Wohl­erge­hen und meine Fähig­kei­ten ach­ten, um eine Behand­lung auf höchs­tem Niveau leis­ten zu kön­nen.“ Das Bewusst­sein für die eigene Gesund­heit soll damit unter Ärz­ten ver­stärkt werden.

Mit dem Wohl­be­fin­den und der Gesund­heit von Medi­zi­nern hat sich auch der Gesund­heits­psy­cho­loge Ste­fan Höfer von der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Inns­bruck gemein­sam mit dem Arbeits- und Orga­ni­sa­ti­ons­psy­cho­lo­gen Tho­mas Höge von der Uni­ver­si­tät Inns­bruck kürz­lich befasst. Vor dem Hin­ter­grund der ver­ant­wor­tungs­vol­len Tätig­keit und des Arbeits­drucks in Spi­tä­lern hatte die Stu­die das Ziel, Kri­te­rien für ein gesund­heits­för­dern­des Arbeits­um­feld zu defi­nie­ren. Dazu haben For­scher Medi­zin­stu­die­rende im ers­ten Semes­ter, KPJ-Stu­die­rende und Ärzte in Aus­bil­dung sowie Fach­ärzte mit Inter­views und Beob­ach­tun­gen im Spi­tal zwi­schen ein­ein­halb und vier Jahre lang beglei­tet. Das Ergeb­nis: Wert­schät­zung von Vor­ge­setz­ten und Kol­le­gen, trans­pa­rente Kom­mu­ni­ka­tion, Feh­ler­kul­tur und Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten sind rele­vante Fak­to­ren für das Wohl­be­fin­den und die Gesund­heit jun­ger Ärzte, ebenso wich­tig sind den Bedürf­nis­sen ent­ge­gen­kom­mende Arbeitszeiten.

Die in der Stu­die genann­ten Fak­to­ren spie­geln sich auch in der von der Öster­rei­chi­schen Ärz­te­kam­mer regel­mä­ßig durch­ge­führ­ten Eva­lu­ie­rung der Aus­bil­dungs­qua­li­tät wider: „Jene Abtei­lun­gen, die ihren Ärz­ten in Aus­bil­dung sehr früh die Pati­en­ten­be­treu­ung unter Super­vi­sion ermög­li­chen, die eine Team­ar­beit in den Vor­der­grund stel­len und sich Zeit für Feed­back­ge­sprä­che neh­men, schnei­den erfah­rungs­ge­mäß am bes­ten ab“, sagt Harald Mayer, ÖÄK-Vize­prä­si­dent und Bun­des­ku­ri­en­ob­mann der ange­stell­ten Ärzte. Ein ange­neh­mes Arbeits­klima erhöht neben Zufrie­den­heit und Aus­bil­dungs­qua­li­tät für Jung­ärzte auch die medi­zi­ni­sche Leis­tung: „Die Gesund­heit unse­rer Spi­tals­ärzte ist eine not­wen­dige Vor­aus­set­zung für die best­mög­li­che Pati­en­ten­ver­sor­gung in unse­ren Kran­ken­häu­sern“, betont Mayer. Dazu gehöre auch, dass die der­zeit gül­ti­gen Bestim­mun­gen des Kran­ken­an­stal­ten-Arbeits­zeit­ge­set­zes (KA-AZG), wie etwa die Ruhe­zei­ten, ein­ge­hal­ten werden. 

Prä­ven­tion von Burnout

Wer Gesund­heit und Wohl­be­fin­den för­dert, hilft nicht zuletzt bei der effek­ti­ven Prä­ven­tion von Bur­nout bei Medi­zi­nern. Ärzte fal­len näm­lich dies­be­züg­lich in die Hoch­ri­siko-Gruppe, schil­dert der Psych­ia­ter und Vize-Prä­si­dent der stei­ri­schen Ärz­te­kam­mer, Diet­mar Bayer. Ärzte in Aus­bil­dung seien stär­ker gefähr­det, da es hier darum ginge, sich auf der Kar­rie­re­lei­ter zu posi­tio­nie­ren. All­ge­mein hät­ten Daten einer ÖÄK-Erhe­bung gezeigt, dass der Erho­lungs-Bean­spru­chungs-Zustand unter ange­stell­ten Ärz­ten über dem Durch­schnitt in der öster­rei­chi­schen Bevöl­ke­rung liegt. „Ärzte sind ver­gleichs­weise häu­fi­ger von Bur­nout betrof­fen, etwa 30 Pro­zent befin­den sich in Phase II oder Phase III“, sagt Bayer. Phase II ist geprägt durch ein Abstump­fen gegen­über pri­va­ten Inter­es­sen und Bezie­hun­gen sowie Hilf­lo­sig­keit und kör­per­li­che Beschwer­den, Phase III gilt als behandlungswürdig.

Zuletzt prä­sen­tierte Michael Musa­lek, ärzt­li­cher Lei­ter des Anton Proksch Insti­tuts, im Rah­men der öster­rei­chi­schen Ärz­te­tage kon­krete Zah­len einer reprä­sen­ta­ti­ven Umfrage unter rund 1.000 Erwach­se­nen in Öster­reich. Laut die­ser befan­den sich 25 Pro­zent der Befrag­ten in Phase II oder III. Das Über­gangs­sta­dium (Phase II), werde laut Musa­lek zwar erkannt, aber mit einer völ­li­gen Zen­trie­rung auf die Arbeit beant­wor­tet. Das Hoch­fah­ren aller emo­tio­na­len und phy­si­schen Sys­teme führe zu einer Hyper­to­nie und ande­ren kör­per­li­chen Sym­pto­men, aber auch zur sozia­len Iso­la­tion. Eine völ­lige Erschöp­fung mani­fes­tiere sich schließ­lich im Zusam­men­bruch der Über­ak­ti­vie­rung im Sta­dium III. Diese Ent­wick­lung könne man nicht simu­lie­ren: „Es gibt kei­nen Burn-out zwi­schen 10.00 Uhr und 18.00 Uhr“, resü­miert Musa­lek und wen­det sich damit gegen Ansich­ten, die immer wie­der von „Simu­lan­ten­tum“ spre­chen. Wer seine Arbeit nicht möge, der sei laut dem Psych­ia­ter gar nicht gefähr­det, ein Bur­nout zu ent­wi­ckeln. Pro­ble­ma­tisch werde es, wenn die Arbeit „kein Ende“ mehr kenne. Oft seien über­zo­gene Ansprü­che an das Selbst der Ausgangspunkt.

