Haus­arzt­zen­trum Birk­feld: Pri­mär­ver­sor­gung ohne Wenn und Aber

10.03.2018 | Poli­tik


Im stei­ri­schen Birk­feld haben zwei enga­gierte All­ge­mein­me­di­zi­ner ein Haus­arzt­zen­trum gegrün­det. Zusam­men mit den nie­der­ge­las­se­nen Ärz­ten der Region im obe­ren Feis­tritz­tal wurde ein „Netz­werk“ geschaf­fen – ohne alle Sub­ven­tio­nen und kom­pli­zierte Orga­ni­sa­ti­ons­for­men. Von Wolf­gang Wagner

Als ich 2015 in Birk­feld am Haupt­platz meine Haus­arzt­pra­xis eröff­net habe, war mir von Anfang an klar, dass ich ohne ein Koope­ra­ti­ons­mo­dell bald allein daste­hen würde. Des­halb bin ich mit mei­ner Pra­xis in ein rela­tiv gro­ßes, mehr­ge­schos­si­ges Objekt mit dem Blick­win­kel auf eine mög­li­che Erwei­te­rung ein­ge­zo­gen“, erklärt Michael Adomeit. 

Die Räum­lich­kei­ten an sich sind schon ein Brenn­punkt der medi­zi­ni­schen und sozia­len Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung in Birk­feld bezie­hungs­weise des­sen Umge­bung. Im Gebäu­de­kom­plex oder in unmit­tel­ba­rer Nähe befin­den sich auch die Räum­lich­kei­ten und Ein­rich­tun­gen von ande­ren Gesund­heits­be­ru­fen wie etwa für Phy­sio­the­ra­pie, Ergo­the­ra­pie, die Haus­kran­ken­pflege Obe­res Feis­tritz­tal, ein Heil­­mas­­sage-Betrieb und eine öffent­li­che Apo­theke. „Auch eine Ein­rich­tung für betreu­tes Woh­nen gibt es dort“, schil­derte der Hausarzt. 

Und dann ergab sich mit der Mög­lich­keit zur Eta­blie­rung einer Pra­xis­ge­mein­schaft für Ado­m­eit eine große Chance: Die All­ge­mein­me­di­zi­ne­rin Ursula Eich­ber­ger aus St. Rade­gund kam hinzu. Die Ehe­frau und Mut­ter einer zwölf­jäh­ri­gen Toch­ter ver­fügt über ein Not­arzt­di­plom und sowie eines in Psy­cho­so­ma­ti­scher und Psy­cho­the­ra­peu­ti­scher Medi­zin. In den ver­gan­ge­nen zwölf Jah­ren hat sie durch Pra­xis­ver­tre­tun­gen bereits Erfah­run­gen in der Land­me­di­zin in der Stei­er­mark gesammelt. 

„Damit wurde das Haus­arzt­zen­trum mög­lich. Das Ganze basiert auf zwei Kas­sen­ver­trä­gen. Wir tei­len uns die Auf­wen­dun­gen für die Pra­xis. Die gegen­sei­tige Ver­tre­tung haben wir ver­trag­lich intern fest­ge­legt“, berich­tet Ado­m­eit. Start war am 1. Okto­ber 2017. Im Grunde genom­men bedeu­tete das für die Bevöl­ke­rung eine deut­li­che Ver­bes­se­rung schon allein bei den Ordi­na­ti­ons­zei­ten. „Wir haben unter der Woche von Mon­tag bis Frei­tag jeweils acht Stun­den geöff­net. Für die Urlaube ver­tre­ten wir ein­an­der gegen­sei­tig. Es läuft gut“, sagte der All­ge­mein­me­di­zi­ner mit Zusatz­aus­bil­dun­gen als Not­arzt, in Pal­lia­tiv­me­di­zin und Schmerz­the­ra­pie. Natür­lich wer­den in der engen Koope­ra­tion auch die Daten gemein­sam gema­nagt. Wäh­rend in der Dis­kus­sion rund um die von der Gesund­heits­po­li­tik so inten­siv gefor­der­ten Pri­mär­ver­sor­gungs­ein­hei­ten (PVEs) immer wie­der auf die kom­pli­zier­ten Details hin­ge­wie­sen wurde, ist die Sache in Birk­feld ganz ein­fach: zwei Haus­ärzte, die ein­an­der ergän­zen. Und wäh­rend die bis­her in Öster­reich mit deut­li­cher Hilfe der Poli­tik eta­blier­ten der­ar­ti­gen Zen­tren auch noch erheb­li­che Sub­ven­tio­nen erhiel­ten, kommt das Haus­arzt­zen­trum in Birk­feld ohne zusätz­li­che Mit­tel aus Steuer- oder ande­ren öffent­li­chen Geld­töp­fen aus. Keine Frage, eine enge Zusam­men­ar­beit exis­tiert auch mit den nie­der­ge­las­se­nen Fach­ärz­ten in Birk­feld und Umge­bung: mit dem Inter­nis­ten Karl Lie­ben­ber­ger, der Gynä­ko­lo­gin Eli­sa­beth Heschl-Kol­­ler, dem Augen­arzt Michael Mücke sowie den Zahn­ärz­ten in Birkfeld. 

