USA und Arz­nei­mit­tel: Europa soll mehr zahlen

25.06.2018 | Themen


Ame­ri­can Pati­ents First. Unter die­sem Motto prä­sen­tierte US-Prä­si­dent Donald Trump im Früh­som­mer seine lang erwar­tete Stra­te­gie im Kampf gegen hohe Arz­nei­mit­tel­preise. Er mei­det dras­ti­sche Ein­schnitte im hei­mi­schen Markt, hin­ge­gen soll das Aus­land mehr für Medi­ka­mente zah­len – lau­tet einer sei­ner Vor­schläge.
Nora Schmitt-Sau­sen

Auch in der Gesund­heits­po­li­tik bleibt Donald Trump sei­ner Linie treu: Ame­rica First. Ein Kern­punkt sei­ner lang erwar­te­ten Stra­te­gie im Kampf gegen die hohen Arz­nei­mit­tel­preise in den USA nimmt die eigene Regie­rung – und die hei­mi­sche Phar­ma­in­dus­trie – wei­test­ge­hend aus der Schuss­li­nie. Trump beklagte zwar wie­der­holt das „kaputte Sys­tem“ im wenig regu­lier­ten Arz­nei­mit­tel­sek­tor, gei­ßelte die Pro­fit­gier der Bran­che, wählte aber letzt­end­lich nur mode­rate Ansätze, um die Phar­ma­in­dus­trie in die Ver­ant­wor­tung zu nehmen. 

Zu den zen­tra­len Ansät­zen zählt dage­gen: Andere Län­der sol­len die Preise für ver­schrei­bungs­pflich­tige Medi­ka­mente anhe­ben, damit in den USA die Preise sin­ken kön­nen. Die Begrün­dung: Die Welt pro­fi­tiere von der Inno­va­ti­ons­kraft der US-Unter­neh­men. Kos­ten für For­schung und Ent­wick­lung wür­den nahezu allein vom US-Markt getra­gen. Aber auch, weil viele euro­päi­sche Län­der über­trie­ben nied­rige Preise mit US-Fir­men aus­ge­han­delt hät­ten. Preis­kon­trol­len wür­den die Preise für Arz­nei­mit­tel nied­rig hal­ten. All dies gehe zu Las­ten von Ame­ri­kas Pati­en­ten. „Ame­rika wird nicht län­ger betro­gen wer­den, ins­be­son­dere nicht län­ger durch fremde Län­der“, fand der Prä­si­dent im Rosen­gar­ten des Wei­ßen Hau­ses gewohnt deut­li­che Worte. 

Trump und sein neuer Gesund­heits­mi­nis­ter Alex Azar, ein ehe­ma­li­ger Mana­ger bei einem gro­ßen Phar­ma­kon­zern, wol­len nun dafür sor­gen, dass andere Län­der ihren „gerech­ten Anteil“ zah­len und das „glo­bale Tritt­brett­fah­ren“ ein Ende nimmt. Die Debatte um die Arz­nei­mit­tel­preise soll in die Ver­hand­lun­gen um Zölle und Han­dels­ab­kom­men ein­flie­ßen. Nicht klar ist, wie sich mög­li­che Preis­erhe­bun­gen im Aus­land – was viele Exper­ten als unrea­lis­tisch bezeich­nen – posi­tiv auf den hei­mi­schen US-Markt aus­wir­ken sollen. 

Lange Liste mit frag­li­cher Effizienz 

Ande­ren den schwar­zen Peter zuzu­schie­ben war jedoch nicht der ein­zige Punkt auf der Agenda des Repu­bli­ka­ners. Zu sei­nen wei­te­ren Maß­nah­men zählt auch, dass die Regie­rung der Bevöl­ke­rung die Kos­ten für Medi­ka­mente sicht­bar machen will. In der Wer­bung sol­len künf­tig Preise genannt wer­den müs­sen. Trump will außer­dem den Wett­be­werb stär­ken und dafür sor­gen, dass Neu­ent­wick­lun­gen schnel­ler und güns­ti­ger auf den Markt kom­men. Die Liste der Maß­nah­men ist sehr lang und teils noch wenig kon­kret. Auch sind nicht alle der nun prä­sen­tier­ten Vor­schläge neu. Ebenso herrscht noch Unklar­heit, was die Umset­zung der ver­schie­de­nen Vor­ha­ben anbe­langt. Vie­les muss nun zunächst im Kon­gress kon­kre­ti­siert und dis­ku­tiert werden. 