Was die Freude an der Arbeit angeht, ran­giert diese seit Jah­ren bei der von der ÖÄK regel­mä­ßig durch­ge­führ­ten Spi­tals­ärz­te­be­fra­gung auf Platz eins in der Frage, was in der beruf­li­chen Tätig­keit am wich­tigs­ten ist. Diese wird gefolgt vom Punkt, für andere Men­schen und die Gesell­schaft nütz­lich zu sein und sich per­sön­lich ent­fal­ten zu kön­nen. „Unsere Spi­tals­ärzte üben mit gro­ßer Lei­den­schaft ihren Beruf aus, aber es gilt auch, die Gren­zen zu erken­nen“, sagt Mayer. 

Selbst Hilfe zu suchen, ist beson­ders unter Medi­zi­nern ein Tabu. „Die hohe Leis­tungs­ori­en­tie­rung und sich selbst ein­zu­ge­ste­hen, als Arzt nicht unver­wund­bar zu sein, sind hem­mende Fak­to­ren“, sagt Bayer. Erst kürz­lich hat die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion (WHO) beschlos­sen, Bur­nout ab Jän­ner 2022 als „Berufs­phä­no­men“ in die neue Klas­si­fi­ka­ti­ons­liste mit dem Namen ICD-11 zu inklu­die­ren. Bur­nout wird künf­tig als Syn­drom auf­grund von „chro­ni­schem Stress am Arbeits­platz, der nicht erfolg­reich ver­ar­bei­tet wird“ defi­niert. Drei Cha­rak­te­ris­tika wer­den dort auf­ge­führt: ein Gefühl von Erschöp­fung, eine zuneh­mende geis­tige Distanz oder nega­tive Hal­tung zum eige­nen Job sowie ver­rin­ger­tes beruf­li­ches Leis­tungs­ver­mö­gen. Für Musa­lek ist diese Ent­schei­dung zwei­schnei­dig: „Es ist gut, dass Bur­nout ver­an­kert wird, aber lei­der wird Bur­nout nur kate­go­rial, nicht aber dimen­sio­nal dia­gnos­ti­ziert“, sagt der Psych­ia­ter. Man solle nicht bis Phase III zuwar­ten, son­dern bereits früh­zei­tig reagie­ren – also bei einem Gesun­den, der die ers­ten Anzei­chen zeigt. Phase I sei, so Musa­lek, an einer erhöh­ten Reiz­bar­keit erkenn­bar, in der auch die kleins­ten Pro­bleme zu gro­ßen Pro­ble­men wer­den. „Es ist wich­tig, dass ver­mehrt auf die psy­chi­sche Gesund­heit geach­tet wird, wie es auch im Arbeits­ge­setz ver­an­kert ist“, betont Musalek.

Maß­nah­men, um ein Bur­nout zu ver­mei­den, gibt es viele. Das beginnt bei der ergo­no­mi­schen Gestal­tung des Arbeits­plat­zes und der Erhe­bung von Frisch­luft­zu­fuhr und Licht wäh­rend der Arbeits­zeit. „Es sind arbeits­me­di­zi­ni­sche Impulse not­wen­dig, um den Arbeits­platz zu ver­bes­sern“, sagt Musa­lek. Ein wesent­li­cher Fak­tor sei die Zusam­men­ar­beit im Team, wie auch die Stu­di­en­ergeb­nisse zu Wohl­be­fin­den und Gesund­heit bei Jung­ärz­ten bestä­ti­gen. Beson­ders die Team­lei­tung ist laut Bayer ein rele­van­ter Fak­tor. „Ein Abtei­lungs­lei­ter sollte die Gren­zen sei­ner Mit­ar­bei­ter und diese kei­nes­falls über­las­ten, Stär­ken und Schwä­chen erken­nen, Lob rich­tig und gut ein­set­zen, klare Regeln in der Abtei­lung defi­nie­ren, Hil­fe­stel­lun­gen bie­ten sowie allen die Mög­lich­keit geben, genü­gend Pau­sen ein­zu­le­gen und län­ger auf Urlaub fah­ren zu kön­nen“, sagt er. Auch müss­ten die Spi­tals­be­trei­ber selbst ver­stärkt auf die Gesund­heit ihrer Mit­ar­bei­ter ach­ten und prä­ven­tiv agie­ren. Gesund­heits­för­dernde Maß­nah­men könn­ten, so Bayer, bei­spiels­weise Fit­ness­an­ge­bote am Arbeits­platz oder Stress­ab­bau-Semi­nare sein. „Die viel­zi­tierte Work-Life-Balance ist ein wich­ti­ger pro­tek­ti­ver Fak­tor, ein aus­ge­wo­ge­nes Ver­hält­nis zwi­schen dem Beruf und den pri­va­ten Bedürf­nis­sen, also dem eige­nen Ich und Freun­den und Fami­lie, beugt Bur­nout vor“, betont der Psych­ia­ter abschließend.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 12 /​25.06.2019