Ärz­te­netz­werk als Ergänzung 

Birk­feld und das Obere Feis­tritz­tal könn­ten aber noch zusätz­lich leicht als Modell­re­gion für Land­me­di­zin gese­hen wer­den. „Über unser Zen­trum in Birk­feld haben wir als ins­ge­samt acht All­ge­mein­me­di­zi­ner in der nie­der­ge­las­se­nen Pra­xis das ‚Haus­ärzte-Net­z­­werk Obe­res Feis­tritz­tal‘ sozu­sa­gen dar­über gestülpt“, sagte Ado­m­eit. Ein Flyer infor­miert die Pati­en­ten. „Wir Haus­ärz­tin­nen und Haus­ärzte sind die erste medi­zi­ni­sche Anlauf­stelle für unsere Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten im Obe­ren Feis­tritz­tal. Wir sind für unauf­schieb­bare medi­zi­ni­sche Fra­ge­stel­lun­gen bis zu Tages­rand­zei­ten, teil­weise auch nachts erreich­bar. Für alle ande­ren Anlie­gen ist Ihre Haus­ärz­tin oder Ihr Haus­arzt zu den Ordi­na­ti­ons­zei­ten zustän­dig. Er/​sie kennt Ihre Kran­ken­ge­schichte und kann des­halb bes­tens dar­auf ein­ge­hen. Wir ermög­li­chen durch abge­stimmte Ordi­na­ti­ons­zei­ten (Mon­tag bis Frei­tag vor­mit­tags und nach­mit­tags, Sams­tag vor­mit­tags) und durch die wech­sel­sei­tige Ver­tre­tung eine flä­chen­de­ckende medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung“, heißt es hier. 

Abge­stimmte Öffnungszeiten 

Durch die Abstim­mung der Öff­nungs­zei­ten der Ordi­na­tio­nen der acht Ärzte – inklu­sive von Ado­m­eit und sei­ner Zen­­trum-Par­t­­ne­­rin – ist im Netz­werk von Mon­tag bis Frei­tag zumin­dest ein Haus­arzt immer in der Zeit von 7.00 Uhr bezie­hungs­weise 7.30 Uhr und 17.30 Uhr bezie­hungs­weise 19.00 Uhr in sei­ner Ordi­na­tion erreich­bar, ebenso am Sams­tag zwi­schen 7.00 Uhr und 11.00 Uhr. Das sind fast 60 Stun­den. Zusätz­lich kommt noch der Wochen­end­dienst. Die Gesamt­öff­nungs­zei­ten betra­gen somit inner­halb einer Woche fast 100 Stunden. 

Das alles läuft – durch das Enga­ge­ment und die Koope­ra­ti­ons­be­reit­schaft der betei­lig­ten nie­der­ge­las­se­nen Ärzte – ganz ohne grö­ßere Ein­griffe der Gesund­heits­po­li­tik, aber auch ohne jeg­li­che finan­zi­elle Unter­stüt­zung. Der Kuri­en­ob­mann der nie­der­ge­las­se­nen Ärzte in der Stei­er­mark, Nor­bert Meindl, bezeich­net das Haus­arzt­zen­trum jeden­falls als eine beein­dru­ckende Eigen­in­itia­tive der Ärz­tin­nen und Ärzte sowie der ande­ren Gesund­heits­be­rufe der Region. Das sei „Pri­mär­ver­sor­gung in Rein­kul­tur, mög­lich gemacht durch Men­schen, nicht durch Gesetze“.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 5 /​10.03.2018