Trump rudert zurück 

Fest steht jedoch: Die Vor­schläge von Trump blei­ben weit hin­ter dem zurück, was der Repu­bli­ka­ner den US-Bür­gern im Wahl­kampf 2016 ver­spro­chen hatte. Sie lei­den zuneh­mend unter den hohen Prei­sen für Arz­nei­mit­tel, die in den USA so hoch sind wie in kei­ner ande­ren Indus­trie­na­tion (siehe Kas­ten). Im Wahl­kampf erklärte Trump, er wolle die USA für Arz­nei­mit­tel­im­porte aus ande­ren Län­dern öff­nen und direkte Preis­ver­hand­lun­gen zwi­schen dem aus der Staats­kasse finan­zier­ten Medi­care-Pro­gramm und der Indus­trie zulas­sen. Vor allem Letz­te­res gilt als Hebel im Kampf gegen hohen Preise. Über Medi­care sind in den USA mehr als 60 Mil­lio­nen Senio­ren und Men­schen mit Behin­de­run­gen ver­si­chert. Medi­care ist der größte Abneh­mer von Medi­ka­men­ten in den USA, darf aller­dings nicht im gro­ßen Stil Rabatte aus­han­deln. Wie Staa­ten eine Markt­macht aus­spie­len kön­nen, zeigt das Bei­spiel Groß­bri­tan­nien. Das staat­li­che Gesund­heits­sys­tem, der bri­ti­sche Natio­nal Health Ser­vice, sorgt als zen­tra­ler Ein­käu­fer von Medi­ka­men­ten dafür, dass die Preise ver­gleichs­weise nied­rig blei­ben. Fest steht: Auch unter Prä­si­dent Trump bleibt der US-ame­ri­ka­ni­sche Arz­nei­mit­tel­markt wei­test­ge­hend unre­gu­liert und intrans­pa­rent. Die US-Unter­neh­men legen ihre Preise auch künf­tig nahezu selbst fest. 

Gedämpfte Reak­tio­nen

In wei­ten Tei­len der US-ame­ri­ka­ni­schen Medien wur­den die Vor­schläge von Trump als milde und wenig kon­kret ein­ge­stuft. Kri­ti­siert wurde vor allem, dass der Repu­bli­ka­ner einen Kon­fron­ta­ti­ons­kurs mit den US-Pharma-Rie­sen ver­mie­den hat – ein Ergeb­nis aus­gie­bi­ger Lob­by­ar­beit in Washing­ton, so der Tenor. Der US-Prä­si­dent sei in wei­ten Tei­len der lang­jäh­ri­gen Argu­men­ta­tion der Phar­ma­in­dus­trie gefolgt, wonach vor allem die hohen Kos­ten für For­schung und Ent­wick­lung ein zen­tra­ler Grund für die hohen Preise im Land seien. Die Demo­kra­ten, lang­jäh­rige Advo­ka­ten im Kampf um nied­ri­gere Arz­nei­mit­tel­preise, reagier­ten erwart­bar: „Die­ser schwa­che Plan lässt Mil­lio­nen von hart arbei­ten­den Fami­lien allein mit dem Pro­blem der stei­gen­den Arz­nei­mit­tel­preise“, kri­ti­sierte Spit­zen­po­li­ti­ke­rin Nancy Pelosi. Posi­tiv bewer­te­ten einige Exper­ten, dass das Pro­blem der hohen Arz­nei­mit­tel­preise nun immer­hin auf der poli­ti­schen Agenda ange­kom­men sei und damit Hoff­nung bestehe, dass die Schwie­rig­kei­ten end­lich adres­siert werden. 

Druck auf Indus­trie steigt 

Es gibt Indi­zien dafür, dass die US-ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger den­noch hof­fen kön­nen. In einem Bei­trag im „Eco­no­mist“ wurde kürz­lich in einer Ana­lyse fest­ge­hal­ten, dass Bewe­gung in den Kampf um die hohen Kos­ten von Arz­nei­mit­teln komme – mit oder ohne Unter­stüt­zung von Trump. Denn: Nicht nur für Pati­en­ten, son­dern auch für Arbeit­ge­ber, die einen Groß­teil der Ver­sor­gungs­kos­ten ihrer Ange­stell­ten tra­gen, sowie für einige Regie­run­gen der 50 Bun­des­staa­ten der USA sei das Maß inzwi­schen voll, urteilte das Blatt. Das Maga­zin lis­tet unter der Über­schrift „The payers revolt. Ame­ri­cans tired of high­pri­ced drugs, are figh­t­ing back“ Anzei­chen dafür auf, dass die Phar­ma­in­dus­trie künf­tig unter Druck gera­ten wird. 

So begän­nen etwa Alli­an­zen von gro­ßen Arbeit­ge­ber-Grup­pen damit, bes­sere Arz­nei­mit­tel­preise für ihre Ver­si­cher­ten aus­zu­han­deln. Einige Bun­des­staa­ten set­zen die Indus­trie über ihre regio­na­len staat­li­chen Ver­sor­gungs­pro­gramme zuneh­mend unter Druck und for­dern Rabatte ein. Auch in der „New York Times“ wurde kürz­lich berich­tet, dass Ent­wick­lun­gen wie diese fern von Washing­ton zunähmen. 

Han­deln ist ange­sagt: Mit Blick auf die im Herbst anste­hende Kon­gress­wahl – ein Stim­mungs­test – bleibt die Gesund­heits­po­li­tik ein gro­ßes Thema. Die aku­ten Defi­zite im US-ame­ri­ka­ni­schen Gesund­heits­we­sen – hohe Arz­nei­mit­tel­kos­ten, wei­ter­hin teils schwe­rer Zugang zur Gesund­heits­ver­sor­gung, stei­gende Ver­si­che­rungs­preise – zäh­len zu den zen­tra­len innen­po­li­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen des Lan­des. Die Par­tei des Prä­si­den­ten hat dabei einen schwe­ren Stand, denn ihr Schei­tern, die Gesund­heits­re­form von Obama zu kip­pen, machen viele mit dafür ver­ant­wort­lich, dass im Sys­tem viel Unsi­cher­heit herrscht und die Pro­bleme für die Ver­si­cher­ten eher grö­ßer als klei­ner werden.

Arz­nei­mit­tel­preise im inter­na­tio­na­len Vergleich 

Ein Blick auf Zah­len des Com­mon­wealth Fund, eine USame­ri­ka­ni­sche Stif­tung, die sich für eine Ver­bes­se­rung des Gesund­heits­we­sens stark macht, zeigt deut­lich, wie unter­schied­lich die Bür­ger in der Welt von den Kos­ten für Arz­nei­mit­tel betrof­fen sind. Die Stif­tung hat Ende 2017 die Arz­nei­mit­tel­preise von zehn Indus­trie­na­tio­nen ana­ly­siert. Ergeb­nis: Die US-ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger müs­sen mit Abstand am meis­ten für Medi­ka­mente zah­len – nicht wegen des grö­ße­ren Medi­ka­men­ten­ver­brauchs, son­dern vor allem wegen der höhe­ren Kos­ten. Dem­nach gibt jeder US-ame­ri­ka­ni­sche Bür­ger jähr­lich durch­schnitt­lich mehr als 1.000 Dol­lar für Arz­nei­mit­tel aus (Stand: 2015). Zum Ver­gleich: In der Schweiz liegt diese Zahl bei fast 800 Dol­lar, in Deutsch­land bei knapp unter 700 Dol­lar, in Groß­bri­tan­nien unter 500 Dol­lar. In Schwe­den sind es ledig­lich 350 Dollar.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 12 /​25.06.2018